E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Lübbe
Beaton Hamish Macbeth spuckt Gift und Galle
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5588-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-5588-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zuerst sind es nur Abermillionen von Mücken, die über Lochdubh herfallen. Doch dann sucht ein noch größerer Plagegeist das schottische Dorf heim: Trixie Thomas. Die laute, aufdringlichen Frau hat hier eine Pension gekauft und wird bleiben, wie Hamish Macbeth mit Schrecken erfährt. Während die Dörflerinnen bald bewundernd zu Trixie aufsehen, gehen die Männer auf die Barrikaden. Denn Trixie will das Rauchen und den Alkohol aus Lochdubh verbannen und sorgt damit für viel Ungemach. Als Trixie schließlich vergiftet wird, spuckt auch Hamish Gift und Galle. Denn er muss ermitteln - und das in einem Dorf voller Verdächtiger.
M.C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange Zeit als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen um den schottischen Dorfpolizisten Hamish Macbeth und die englische Detektivin Agatha Raisin feiert sie bis heute große Erfolge in über 17 Ländern. M.C. Beaton lebt abwechselnd in Paris und in den Cotswolds.
Weitere Infos & Material
Erstes Kapitel
»Willst du in meine Stube gehen?«, sagte die Spinne
zu der Fliege. »Eine hübschere hast du nie gesehen.«
MARY HOWITT
Wieder mal war es ein Tag, wie er herrlicher nicht sein könnte.
Police Constable Hamish Macbeth schlenderte mit seinem Hund am Ufer des Lochdubh entlang und fühlte sich rundum glücklich. Seit zwei Wochen war das Wetter perfekt.
Über Hamish wölbte sich ein azurblauer Himmel, und vor ihm lag der belebte kleine Hafen vor dem Hintergrund des unglaublich blauen Meeres, dessen gekräuselte Oberfläche in der Sonne funkelte wie von Abertausenden Diamanten gesprenkelt. Um das Dorf herum ragten die Berge von Sutherland auf, die ältesten der Welt, die im hellen Sonnenschein geradezu freundlich anmuteten. Auf der anderen Seite des Loch war der Gray Forest, ein kühler, dunkler Kiefernwald. Früh blühende Rosen rankten an Gartenzäunen, und die zarten Blüten von Edelwicken flatterten hübsch in der sehr leichten Brise. An den Berghängen sorgte Grauheide, die bereits im Juni blühte, für violette Tupfer im Graubraun der sich erhebenden Moore. Die rautenblättrigen schottischen Glockenblumen zitterten zwischen leuchtend gelben und lila Wicken sowie weißen Winden am Wegesrand.
Hamish bemerkte die Currie-Schwestern, Jessie und Nessie, zwei von Lochdubhs alten Jungfern, in ihrem kleinen Garten. Dort war alles beinahe militärisch korrekt angeordnet, so wie die Blumen in ordentlichen Reihen zwischen Muschelkanten standen.
»Ein schöner Tag«, sagte Hamish, der sich lächelnd über die Hecke beugte. Beide Schwestern, die in einem Beet Unkraut jäteten, richteten sich auf und beäugten den Constable missmutig.
»Mal wieder nichts zu tun, nehme ich an«, bemerkte Nessie streng. Das Sonnenlicht spiegelte sich in ihren dicken Brillengläsern.
»Und ist das nicht das Beste von allem?«, entgegnete Hamish munter. »Kein Verbrechen, keine verprügelten Ehefrauen, nicht mal ein Betrunkener, den ich einsperren muss.«
»Dann sollte man die Polizeistation hier schließen. Ja, man sollte die Polizeistation schließen«, konstatierte Jessie, die grundsätzlich alles zweimal sagte. »In meinen Augen ist es eine Sünde und Schande, wenn ein gut gebauter Mann wie Sie immerzu faulenzt. Eine Sünde und Schande ist das.«
»Ach, ich werde schon noch eigens für Sie einen Mord finden«, sagte Hamish. »Und dann haben Sie etwas, über das Sie sich beschweren können.«
»Wie ich höre, ist Miss Halburton-Smythe wieder da«, sagte Jessie und sah den Constable boshaft an. »Und sie hat einige Freunde aus London mitgebracht.« Auch diese Bemerkung wiederholte sie noch einmal.
