Becker | Verliebt und zugenäht! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Becker Verliebt und zugenäht!

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-08676-3
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-641-08676-3
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erst das Happy End, dann das Glück

Emma ist Ende zwanzig, Schneiderin und bisher vergeblich auf der Suche nach dem großen Glück. Wie dieses aussehen soll, weiß sie ganz genau: wie in den Liebesfilmen, die sie sich immer dann ansieht, wenn es das Schicksal mit ihr wieder einmal nicht so gut meint. Doch dann steht plötzlich Jo vor ihr. Und jetzt? Einfach zum Happy End vorspulen kann man im wahren Leben bekanntlich nicht. Da muss Emma wohl zu anderen Mitteln greifen…
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2

Der Regisseur und das Mädchen –

alles begann mit einem Brautkleid

Filmstudio

Innen/Tag

Wenn es die Liebe auf den ersten Blick wirklich gab, dann war sie das – ohne jeden Zweifel. Wie vom Donner gerührt und gleichzeitig vom Blitz getroffen, stand Emma am Rande der Szenerie und konnte die Augen nicht von dem faszinierenden Unbekannten abwenden. Nicht nur, wie er es schaffte, auf eine zugleich witzige und doch respekteinflößende Art seine Vorstellungen zu formulieren, beeindruckte sie. Seine strahlenden Augen blitzten so energiegeladen über dem verwegenen Dreitagebart, dass er an einen charismatischen Räuberhauptmann erinnerte.

In Sekundenschnelle glich sie gedanklich das Bild, das sich ihr bot, mit ihrer Männer-Wunschvorstellung ab. Gut aussehen sollte er … kreativ und selbstbewusst sein … kein Bübchen, sondern ein richtiger Mann. Bingo. Das war er. Eindeutig.

»Hervorrrragend«, beendete er gerade seine Ausführungen und rollte dabei das »R« wie ein knurrender Hund. Emma zuckte zusammen. So einen Mann wünschten sich bestimmt viele Frauen: kraftvoll, entschlossen und doch irgendwie weich. »So machen wir das.« Er war ganz in seinem Element, schien das Gefühlschaos der unfreiwilligen Braut gar nicht zu bemerken. Und der war plötzlich überhaupt nicht mehr daran gelegen, das Filmstudio möglichst schnell zu verlassen. Im Gegenteil.

Ja, ich will!, hätte sie am liebsten gerufen. Schließlich war die Konstellation mehr als schicksalhaft: beim ersten Zusammentreffen schon im Brautkleid und dazu auf dem (wenn auch nur Kulissen-) Standesamt – wenn das nichts zu bedeuten hatte! Glück im Unglück, vermutlich.

Emma sah sich schon an seiner Seite vor dem Altar stehen, während er ihr den Ring auf den Finger schob. Gerade als sie ernsthaft überlegte, ob ihm wohl Anzug, Frack oder Cut am besten stand, kam der Typ, dem Liftboy Alex vorhin so konspirativ ins Ohr geflüstert hatte, auf sie zu. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der attraktive Unbekannte seine Ansprache bereits beendet hatte und verschwunden war, wohin auch immer. Nun ja, weit konnte er zum Glück nicht sein – welch beruhigende Vorstellung. Irgendwie bekam man hier das Gefühl, in einem abgeschlossenen Kosmos zu sein, aus dem niemand ausbrechen konnte. Und Emma war extrem froh, im Moment dazuzugehören.

»Wer war denn der Mann gerade eben – der den Ablauf erklärt hat?« Vielleicht war es unpassend, gleich mit einer Frage ins Haus zu fallen, ohne das formale Einleitungsgeplänkel. Doch auf Etikette kam es jetzt wirklich nicht an.

»Das war Fürstberg, der Regisseur.« Der Typ wollte offensichtlich lieber doch plänkeln, als weitere Fragen zu beantworten, denn er wechselte zu Emmas Leidwesen sofort in den Gesprächston: »Hi, ich bin Basti, der Set-Aufnahmeleiter. Sabine, oder?«

Äh, nein. Umgehend war Emma wieder zurück in der Realität. Und das ausgerechnet hier im Filmstudio. Erst jetzt fragte sie sich, warum sie eigentlich in einem Hochzeitskleid in einer fast komplett dunklen Halle stand. Die naheliegende Antwort war »Versteckte Kamera«, danach wurden die Möglichkeiten ziemlich dürftig. Und wen meinte dieser Setleiter eigentlich mit »Sabine«?

