E-Book, Deutsch, 346 Seiten
Beck Papierschiffe auf rauer See
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96714-309-6
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein queerer Roman
E-Book, Deutsch, 346 Seiten
ISBN: 978-3-96714-309-6
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Manchmal zeigt sich erst, was das Herz wirklich will, wenn man sich dem Sturm stellt …
Toni lebt das Leben, von dem er immer geträumt hat: Er tourt mit seiner erfolgreichen Band und genießt das wilde Dasein als Rockstar. Doch als er erfährt, dass sein bester Freund Jack in einen schrecklichen Unfall verwickelt war und nun querschnittsgelähmt ist, zögert er keinen Augenblick, das Rampenlicht hinter sich zu lassen.
Toni will alles daran setzen, Jack mit den neuen Herausforderungen in seinem Alltag zu helfen. Ungeahnt verändert sich in dieser Zeit voller komplizierter Emotionen allerdings etwas zwischen ihnen. Ihre Blicke, ihre Berührungen, ihre Gespräche sind nicht mehr diejenigen der Schulfreunde, die sie einmal waren.
Toni wünscht sich so sehr, denselben Sturm der Gefühle in Jacks Augen zu sehen, doch was, wenn ihre Freundschaft den wechselnden Gezeiten nicht gewachsen ist?
Eine berührende Geschichte über Freundschaft, Selbstfindung und die Suche nach dem eigenen Glück.
Autoren/Hrsg.
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PROLOG
Somehow I found a way to get lost in you. Let me inside. Let me get close to you. Change your mind. I’ll get lost if you want me to. Somehow I found a way to get lost in you. Lost in You – Three Days Grace Juni Der alte Bus fährt langsam durch die Straßen, während die Sonne immer mehr dem Horizont entgegensinkt. Toni wirft einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr, bevor er leise seufzt und sich wieder dem Fenster zuwendet, um die vorbeirauschende Landschaft zu beobachten. Es wird noch mindestens zehn Minuten dauern, bis der Bus an der richtigen Haltestelle ist, und ungefähr weitere zwanzig, ehe er dann zu Fuß am Hohendeicher See ankommt. Toni legt den Kopf gegen die leicht vibrierende Fensterscheibe und konzentriert sich auf die Musik, die leise durch seine Kopfhörer dröhnt. Das Schaukeln des Busses und die lange, eintönige Fahrt lassen ihn müde werden. Als der Bus dann endlich vor dem alten, verwitterten Haltestellenschild stoppt, schultert Toni schwungvoll seinen Rucksack und schnappt sich die Gitarre, welche bis dahin im Fußraum neben ihm gestanden hat, bevor er hinaus in die milde Sommerluft tritt. Abseits der Stadt ist es angenehm ruhig und friedlich. Die untergehende Sonne taucht die gesamte Umgebung in ein warmes Licht, die Luft ist erfüllt vom hektischen Summen der Insekten. Toni macht sich eilig auf den Weg, entlang der Wiesen und Felder, bis er vor sich das Ufer des Badesees sieht. Am Rand des künstlich angelegten Strandes, wo das hohe Gras dem groben Sand weicht, hält er kurz inne, zieht die abgewetzten Turnschuhe aus und setzt dann leise summend seinen Weg fort. Wenn das Wetter so gut wie an diesem Frühsommertag ist, trifft sich beinahe seine gesamte Schulklasse dort. Direkt rechts am Zugang zum Badesee, unter dem knorrigen Baum. Auch an diesem Abend sind schon jede Menge Decken dort ausgebreitet. »Hey, Toni! Du bist ja wirklich noch gekommen!