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Bayer / Dorfstetter / Hager | FM4 Wortlaut 14. Haarig | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 14, 152 Seiten

Reihe: Wortlaut

Bayer / Dorfstetter / Hager FM4 Wortlaut 14. Haarig


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-902844-79-8
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 14, 152 Seiten

Reihe: Wortlaut

ISBN: 978-3-902844-79-8
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



FM4 bot NachwuchsautorInnen und allen, die Lust am Geschichtenschreiben haben, die Chance, sich in kurzer Form literarisch über das Thema 'haarig' auszulassen. Zehn der cirka 1.000 Beiträge wurden von einer hochkarätigen Jury gekürt und schafften es in die Anthologie Wortlaut 14. Die urteilenden Barbiere und Haarkünstlerinnen: Irene Diwiak (Gewinnerin Wortlaut 13), Jens Friebe (Musiker und Musikjournalist), Gerhard Haderer (Karikaturist und Zeichner), Eva Menasse (Schriftstellerin), David Wagner (Schriftsteller). Mit Texten von: Horst Bayer Stefan Dorfstetter Julia Hager Wilhelm Hengl Paul Klambauer Kurt Kreibich Romana Ledl Lukas Lengersdorff Sabine Schönfellner Christoph Strolz

Zita Bereuter (Hg.), *1973 in Egg/Vorarlberg. Seit 2001 bei FM4, u. a. Leiterin des Literaturressorts, Organisatorin von Wortlaut und Betreiberin der FM4-Bücherei. Rezensiert für FM4 und Ö1. Claudia Czesch (Hg.), *1967 in Wien, arbeitet seit 1995 bei ihrem Lieblingssender FM4. Sie ist Redakteurin und stellvertretende Senderchefin.
Bayer / Dorfstetter / Hager FM4 Wortlaut 14. Haarig jetzt bestellen!

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Lukas Lengersdorff

geb. 1990, aufgewachsen und zur Schule gegangen in St. Pölten. Lebt seit 5 Jahren in Wien und studiert Psychologie. Ist nebenberuflich vor allem Leser und Ins-Narrenkastl-Schauer. Möchte später einmal in die Forschung gehen und/oder ein paar Bücher schreiben. Dies ist seine erste fertige Kurzgeschichte und überhaupt sein erster literarischer Text seit der Deutschmatura.

Samson


Wir alle dachten damals, dass Paul das schönste Mädchen war, das wir jemals gesehen hatten. Seine Erscheinung in der Klassenzimmertür – jedem von uns hat sich ein anderes Detail ins Gedächtnis gebrannt. Markus fallen als Erstes seine Augen ein: eisblau, wie er noch aus der dritten Bankreihe erkennen konnte, und skandalös vergrößert durch Kajal und grauen Lidschatten. Ludwig, unser sensibler, kleiner Ludwig meint lachend, er wisse noch genau, wie er damals starr vor Erstaunen dasaß und versuchte, den zerbrechlich aussehenden Körper und die brustlangen, strahlend blonden Haare mit dem Faktum zu vereinbaren, dass der Klassenlehrer den neuen Mitschüler mit einem Männernamen vorgestellt hatte. Ich wiederum schaute, noch bevor mir das Ausmaß des Ungewöhnlichen ganz bewusst geworden war, zu unserem Lehrer, der mit entschuldigendem Blick in seine Klasse hineinsah, bereit, die unvermeidliche Grausamkeit der Jugend einzudämmen. Aber kein Schimpfwort fiel, kein mit Spucke getränktes Papierkügelchen flog durch die Luft; nicht einmal Gelächter. Während Paul vor der Tafel mit einer klaren, aber (was Ludwigs Verstörung noch vergrößerte) eindeutig männlichen Stimme die Einzelheiten seines bisherigen Lebens aufzählte, starrte ich gebannt auf seinen Hals, wo sich, beim Schlucken schwach erkennbar, sein Adamsapfel auf und ab schob.

