E-Book, Deutsch, 601 Seiten
Bayer In den Gärten von Monserrate
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-584-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein bewegender Love-and-Landscape-Roman im Portugal des 19. Jahrhunderts
E-Book, Deutsch, 601 Seiten
ISBN: 978-3-96655-584-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ingeborg Bayer (1927-2017) studierte nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin Medizin und Hindi. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie in einem medizinischen Archiv. Ihre Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten wurden vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Österreichischen Staatspreis. Ingeborg Bayer veröffentlichte bei dotbooks vier historische Romane: Ärztin einer neuen Zeit Die Buchdruckerin von Köln Der Maler von Florenz In den Gärten von Monserrate Weiterhin veröffentlichte sie bei dotbooks ihre Venedig-Trilogie »Die Töchter Venedigs« mit den Einzelbänden: Stadt der Tausend Augen Stadt der blauen Paläste Stadt der dunklen Masken
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Die Haut der Schlange
Die Zikaden überfielen sie.
Ihr schnarrendes, schabendes Geräusch hing über ihr in der Luft, während sie die Postkutsche verließ, sie hatte das Gefühl, als dringe es in alle ihre Poren und als hätten sich hier Tausende dieser Tiere versammelt, um sich wie ein Heuschreckenschwarm auf jeden herabzustürzen, dessen sie habhaft werden konnten.
Sie sind spät gekommen in diesem Sommer, sagte die Frau an der Posthalterstelle, an der sie ausgestiegen war. Sonst sind sie viel früher da. Vielleicht sind sie deswegen so laut.
Lena nickte, obwohl sie nicht sicher war, ob es wirklich so geheißen hatte und nicht einfach: Der Mond geht unter, oder sonstwas. Sie wischte sich den Staub aus dem Gesicht, den ihr der Wind entgegenblies, und dieser Staub, die Hitze und das Zikadengeräusch ließen sie für einen Augenblick daran zweifeln, ob ihre Entscheidung, im Juli hierher zu kommen, eine gute Entscheidung gewesen war.
Sie könne das Gepäck hierlassen, meinte die Frau freundlich, der Sohn werde es gerne bringen, wenn sie ihnen sagen wolle, wo sie zu wohnen gedenke. Es gebe gute Gasthöfe hier.
Sie werde in keinem Gasthof wohnen, sagte Lena zögernd.
Man habe selbstverständlich auch gute und saubere Privatunterkünfte, beeilte sich die Frau zu sagen, sie halte ebenfalls ein sehr schönes Zimmer für Fremde bereit.
Lena band ihren Hut fest und verwirrte dabei die Bänder. Dann sagte sie, wieder nach einigem Zögern, sie wohne in der Quinta da madre de Deus.
Die Frau sah sie an, als erwäge sie, den Wahrheitsgehalt dieser Antwort erst einer Prüfung zu unterziehen, dann nickte sie mit dem Kopf. In der Quinta da madre de Deus, murmelte sie vor sich hin, das sei natürlich etwas anderes.
Lena hatte das Gefühl, daß sich das Gesicht der Posthalterin veränderte, daß die Miene um eine Spur kühler wurde, als die Frau ihr den Weg erklärte, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein.
Zunächst über den Platz, links an der Kirche vorbei, den Berg hoch und dann bis zu der Stelle, an der sich der Weg gabelt. Rechts sei die pousada, in der Byron gewohnt habe, und links gehe es in einer engen Kurve weiter hinauf.
Lena bedankte sich, war sich bewußt, daß ihre neu gelernte Sprache noch keinesfalls so war, daß sie sicher sein konnte, daß man sie auch verstand. Aber sie würde Zeit haben, um zu lernen, was sie lernen wollte.
Quinta da madre de Deus. Sie sah das Schild nicht sofort, da es halb unter einem Gewirr von lila Blüten verborgen war. Sie stellte ihren Korb mit den Eßwaren und den Dingen, die sie für die Nacht brauchte, auf den Boden und schob die Zweige zur Seite. Dann bog sie, den Korb wieder am Arm, in den engen Pfad ein, der der Zugang zu dem Haus sein mußte.
