Beck | Die Zuverlässigkeit des Zufalls | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Beck Die Zuverlässigkeit des Zufalls


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-455-01844-8
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-455-01844-8
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nina-Marie hat eine kleine, feine Buch- und Blumenhandlung am Stadtrand. Seit dem Verlust ihrer großen Liebe hat sie sich in die Arbeit gestürzt und findet Trost darin, wunderschöne Sträuße zu binden oder ihre Kundinnen und Kunden und mit einer Buchempfehlung glücklich zu machen. Dass sie selbst noch einmal glücklich sein kann, daran glaubt sie nicht mehr. Als sie eines Tages einen wohlriechenden Strauß an einen übellaunigen älteren Herren ausliefert, wendet sich das Schicksal. Der Herr ist ein Bestsellerautor, der aber seit langem nicht mehr schreibt. Und auch sein Sohn ist Nina-Marie nicht unbekannt... Der Zufall beginnt, eine zarte Liebesgeschichte zu schreiben, die Ninas Leben neu aufblühen lässt.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Der Zufall kennt [...]
Prolog
Heute
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
3 Jahre vorher
Zwei Jahre vorher
Epilog
Mein Dank geht an:
Über Lilli Beck
Impressum


3


Zwei Tage später wird mir um fünf vor sieben eine Pizza mit Spinat und Mozzarella geliefert. Ellen verabschiedet sich drei Minuten später. Ich schließe hinter ihr ab und begebe mich mit dem würzig duftenden Pizzakarton in Mamas Büro.

Der Raum hat ein Fenster, durch das man in den begrünten Hinterhof schauen kann. Ein rechteckiger Glastisch auf Chrombeinen aus den neunziger Jahren dient als Schreibtisch. Ein Bildschirm mit Tastatur steht in der Mitte des Tisches, der Rechner darunter. Davor ein schwarzer Schreibtischstuhl mit ergonomischem Rückenteil auf Rollen. Die restliche Einrichtung – Aktenregale, ein Schubladencontainer, die Kaffeemaschine, dazu Teekanne, Tassen, Teller und Besteck – ist zweckmäßig. Mama möchte sich trotzdem neu einrichten, sobald es die Umsätze zulassen. Nur die neongrün geschriebene Weisheit an der Wand über der Kaffeemaschine dürfte bleiben:

Kaum habe ich den Pizzakarton geöffnet, sehe ich Eric vor mir, wie er ein Stück auf der Hand balanciert, bemüht, dass der Mozzarella nicht hinabgleitet. Eine Zeit lang haben wir uns von kaum etwas anderem ernährt. Wir haben uns gegenseitig mit Pizza gefüttert oder gewettet, wer die längsten Käsefäden ziehen kann.

Die Erinnerung macht mich traurig und ich überlege, die Selbsthilfegruppe sausen zu lassen. Doch dann gebe ich mir einen Schubs und renne um zehn vor acht in das nahe liegende Hotel, wo das Treffen stattfindet.

Es ist ein lauer Maiabend, die meisten Geschäfte in der Altstadt schließen in wenigen Minuten. Kaufwillige sind kaum noch unterwegs. Ich sehe auch keine verliebten Pärchen, worüber ich sehr dankbar bin. Händchenhaltende Paare lassen mich unweigerlich melancholisch werden.

Vor dem Hotel zittern meine Hände, und ich friere. An der Frühlingsluft kann es nicht liegen, ich bin eindeutig nervös. Aber ein Rückzieher wäre feige. Ich atme durch und kontrolliere mein zurückgebundenes rotblondes Haar in der gläsernen Eingangstür, ehe ich sie aufschiebe.

An der Rezeption erfahre ich von einer dunkelhaarigen Endvierzigerin, wo das Treffen stattfindet.

»Rechts am Lift vorbei, dann die zweite Tür links, kleiner Konferenzraum«, erklärt sie freundlich.

In der weißen Hemdbluse mit dem blauen Seidentuch über der Schulter könnte sie auch Flugbegleiterin sein, das perfekte Lächeln beherrscht sie bereits.

