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E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Becher Disruption

Im Schein des Halbmonds
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-3343-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Im Schein des Halbmonds

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-7526-3343-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Drei Jahrzehnte nach Beginn der ersten Flüchtlingskrise versinken Deutschlands Großstädte nach einem Finanztsunami im Chaos. In den überwiegend von Muslimen bewohnten Städte übernehmen Kalifen die Macht und stellen die öffentliche Ordnung wieder her. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle verhindert weitere soziale Ausschreitungen und soziale Verwerfungen. In diesem Umfeld blicken fünf Freunde auf die Anfänge der Einwanderungswellen zurück, die zum Verfall der gewohnten Strukturen und der Sozialsysteme geführt haben. Martin, der als Student Flüchtlingshelfer war, ist heute als Stadtverordneter Bindeglied zwischen den Kulturen. Seine ehemaligen Studienkollegen standen schon damals der Aufnahme von Migranten zurückhaltend gegenüber und machen ihm indirekt Vorwürfe für die eingetretene Entwicklung. Sie wissen noch nicht, dass er sich kürzlich ausgerechnet in eine gebildete Muslima verliebt hat, was im herrschenden System streng verboten ist. In nächtelangen Diskussionen wird gestritten, welche gravierenden Fehler in den Zehner und Zwanziger Jahren gemacht wurden und wo die Ursachen für die Verfehlungen liegen. Die Transformation in eine multi-kulturelle Gesellschaft mit Hilfe des großosmanischen Reiches und saudi-arabischer finanzieller Unterstützung hat die Republik in ihren Grundfesten erschüttert. Gleichstellung der Frauen, Achtung von Minderheiten, sozialer Frieden gehören der Vergangenheit an. Eine archaische Kultur hat sich des Landes bemächtigt. Abgefedert wird das soziale Elend durch den Verzehr der über Jahrzehnten aufgebauten Reserven. Der Verfall ist unübersehbar und schreitet unaufhörlich voran. Martin, der nur das Gute wollte, erkennt den Scherbenhaufen, der sich vor ihm auftürmt. Er ist Täter und Opfer zugleich. Seine tiefe Zuneigung zu Sherezade muss er schmerzlich büßen, denn als Kufar ist er macht- und rechtlos unter dem neuen Regime und wird zum Opfer blanker Gewalt. Der Roman stellt eine düstere Fiktion dar. Unter dem Diktat des politischen Islam hat sich Deutschland in eine islamische Republik verwandelt, die alle bisherigen Lebensweisen grundlegend ändert. Das Buch liefert im Kontext eines kritischen Gesellschaftsromans fundiertes politisches Hintergrundwissen über die Verantwortlichen. NGOs, Kirchen, Medienvertreter, Politiker und Organisationen, die ihre jeweiligen Partikularinteressen verfolgen. Es wird konsequent zu Ende gedacht, welche Folgen der politische Islam haben kann, sobald er die Mehrheitsverhältnisse stellt

Dr. med. habil. Stephan Becher lebt und arbeitet in NRW. Von seiner früheren notärztlichen Tätigkeit in Köln, Düsseldorf und Essen kennt er die sozialen Brennpunkte und ihre Parallelgesellschaften. Er verfolgt mit Sorge die gesellschaftlichen Veränderungen seit 2015 in diesen Städten und im Land. Diese erinnern ihn zunehmend an die Zustände der Banlieu in Paris, die er von seinem Studium in Frankreich kennt.
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So etwas wie Zuhause


Martin blickte hinaus in die Dämmerung und sah aus seiner vorbeifahrenden Bahn viele Bewohner, die er kennen- und schätzen gelernt hatte. Wer neu ins Land kam, stand vor vielfältigen Problemen bei der Beantragung und Gewährung der sozialen Hilfen, die der Staat anbot. Martin half vielen bei ihren ersten Schritten. Da war Matay, ein junger Somalier, der vor fünf Jahren als unbegleiteter Minderjähriger gekommen war. Martin hatte ihn bereits auf der Sea Watch, auf der er gleich nach dem Studium angeheuert hatte, als zurückhaltenden Jungen bemerkt. Martin half Matay, eine Unterkunft zu finden, in der er auch gut betreut wurde. Später machte er eine Lehre als Fahrradmechaniker, die ihm Martin besorgte und für die er sich persönlich verbürgte. Matay hatte ihn nicht enttäuscht. Gerne erinnerte Martin sich an das „Yes, Mister Martin“ oder „Ok, Mister Martin“, wenn ihm Matay etwas zusagte. Irgendwo hier musste er jetzt wohnen.