Es war inzwischen dämmrig geworden – es mochte neun Uhr sein oder gar noch später –, und sie war unsicher, wie sie das Haus vorfinden würde. Es sei unbewohnt gewesen, hatte der Notar gesagt, das ganze letzte Jahr über habe niemand darin gelebt, und es sei ohnehin völlig ungewiß, was sie »da unten« vorfinden werde. »Da unten« hieß, daß alle Maßstäbe, die bei ihnen zu Hause in ihrem schwäbischen Dorf galten, dort offenbar nicht gültig waren. Und der Vater hatte hinzugefügt, er könne sich nicht vorstellen, wie sie den Winter in diesem Land überleben wolle, ewig scheine schließlich »dort unten« die Sonne auch nicht.
Sie suchte die Zypressenhecke, die angeblich das Grundstück begrenzte, aber sie fand sie ebensowenig wie das große Eingangstor. Statt dessen stand sie dann irgendwann vor einer windschiefen, halb verfallenen Gartentür, die träge in den Angeln quietschte, als sie sie behutsam aufdrückte und hinter sich wieder schloß.
Das, was vor ihr lag, mußte einst ein schöner, parkähnlicher Garten gewesen sein, nun war es dies ganz gewiß nicht mehr, und es schien, als sei jegliche Ordnung darin verlorengegangen. Die Kronen der Bäume hingen zum Teil auf den Boden, Sträucher wucherten mehrere Meter hoch, und ihre Zweige vereinigten sich mit denen der Bäume zu einem grünen Dschungeldach, das kaum noch Licht durchließ. Falls es irgendwann einmal Wege gegeben hatte, so ließen sie sich jetzt im Dämmerlicht nur noch als Reste von hellem Kies auf dem Untergrund erschließen. Wenn man diese Gärten auch nur einen Monat unbeaufsichtigt läßt, dann sehen sie aus, als habe man sie jahrelang verlassen, hatte Tante Lydia einmal gesagt, und Lena war sicher, daß dies hier zutraf.
Sie tastete sich langsam zwischen Brombeerhecken hindurch und befreite sich von Rosenkaskaden, die sich an ihrem Kleid festhakten. Brennesseln brannten auf ihren Händen wie Feuer, und eine abgestreifte Schlangenhaut schob sich plötzlich über ihren Schuh. Sie hob sie auf, die papierartige Hülle hatte eine wunderschöne Zeichnung, und Lena hätte gerne gewußt, welcher Schlange die Haut einst gehört hatte.
Dann stand das Haus plötzlich vor ihr, ohne daß es sich durch eine Verbreiterung des Weges angekündigt hätte. Es wuchs inmitten einer Lichtung empor, die der Urwald noch ausgespart hatte, und in der Abenddämmerung sah es wie ein Haus ohne jegliche Farbe aus oder wie ein Haus mit unendlich vielen Farben: verwaschenes Blau, terrakottafarbenes Rot, das sich beim Abblättem in ein blasses Lila verwandelt hatte; und der hohe Sockel war wohl einstmals in einem dunklen Blau gehalten, das den Eindruck vermittelte, als stehe das Haus auf Stelzen.
Sie hatte es sich größer vorgestellt, herrschaftlicher, mit einer breiten Veranda und einer mächtigen Pforte, obwohl davon nie die Rede gewesen war. Auch einen Balkon hatte sie sich dazuphantasiert, aber zunächst mußte sie sich eingestehen, daß sie nicht einmal wußte, was bei diesem Haus hinten oder vorne war, und sie konnte sich nur vorstellen, daß Lydias Liebe zu diesem Haus zu einer verklärten Darstellung geführt hatte, die die Wirklichkeit weit übertraf.
Sie nahm den Schlüssel, den sie die ganze Reise über wie eine Kostbarkeit gehütet hatte, aus ihrem Korb, aber er paßte nicht in das Schloß. Sein Bart klemmte, und sie hatte Mühe, ihn wieder herauszuziehen. Sie ging um das Haus herum und stellte fest, daß sie auf der Rückseite gewesen sein mußte, denn nun sah sie in einiger Entfernung am Ende eines breiten Weges das Portal, das sie zuvor vermißt hatte. In der Dämmerung hatte es den Anschein, als seien seine beiden Flügel gegeneinander verschoben und mit einer Kette versperrt. Sie schob den Schlüssel in das Schloß der Haustür, die sich nach einigem Knarren öffnete.
