E-Book, Deutsch, Band 6, 205 Seiten
Reihe: Schottland-Krimis
Beaton Hamish Macbeth ist reif für die Insel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-7220-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 6, 205 Seiten
Reihe: Schottland-Krimis
ISBN: 978-3-7325-7220-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eigentlich will Hamish nur seinen Schnupfen auskurieren, als er die Einladung in ein Wellnesshotel auf einer Insel annimmt. Seine Gastgeberin Jane dagegen bangt um ihr Leben und hofft, dass Hamish sie vor allem Arg beschützen kann. Kaum ist er da, gibt es tatsächlich eine Leiche. Allerdings musste nicht Jane ihr Leben lassen, sondern die schrecklich arrogante Heather. Verdächtige für die Tat gibt's genug. Einziges Problem für den schottischen Dorfpolizisten: Alle haben ein wasserdichtes Alibi ...
M.C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen feiert sie große Erfolge in über 17 Ländern. M.C. Beaton lebt abwechselnd in Paris und in den Cotswolds.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel
Werft Scheite nach, der Wind geht arg,
doch soll er heulen, wie er mag,
wir feiern einen heiteren Weihnachtstag.
SIR WALTER SCOTT
Police Constable Hamish Macbeth war ein verzweifelter Mann: krank, ohne Freunde und kurz vor Weihnachten auch noch dem Tode nah.
So jedenfalls fühlte er sich.
Begonnen hatte das Elend mit dem Auftakt des schottischen Winters, der wild entschlossen schien, sämtliche Wissenschaftler zu blamieren, die von den Auswirkungen des Treibhauseffektes überzeugt waren. Wie viele andere in dem Dorf Lochdubh an der Westküste von Sutherland hatte Hamish sich eine dicke Erkältung eingefangen, mitsamt den unangenehmen Begleiterscheinungen wie einem glühenden Schädel, einer laufenden Nase, schmerzenden Gelenken und überbordendem Selbstmitleid. Obwohl er niemanden angerufen hatte, um ihm sein Leid zu klagen, erwartete Hamish wie jeder von Selbstmitleid Befallene, dass seine Freunde sich ihrer telepathischen Fähigkeiten bedienten und sich bei ihm meldeten.
Der einzige Lichtblick in dieser tiefen Finsternis war, dass er über Weihnachten nach Hause fahren würde. Seine Eltern waren auf einen kleinen Bauernhof nahe Rogart gezogen. Bald würde er dort sein und von seiner Mutter umsorgt werden.
Er lag eingemummelt im Bett, war hungrig und durstig, konnte sich aber nicht dazu aufraffen aufzustehen. Sein Hund Towser, ein gelblicher Mischling, lag ausgestreckt am Fußende des Bettes, schnarchte selig und offensichtlich so gleichgültig ob PC Macbeths Leiden wie der Rest von Lochdubh.
Der Sutherland-Wind war immer gnadenlos. Er hatte jedoch eine neue, finstere Intensität gewonnen, wie er über das mit dem Meer verbundene Loch Lochdubh heulte, zu Würgefingern geformten Schneegriesel herbeiblies und triumphierend pfeifend und dröhnend am Haus riss.
Plötzlich schrillte schneidend und hartnäckig das Telefon im Polizeibüro. Macbeth hoffte, dass niemand ein Verbrechen begangen hatte. Er fühlte sich zu krank für Ermittlungen, aber wenn er sich nicht selbst darum kümmerte, würde Sergeant MacGregor den weiten Weg von Cnotham kommen müssen, was unweigerlich darauf hinausliefe, dass der allzeit mürrische Sergeant sich umgehend bei den Vorgesetzten in Strathbane über Hamish beschweren würde. Also schlüpfte er in seine abgewetzten Pantoffeln und schlurfte elendig schniefend ins kalte Büro, um das Gespräch anzunehmen.
»Hamish«, erklang die Stimme seiner Mutter. »Ich habe schlechte Neuigkeiten.«
Ihm stockte der Atem. »Geht es euch gut?«, fragte er. »Ist etwas mit Vater?«
»Nein, nein, mein Schatz. Es ist wegen Weihnachten.«
»Was ist mit Weihnachten?« Hamish hatte das schaurige Gefühl, dass ihn das, was seine Mutter ihm mitteilen wollte, kein bisschen aufmuntern würde.
