Becker | Blick zurück aus der Zukunft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 406 Seiten

Becker Blick zurück aus der Zukunft

Wie Sveng die Jahre zwischen 2071 und 2023 erlebt hat
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-3959-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Sveng die Jahre zwischen 2071 und 2023 erlebt hat

E-Book, Deutsch, 406 Seiten

ISBN: 978-3-6951-3959-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Politisch und gesellschaftlich unruhige Zeiten! Aber eine Kurskorrektur ist vorläufig nicht zu erwarten. Steht ein Kollaps der so genannten Hochkultur bevor? Über die Geschichte des jungen Paares, Justine und Noah, stellt der Autor radikale Entwicklungen vor, die den Fortbestand der Menschheit sichern könnten. Die wechselvolle Erzählung führt - über die Amtseinführung des ersten deutschen AfD-Kanzlers am 30. Januar 2033(!), das zukünftige Leben in Deutschland, Frankreich und China - zu einem überraschenden Ausgang.

Arno Becker, Jahrgang 1953, hat jahrzehntelang in einem Krankenhaus gearbeitet. Als er mehr Zeit für sich und seine Vorlieben bekam, schrieb er erst Kinderbücher mit pädagogischem Anspruch, dann Biografien von außergewöhnlichen Persönlichkeiten - und jetzt einen Roman der besonderen Art.
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Dienstag, 16. Mai 2023


Landrat Dielmeister hatte die unruhigsten Nächte seines Lebens. Seit drei Tagen gelang es ihm nicht, die anonymen Beleidigungen einzuordnen, geschweige denn zu verarbeiten.

Tagsüber dachte er an nichts anderes, und nachts bastelte seine Seele Träume daraus, die die Wirklichkeit noch übertrafen. Als wäre die nicht schon schlimm genug!

Im Traum hatte er die letzte Sitzung geschwänzt, hatte sich einfach krank gemeldet und war mit seiner Frau Monika Hals über Kopf nach Mallorca in Urlaub geflogen. Hier vermutete er, würde ihn keiner kennen. An der Theke einer Bar bestellte er einen Cocktail. Der Barmixer musterte ihn und fragte:

„Sind Sie nicht das Arschloch?“

Was war ihm das peinlich! Er rannte, so schnell er konnte, zurück zum Hotel.

„Meinen Schlüssel bitte, Zimmer 112“, rief er außer Atem dem Pförtner zu.

Gott sei Dank gab der ihm den Zimmerschlüssel ohne irgendeinen Kommentar. Er schien ihn also nicht zu kennen. Als er, oben angekommen, zitternd das Schlüsselloch anvisierte, fiel sein Blick auf das Türschild. Tatsächlich stand da „Arschloch“. Jemand musste davon erfahren haben, wo er war. Schnell schloss er die geöffnete Tür hinter sich, um sich unter der Bettdecke zu verstecken. Traum- und Wirklichkeitsebene fingen an, sich zu vereinigen. Vehement schlug er die Decke zurück, und seine Frau schrie:

„Anton, lass das! Mir wird kalt!“

Noch nie im Leben war er so froh darüber, dass seine Frau mit ihm schimpfte – zu Hause in seinem Bett.

„Ich habe blöd geträumt, Monika. Weil ich eine Mail bekommen habe: „Du bist eine Ratte, eine Sau, ein Arschloch!“

Unterzeichnet, falls man dieses Wort hier überhaupt benutzen kann, unterzeichnet war die Mail von einem „Kommando RIP“, der Account hieß „a.b.schlachter@gmail.com“. Also ohne richtigen Namen oder Absender. Feige ist das! Man beleidigt mich, ohne sein Gesicht zu zeigen.“

„Hast du diese Mail wirklich oder nur im Traum bekommen, Anton?“

„Nein, das ist traurige Wirklichkeit“, seufzte ihr Mann.

Monika nahm liebevoll seine Hand.