Es ist ein kurzer Weg durch einen schummrigen Flur. Bei jedem einzelnen Schritt auf dem dunkelgrünen Noppenteppich suche ich nach Gründen, das Vorhaben doch noch abzubrechen. Am bin ich immer noch unschlüssig und starre die Tür an. Ich sollte da nicht reingehen. Vielleicht sind Kunden unter den Teilnehmern, und vor denen mein Leid auszubreiten, wäre mir peinlich. Vielleicht würde dann auch niemand mehr bei mir kaufen.

Ich drehe mich zum Gehen und pralle beinahe mit einem Mann zusammen, der offensichtlich inkognito unterwegs ist. Eine Basecap verdeckt sein Haar, ein Vollbart die untere Gesichtshälfte, eine Sonnenbrille seine Augen. Er ist einen halben Kopf größer als ich und trägt Jeans und einen Blouson.

»Niemand da?« Er zieht ein Handy aus der Tasche der grauen Sportjacke und guckt über den oberen Brillenrand auf das Display. »Zwei Minuten vor acht. Komisch, es hieß acht Uhr. Normalerweise gibt es doch immer ein paar Übereifrige, die bei solchen Treffen superpünktlich sind.« Mit dieser Erklärung schiebt er die Brille wieder auf die Nasenwurzel, legt seine Hand auf die Türklinke und drückt sie locker auf.

Ich weiß vor Peinlichkeit nicht, was ich sagen soll.

Falls er meine Unsicherheit bemerkt, übergeht es sie. »Die hat geklemmt …«, behauptet er höflich, tritt einen Schritt zur Seite und lässt mich vorgehen.

Ich hebe den Kopf und begebe mich in einen Raum, den ich auf den ersten Blick etwa halb so groß wie meine Buchhandlung einschätze. Auf Armlehenstühlen sitzen sieben Personen im Kreis. Unwillkürlich muss ich an die Bemerkung meiner Mutter denken, Stuhlkreis wie im Kindergarten. Möglichst unauffällig betrachte ich die Anwesenden. Drei Frauen, zwei Männer, einer mit Glatze. Niemand davon gehört zu meiner Kundschaft, auch der Sonnenbrillenmann neben mir nicht.

»Hallo, herzlich willkommen, setzt euch«, begrüßt uns eine der Frauen. Sie scheint anzunehmen, dass der neben mir stehende Sonnenbrillenmann und ich zusammengehören.

»Ähm …« Ich räuspere mich und suche nach passenden Worten, den Irrtum aufzuklären, da hat sich der »Türöffner« schon einen der vier seitlich bereitstehenden Stühle geschnappt und zu der Runde gesetzt.

»Mein Name ist Sandra, ich bin die Leiterin der Gruppe. Nimm dir doch auch einen Stuhl«, spricht sie mich nun direkt an und lächelt aufmunternd.

Die geschätzte Enddreißigerin mit den üppigen Kurven und der auf die Schultern fallenden dunklen Lockenpracht wirkt sympathisch. Und in ihrem geblümten Wickelkleid mit den halblangen Ärmeln hebt sie sich positiv von den durchweg dunkel gekleideten Anwesenden ab.

Ich murmle ein »Dankeschön« und hole mir einen Stuhl.

Sandra rutscht etwas zur Seite. Ich verstehe das als Aufforderung, mich neben sie zu platzieren. Was ich gerne tue.

»Für die Neuen unter uns …«, beginnt Sandra und schaut in die Runde. »Wir duzen uns und nennen uns beim Vornamen. Wir starten mit einer kurzen Vorstellungsrunde, wer seinen Klarnamen nicht nennen mag, überlegt sich ein Pseudonym. Aber bitte keine Phantasienamen wie Einhorn oder Dino …« Einige reagieren mit Kichern. »Es ist auch nicht nötig, etwas über die Familie oder den Beruf zu erzählen. Wer anonym bleiben möchte, findet bestimmt eine Möglichkeit, sein Thema zu umschreiben oder nur so viel zu verraten, damit wir im Bilde sind.«

Ich überlege, ob ich als Pseudonym eine Rose, vielleicht Aphrodite wählen sollte? Nein, das ist schräg, ich werde mich Marie nennen. Im Moment bin ich ohnehin noch unentschlossen, ob ich bleibe. Der Sonnenbrillenmann macht mich nervös. Vielleicht beobachtet er mich durch seine dunklen Gläser.