»Na ja, Tanta Hannah kommt den weiten Weg aus Amerika. Das hat sie uns erst in letzter Minute gesagt.«
Hamish packte den Hörer fester und unterdrückte ein Niesen. Tante Hannah war eine dicke, großmäulige Frau, die Hamish verachtete. Allerdings bedachte sie die weniger gut gestellten Macbeths mit Geld und Geschenken für Hamishs kleine Geschwister. Aber niemals für Hamish. Sie konnte ihn nicht ausstehen und wurde nicht müde, genau das sehr laut zum Ausdruck zu bringen.
Seine Mutter schlug einen bedauernden Ton an: »Verstehst du, Schatz? Nach allem, was Hannah für uns getan hat, und da sie jetzt den weiten Weg auf sich nimmt, um uns zu sehen …«
Es trat eine längere Pause ein.
Schließlich sagte Hamish matt: »Du willst, dass ich nicht komme.« Es war keine Frage.
»Ich wusste, dass du es verstehst. Und es ist ja nur dieses eine Weihnachten. Ich meine, du kannst uns über Neujahr besuchen, wenn sie wieder weg ist.«
»Ja, ist gut«, murmelte Hamish.
»Ich meine, du hast so viele Freunde in Lochdubh. Deine Stimme hört sich übrigens komisch an.«
»Ist eine Grippe«, antwortete Hamish, und an der Art, wie er – wie in den Highlands typisch – das »R« rollte, war deutlich zu erkennen, dass er aufgebracht war.
»Ach«, sagte Mrs. Macbeth mit der gebündelten Herzlosigkeit einer vielbeschäftigten Mutter, die eine große Familie versorgte, »du hast schon immer gedacht, dass du stirbst, wenn du mal einen kleinen Schnupfen hattest. Nimm Aspirin und leg dich hin.«
Wieder Stille.
»War sonst noch was?«, fragte Hamish so frostig, wie sich das Polizeibüro anfühlte.
»Nein, nein, das war alles. Tut mir leid, mein Schatz, aber du weißt, wie Hannah ist. Seit du ihr als Achtjähriger diese Maus hinten in den Ausschnitt gesteckt hast, ist sie nicht gut auf dich zu sprechen. Das neue Haus ist übrigens herrlich, wunderbar warm. Der Kamin zieht sehr gut.«
»Wann kommt Tante Hannah an?«, wollte Hamish wissen.
»Am zwanzigsten.«
»Falls ich dann noch lebe«, sagte Hamish steif, »komme ich vorher vorbei und bringe eure Geschenke.«
»Ja, das ist schön. Bis dann.«
Hamish schlurfte unglücklich zurück ins Bett. Keiner wollte ihn. Er war allein auf der Welt, würde sterben, und niemanden kümmerte es.
Ein lautes Klopfen ertönte von der Hintertür. Hamish nieste erbärmlich und blieb, wo er war. Towser hob träge den Kopf und wedelte ein wenig mit dem Schwanz. Nun wurde das Klopfen noch lauter, fordernder.
Hamishs Gewissen versetzte ihm einen Schubs. Er war der einzige Polizist von Lochdubh, das Wetter war grausam, und jemand könnte in Schwierigkeiten stecken. Ächzend stand er auf, warf sich einen alten Bademantel über die Schultern und trottete zur Küchentür.
Als er öffnete, wurde Priscilla Halburton-Smythe mit einem Schwall Schneegriesel hereingeweht.
»Ah, Priscilla höchstpersönlich«, sagte Hamish.
Priscilla war die Liebe seines Lebens gewesen, bis Hamish es leid geworden war, vergebens für sie zu schwärmen. Nun schlug sie die Tür zu und sah Hamish an.