Martin dachte an frühere Zeiten und wie sich heute alles verändert hatte. Das afrikanische Viertel bestand überwiegend aus einfachen, mehrstöckigen Häusern, die von Wohnungsbaugesellschaften Mitte des vergangenen Jahrhunderts errichtet worden waren und als Vorzeigeobjekte der Sozialpolitik der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gedient hatten. Damals waren Arbeiter und einfache Angestellte dort angesiedelt worden.

Da vierzig bis fünfzig Jahre später durch die Einwanderungswellen dringend Wohnraum benötigt wurde, waren diese Wohnsilos gut als Bleiben für die Neuankömmlinge geeignet. Projekte wie das der Nachverdichtung führten dazu, dass sich nach und nach jede Wohnung mit Einwanderern und ihren Familien füllten. Doch irgendwann reichten die Wohnungen nicht mehr, um allen ein Dach überm Kopf zu bieten. Wie in vielen Städten wurde durch den Migrationsdruck bedingt jedes freie Fleckchen Erde bebaut.

Sportplätze, Freiflächen zwischen den Wohnblocks und kleine Parks waren dem Bauboom ebenso zum Opfer gefallen wie Parkplätze für die Anwohner. Schnell wurden auch zwei, drei Stockwerke auf Bestandsimmobilien draufgesattelt. Jahrzehntelang entstand auf engstem Raum in prekären Wohnsiedlungen ein Block neben dem anderen. Nun lebten hier dicht gedrängt zehntausende Menschen unterschiedlichster Kulturen und Herkunftsländer, während die deutschstämmige Bevölkerung langsam weggezogen oder weggestorben war.

Nun waren endlich massenhaft Kinder da. Aber es waren Kinder ohne Schuhe in ärmlicher Kleidung, die auf dem staubigen Boden spielten, der schon lange kein Gras mehr trug. Überall lagen größere und kleinere Steine herum, zum Teil waren sie aus dem Mauerwerk gebrochen. Martin fühlte sich an Nachrichtensendungen aus seiner Kindheit erinnert: Damals hatte es in fernen Kriegsgebieten so ausgesehen. Die Kinder hatten kleine Elektroroller und rasten zwischen den Häusern herum. Wenn die Roller abgefahren waren, ließen sie diese einfach stehen und am Abend musste das Ordnungsamt versuchen, diese Roller wieder aufzufinden, um sie zu laden. Die meisten waren aber bald nicht mehr nutzbar, zu kaputt und unsicher waren diese Fortbewegungsmittel geworden.

An einer Ecke lief Abwasser aus dem Hauseingang. Vermutlich war ein Eimer mit Schmutzwasser umgefallen. Wäscheleinen und alte Seile, die von Klappläden der Wohnungen zu verrosteten Eisenstäben gespannt waren, trugen zerlumpte Kleidung. Von den Klappläden selbst baumelten Teppiche und Decken. Hier und da wehte eine weißrote zerrissene IS-Fahne mit der arabischen Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Allah“ im Wind. Daran störte sich schon lange keiner mehr. Wo es keine übergreifende staatliche Ordnungsmacht gab, herrschte Anarchie und Willkür. Auf dem Boden waren karierte Decken neben alten unbrauchbaren Gegenständen wie Altreifen oder Matratzen ausgebreitet. Daneben leere Wäschekörbe, ein Sandhaufen, auf dem eine kleine Promenadenmischung soeben ihr Geschäft verrichtete. Elektrokabel hingen wahllos in der Gegend, bei einigen waren die blanken Kupferdrähte sichtbar.

Die riesigen Mülltonnen quollen über. Alte Fernsehgeräte waren vor Recyclingcontainern abgestellt, wo sie seit einer Ewigkeit standen. Um einen toten Schafskopf kreisten hunderte Fliegen. Es war zu hoffen, dass die unregelmäßig arbeitende vollelektronische Müllabfuhr bald kommen würde, um den nötigsten Unrat zu entsorgen, bevor sich Krankheiten ausbreiteten. In der Mitte des Platzes standen ein paar Autotorsos, denen alle vier Reifen fehlten und die vor sich hin rosteten. Ein Abklatsch von Shutka, Stadt der Roma, ein Sinnbild der Hoffnungslosigkeit eines ganzen Kontinents schon Anfang des Jahrtausends.

Kinder übten sich unter der Aufsicht der Väter im Ringkampf, die Männer ihrerseits folgten in zeltähnlichen Überdachungen dem Hahnenkampf. Es war ein Schreien und Anfeuern. Die toten Tiere wurden liegengelassen. Nicht besser erging es den aus Spanien zu hunderttausenden importierten Galgos, die in bestialischen Hunderennen aufgerieben und am Ende der Saison brutal ermordet wurden. Die Einwanderer hatten viele ihrer liebgewordenen Gebräuche mitgebracht, von denen sie auch nicht lassen wollten. Keiner hinderte sie daran. Die deutsche Community war für die Versorgung zuständig. Die Regeln wurden von anderen vorgegeben.

