E-Book, Deutsch, 454 Seiten
Becnel Das Herz der Lady
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96898-126-0
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 454 Seiten
ISBN: 978-3-96898-126-0
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rexanne Becnel ist gefeierte Autorin zahlreicher historischer Liebesromane. Während mehrerer Aufenthalte in Deutschland und England in ihrer Jugend begeisterte sie sich so sehr für mittelalterliche Geschichte, dass sie Architektur studierte und sich für den Denkmalschutz mittelalterlicher Gebäude einsetzt. In ihren Bestseller-Romanen haucht sie der Geschichte auf ganz andere Art neues Leben ein. Sie lebt glücklich verheiratet in New Orleans. Bei venusbooks erscheinen von Rexanne Becnel: »Die Sehnsucht des Lords« »Das Herz des Lords« »Das Verlangen des Ritters« »Der Pirat und die Lady« »Das wilde Herz des Ritters« »Ein ungezähmter Gentleman« »In den Armen des Edelmanns« »Rosecliff - Der Ritter und die zarte Lady« »Rosecliff - Der Ritter und die schöne Rächerin« »Rosecliff - Die Ritter und die stolze Geisel« Bei venusbooks erscheint außerdem der Sammelband »Gefangen«, der die drei Teile der Rosecliff-Saga in einem eBook vereint.
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Kapitel 1
England, Anno Domini 1156
Der dürre Rosenstrauch bestand mehr aus Dornen denn aus Blättern. Nicht eine einzige Knospe trug er und wirkte unendlich verloren in der kahlen Erde. Vielleicht war es wirklich ein abgestorbener Stock, die Mühe nicht wert, die auf ihn verwandt wurde. Aber für Lady Rosalynde war dieser armselige Strauch alles, was sie ihrem kleinen Bruder noch geben konnte.
Bleich und leer war ihr Gesicht, als sie auf dem Erdreich niederkniete. Sie achtete nicht auf den Schmutz, der ihren hellblauen Umhang verunzierte, als sie sich bemühte, ein ausreichend großes und tiefes Loch in die schwere schwarze Erde zu graben, um dann eine reichliche Gabe gut vermoderten Stallmists hineinzufüllen.
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Er hinterließ einen schwarzen Streifen auf der tränenüberströmten Wange, aber das störte sie nicht. Ein Schluchzer entrang sich ihrer Brust und ein zweiter, als sie den Strauch einsetzte. Sie weinte laut auf, als sie schließlich das Loch wieder mit Erde füllte. Mit erdverkrusteten Händen und schwarzen, eingerissenen Fingernägeln preßte sie das Erdreich um die Wurzeln fest. Dann erst kauerte sie sich nieder und starrte gedankenverloren auf das einsame, kleine Grab mit dem dornigen Rosenbusch und dem frischen Grabstein.
Hinter ihr stand ein junger Page, Cleve. Barhäuptig drehte er verlegen seine Kappe in den Händen und beobachtete seine Herrin. Zögernd wagte er sich schließlich mit einem Eimer voll Wasser, das er vom nahen Brunnen geholt hatte, näher.
»Soll ich ihn jetzt begießen, Milady?« fragte er leise. Rosalynde blickte zu ihm auf. Trotz ihrer tiefen Trauer sah sie doch, daß auch er vom Tod des jungen Giles erschüttert war. Aber er wehrte sich tapfer gegen dieTränen, als sie ihn traurig anlächelte. »Ich möchte es gern selbst tun.«
Er reichte ihr den Eimer ohne Widerrede, aber der besorgte Ausdruck auf dem sonst so frischen und heiteren Gesicht war Rosalynde nicht entgangen. Sie wußte, daß diese Situation für alle um sie herum sehr schwierig war. Man versuchte sie aufzuheitern, weil man nicht wußte, wie man sonst mit ihr umgehen sollte. Der Tod schien den Menschen immer unbequem zu sein. Als sie Lady Gwynne erzählt hatte, daß sie einen Rosenstrauch auf Giles Grab pflanzen wollte, war ihre arme Tante beinahe wieder in Tränen ausgebrochen. Aber sie hatte sich beherrscht, die Lippen fest aufeinandergepreßt und genickt. Auch Cleve hatte ihren Wunsch stillschweigend hingenommen. Aber jetzt, als sie den armseligen dürren Strauch vorsichtig mit Wasser begoß, überkam sie das Gefühl, daß diese Geste ihrem einzigen Bruder gegenüber vollkommen sinnlos war. Der Rosenstrauch änderte nichts. Nichts konnte das Vergangene ungeschehen machen. Sie drückte den leeren Eimer fest an sich. Giles war noch immer tot. Sie hatte ihn an das Fieber verloren, das seinen schwächlichen Körper in drei qualvollen Tagen ausgezehrt hatte. Giles war tot, trotz ihrer verzweifelten Versuche, ihn zu retten. Niemals hatte sie sich verlassener gefühlt. Zuerst ihre Mutter. Dann, aus Gründen der Vernunft, ihr Vater. Und nun auch noch Giles. Obwohl ihre Tante und ihr Onkel immer gut zu ihr gewesen waren, überkam sie jetzt das Gefühl, vollkommen allein auf der Welt zu sein.