„Beleidigungen sind die Argumente derer, die über keine Argumente verfügen. Das ist nicht von mir, aber das trifft so was von zu!“ gab sie sich kämpferisch.

„Ja, ich glaube es ist von Rousseau oder Nietzsche. Egal! Schlaf gut!“

Am nächsten Morgen beschlich ihn auf dem fußläufigen Weg zum Büro eine unangenehme Instabilität. War die Nachricht von diesem „Schlachter“ einmalig? Was für ein seltsamer Name! Oder sollte „A.B. Schlachter“ sogar „Abschlachter“ bedeuten? Natürlich gab es Menschen, die wirklich den Namen „Schlachter“ trugen. Aber es konnte auch ein vielsagendes Pseudonym sein, eine Andeutung, vielleicht sogar ein böses Omen? Und RIP? Eine Todesdrohung? Er war noch nicht bereit, in Frieden zu ruhen! Er wollte vielmehr in Ruhe gelassen werden!

Sollte das der Anfang einer langen Reihe von Beleidigungen, Bedrohungen und Einschüchterungen sein? So etwas hörte man ja immer wieder. Und er war sich nicht sicher, ob die Opfer das immer publik machten. Wahrscheinlich gab es eine hohe Dunkelziffer.

Bald stand die Landratswahl an. Das Gehalt von 8500 brutto war verlockend. Aber war das nicht auch schwer verdientes Geld unter diesen Umständen?

Dielmeister kam an einem Blumenladen vorbei. Spontan beschloss er, seiner Frau einen kleinen Strauß mitzubringen, nicht zuletzt als Entschädigung für die unruhige Nacht. Jetzt fühlte er sich schon ein wenig besser, so, als könnte er damit einen Schlussstrich unter die Angelegenheit ziehen.

Als er den Blumenladen mit siebzehn weißen Rosen verließ, standen drei junge Männer und eine Frau am Ausgang, nicht besonders gepflegt, zwei gut durchtrainiert, aber alle offensichtlich nicht bei der Arbeit. Einer hatte einen Aufkleber auf seiner Jacke. Darauf stand: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Überfreundlich sagten sie im Chor: „Guten Morgen, Herr Landrat!“

Er war überrascht! Völlig überfordert von einem neuen, nie gekannten Gefühl! Er, der Mann mit steiler Karriere, der immer Herr der Lage war, seine gefeilten Reden frei und locker vortrug, ohne jede Nervosität, er wusste nicht, wie er reagieren sollte. War es normal, dass ihn Wildfremde auf diese Art grüßten? Oder war es vielleicht eine Provokation? Natürlich kannten ihn viele Menschen, die er wiederum nicht kannte. „Der auf der Bühne ist der bunte Hund, der im Publikum ist die graue Maus“, versuchte er sich zu beruhigen. „Ich bin vielleicht überempfindlich.“

Er ging weiter, ohne den Gruß zu erwidern. Kurz darauf hörte er die vier schallend lachen. Er fühlte sich, wie nach einer Prüfung, für die er fleißig gepaukt hatte, aber für die er keine Aussicht auf Erfolg sah. Hatten sie über ihn gelacht? Oder waren sie schon bei einem ganz anderen Thema? Sein Leben war zum Angst einflößenden Thriller geworden. Wer konnte ihm einen Ausweg aus diesem grausamen, unwirklichen Film zeigen?

Dielmeister beschloss, zur nächstbesten Polizeidienststelle zu gehen.

Mit seinem Rosenstrauß setzte er sich in den Wartebereich. Offenbar kannte man ihn hier nicht, denn er musste lange warten. Erst nach einer Dreiviertelstunde wurde er von einem jungen Uniformierten in akkuratem Haarschnitt aufgerufen. Er mochte vielleicht fünfundzwanzig gewesen sein. Seitlich am Hals hatte er sich so etwas wie Runen tätowieren lassen. ging es Dielmeister durch den Kopf. Zwei Sterne auf seinen Schulterklappen verrieten ihm, dass der Polizist schon ein paar Stufen auf der Karriereleiter emporgekommen sein musste.