»Eine gute Zeit, um herzukommen.« Hamish blieb unbeirrbar freundlich. »Bei diesem Wetter.«
Er lächelte, tippte sich an die Mütze und spazierte weiter. Allerdings erstarb sein Lächeln, sobald er außer Sichtweite der beiden war. Priscilla Halburton-Smythe war die Liebe seines Lebens. Er fragte sich, wann sie angekommen war und wen sie wohl mitgebracht hatte. Und er fragte sich auch, wann er sie sehen würde. Seine Sorge wurde zu einer dunklen Wolke, die sich auf sein Gemüt legte. Umso verblüffender erschien es ihm, dass der Tag immer noch vollkommen war. Die Sonne schien weiter, und eine Robbe rollte sich träge im ruhigen Wasser der Bucht.
Hamish versuchte, seine gute Laune wiederzufinden. Die Luft roch nach Salz, Teer und Kiefernharz, und Hamish betrat das Lochdubh Hotel in der Hoffnung, eine Tasse Kaffee schnorren zu können.
Mr. Johnson, der Hotelmanager, war in seinem Büro, als Hamish es betrat. »Bedienen Sie sich«, sagte er mit einem Nicken zur Kaffeemaschine in der Ecke. Er wartete, bis Hamish sich mit dem Kaffee hingesetzt hatte, und fügte hinzu: »Das Willets-Haus ist verkauft.«
Hamish zog die Augenbrauen hoch. »Ich hätte nicht gedacht, dass das jemand nimmt.« Bei der Immobilie handelte es sich um eine viktorianische Villa unweit des Ufers. Seit fünf Jahren stand sie zum Verkauf und war in einem erbärmlichen Zustand.
»Wie ich es verstanden habe, haben die Käufer es für kleines Geld bekommen. Jemand hat etwas von zehntausend Pfund gesagt.«
»Und wer sind die Käufer?«
»Sie heißen Thomas. Engländer. Mehr weiß ich nicht. Angeblich sollen sie heute einziehen. Vielleicht springt für Sie ja was dabei raus.«
Hamish grinste. »Ein Verbrechen, meinen Sie? Bei solchem Wetter kann nichts Schlimmes passieren.«
»Das Barometer zeigt einen Wetterumschwung an.«
»Ich habe noch kein Barometer gesehen, das tatsächlich das Wetter vorhersagen konnte«, erwiderte Hamish. »Wie stehen die Dinge oben auf Tommel Castle?« Er fragte betont beiläufig, doch Mr. Johnson machte er nichts vor. Die einige Meilen außerhalb von Lochdubh gelegene Burg war Priscilla Halburton-Smythes Zuhause.
»Priscilla ist mit einigen Freunden zu Besuch gekommen«, sagte der Hotelmanager.
Hamish trank einen Schluck Kaffee. »Was für Freunde?«
»Aus den feinen Kreisen, glaube ich. Zwei Männer und zwei Frauen.«
Hamish war umgehend erleichtert. Das klang nach zwei Paaren, und er hatte schon befürchtet, dass Priscilla einen neuen Freund mitgebracht hatte. »Haben Sie die schon gesehen?«
»Oh ja. Sie waren gestern zum Dinner hier.«
Hamish stutzte. »Und was ist aus der Gastfreundschaft des Colonels geworden, wenn seine Tochter ihre Freunde zum Essen ins hiesige Hotel einladen muss?«
Mr. Johnson wurde verlegen. »Sie sind schon seit über einer Woche da«, sagte er und blickte gen Zimmerdecke, um die Enttäuschung des armen Hamish nicht sehen zu müssen.
Langsam stellte der Constable seinen Kaffee hin, den er noch nicht mal ausgetrunken hatte. »Ich setze mal lieber meine Runde fort«, sagte er. »Komm, Towser.« Der große Mischling trottete hinter seinem Herrchen her, den buschigen Schwanz auf Halbmast, als spürte er Hamishs Unglück.
Vor dem Hotel blieb Hamish zwischen den Kübeln mit scharlachroten Geranien stehen und blinzelte in die Sonne. Es war befremdlich, dass sie immer noch schien. Über eine Woche war Priscilla schon da! Und sie hatte sich nicht bei ihm gemeldet.