»Und noch eine Info für die Neuen«, redet Sandra weiter: »Worüber wir reden und was wir von uns preisgeben, bleibt in dieser Gruppe. Wir tragen nichts nach außen und erzählen niemanden von unseren Gesprächen. Mit der Teilnahme verpflichtet ihr euch automatisch zu Stillschweigen. Verstanden?«

Allgemeines Nicken und zustimmendes Gemurmel.

Anschließend erzählt Sandra noch von sich. Sie ist von Beruf Sozialpädagogin, hat diese Gruppe gegründet und finanziert die Miete für den Raum sowie ihr Honorar aus öffentlichen Geldern. »Das war’s erst mal von mir. Möchte sich jemand vorstellen?«

»Ich«, meldet sich der Mann, der mir die Tür geöffnet hat. »Mein Name ist Peter, ich bin hier, weil ein Freund durch einen schweren Unfall sein Augenlicht verloren hat. Leider gibt es keine Heilung. Seitdem hat er sich vollkommen zurückgezogen. Er geht nicht mehr aus dem Haus, achtet nicht mehr auf sich und lehnt jede Hilfe ab. Ich komme nicht mehr an ihn ran, und das macht mich traurig und oft auch wütend. Was natürlich ungerecht ist. Dann wieder bin ich vollkommen verzweifelt, kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren und hatte deshalb bereits Schwierigkeiten. Ich weiß einfach nicht weiter.« Erst jetzt nimmt er die Sonnenbrille ab und starrt mit düsterer Miene auf das dunkelbraune Gestell in seinen Händen. »Seit einigen Wochen trage ich nun ständig diese extrem dunkle Brille. Ein Versuch, um nachvollziehen zu können, wie es ist, von ständiger Dunkelheit umgeben zu sein. Ein hilfloser Versuch, ich weiß, denn ich sehe ja immer noch alles, nur ein wenig abgedunkelt.« Er kneift die Lippen zusammen, als habe er zu viel von sich preisgegeben, und lässt den Kopf sinken.

Mich hat sein kurzer Vortrag berührt. Blind zu sein, stelle ich mir entsetzlich vor. Und mich verwundert, wie klar er gesprochen hat, ohne nachzudenken, frei und flüssig. Er könnte ein junger Lehrer sein, ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Auf jeden Fall scheint es für ihn vollkommen normal zu sein, vor Menschen zu reden.

Sandra nickt ihm zu. »Danke Peter, für deine Offenheit. Mag jemand dazu etwas sagen?« Sie schaut ein weiteres Mal in die Runde, erhält aber keine Antwort.

Nach kurzer Pause seufzt die Nachbarin neben Peter. »Mein Name ist Ursula. Ich bin dreiundfünfzig, seit zwei Jahren geschieden und fühle mich einsam … allein zu leben ist schrecklich …« Schniefend drückt sie ein Papiertaschentuch an die Nase.

»Wolltest du dich nicht für einen Sprachkurs anmelden? Davon hast du doch das letzte Mal gesprochen«, erinnert sich die ungefähr gleichalte Nachbarin. »Meine Scheidung ist gerade mal neun Monate her, ich bin anfangs verrückt geworden. Dann habe ich erkannt, dass Untätigkeit mich nicht weiterbringt. Niemand wird an meiner Tür klingeln und mich aus dem Loch rausholen. Das muss man selber machen. Änderungen muss man aber auch wollen. Schon Kleinigkeiten helfen. Ich bin übrigens Marlene und komme seit einem halben Jahr hierher. Mir hat es geholfen, einfach über meine Situation zu reden, und ich merke, wie es jeden Tag besser wird. Auch wenn ich noch lange nicht über den Berg bin. Deshalb freue ich mich jede Woche auf das Treffen.« Sie lächelt Sandra dankbar an.

»Ich weiß, ich weiß …« Ursula überkreuzt die Beine, verschränkt die Arme und kauert sich zusammen, soweit das auf dem Stuhl überhaupt möglich...



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