Er war (so erzählte er) 15 Jahre alt, kam aus Wien und war gemeinsam mit seinem Vater nach Linz gezogen, da dieser eine Professur an der Johannes-Kepler-Universität übernommen hatte. Die akademische Karriere seines Vaters, mit dem er seit dem Unfalltod der Mutter alleine lebte, hatte ihn bisher schon nach Zürich und Lausanne, nach Berlin und Düsseldorf und zuletzt nach Edinburgh geführt, nun habe er in Linz aber vorerst eine feste Heimat gefunden. Unser Lehrer dankte Paul und lud ihn, mit einer übertrieben ausschweifenden Handbewegung in die Klasse, ein, Platz zu nehmen; aber bevor er sich unter einem dissonanten Choral von verunsicherten Hallos und Freut-Michs an den freien Platz zwischen Ludwig und dem Fenster setzte, hob er seine Stimme noch einmal an und sagte, dass er das Gefühl von fragenden Blicken bereits kenne (seine Augen blitzten über mich hinweg in die Klasse, die vollkommen verstummte) und er die Erfahrung gemacht habe, dass sich immer wieder Menschen an irgendeiner Kleinigkeit seines Aussehens störten; und dennoch rate er uns, keine Kraft darauf zu verschwenden, ihm diese wie auch immer geartete Eigenheit auszutreiben, denn er werde wohl versuchen, ein guter Mitschüler zu sein, gerne auch ein guter Freund, aber sollte ihn jemand so wie er ist nicht akzeptieren, dann sei ihm das scheißegal. Er sagte nur „egal“, aber jedem, auch unserem Lehrer, war klar, dass wir uns das „scheiß“ dazudenken sollten.

- Frechheit siegt.

- Scheint fast so.

- Für dieselbe Wirkung hätte er uns allen auch einfach eine reinhauen können, und dem alten Berger gleich mit.

Während zwischen Markus und Ludwig das unausgesprochene Wort noch herumgeistert, schaue ich den Kondenstropfen auf meinem Bierglas dabei zu, wie sie sich an den Umrissen meines Handabdrucks sammeln und gemeinsam auf die schwarz lackierte Holzplatte fließen. In meinem Bier treiben Birkensamen, dunkelbraun auf goldener Flüssigkeit und Flecken von weißem Schaum. Plötzlich lässt mich schallendes Gelächter hochschrecken. Es kommt vom anderen Tischende, wo sich die Mädchen, nein, Frauen unserer Klasse zusammengerottet haben. Wie früher. Komisch, sie so zu nennen.

- Aber ich muss ehrlich sein zu euch und mir selbst, ich fand ihn irgendwie scharf.

- Du, Ludwig, wundert mich jetzt nicht so sehr bei dir.

- Wie konnte er eigentlich so lange damit durchkommen?

An diesem ersten Schultag war es Pauls (uns fiel nie ein besseres Wort ein) Schönheit gewesen, die uns davon abgehalten hatte, das für unser Alter Naheliegende zu tun, seinen Rat zu missachten und das Weibliche aus ihm herauszumobben. Danach war es seine schiere Überlegenheit. Einige Tage lang spielte er noch den braven neuen Schüler, danach wurde seine Sitzhaltung immer lässiger, sein Blick immer gelangweilter, bis er schließlich die meiste Zeit mehr über den Sessel hing als darauf saß, die Haare über die Lehne hängend, die flache Brust herausgestreckt, und die Augen auf die Kastanie gerichtet, deren Zweige gegen das Glas des Klassenfensters wuchsen. Keiner der Professoren wusste, wie sie mit ihm umgehen sollten, bis Herr Berger, unser Latein- und Klassenlehrer, zu ihm sagte, falls ihm langweilig sei, könne er ja bitte die nächste Zeile Ovid für uns übersetzen. Paul schaute weg von der Kastanie auf die Ars Amatoria, stemmte sich mit seinen Armen gerade so weit auf, dass er die Wörter erkennen konnte, und übersetzte nach einigen Sekunden fehlerlos die erste Zeile, und dann, mit einem einzigen Numerus-Fehler, die zweite. Er hasse es, erklärte er, Sätze nicht bis zum Ende zu sprechen. Herr Berger stammelte ein paar lobende Worte, dann fuhr er fort. Frau Wachtner, unsere Geschichtslehrerin, fragte ihn wenig später, warum er denn nicht mitschreibe. Er antwortete, dass ihm die Version der österreichischen Geschichte in seinem Kopf genauso gut gefiele wie die, die sie gerade diktierte. Nach einigen empörten, fast geschrieenen Überprüfungsfragen stellte sich heraus, dass seine Version tatsächlich erstaunlich akkurat war.