« Bevor er ihren Treffpunkt überhaupt erreicht, wird Toni von einer vertrauten Stimme abgelenkt. Er stoppt ruckartig, nur um sich dann dem See zuzuwenden, in dem einige seiner Klassenkameraden schwimmen und miteinander herumalbern. Gerufen wurde Toni von seinem besten Freund Jack, der inzwischen langsam auf ihn zukommt. Toni schlendert ans Ufer, wartet dort, wo ihm das angenehm kalte Wasser immer wieder über die Füße schwappt. Ein verschmitztes Lächeln stiehlt sich auf sein Gesicht, kaum dass Jack vor ihm zum Stehen kommt und sich die nassen, blonden Haare aus dem Gesicht streicht. »Ich freue mich, dass du hier bist.« Mit diesen Worten legt Jack einen Arm um Tonis Schultern und geht gemeinsam mit ihm über den Strand. »Sonst wäre ich die ganze Woche kein einziges Mal hier gewesen. Außerdem fällt es sicher nicht auf, dass ich heute ausnahmsweise etwas früher aus der Musikschule abgehauen bin.« Toni zuckt hastig mit den Schultern. Er hat großes musikalisches Talent, welches sein Vater übergenau ehrgeizig fördert. Aber der fast tägliche Musikunterricht wird Toni immer lästiger. Mittlerweile schwänzt er die Extrastunden nach der Schule häufig. Kurz bevor die beiden das kleine Lager aus Decken, Körben und Rucksäcken erreicht haben, klopft Jack seinem besten Freund sanft auf die Schulter, ehe er einige Schritte vorauseilt. Toni trottet hinterher. »Du bist spät dran. Jetzt haben wir schon alles aufgebaut.« Toni wirft Lou einen unbeeindruckten Seitenblick zu, aber der junge Mann mit den mausbraunen, schulterlangen Haaren hat diese flapsige Bemerkung sowieso nicht böse gemeint. Er lächelt trotzdem beschwichtigend und weist auf die freie Decke neben sich. »Noch früher konnte ich nicht herkommen.« Toni nimmt liebend gerne Platz. Er streckt sich auf der groben Decke aus, lehnt sich weit zurück und stützt sich dabei auf seinen Unterarmen ab. Er blinzelt, weil er in die untergehende Sonne schaut, doch blickt sich trotzdem neugierig um. Die anderen tummeln sich größtenteils noch im See oder spazieren über den langen, schmalen Strand. Auch Jack ist bereits wieder auf dem Weg zum Wasser. Neben ihrem Lager steht ein schlichter Grill, der gerade erst angeheizt wurde. »Gestern warst du auch nicht hier.« Lous Aussage klingt beinahe anklagend. »War wohl eine anstrengende Woche?« Toni lässt sich Zeit mit seiner Antwort. Die Augen hat er mittlerweile geschlossen, er genießt die warme Sonne auf der Haut. »Ich wäre auch lieber hier gewesen.« Damit ist ihr Gespräch vorerst beendet, zumindest bis die anderen zu ihnen stoßen und sich ebenfalls auf den unterschiedlichen Picknickdecken ausbreiten. Bald kommt auch Jack wieder zu ihnen geschlendert und setzt sich, zugegeben absichtslos, ziemlich dicht neben Toni. Er reicht ihm ein kaltes Bier aus einer der Kühltaschen und wendet sich dann sofort, in ein angeregtes Gespräch vertieft, wieder ab. Toni hingegen schaut weiterhin verstohlen zu seinem besten Freund. Jack sitzt weit nach vorne gebeugt da, die Unterarme auf den überkreuzten Beinen abgestützt. Sein Körper ist mit unzähligen kleinen Wassertropfen benetzt, die langsam durch die letzten warmen Sonnenstrahlen trocknen. Auch Stunden später sind sie noch zusammen am Strand des Badesees. Ein selbstgemachtes Lagerfeuer erhellt die Umgebung und lässt lange, zitternde Schatten über den Sand tanzen. Mittlerweile ist ein kalter Wind aufgekommen. Es ist Freitagabend, also sitzen sie noch in großer Runde zusammen. Die meisten bleiben, besonders am Wochenende, bis zum Morgengrauen am Hohendeicher See und gehen erst, wenn die Sonne schon wieder am Horizont hinter dem ruhigen Wasser