Bayer | Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Bayer Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-99027-112-4
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-99027-112-4
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Eine Reise von da nach dort, ins Ich und die Welt. Ein Abenteuer von lakonischer Schönheit.Schauen und Denken, das ist der Anfang aller Literatur. Warum also nicht noch einmal zurückkehren zu diesem Anfang? In aller Ursprünglichkeit noch einmal schauen, denken, sich erinnern? Am Flughafen von Brüssel beginnt Xaver Bayers Reise in den Kontinent namens Ich. Von anderen Weltgegenden ist bald die Rede, von einer seltsamen Nähe des Fremden und einer ungemütlichen Fremdheit des Nahen. 'Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen' handelt von Physik und Metaphysik. Aus einem Fleck am Tresen des Flughafenrestaurants wachsen Assoziationen, aus chinesischen Feuerwerken oder dem Klang einer mechanischen Nachtigall des 19. Jahrhunderts. Weit verästelt ist der Strom des Bewusstseins, den Xaver Bayer scheinbar absichtslos in den Lauf seiner genauen Sprache bringt. Einen Punkt gibt es erst am Ende dieser magischen Prosa. Es zeigt sich, was der mit dem Hermann-Lenz-Preis ausgezeichnete österreichische Schriftsteller kann: Die Welt in einem Satz durchqueren.'

Geboren 1977, lebt in Wien.
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Moment höre ich von irgendwo hinter mir die Begrüßungssignation des Windows-Programms, und das ruft mir Brian Eno ins Gedächtnis und weiter David Bowie und weiter die Konzertszene aus dem Christiane F.-Film und Berlin, und ich strecke meinen Rücken durch, weil ich mich verspannt fühle, und dabei drehe ich mich halb um, sehe einen typischen Business-Menschen sich in sein Netbook vertiefen, entdecke zwei Tische von mir entfernt eine attraktive junge Frau, denke wie automatisch , die jedoch schlagartig ihren Reiz verliert, als sie zuerst ihr Handy hervorholt und auf den Tasten herumdrückt und sich dann ihre I-Pod-Stöpsel in die Ohren steckt, und gleich darauf merke ich, dass das Bier mich durstig gemacht hat, also hebe ich die Hand zum Kellner, und er sieht mich sofort und kommt an meinen Tisch, ich bestelle ein Mineralwasser, und während ich bestelle, passiert es, dass ich mir selbst dabei zuhöre und in meinen Ohren wie ein schlechter Schauspieler aus einer Seifenoper klinge, und das, was der Kellner antwortet, kommt mir wie aus einem einfallslosen Drehbuch vor, und nachdem er sich entfernt hat, denke ich darüber nach, dass ich mir oft, während jemand mit mir spricht, das Gesprochene zeitgleich als Geschriebenes vorstelle, und ebenso das, was ich sage, bevor ich es ausspreche, als abzulesende Lettern und Worte imaginiere, und wenn ich mich mit jemandem in meiner Muttersprache unterhalte, passiert es mir auch oft, dass ich mich fühle, als würde ich in einer Fremdsprache sprechen, in der ich mir die Wörter vor der Verlautbarung erst in meinem Kopf übersetzen und mir die Vokabel stockend zusammenklauben muss, und ich frage mich, ob daher meine Langsamkeit und Begriffsstutzigkeit rühren, und meine oftmaligen Schwierigkeiten, die simpelsten Redewendungen zu finden, und ich denke darüber nach, dass ich seit jeher das ängstliche Gefühl habe, einer zu sein, dem, sobald er zu sprechen anhebt, nicht zugehört wird, und ich erinnere mich, dass ich als Jugendlicher als erste Reaktion auf diese Angst versuchte, schneller zu sprechen, wie um meine Umgebung durch die Geschwindigkeit des Gesagten von seiner Wichtigkeit zu überzeugen, aber auch das brachte keinen Erfolg, denn meine Geschichten hatten selten eine Pointe, wenn also alle ungeduldig werden, da ich nur den Mund aufmache, so dachte ich mir, dann stimmt ja wohl tatsächlich etwas nicht mit mir und mit dem, was ich von mir gebe, und