- Und für jede Strecke müssen wir eine eigene Simulation programmieren.

- Ach so? Warum das?

- Weil sich die Wägen ganz anders verhalten, sobald die Gleise irgendwie anders gelegt werden.

Markus erzählt von seinem neuesten Projekt. Fünfzehnmal hatten wir jetzt schon Maturatreffen, und jedes Mal hat er immer langweiligere Geschichten aus seinem Arbeitsleben erzählt, von den Straßenbahnnetzerweiterungen in Budapest, Den Haag, was weiß ich wo noch. Löblich, wie sich Ludwig immer anstrengt, ihm interessiert zuzuhören. 15 Jahre also. Die Zahl schwirrt mir vor den Augen herum, der dürre Einser und der dicke Fünfer mit seiner frechen Augenbraue. 15 Jahre, seit Pauls Haare gefallen sind. Ich trinke mein Bier aus und muss mir Birkensamen von der Zunge picken.

- Nächsten Monat geht es dann in Tallinn los.

- Ach so? In Tallinn?

- Ja, Tallinn, in Estland. Musste erst mal auf Google Maps nachschauen, wo das überhaupt liegt.

Als Erstes lernte Ludwig ihn besser kennen. Er tastete sich mit vorsichtigen Fragen an seinen Sitznachbarn heran und war sichtlich überrascht, als dieser ausführlich antwortete und ihm interessierte Gegenfragen stellte. Im Scherz würden wir noch öfter sagen, dass Ludwig, unser Sensibelchen, das zu schüchtern war, um ohne zu stottern eine Klassenkameradin nach einem Radiergummi zu fragen, an diesem irgendwie halben Mädchen seinen Umgang mit ganzen Mädchen übte. Aber nach der Sache mit Frau Wachtner fing auch Markus an, immer wieder einmal mit Paul zu reden. Ich weiß noch, wie ich mich schließlich in einer Pause gezwungen nonchalant vor ihn stellte und ihm sagte, es sei langsam Zeit, dem Club der coolen Kinder beizutreten. Ich hatte keine Ahnung, was in mich gefahren war; ich fügte rasch hinzu, dass jeder Freund von Ludwig automatisch auch mein Freund sei; ich war erleichtert, als er mit einem amüsierten Lächeln sagte.

Und so ging es dahin. Langsam entwickelten wir uns von einer reinen Neugiersgemeinschaft hin zu einer festen Clique, zu einem Quartett, zu den vier Protagonisten meiner letzten drei Schuljahre. Während dieser Zeit wurden wir Zeugen des stillen Unterdrückungskriegs, den Paul gegen seinen spätpubertierenden Körper führte. Im Frühling der siebten Klasse (noch einige Monate bevor Ludwig, dem ewigen Nachzügler, der erste Flaum wuchs) wurden über Pauls Mundwinkeln einige lichte Haare erkennbar. Sofort begann er, schon die geringsten Anzeichen von Bartwuchs gnadenlos abzurasieren, wie ein genervter Chirurg, der einen stetig wieder wachsenden Blinddarm wegoperiert. Dasselbe bei Beinen, Achseln, Brust. Er aß wenig, um zu verhindern, dass seine dünnen Arme Muskelmasse ansetzten, was unvermeidbar blieb, verbarg er unter weiter Kleidung. Nur sein Schwanz schien ihn mit einem paradoxen Stolz zu erfüllen. Während der Saunaabende, die wir in einem Anflug von früher Erwachsenheit regelmäßig abhielten, fing er manchmal an, wie ein Schamane zu tanzen und ihn gefährlich weit in unsere Richtung zu schwingen, während wir vom Aufgussschnaps betrunken grölten und ihm lachend zuriefen, er solle sich...


Zita Bereuter (Hg.), *1973 in Egg/Vorarlberg. Seit 2001 bei FM4, u. a. Leiterin des Literaturressorts, Organisatorin von Wortlaut und Betreiberin der FM4-Bücherei. Rezensiert für FM4 und Ö1.

Claudia Czesch (Hg.), *1967 in Wien, arbeitet seit 1995 bei ihrem Lieblingssender FM4. Sie ist Redakteurin und stellvertretende Senderchefin.



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