Beck | Bornum und die Bienen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Beck Bornum und die Bienen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7392-6554-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

ISBN: 978-3-7392-6554-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie kommt das Baby in den Bauch der Mutter? Was hat der Kachelofen damit zu tun? Welche Aufgabe haben die Bienen dabei? Warum reden die Erwachsenen nicht über die 'großen Geheimnisse'? Fragen eines kleinen Mädchens in den 1940-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Eingebettet in Kindheits- und Jugenderinnerungen wird auf humorige Art ein Bild der damaligen Haltung zu Sexualität, Erziehung und Moral gezeichnet.

Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niedersachsen, nach Abschluss des Medizinstudiums, Tätigkeit als Allgemeinärztin, 5 Kinder, wohnhaft in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bremerhaven. Erste Publikation 2009 'Gartenglück' (Isensee): amüsante Geschichten rund um den Garten, weitere Publikation 2013 'Kindermund und alte Schuhe' (BOD): Alltagsgeschichten
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Elisabeth


In der heutigen Zeit, in der mich meine Enkel bereits über den GPunkt aufklären oder selten ein Liebesfilm ohne deutliche Darstellung des Liebesaktes gezeigt wird, kann man sich kaum vorstellen, wie schwierig es für ein fünfjähriges Mädchen in den Vierzigerjahren war, an gezielte Informationen zu kommen.

Schon die Benennung der Geschlechtsorgane geschah – wenn überhaupt – in verniedlichender Form. So war etwa das weibliche »das Pümmi«, das männliche »der Pieper«. Immerhin wusste man, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gab, wie die aber aussahen, war lange ein Geheimnis. Sehr schamhaft wurde die entscheidende Gegend immer bedeckt.

Auch wenn ich mit meinem Vater zusammen in der großen Badewanne baden durfte – was ein unsägliches Vergnügen war, denn das warme Wasser reichte dann bis zum Hals, während beim alleinigen wöchentlichen Bad am Samstag nicht einmal der Bauchnabel im Liegen bedeckt war – selbst dann waren die interessanten Teile immer unter einem Waschlappen verborgen.

Genauso bedeckt zeigten sich die Gespräche bei Tisch. Jedes Mal, wenn in irgendeiner Weise ein Thema berührt wurde, das die Erwachsenen mit vielsagendem Lächeln erwähnten, wie etwa eine Liebschaft oder Ähnliches, kam sofort von meiner Mutter das von mir gehasste Wort »Bornum« und man sprach nur noch über das Wetter oder die Lebensmittelknappheit.

Entscheidende Fortschritte in meinem Wissensdrang erzielte ich erst, als Elisabeth zu uns kam.

Elisabeth war ein Flüchtling aus Schlesien, etwa 25 Jahre alt, hatte lange schwarze Haare und auch sehr dunkle Augen und tat mir unendlich leid, nicht etwa weil sie als »Hausmädchen« bei uns praktisch von morgens bis abends arbeitete, sondern weil sie auch am Sonntag in aller Herrgottsfrühe aufstehen und zur Kirche gehen musste. Elisabeth war nämlich katholisch, und der Kirchgang um sechs Uhr morgens am Sonntag war Pflicht.

Elisabeth war, schon ehe sie zu uns kam, verheiratet mit einem Herrn Kusack, aber ihr Ehemann hatte sich aus dem Staube gemacht (erzählte mir meine große Schwester).

Scheiden lassen durfte sich Elisabeth nicht, weil das nach den Vorstellungen der katholischen Kirche eine Todsünde darstellte, die man im Fegefeuer zu sühnen hatte.

Bei Elisabeths Schilderungen des Fegefeuers, das mich sehr interessierte, kam ich zu der Überzeugung, dass ich mich niemals scheiden lassen wollte – wie gut, dass ich mich bei Willem noch nicht festgelegt hatte!

Nun, Elisabeth war jung, fröhlich und hübsch, und das gefiel auch Bodo.

Bodo war bei uns im Haus in einem Labor von meinem Vater als Zahntechniker angestellt. Ich mochte ihn, weil er immer zu Späßen aufgelegt war und mir manchmal sogar ein Bonbon schenkte – zu der Zeit der höchstmögliche Luxus.

Auch Bodo war jung, fröhlich und hübsch. Oft sah ich die beiden miteinander plaudern und lachen. Einmal entdeckte ich sie sogar im Garten hinter einer hohen Hecke, wie sie sich zärtliche Küsse gaben, die so ganz anders aussahen als die bei mir von meinen Geschwistern erkauften, und ich vermutete, dass es vielleicht doch noch Geheimnisse um die »Küsserei « gab, von denen ich nichts wusste.

Diese Vertraulichkeit der beiden sollte mich in der Erforschung der großen Geheimnisse einen riesigen Schritt vorwärtsbringen.

Etwa ein knappes Jahr, nachdem Elisabeth zu uns gekommen war, gab es eine enorme Aufregung. Nur mit Mühe waren bei Tisch die Andeutungen auf Elisabeths »Zustand« mit mehreren »Bornum« in Schach zu halten.

Es war meine große Schwester, die mich nach endlos quengelnder Fragerei in das Geheimnis einweihte: Elisabeth bekam ein Baby!

Oh, was war ich neidisch! Ich hatte mir doch so sehr ein Baby gewünscht und alles Handeln mit dem Klapperstorch – selbst das geopferte Zuckerstückchen – hatte nichts gebracht!!