Das erste, was sie wahrnahm, war ein Geruch, der sie an etwas erinnerte, das ziemlich weit zurücklag in ihrer Kindheit. Fast schien es ihr so weit zurückzuliegen wie jene Zeit, als sie noch nicht in diesem schwäbischen Dorf wohnten, sondern in Jena, und als sei es im Hause ihres Großvaters gewesen.
Sie hätte später nicht mehr sagen können, wie lange sie unter der offenen Eingangstür dieses Hauses gestanden hatte. Sie verspürte nicht das Bedürfnis weiterzugehen, sie blieb, wo sie war, und dachte nur immer den einen Satz: Es ist mein Haus. Sie würde zum erstenmal in ihrem Leben nicht teilen müssen, mit niemandem, und sie würde sich nicht vorstellen müssen, daß das Dorf mit Fingern auf sie zeigt, weil ein ganzes Haus für einen Menschen allein zu groß ist und weil es einer Pfarrerstochter ohnehin nicht zukommt, etwas zu besitzen, was sie aus der Menge der anderen heraushebt. Sie hatte den spontanen Wunsch, dieses Haus zu küssen, so wie der Papst die Heilige Pforte küßt, aber sie versagte sich diesen Wunsch, weil sie bereits jetzt ahnte, daß sie ihre Gefühle würde im Zaum halten müssen, um sich nicht zu verlieren. Ich werde mit dir reden, murmelte sie vor sich hin, reden, ganz gewiß.
Sie stellte ihren Korb im Patio, dessen Rund einige lebensgroße Gipsfiguren bevölkerten, ab und ging dann auf jene Tür zu, die vermutlich zur Küche führte, da der Geruch aus dieser Richtung zu kommen schien.
Aber die Küche war ordentlich aufgeräumt, war wohl kaum benutzt worden in der letzten Zeit, auch wenn sie den Geruch hier noch stärker wahrnahm als zuvor. Sie trat auf die winzige Veranda hinaus, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdiente, und fand auf einem Tisch eine Schale mit getrockneten Rosenblättern. Sie schob ihre Hand unter die Blätter, nahm einige heraus und hielt sie an die Nase. Es war der gleiche Geruch, den sie von der Großmutter in Jena in Erinnerung hatte, wenn diese im Sommer die Blütenblätter in Öl legte, um Rosenöl herzustellen, das sie an Weihnachten an ihre Enkel und Enkelinnen verschenkte.
Sie verließ die Küche und entschied sich als nächstes für eine Tür, die so aussah, als könne sie in den Wohnraum führen. Sie blieb an der Schwelle stehen. Ihr Blick glitt über die hohen Ledersessel, sie hatte erwartet, weiße Überzüge vorzufinden, weil sie angenommen hatte, daß hier schon lange kein Leben mehr stattgefunden habe, aber sie hatte sich getäuscht. Auf einem kleinen Tischchen am Fenster lag ein Stickrahmen, der den Eindruck erweckte, als habe soeben noch jemand an ihm gestickt, auf dem Kanapee sah sie ein aufgeschlagenes Buch und ein Lorgnon, und auf einem Klavier stand eine Garnitur aus zwei Wassergläsern und einer Karaffe. Die hohe Standuhr zeigte die zweite Stunde. Lena öffnete ihre Tür und zog die schweren Gewichte, die den Boden berührt hatten, nach oben. Dann stellte sie die Zeiger nach ihrer Uhr, die sie am Gürtel trug. Es war inzwischen fast zehn geworden, und sie überlegte, daß es gut sein würde, sich nach einer Petroleumlampe umzusehen.
Die Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte, knarrte ebenfalls und endete in einem Halbrund, von dem aus die einzelnen Zimmer abgingen. Der...