in diesem Moment serviert mir der Kellner das Bestellte, und von hinten höre ich das tockende Signal nach dem Empfang einer Textnachricht, vielleicht vom Handy der unbekannten Schönen, und es rührt mich ein wenig, wenn ich mir vorstelle, wie sie genau diesen Signalton aus der Liste der werkseigenen Audiooptionen ihres Handys ausgesucht hat, mich rührt daran der von mir ausgemalte Augenblick, in dem sie sich dazu entschloss, diesen und keinen anderen Ton zu nehmen, weil er ihr gefiel, aber vielleicht hat sie auch nie etwas an ihren Einstellungen geändert und der Signalton war von Anfang an da, ein anderes Telefon läutet in der Nähe, als Klingelton ist der Tarzanschrei zu hören und es steigen mir plötzlich fast Tränen in die Augen, und ich frage mich warum, ob das nur eine bierselige Sentimentalität ist oder ob etwas anderes dahintersteckt, das mir unklar bleibt, und ich lenke meinen Blick auf den Duty-free-Shop in der am weitesten entfernten Ecke der Halle und schaue mir die Hinein- und Hinausgehenden an, aber wieder kommt mir auf einmal vor, als würde ich nicht recht sehen, als wäre mein Schauen kein Schauen, sondern bloß eine neutrale Schicht des Nichterkennens zwischen mir und dem zu Erkennenden, nein, als wären dieses Neutrale in mir und die Begriffsunfähigkeit die Folge davon, und ich frage mich, woher das stammt, dass ich also von Zeit zu Zeit und heute öfter als früher, wie mir scheint, anstatt zu beobachten und mich im besten Fall in der Betrachtung wiederzuerkennen, eher verständnislos starre und dabei weder das Gefühl habe, dass das, was vor meinen Augen ist, tatsächlich etwas ist, das sich ereignet, noch dass mein Betrachten für sich genommen überhaupt etwas sozusagen Tatsächliches ist, und meist erst im Schrecken darüber gelange ich wieder zu Bewusstsein und gebe mich dann mit der Konvention zufrieden, so zu tun, als sei nichts gewesen, und seltsam an diesem entrückungsähnlichen Zustand ist, dass er trotz des Mangels an Gefühlsbalance auch etwas Paradiesisches hat, und mir fällt ein, dass ich einmal den Gedanken hatte, wie befreiend es sein muss, ohne Sprache zu leben, und wie aus Verlegenheit lange ich nach meiner Kamera und denke, als ich sie so zwischen meinen Fingern halte und betrachte, dass ich eigentlich jetzt gerne ein Foto der Kamera machen würde, und ich reflektiere kurz über die implizite Unmöglichkeit und dass ich zuweilen ähnlich absurde Wünsche hege, wie beispielsweise mit dem Bleistift, mit dem ich etwas notiere, etwas auf eben denselben Stift zu schreiben, oder mit einem Hammer einen Nagel in seinen eigenen Stiel zu schlagen, oder an meiner Nase zu riechen, und ich spiele kurz mit dem Gedanken, das Spiegelbild meiner Kamera zu fotografieren, aber ich sehe weit und breit keinen Spiegel, und ich betrachte stattdessen eine Weile den Apparat, und er kommt mir mehr und mehr wie ein merkwürdiges, exotisches, gepanzertes Insekt vor, und dabei kehren meine Gedanken zu meinen vorherigen Überlegungen zurück, und ich frage mich noch einmal, wie das nun ist mit diesem Sehen, das mitunter ins Nicht-Sehen umschlägt und jede Mitregung verunmöglicht, oder ist es allein eine Frage der Konzentration, so wie man betrunken manchmal nur glotzt und nichts sieht und nichts versteht, aber ich bilde mir ein, dass sich mir dieses Phänomen, je mehr ich ihm auf die Schliche kommen will, desto eher entzieht, sich der Umgebung in perfekter Camouflage anpasst, und plötzlich ist alles nur noch Hintergrund und zwischen mir und diesem alles überstrahlenden Hintergrund, dort, wo sich normalerweise die Erhebungen einer dritten formgebenden Dimension befinden, die Aufmerksamkeitsleimruten, an denen das wohlwollens- oder missfallensfähige Umherrudern meines Blicks hängenbleibt, dort ist plötzlich nichts, und an eben dieser Stelle passiert ein Zusammenprall, bei