Das Knacken seines Funkgerätes unterbrach rüde Emmas Gedankenchaos. »Ihr habt die falsche Braut«, rauschte es an der Hüfte des Aufnahmeleiters. »Ich hab euch die richtige reingeschickt.«

Basti nahm das schwarze Kästchen vor den Mund und antwortete ungehalten: »Aber die hier hat ein Brautkleid an.«

»Ja, aber … nur schnell … weil … machen müssen«, morste es zurück.

»Mann, Alex! Erst drücken, dann sprechen!«

Eine andere Stimme mischte sich in den Funkverkehr ein: »Basti, die Bräute müssen schnellstens beide wieder raus – wir brauchen die Klamotten.«

»Wenn das so einfach wär. Wo ist denn die zweite? Ich hab hier nur eine«, stellte Basti kopfschüttelnd fest und blickte so hilflos um sich wie Kate Winslet nach dem Untergang der Titanic.

Im selben Moment wusste Emma, dass sie diese Frage beantworten konnte, denn Regisseur Fürstberg kam mit einer aparten, zierlichen Frau um eine der Stellwände herumgeschlendert. Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und schien ihr die Szenerie zu erläutern, die er dem Team gerade so anschaulich auseinandergesetzt hatte. Die Frau hing ebenso fasziniert an seinen Lippen wie sie selbst vor einigen Minuten und nickte ab und zu ganz brav. Allerdings hatte er Emma vorhin überhaupt nicht beachtet, während er ihr seine ganze Aufmerksamkeit widmete.

Sie sah an sich hinunter. Das konnte doch nicht wahr sein, dass sie hier in einem Traum aus weißer Spitze und Tüll auftauchte und nicht einmal ein »Hallo« bekam, während diese Schauspielerin in Jeans und Mickey-Mouse-T-Shirt umgarnt wurde.

Doch das konnte sie ganz schnell ändern. Wenigstens das. Und vielleicht sah er sie dann endlich an.

Emma deutete dezent in Richtung des Paares und flüsterte Basti zu: »Sucht ihr zufällig die Frau da drüben?«

»Keine Ahnung, ich kenne die Darstellerin ja auch nicht. Aber das werden wir sofort klären.« Mit schnellen Schritten marschierte er quer durch die Kulissen-Amtsstube, die – vermutlich für die bevorstehende Trauung – inzwischen mit mehreren weiß-grünen Blumengestecken geschmückt war.

Auf seine Frage nickte die Mickey Mouse. Also war sie es. Kurz darauf deutete er in Emmas Richtung, und ihr war, als müsste ihr Herzklopfen sogar das allgemeine Summen noch übertönen. Trotzdem sah Fürstberg nicht einmal für eine Millisekunde zu ihr herüber. Stattdessen kamen jetzt Basti und die Schauspielerin eilig auf sie zu.

»Komm mit«, zischte er Emma zu, und schon waren er und die Mickey-Mouse-Dame an ihr vorbei in Richtung Ausgang unterwegs.

Enttäuscht sah Emma ein letztes Mal über die Schulter zum Regisseur, um vielleicht doch noch Blickkontakt aufnehmen zu können. Vergeblich. Dann packte Basti sie etwas rüde am Arm und zog sie mit sich.

»Kannst du mir bitte verraten, wie du an dieses Kleid gekommen bist?«, raunte der Aufnahmeleiter misstrauisch, während er Emma durch die vielen dunklen Gänge zurückbrachte. Erst jetzt wurde ihr klar, dass man sie offensichtlich des Diebstahls oder eines noch schlimmeren Deliktes verdächtigte. Da sie jedoch gleichzeitig auf am Boden liegende Kabel, die hohen Absätze und den üppigen Tüllrock achten musste, hob sie sich ihre Verteidigungsrede für später auf und konzentrierte sich zunächst auf einen möglichst unfallfreien Rückzug aus dem Labyrinth.