Doch wer genau regelte was? Martin dachte nach und Kelek fiel ihm ein. Die seit Jahrzehnten im Stadtteil lebenden Muslime waren überwiegend türkische Bewohner, denen es nach den Ausschreitungen zu verdanken war, den Bezirken wieder Ordnung und Struktur gegeben zu haben. Sie stellten seit langem die größte Bevölkerungsgruppe in der Stadt und lebten einen gemäßigten Islam. So war es nicht verwunderlich, dass Saragoglu Kelek, ein stattlicher Mann, zum Stadtkalifen und Vorsitzenden des Islamrates ernannt worden war. Der Islamrat hatte mit Hilfe der Ayatollahs aus dem Vorderen Orient kleine islamische Stadtstaaten errichtet, die in den Städten das Sagen hatten.

Die deutschstämmige, christlich sozialisierte Bevölkerung war ein williger Helfer dabei gewesen, die vielen traumatisierten Menschen zu unterstützen, ein funktionierendes Gemeinwesen aufrechtzuerhalten, Bildungseinrichtungen und eine Verwaltung zu unterhalten. In der schwachen übergeordneten Nationalregierung, sofern man noch von einer solchen sprechen konnte, war die muslimische DENK-Partei zur zweitstärksten Partei angewachsen und unterstützte die sozialökologischen Splitterparteien, die sich als Block gegen die Nationalkonservativen richteten.

Kelek war Stadtvorsteher der gesamten muslimischen Community und damit der mächtigste Mann der Stadt. Er herrschte über alle Völkergruppen, die im östlichen Teil der Stadt lebten. Zu diesen gehörten neben den türkischen Bewohnern auch viele arabischstämmige Einwohner wie Syrer, Pakistani und Afghanen, die am Rand des Bezirkes in erbärmlichen Behausungen ihr Dasein fristeten und durch kriminelle Aktivitäten, wie mit äußerster Brutalität ausgeübte Raubüberfälle oder Bandenkriege immer wieder für Schlagzeilen sorgten.

Kelek oblag es, zwischen den teilweise stark zerstrittenen Völkergruppen zu vermitteln und den Kontakt zur deutschen Stadtverwaltung zu organisieren. Er hatte sich als erfolgreicher Geschäftsmann einen Namen gemacht und das politische Amt setzte seinem Wirken und Schaffen die Krone auf. Von allen Seiten wurde ihm höchster Respekt gezollt, unter anderem, weil er über einflussreiche Kanäle außerhalb des Landes verfügte. Provisorisch hatte man ihm daher auch die Leitung des afrikanischen Stadtteiles übertragen, da der bisherige Vorsteher plötzlich verschwunden war, nachdem Korruptionsvorwürfe laut geworden waren.

Martin schloss kurz die Augen, bis er von einem Schreien und Klatschen aufgerüttelt wurde. Er sah am Ende der parallel zur Bahnlinie verlaufenden Straße eine Menge Männer. Sie sangen und klatschten im rhythmischen Takt und schlugen sich auf ihre entblößten Oberkörper. Einige hatten blaue Flecken, andere erschienen wie in Trance. Es war einer der üblichen Trauerzeremonien für einen verstorbenen Geistlichen, die fast ausschließlich von jungen Männern vollzogen wurden. Ein Ritual, das sich seit langem immer häufiger in den Innenstädten abspielte. Die Bevölkerung, die anfangs verschreckt den Umtrieben zusah, hatte sich an diese Sitte ebenso gewöhnen müssen wie an die wilden Hochzeitscorsos, wenn die überschwänglichen Männer mit ihren aufpolierten Boliden die Straßen sperrten und wild um sich ballerten. Hoffentlich würden sie nicht die Bahn behindern, denn so eine Zeremonie konnte sich über Stunden hinziehen. Aber glücklicherweise blieben sie auf ihrem Weg und die Bahn konnte ungehindert ihre Fahrt fortsetzen.

Doch bei einem Halt der Bahn schwappten die traditionellen Trommelrhythmen hinein und rissen ihn aus seinem Hindämmern. Der Lärm des in der Nähe befindlichen Marktes überdeckte die rhythmischen Klänge, die an die Weiten der Steppe Afrikas erinnerten, gleich danach. So oder so, laut war es. Das blieb...



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