E-Book, Deutsch, 441 Seiten
Becnel Das Verlangen des Ritters
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-160-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 441 Seiten
ISBN: 978-3-96148-160-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rexanne Becnel ist gefeierte Autorin zahlreicher historischer Liebesromane. Während mehrerer Aufenthalte in Deutschland und England in ihrer Jugend begeisterte sie sich so sehr für mittelalterliche Geschichte, dass sie Architektur studierte und sich für den Denkmalschutz mittelalterlicher Gebäude einsetzt. In ihren Bestseller-Romanen haucht sie der Geschichte auf ganz andere Art neues Leben ein. Sie lebt glücklich verheiratet in New Orleans. Bei dotbooks erscheinen Rexanne Becnels Romane »Das Herz der Lady«, »Die Sehnsucht des Lords«, »Das Verlangen des Ritters« (auch als Sammelband erschienen), »Das Herz des Lords«, »Der Pirat und die Lady«, »Das wilde Herz des Ritters«, »Die Töchter von Sparrow Hill«, »In den Armen des Edelmanns«, »Rosecliff - Der Ritter und die zarte Lady«, »Rosecliff - Der Ritter und die schöne Rächerin« und »Rosecliff - Die Ritter und die stolze Geisel«. Bei dotbooks erscheint außerdem der Sammelband »Gefangen«, der die drei Teile der Rosecliff-Saga in einem eBook vereint.
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Kapitel 1
September 1273
Die Sonne tauchte den Schloßhof in goldenes Licht. Ihre Strahlen fingen sich im Staub, den die Ritter bei ihren Waffenübungen aufgewirbelt hatten. Wieder und wieder waren sie mit ihren Pferden über die trockene, gestampfte Erde geprescht, bis ihre Körper vor Schweiß glänzten und ihnen die Arme so schwer waren, daß sie sie kaum mehr heben konnten. Erst jetzt hatten sie mit ihren Waffenübungen aufgehört, erschöpft und doch befriedigt von ihrem Tagwerk.
Während Lady Lilliane of Orrick über den jetzt leeren Schloßhof schritt, glaubte sie fast, die Rufe der Männer noch immer hören zu können: ihre Siegesschreie, ihre Flüche bei einer Niederlage. Orrick hatte sich nicht verändert, man hätte fast glauben können, daß sie nicht zwei lange Jahre fort gewesen wäre. Und doch gab es Unterschiede zu früher, dachte sie, als sie auf die große Kastanie zuging, die im hinteren Teil des Schloßhofes Schatten spendete.
Die Männer waren nicht von ihrem Vater befehligt worden, denn er war nicht länger der kräftige, gesunde Mann ihrer Jugendjahre. Sir Aldis hatte Orricks Ritter unterwiesen. Ihre Schwester Odelia hatte ihn kurz vor Lillianes Abreise geheiratet, und obwohl ihr Vater seinem Schwiegersohn die Verwaltung des Schlosses noch nicht offiziell übertragen hatte, befürchtete Lilliane, daß es nur eine Frage der Zeit war.
Doch man mußte auch an den zukünftigen Gatten der jungen Tullia denken. Sie heiratete in vier Tagen Sir Santon, und es war gut möglich, daß dieser ebenfalls Ansprüche auf das Verwalteramt geltend machen würde. Und doch spürte Lilliane, daß ihr Vater keinen der beiden jungen Ritter wirklich schätzte. Aber schließlich hieß er die Männer, die seine Töchter für sich wählten, nur selten gut.
Zwei Frauen gingen gemessenen Schrittes auf die große Empfangshalle zu. Lilliane erkannte ihre Schwester Odelia, die andere hatte sie noch nie gesehen. Ein leichtes Stirnrunzeln zeigte sich auf ihrem sonst so heiteren Gesicht. Die Hochzeitsgäste, die aus weit entlegenen Ortschaften wie Farrelton kamen, waren bereits eingetroffen, und Odelia genoß den Ruhm, den die Rolle der Gastgeberin mit sich brachte. Sie war mehr als zufrieden,-daß sie die praktischen Vorbereitungen Lilliane überlassen konnte, während sie die Gäste unterhielt.
Zuerst war Lilliane durch Odelias kühle Haltung ihr gegenüber verletzt gewesen. Es war offensichtlich, daß weder Odelia noch ihr Mann Aldis sehr erfreut über ihre Rückkehr waren. Solange sie unverheiratet blieb, waren Aldis und Odelia die Erben von Orrick Castle. Aber wenn ihr Vater nun doch einen Mann für sie fand …
Lilliane lächelte bei diesem Gedanken spöttisch vor sich hin. Das Thema ihrer Ehe wollten weder sie selbst noch ihr Vater ansprechen. Tatsächlich waren sie ihm in den vergangenen Wochen beide sorgsam ausgewichen.
Sie seufzte, entschlossen, Odelias schlechte Laune zu ignorieren. Tullias erfreuter Willkommensgruß hatte sie mehr als entschädigt. Wenn ihre jüngere Schwester sie nicht in einem Brief verzweifelt uni Hilfe bei ihren Hochzeitsvorbereitungen gebeten hätte, wäre Lilliane in der Abtei von Burgram geblieben.