Cleve bewegte sich. Unruhig drehte er die zerknautschte Kappe in seinen Händen. Rosalynde fühlte seine Traurigkeit und holte tief Luft.
»Der Strauch wird blühen, wenn seine Zeit kommt«, sagte sie leise zu ihrem eigenen und zu Cleves Trost. »Ich weiß, er sieht recht kümmerlich aus, aber wenn der Sommer vorüber ist ...« Ein letztes Mal schnürten ihr die Tränen die Kehle zu, und sie mußte den Blick von dem einsamen, kleinen Grab abwenden.
»Bitte, Milady, kommt jetzt mit mir. Erlaubt mir, Euch zu Lady Gwynne und Lord Odgen zurückzubringen. Eure Tante ist sehr besorgt und möchte, daß Ihr Euch ausruht.« Zögernd tat er einen Schritt auf die kleine, gebeugte Gestalt zu. »Hier gibt es nichts mehr zu tun. Laßt uns gehen.«
Er wich zurück, als sie ihm ihr bleiches, gequältes Gesicht zuwandte. Ihre Augen leuchteten noch mehr als sonst. Die goldgrüne Iris schimmerte hinter dem Schleier der Tränen.
»Nein, hier gibt es nichts mehr zu tun für mich.« Ihre Stimme war sanft und nachdenklich. Geistesabwesend rieb sie sich den Schmutz von den Händen. Es war, als ob der Gedanke, der sie seit einigen Tagen nicht mehr losgelassen hatte, an Klarheit gewann.
»Ich muß meinen kleinen Bruder jetzt nicht mehr pflegen. Es gibt keinen Grund mehr, noch länger auf Schloß Millwort zu bleiben, oder?« Sie seufzte und blickte auf die Hände. Mit Schrecken erkannte sie plötzlich, was nun zu tun war. »Giles bedarf keiner irdischen Hilfe mehr. Es ist Zeit, daß ich nach Hause zurückkehre.«
»Nach Hause?« Cleve trat auf das trauernde Mädchen zu. »Aber Milady, dies hier ist Euer Zuhause! Ihr braucht doch nicht fortzugehen. Lady Gwynne wäre gewiß untröstlich, Euch zu verlieren. Und außerdem – solange Euer Vater vom Tode des jungen Herrn ...«, er bekreuzigte sich, »noch nichts weiß, und nichts entscheiden kann, dürft ihr nicht an eine Abreise denken. Nein, keinesfalls!« wiederholte er streng.