Kurz bevor sie die Eisentür nach draußen erreicht hatten, ertönte auf einmal die wohlklingende Stimme des Regisseurs direkt über ihr: »Lasst uns mal eine Probe machen. Wo ist denn die Braut jetzt wieder hin?«

Emma liefen gleich ein Dutzend Schauer über den Rücken. »Er« verlangte nach ihr! Hätte sie genau bestimmen können, woher die Worte tatsächlich kamen, sie wäre sofort zurückgelaufen. Über sämtliche Kabel hinweg, durch alle dunklen Winkel hindurch.

»Läuft«, schnarrte Basti in sein Walkie-Talkie, und Emma glaubte kurz, er hätte mit ihr gesprochen. Dann wurde sie durch die Tür auf den Gang hinausgeschoben.

Im ersten Moment war sie fast blind von dem doch um einiges helleren Licht außerhalb des Studios. Sie kniff die Augen zusammen und wurde gleich darauf schon wieder am Arm gepackt und den Flur entlanggezogen.

»Wo warst du denn?« Sanni wirkte ziemlich genervt. »Wir haben dich überall gesucht!«

»Dieser Lift… ähm … dieser Alex hat gesagt, ich soll sofort mitkommen.«

»Ach, der … der hat doch keine Ahnung, der ist ja nur Praktikant. Und das noch nicht mal lange. Der hat dich für die Schauspielerin gehalten.«

»Welche Schauspielerin?«

»Na, die Gastrolle, die heute das Hochzeitskleid tragen wird. Hoffentlich ist der Robe nichts passiert. Wenn du sie jetzt ruiniert hast mit deinem lustigen Ausflug ans Set …«

Emma konnte sich lebhaft vorstellen, was dann mit ihr geschehen würde. Das war mal wieder typisch. Innerhalb einer einzigen Stunde hatte sie es geschafft, von der allseits bejubelten Retterin in der Not zur geächteten Delinquentin abzusteigen. Von ihrem großherzigen Einspringen als Notfallmodel sprach keiner mehr. Und dafür hatte sie eine Standpauke der Stichsäge riskiert!

Während sie verzweifelt versuchte, mit Sanni Schritt zu halten, warf sie immer wieder schnelle Blicke auf den Rock und dessen Saum. Sie konnte keinerlei Schaden erkennen und sandte mehrere Stoßgebete zum Himmel, dass das auch für die Garderobieren galt. Im Kostümbüro angekommen, juchzten die Kolleginnen beim Anblick der beiden erneut auf. Diesmal allerdings deutlich angespannter als bei Emmas erstem Auftritt.

Die falsche Braut wurde kurzerhand in die Umkleidekabine verfrachtet, um der richtigen Braut, die genau genommen auch eine falsche war, endlich ihr rechtmäßiges Outfit zukommen zu lassen. Mit vereinten Kräften schälten mehrere Garderobieren Emma aus dem hautengen weißen Gewand und verschwanden eilig, um es der Schauspielerin anzuziehen. Schnell schlüpfte Emma wieder in ihre eigenen Klamotten und schickte sich an, den Ort des Geschehens nun endlich zu verlassen.

Beim Hinausgehen warf sie einen schnellen Blick auf die Mickey Mouse mit Namen Sabine, die von einer Horde Garderobieren umschwärmt vor den Spiegel getreten war wie eine Bienenkönigin mit ihren Arbeiterinnen. Mir stand das Kleid besser, dachte Emma mit einem kleinen Anflug von Genugtuung und verließ unauffällig den summenden Bienenstock, ohne dass eine der Frauen es...


Becker, Susanne
Susanne Becker, 1974 in Landshut geboren, studierte Germanistik und Kommunikationswissenschaft. Heute arbeitet sie als Requisiteurin für Film und Fernsehen. Susanne Becker lebt in München. Nach „Dann gute Nacht, Marie!“ ist "Verliebt und zugenäht!" ihr zweiter Roman.



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