dem ich mir und meiner unendlichen Entfernung zum Sein schlagartig bewusst werde, oder ist es nur, frage ich mich weiter, dass ich angeödet bin von der allzu großen Vertrautheit all dessen, was zu sehen ist, dass meine Aufnahme des Geschehens also aus Bequemlichkeit all das ausblendet, was sie nicht mehr interessiert, weil sie damit vertraut ist, und was würde folglich sein, führe ich den Gedanken fort, wenn es einmal die ganze Welt ausblendet, und mir scheint, als wäre so etwas nur das logische Ende eines Prozesses, der seit jeher im Laufen ist und der mich, weil ich immer mehr alles zu kennen glaube, jede Geste, jede Regung, jede Bewegung, in seinen vernichtenden Strudel mit einbezieht, und ich fokussiere meinen Blick wieder auf meine Kamera, spiele mit dem Auslöser, fahre über das Gehäuse, spüre die Kerben darin, halte sie an meine Nase, rieche den vertrauten Geruch nach Hartplastik und Metall, und ich fühle mich dabei plötzlich ohne Zeitgefühl, auch ohne Raumgefühl, wie ohne Anker, rund um mich nur Leere, als wäre ich von Bord eines Schiffs gesprungen und würde allein im Meer schweben, und instinktiv richte ich meinen Blick auf das Naheliegendste, auf das Glas mit Mineralwasser vor mir auf dem Tisch, und ich sehe, wie die Gasbläschen an der Innenwand des Glases ruckartig und langsam hochrutschen, und in den obenauf schwimmenden Eiswürfeln die länglichen Einschlüsse der Luftbläschen, wie Kanäle gescheiterter Fluchtversuche vor der Kälte, und ich beobachte, wie sich eine Blase bildet, und ich bin mir sicher, dass sie in dem Sekundenbruchteil, da ich meinen Blick kurz abwenden werde, platzen wird, und so schaue ich schnell weg, aber als ich wieder hinsehe, ist sie immer noch da, und der Zitronenkern tut das, was man von ihm erwartet, er steigt abwechselnd auf und sinkt wieder herab, und dann platzt endlich die Blase, und ich registriere die Uhr, die über der Theke hängt, und es ist genau der Moment, in dem Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger sich überlappen, und mein Blick fällt zurück auf das Glas vor mir, und ich frage mich, warum es so häufig irgendwelche Gegenstände sind, an denen ich mich ausrichte oder wieder ins rechte Lot bringe, und ich denke, dass dieses Betrachten der Dinge etwas ist wie die Wasseroberfläche über dem Taucher und das Luftholen, wenn ich zu sehr in mir versinke, und auch sind die Dinge so etwas wie Belastungszeugen für das Sein, und in meiner Auseinandersetzung mit dem Berührbaren und doch Unfassbaren eines Gegenstands erde ich mich sozusagen und stelle mich im selben Atemzug dem Dinghaften in Abrede, und diese Gegenständlichkeit von allem, das anders ist als ich, ist sozusagen das einzige, das ich habe, ohne Dinge bin ich undenkbar, unvorstellbar sind die Dinge ohne mich, und da bemerke ich aus den Augenwinkeln die Kellnerin hinter der Bar, die mich bei meinem ersten Besuch hier bedient hat, und kurz bilde ich mir ein, dass sie heimlich mein Gesicht zeichnet, jedoch beim direkten Hinsehen stellt sich heraus, dass sie einfach nur irgendetwas aufschreibt, und ich bekomme plötzlich ebenfalls Lust, etwas aufzuschreiben, und so erhebe ich mich, nachdem sie den Kugelschreiber beiseite gelegt hat, und bitte darum, ihn...


Bayer, Xaver
Xaver Bayer, geboren 1977 in Wien. Mehrere Auszeichnungen, u.a. Hermann-Lenz-Preis 2008, Österreichischer Buchpreis 2020, Robert-Musil-Stipendium 2023. Zuletzt erschienen: »Poesie« (2023), »Heute könnte ein glücklicher Tag sein« (2025, Neuausgabe seines Debütromans).

Xaver Bayer geboren 1977 in Wien, wo er auch lebt. Studium der Philosophie und Germanistik.2002 Hermann-Lenz- Stipendium2004 Reinhard-Priessnitz-Preis2005 Förderungspreis für Literatur2008 Hermann-Lenz- Preis2011 Förderpreis Literatur Stadt Wien



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