Nun, bald sah ich, dass es wohl besser so gewesen war, denn meine Schwester erklärte mir auch noch etwas Ungeheuerliches: nämlich dass der Klapperstorch nicht so eine entscheidende Rolle spielt, dass ein Baby im Bauch der Mutter heranwächst und dass dafür auch ein Vater notwendig ist (in welcher Weise, ließ sie allerdings offen). In einem dicken Buch zeigte sie mir ein Bild einer Frau mit einem sehr großen Bauch, den konnte man aufklappen und darin ein zusammengekrümmtes Baby entdecken.

So sah es jetzt also in Elisabeths Bauch aus! Irgendwie war ich jetzt doch sehr froh, dass die Sache mit dem Baby bei mir nicht geklappt hatte.

So dankbar ich meiner Schwester auch für die anschaulichen Bilder war, so unbefriedigend war es, dass noch immer entscheidende Fragen offenblieben: Wie kam das Baby da heraus?

Und noch viel wichtiger: Wie kam es da hinein? Den Klapperstorch konnte ich wohl wirklich dabei vergessen.

Eine entsprechende Anfrage bei meiner Mutter führte nur zu der verlegenen Äußerung, dass mein Vater mir das erklären würde. Wahrscheinlich hat sie ihm gesagt. »Andreas, es wird, glaube ich, Zeit, du musst das Kind aufklären!«

Mein Vater löste das Problem auf die damals gängige Art, indem er mit mir in den Garten hinausging. Es war Frühling, und die Kirschbäume standen in voller Blüte.

Oft schon war ich mit ihm in Wald und Feld spazieren gegangen, und jedes Mal hatte er mir etwas Interessantes gezeigt oder mir die Namen von Bäumen und Blumen beigebracht. Diesmal machte er mit mir bei den Kirschbäumen halt und zeigte mir den Aufbau der Kirschblüte.

»Sieh mal, das ist der Stempel, das ist der weibliche Teil der Blüte. Ringsherum sind die Staubgefäße, das ist der männliche Teil, und diese vielen summenden Bienen, die holen sich ihre Nahrung aus der Blüte und übertragen damit den männlichen Staub auf den weiblichen Stempel. Daraus wächst dann die Frucht – die leckere Kirsche. Ja, siehst du, und bei den Menschen ist das genauso.« Damit verließ er mich.

Ich blieb etwas ratlos zurück. Natürlich, ich wusste ja inzwischen, männlich (Vater) und weiblich(Mutter) war nötig, dass ein Baby entsteht, aber was war der männliche Staub? Und wer oder was waren die Bienen?

Währenddessen wuchs Elisabeths Bauch zu einer runden Kugel heran. Hartnäckig weigerte sie sich zu sagen, wer der Vater des Babys war, beziehungsweise wer den männlichen Staub geliefert hatte – wie ich ja jetzt wusste.

Natürlich fiel der Verdacht sofort auf Bodo. Mein Vater unterzog ihn einem strengen Verhör, bei dem Bodo alles weit von sich wies. Zufällig hörte ich, wie er hoch und heilig schwor, seine Hände sollten ihm abfallen, wenn er etwas damit zu tun hätte.

Das war eine sehr gefährliche Äußerung, denn er war ein sehr geschickter Zahntechniker und ohne Hände hätte er niemals den kunstvollen Zahnersatz erschaffen können. Wollte er durch diese Lüge tatsächlich seinen Beruf riskieren? Denn dass er log, war mir eindeutig klar, schließlich hatte ich ja selbst die Küsserei der beiden beobachtet!

Aufmerksam achtete ich in den nächsten Wochen darauf, ob sich an Bodos Händen etwas veränderte, aber er war weiterhin geschickt wie bisher.

Als Elisabeths Baby geboren war, stand es aber auch offiziell fest, dass er der Vater war.

Mein Glaube an heilige Schwüre war hoffnungslos erschüttert, als auch in den folgenden Wochen keine Hände abfielen, noch nicht einmal im darauf folgenden Jahr, als Elisabeth das zweite Baby von ihm bekam.

Mit den Bienen war ich dabei nicht viel weiter gekommen. Auch meine Großmutter konnte mit ihrer bedeutungsvollen Äußerung »Das ist die Liebe …« nicht wesentlich zur Klärung beitragen.

Was verstanden die Erwachsenen nur Merkwürdiges darunter? Meine Tante Anne, die sich grundsätzlich nur hinsetzte, wenn sie ihren Rock bis über beide Knie hochgezogen hatte, sprach sogar einmal von »Liebestötern«, als dabei eine braune wollene Unterhose sichtbar wurde. Konnte eine Unterhose die Liebe töten?

Ich liebte meine Mutter sehr und ich hasste Kleidungsstücke, die man im Winter tragen musste. Dazu gehörte ein sogenanntes Leibchen, das man wie eine Weste anzog. An diesem Leibchen waren Gummistrumpfbänder mit Knöpfen befestigt, und von diesen Strumpfbändern wurden wiederum lange wollene Strümpfe gehalten. Die ganze Apparatur hätte die besten Chancen gehabt, von mir als Liebestöter bezeichnet zu werden (obwohl ich später erfahren musste, dass diese Konstruktion geradezu ein Liebesstimulans für bestimmte Menschen darstellt), aber niemals wäre ich deshalb auf die Idee gekommen, die Liebe zu meiner Mutter zu töten!

Die Erwachsenen hatten manchmal wirklich merkwürdige Vorstellungen!

Ebenfalls sehr merkwürdig erschien mir auch eine Entdeckung, die ich dank meiner Fortschritte im Buchstabieren machte, und zwar an unserem Kachelofen im Esszimmer.

Da stand doch tatsächlich B-O-R-N-U-M! Bornum, das verhasste Wort, das jedes so interessante Gespräch schlagartig beendete. Länger war mir schon klar geworden, das es immer angewendet wurde, wenn von dem »großen Geheimnis« die Rede war, aber was hatte der Kachelofen damit zu...



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