Er ging zur Polizeistation und dort durch den Garten zur kleinen Weide, um nachzusehen, ob seine Schafe genügend Wasser hatten. Die Sonne brannte ihm heiß auf den Rücken, Brachvögel pfiffen in der Heide, und über ihm segelte ein Bussard wie Ikarus direkt auf die Sonne zu.
Ein großes schwarzes Mutterschaf kam herbei und stupste Hamishs Hand an. Automatisch streichelte er das Schaf, während seine Gedanken wieder bei der Frage waren, was auf Tommel Castle vor sich gehen mochte. Vor ihrer letzten Abreise hatte Priscilla eine scherzhafte Bemerkung zu seinem mangelnden Ehrgeiz gemacht. Und gewiss war er kein Mann mit großen Ambitionen. Ihm gefiel sein beschauliches Leben, und er liebte Western Sutherland mit seinen Bergen, der Heide und dem Atlantik jenseits des Loch Lochdubh, wo der Legende zufolge die »Blauen Männer« auf den Wellen ritten und die Toten als Robben wiederkehrten.
Hamish beschloss, dass es nicht schaden könnte, einfach mal hinauf zur Burg zu fahren und nachzusehen.
Er hatte einen neuen weißen Land Rover, eine freundliche Gabe der Polizeidirektion in Strathbane – zweifellos mit dem Segen von Detective Chief Inspector Blair. Letzterer genoss es, in dem Ruf zu stehen, mit Hamishs Hilfe Morde aufgeklärt zu haben. In Wirklichkeit hatte Hamish allein die Fälle gelöst; er hatte den rüpelhaften Inspector jedoch gern die Lorbeeren einstreichen lassen.
Der Weg zur Burg wand sich durch die Hügel, und Hamish wurde leichter ums Herz, als ihn die Straße immer höher über das Dorf brachte. Es musste eine simple Erklärung dafür geben, warum Priscilla bisher nicht bei ihm gewesen war. Ihr Vater, der Colonel, war strikt gegen ihre Freundschaft mit dem Dorfpolizisten. Wahrscheinlich hat ihr Vater ihr den Kontakt zu mir verboten, dachte Hamish, wobei er absichtlich vergaß, dass Priscilla sich noch nie von dem cholerischen Colonel davon hatte abhalten lassen, Hamish zu besuchen.
Er parkte den Land Rover am Straßenrand vor dem Tor. Zunächst wollte er die Lage einschätzen, bevor man ihn sah.
Langsam ging er die Einfahrt hinauf. Er konnte Rufen und Lachen hören, daher folgte er nicht der Biegung zum Vordereingang. Stattdessen tauchte er in den Kiefernwald an der Seite ein und bewegte sich lautlos auf den Kiefernnadeln vorwärts, bis er einen freien Blick auf den Garten hatte, ohne selbst gesehen zu werden.
Priscilla und ihre Freunde spielten Krocket. Zuerst hatte Hamish nur Augen für sie. Sie war über den Schläger gebeugt, und das goldene Haar fiel ihr ins Gesicht. Priscilla trug eine schlichte weiße Bluse, einen kurzen, gerade geschnittenen roten Baumwollrock und flache schwarze Sandalen mit dünnen Riemen. Hamishs Aufmerksamkeit schwenkte zu dem Mann, der zu ihr trat und die Arme um sie legte, um ihr zu zeigen, wie sie richtig abschlug. Er war groß, hatte krauses dunkles Haar, ein hübsches Gesicht und einen bläulichen Bartschatten am Kinn. Aus dem offenen Kragen seines karierten Hemdes sprossen schwarze Brusthaare. Die Ärmel hatte er aufgekrempelt, und auch die kräftigen, sonnengebräunten Unterarme waren von schwarzem Haar bedeckt.
Die beiden jungen Frauen hatten die blasierten Gesichter, die typisch für das reiche Chelsea waren, und elegante Frisuren. Der andere Mann hatte etwas Kaninchenhaftes und trug eine Brille mit Goldrand.
Dann, während Hamish zusah, lächelte Priscilla den Dunkelhaarigen an. Es war ein strahlendes, glückliches Lächeln, bei dem Hamish eiskalt...