„Polizeikommissar?“ Dielmeister wollte höflich einen Small Talk anfangen. Sehr geschickt war das nicht, denn er hatte eine Stufe zu niedrig getippt und damit möglicherweise den Stolz des Gegenübers gekränkt. Aber wohl auch sonst hätte der Polizist nicht freundlicher reagiert, vermutete er.

„Was kann ich für Sie tun?“ war die förmliche Antwort des Beamten.

„Ich hatte eine anonyme Mail mit Beleidigungen.“

„Sonst noch was?“

„Reicht das nicht?“

„Wie ist Ihr Name?“

„Dielmeister. Anton Friedrich Dielmeister.“

Zum ersten Mal erschien eine Art fröhliches Lächeln auf dem Gesicht des Beamten. Etwas schien ihn zu amüsieren. Der Polizist versuchte, sich das Lachen zu verkneifen.

„Kann man das auch abkürzen?“

Dielmeister war irritiert. Er ging nicht darauf ein.

„Ich möchte zur Anzeige bringen, dass ich beschimpft und beleidigt worden bin. Ich bin der Landrat dieses Landkreises. So etwas ist mir noch nie passiert.“

„Herr Dielmeier, – Landrat? Dann wissen Sie ja, dass es freie Meinungsäußerung in unserer Demokratie gibt. Kritik ist erlaubt. Auch wenn sie unangenehm ist. Der Bürger hat das Recht,…“

„Ich kenne die Rechte des Bürgers“, unterbrach ihn Dielmeister und bemühte sich, seine Erregung zu verbergen. „Außerdem heiße ich Dielmeister, mit „st“. Wenn jemand mit meinen Entscheidungen nicht zufrieden ist, kann er mit mir reden, face to face!“

„Das traut sich nun mal nicht jeder, lieber – Herr Dielmüller. Was waren das denn – für – so genannte – Beleidigungen?“ Der Polizist ließ sich sein auf der Zunge zergehen, gedehnt und betont, mit dem schon gezeigten Grinsen.

Jetzt reichte es dem Landrat: „Also, wissen Sie was? Bevor Sie mich als nächstes ‚Dielkemper‘ nennen und ich dann wegen Polizisten-Beleidigung angeklagt werde, weil ich die gleichen Ausdrücke benutze, die Sie in meiner Mail für freie Meinungsäußerung halten, verschwinde ich lieber! Danke für Ihre freundliche Hilfe!“

Mit einem Blutdruck von vermutlich hundertachtzig verließ er das Polizeipräsidium. Schnellen Schrittes passierte er einen jungen Mann, der am Ausgang des Präsidiums stand und ihn kurz am Ärmel festhielt:

„Herr Landrat! Zu Fuß? Sie fahren doch sicher auch Auto?“

Der Mann war muskulös und stinkfreundlich. Kam ihm diese Kombination nicht bekannt vor? Oder sah er überall nur noch Verdächtige? Was sollte die Frage nach dem Auto?

Als Dielmeister nach Hause kam, war er erschöpft. Beim Überreichen seiner Rosen versuchte er, einen feierlichen Eindruck zu machen. Es gelang ihm nicht.

Monika Dielmeister sah ihm an, dass er sein seelisches Gleichgewicht suchte: „Kann ich dir was Gutes tun?“

„Nein, einen Rotwein und die Zeitung kann ich mir selbst holen. Das schaffe ich noch, danke, Frau Dielbauer!“ Der Landrat gab sein Bestes, mit Galgenhumor das Erlebte zu verarbeiten.

Monika schaute ihn kurz verwundert an. Dann schmunzelte sie: „Solltest du heute Nacht neben einer Frau Dielbauer wach werden, kannst du ihr ruhig die Decke...



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