Rosalynde strich sich eine Strähne ihres dunklen, mahagonifarbenen Haares aus der Stirn. »Und wer soll Lord Stanwood die Nachricht vom Tod seines Sohnes überbringen, wenn nicht ich? Ich, der er seinen einzigen männlichen Erben anvertraut hat?« Noch einmal fiel ihr Blick auf den kleinen Erdhügel und den dornigen Rosenstrauch. Obwohl sie noch sehr klein gewesen war, erinnerte sie sich der ernsten Abschiedsworte ihresVaters vor vielen Jahren, als er sie und den jüngeren Bruder in Millwort zurückgelassen hatte. Und er hatte diese Worte bei den wenigen Besuchen, die er ihnen in diesen langen acht Jahren abgestattet hatte, oft genug wiederholt. »Gib gut auf deinen Bruder acht«, hatte er sie ermahnt. »Gib gut auf ihn acht, meine kleine Rosalynde.«
Ungeachtet Giles’ schwacher Gesundheit hatte sie immer alles darangesetzt, dem väterlichen Wunsche nachzukommen. Sie hatte versagt. Wieder kamen ihr die Tränen und strömten unaufhaltsam über die blassen Wangen. Sie wußte nicht einmal, ob sie diesmal aus Kummer über ihren Bruder weinte oder vor der unerklärlichen Furcht, ihrem Vater unter die Augen zu treten. Dennoch wußte sie, daß sie sich dieser Aufgabe nicht entziehen konnte. Mit großen, trostlosen Augen starrte sie auf das Grab ihres Bruders. »Ich und kein anderer muß es tun. Ich muß meinem Vater sagen, daß sein Sohn und Erbe uns verlassen hat.«
Rosalynde blickte sich noch einmal in dem freundlichen, hellen Mädchenzimmer um, das in den vergangen Jahren ihr Reich gewesen war. Es war ihr viel mehr Heimat als das alte Schloß in Stanwood, in dem sie zur Welt gekommen war und wo sie die ersten elf Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Seit dem Tode ihrer Mutter waren Lady Gwynne und Lord Odgen ihre Zuflucht gewesen. Sie hatten ihre Herzen und ihr Haus einem verängstigten kleinen Mädchen und ihrem neugeborenen Bruder geöffnet. Als ihre Mutter im Kindbett gestorben war, schien es Rosalynde, als hätte sie beide Eltern verloren, denn der Vater war für sie zu einem gereizten, unberechenbaren Fremden geworden. Bald darauf, als der zarte Säugling reisefähig war, hatte man sie beide nach Schloß Millwort gebracht, damit sie dort aufwuchsen. Lady Gwynne hatte die Kinder ihrer Schwester mit offenen Armen aufgenommen und war ihnen in den kommenden Jahren Mutter gewesen, so gut sie es vermochte.
Giles hatte niemals andere Eltern als Lady Gwynne und Lord Odgen gekannt. Der schweigsame, finstere Fremde, der sie nur dreimal in all den Jahren besucht hatte, war kein Vater für ihn. Rosalynde jedoch hatte ihre leiblichen Eltern niemals vergessen. Jedesmal wartete sie voller Freude auf den Besuch desVaters, der dann jedoch stets herzzerreißend grausam verlief. Seine Zurückhaltung und der Abstand, den er zwischen sich und seinen Kindern aufrechterhielt, rissen jedesmal die alten Wunden auf. Das Gefühl derVerlassenheit ergriff dann wieder Besitz von ihr und machte sie blind für alles außer ihrem eigenen Schmerz.
Giles hatte das alles nie verstanden. Lady Gwynne aber hatte Rosalynde stets die Tränen getrocknet und sie getröstet. Sie könne, sagte sie dann, nicht erwarten, daß ein so mächtiger Ritter wie Sir Edward, Lord von Stanwood, Zärtlichkeit und Liebe zeige, wie sie es erwarte. Männer seien eben nicht so, hatte sie erklärt.
Aber Rosalynde hatte es besser gewußt. Sie erinnerte sich an einen Vater, der sie hoch in der Luft herumgewirbelt hatte, trotz der lachenden Proteste ihrer Mutter. Sie erinnerte sich an einen Vater, der ihr zwei Holzpferdchen geschnitzt hatte – einen Hengst und ein Stute. Das dazugehörige Fohlen hatte er ihr versprochen. Sie wußte noch ganz genau, wann er dieses Versprechen gegeben hatte: Ihre Mutter hatte oben in ihrem Gemach gelegen und darum gekämpft, einem Kind das Leben zu schenken, während Vater und Tochter unruhig und voll Sorge in der Halle unten gewartet hatten.
Während der nicht enden wollenden Stunden dieses Tages, dann des Abends und schließlich der Nacht hatte sich ihre Hoffnung zur Furcht und schließlich zu grauenhafter Angst gewandelt. Das Kind war endlich gekommen, so winzig und zart, daß niemand glaubte, es würde die Nacht überleben. Ihre Mutter jedoch, die schöne, strahlende Lady Anne, war einfach dahingangen. Kein Wort erreichte den Gemahl oder die Tochter. Keine Klagen oder Schmerzensschreie die Frauen, die sie betreuten. Leise und unbemerkt hatte sie die Erde verlassen. Zurück blieb eine drückende Düsternis, die wohl noch heute auf Stanwood lastete.
Rosalynde seufzte und rieb sich die brennenden Augen. Vielleicht...