emporsteigt. Allerdings ist die Stimmung mittlerweile ruhiger, es wird nur noch leise geredet. Die wenigen Pärchen unter ihnen haben sich dicht beieinander auf den Decken ausgebreitet und genießen stillschweigend die Nähe des anderen in dieser idyllischen Nacht. Toni hat sich nach dem Essen etwas vom Lagerfeuer entfernt und abseits der Decken auf dem langsam kühler werdenden Sand einen gemütlichen Platz zum Sitzen gefunden. Seine Akustikgitarre balanciert er bereits auf den Beinen. Er fährt ein paarmal prüfend über die Saiten des Instruments, bevor er zufrieden nickt und die ersten, leisen Akkorde spielt. Sofort richten sich einige neugierige Augenpaare auf den jungen Mann mit den tiefbraunen, leicht gelockten Haaren. Toni merkt das natürlich und ja, er genießt die Aufmerksamkeit, doch gilt seine gesamte Konzentration in diesem Moment dem Song, den er spielt. Jede einzelne Note erfüllt ihn, er bewegt sich kaum merklich zur Melodie, stimmt bald ein und singt mit leicht rauer Gesangsstimme mit. Toni ist in einem Haushalt voller Musik aufgewachsen, und auch wenn ihn die akribische Musikausbildung manchmal nervt, so ist er doch ein begnadeter Sänger. Die Musik ist schlichtweg sein ständiger Begleiter. Erst wenn Toni an einem Instrument sitzt oder zur rauschenden Radiomusik lautstark mitsingt, fühlt er sich wirklich wohl und unbeschwert. Während er singt, die Lieder spielerisch ausdehnt und fließend miteinander verbindet, lässt Toni auch immer wieder Melodien oder kurze Textpassagen einfließen, die er selbst geschrieben hat. Es drängt ihn einfach, sie auszutesten. Jack beobachtet ihn dabei neugierig. Er ist dicht beim Lagerfeuer sitzen geblieben, neben Lou und dessen Freundin Emma. Nur gilt sein Interesse momentan ausschließlich Toni, der augenscheinlich alles um sich herum ausgeblendet hat. Scheinbar sogar die beiden Mädchen aus ihrer Parallelklasse, die ihn seit geraumer Zeit anhimmeln und leise miteinander tuscheln. Toni musiziert noch eine ganze Weile weiter, bevor er sich dazu entschließt, zu den anderen ans Lagerfeuer zurückzukehren. Die Nacht ist kalt, und seine Jeansjacke, vollbestickt mit dutzenden Patches, schützt nur notdürftig vor dem kühlen Wind, der über das Wasser zu ihnen weht. »Der nächste Bus fährt bald. Wollen wir uns gemeinsam auf den Nachhauseweg machen?« Jack legt den Kopf schief und schaut sanft lächelnd zu Toni. Seine Wangen sind vom Alkohol leicht gerötet, was im warmen Licht des Feuers wohl nur seinem besten Freund auffällt, der wieder dicht bei ihm sitzt. »Gerne.« Im Schein der alten Taschenlampe, die Jack extra mitgenommen hat, machen sich die beiden auf den Rückweg zur Bushaltestelle. Leise miteinander redend folgen sie dem Trampelpfad, vorbei an dunklen Bäumen und still daliegenden Wiesen. Toni geht stetig und mit festen Schritten voraus, während Jack ihm leicht schwankend folgt. Es fällt ihm schwer, einen Fuß sicher vor den anderen zu setzen, der Boden ist immerhin uneben und seine Sicht unangenehm verschwommen. Den Blick hält er konzentriert nach unten gerichtet, die Taschenlampe in seiner Hand schwingt immer wieder hektisch hin und her. Viel getrunken hat Jack nicht, nur ein paar Bier, doch die sind ihm direkt zu Kopf gestiegen. Wann immer Toni stehen bleibt, sich umdreht und prüfend, aber amüsiert nach Jack schaut, wundert dieser sich, wie sein bester Freund, der viel mehr Alkohol wild durcheinandergetrunken hat, den gefühlt endlos langen Weg zur...