»Mir ist klar, dass es hier schon in den besten Zeiten wenige Verbrechen gibt«, sagte sie streng, »aber es ist zwei Uhr nachmittags, und du kommst offensichtlich aus dem Bett.«
»Ich bin krank«, erwiderte Hamish wütend, »doch das interessiert dich ja nicht. Kein einziges Mal hast du angerufen.«
»Woher sollte ich denn wissen, dass du krank bist?«, fragte Priscilla. Sie blickte sich in der Küche um, wo der altmodische Holzherd kalt war und sich schmutzige Töpfe und Geschirr in der Spüle stapelten. »Hier würde jeder krank werden. Um Himmels willen, leg dich wieder hin, und ich räume auf.«
»Kannst du uns nicht einen Tee aufbrühen, dich an mein Bett setzen und mit mir reden?«, jammerte Hamish.
»Quatsch, du fühlst dich gleich viel besser, wenn hier alles blitzt und blinkt.« Priscilla strahlte eine nervöse Energie aus. Sie war dünn geworden und hatte ihr Haar zu einem unordentlichen Knoten aufgesteckt. Hamish war sicher, dass sie seit der Verwandlung von Tommel Castle, ihrem Elternhaus, in ein Hotel keine Sekunde mehr zur Ruhe gekommen war. Obwohl das Hotel ihrem Vater, Colonel Halburton-Smythe, gehörte, blieb die ganze Arbeit an Priscilla hängen. Und da das Anwesen exzellente Jagd- und Angelmöglichkeiten bot, herrschte selbst im Winter reger Betrieb. Priscilla kümmerte sich um alles, von den Bestellungen für Küche und Bar bis hin zur Beschwichtigung jener Gäste, die ihr Vater mit seiner schroffen Art beleidigt hatte. In erstaunlich kurzer Zeit hatte sie das Hotel zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht, dabei jedoch ihr vornehmes Auftreten und ihre Anmut eingebüßt. Neuerdings wirkte sie immerfort besorgt und bis zum Zerreißen angespannt.
Hamish kroch wieder ins Bett. »Was für ein Saustall!«, rief Priscilla aus, die ihm gefolgt war. »Hast du Towser gefüttert?«
»Nur ein bisschen Trockenfutter. Das mag er nicht besonders.«
»Mochte er noch nie. Er mag das, was wir essen, und das weißt du, Hamish. Komm, Towser.«
Der Hund sprang vom Bett und tapste Priscilla brav hinterher.
Hamish lag da und lauschte den Geräuschen aus der Küche, wo Priscilla die Böden schrubbte, Schränke auswischte und Geschirr spülte. Er fand, dass sie an seinem Bett sitzen und ihm über die Stirn streichen sollte, statt sich wie eine Art Gemeindeschwester aufzuführen.
Zwei Stunden später kam sie mit Eimer, Wischmopp und Staubtuch ins Schlafzimmer gestürmt. Sie schürte das Feuer im Ofen, das halb von kalter Asche erstickt war, gab Papier und frisches Holz hinein, und bald knisterte es munter. »Ich habe dir ein Bad eingelassen. Geh baden, während ich dein Bett frisch beziehe.«
»Ich bin zu krank zum Baden.«
»Geh schon«, befahl sie, »und hör auf, dir selbst so schrecklich leidzutun.«
»Habe ich mich beschwert?«, konterte Hamish mit gekränkter Miene.
»Du dünstest Selbstmitleid in solchen Mengen aus, dass die Bude schon davon überquillt. Los jetzt!«
Hamish begab sich eingeschnappt ins Badezimmer. Derweil riss Priscilla hastig die Bettbezüge herunter und ersetzte sie durch saubere. Sie wischte im Schlafzimmer Staub, saugte einmal durch und bereitete eine Thermoskanne Tee vor, die sie zusammen mit einem Becher auf Hamishs Nachttisch stellte.
Als er aus dem Bad kam, wartete Priscilla darauf, ihn wieder ins Bett zu stecken. Kaum dass er lag, zurrte sie die Decken um ihn herum so stramm, dass er sich wie in einer Zwangsjacke fühlte.
»In der Kanne ist Tee«, erklärte Priscilla, »und auf dem Herd ist ein Eintopf für heute Abend. Towser ist gefüttert.«
Hamish wackelte mit den Zehen, um die Decken ein wenig zu lockern. Das Feuer...