Und doch war sie froh darüber, heimgekehrt zu sein. Lilliane ließ ihren Blick langsam über den Schloßhof schweifen, sie nahm den vertrauten Anblick in sich auf und bemerkte jede kleine Veränderung. Orrick war etwas Besonderes, das mußte sie zugeben, als sie sich gegen den kräftigen Stamm des alten Baumes lehnte. All ihre Erinnerungen waren mit diesem Schloß eng verbunden, die guten wie die schlechten. Nicht ein Tag, den sie in der Abtei verbracht hatte, war vergangen, an dem ihre Gedanken nicht nach Orrick Castle gewandert waren.
Diesmal würde es noch schwerer als vor zwei Jahren sein, Orrick Castle wieder zu verlassen.
Von einem Fenster in der Empfangshalle beobachtete Lord Barton of Orrick, wie seine älteste Tochter die Hand an die Augen führte. Weinte sie etwa? Er beugte sich nach vorn, legte seine Hand auf den Mittelpfosten und blickte angestrengt in die Richtung seiner Tochter. Er beobachtete, wie sie sich aufrichtete und auf die Wirtschaftsgebäude zuging. Dann schlug er voller Enttäuschung auf die granitene Brüstung des Fensters.
»Was ist dir, Vater?«
Ohne seine Augen von der schlanken Gestalt im Hof abzuwenden, streckte Lord Barton den Arm aus, um Tullia zu sich heranzuziehen und liebevoll an sich zu drücken. Er küßte sie auf ihre sanfte Stirn.
Als sie ihn umarmte, erspähte sie Lilliane. »Sie wird nicht hierbleiben, nicht wahr?« fragte sie voller Wehmut.
»Es ist unwahrscheinlich.« Er seufzte. »Wenn ich sie nicht dazu zwinge.«
»Vielleicht solltest du das tun. Vielleicht wäre es das beste.«
»Es war ein Fehler, sie vor zwei Jahren gehen zu lassen.«
»Du meinst, du hättest zulassen sollen, daß sie Sir William heiratet?« Tullia blickte voller Überraschung zu ihrem Vater auf.
»Nein. Sir William war nicht der Richtige für sie. Ich meinte, daß ich es nicht hätte zulassen sollen, daß sie sich nach Burgram Abbey zurückzog. Sie hätte ihren Zorn auf mich nicht so lange am Leben erhalten können, wenn sie weiterhin hier gelebt hätte. Aber nun …«
»Sie ist nicht wütend auf dich«, antwortete Tullia ernst. »Wahrhaftig, das ist sie nicht.«
Er schnaubte nur ungläubig.
»Wenn es um Lilliane geht, bist du ebenso halsstarrig wie sie.« Tullia warf ihm aus ihren sanften braunen Augen einen anklagenden Blick zu. »Mein Gott, ganz offensichtlich seid ihr beiden einander so ähnlich, daß Ihr Euch endlos übereinander aufregen könnt.«
»Eine Tochter sollte ihrem Vater gehorchen.«
»Das tat sie«, erwiderte Tullia. »Sie hat William schließlich nicht geheiratet, nicht wahr?«
»Nein, aber sie ist fest entschlossen, niemals jemand anders zu heiraten. Schmachtet sie ihm immer noch hinterher?«
»Das glaube ich nicht«, antwortete Tullia nachdenklich. »Aber wir werden es bald wissen. Sir William und seine Gattin, Lady Verone, sind heute nachmittag angekommen. Odelia ist im Moment bei ihr. Lady Verone ist …« Sie zögerte. »Sie ist guter Hoffnung.«
»Guter Hoffnung? Und William hat zugelassen, daß sie in diesem Zustand eine solch lange Reise unternimmt?« Die buschigen Augenbrauen Lord Bartons zogen sich grimmig zusammen. »Ich hoffe, ich werde den Tag nicht bereuen, an dem ich William wieder nach Orrick eingeladen habe. Ich habe diesem Burschen noch nie über den Weg getraut. Er ist ein eitler Pfau. Ein Mann, der lieber um den leeren Thron König Edwards herumscharwenzelt, als sich um seine Ländereien und seine Vasallen zu kümmern. Ich wünsche nicht, daß er Lilliane allein trifft.«
»Du hast für niemanden ein freundliches Wort übrig«, tadelte ihn Tullia milde. »Du hast den armen William fortgeschickt, als er Lilliane den Hof machte. Und dabei hatte sie doch schon ein zerbrochenes Verlöbnis hinter sich. Und fast das gleiche hast du auch mit Sir Aldis gemacht, als er um Odelia warb.«
»Ich habe die Hochzeit schließlich doch gestattet, nicht wahr?« Sein Blick verfinsterte sich, aber die Umarmung, in der er sie hielt, wurde nur noch inniger. »Und jetzt lasse ich es zu, daß du diesen Knaben heiratest, diesen Santon.«
Tullia drückte ihr Gesicht an die breite Brust ihres Vaters und lächelte. »Ich liebe ihn. Und das ist auch der Grund, warum du deine Erlaubnis gegeben hast, nicht wahr? Du hast zugelassen, daß Odelia und ich die Männer heiraten, denen unser Herz gehört. Warum konntest du Lilliane nicht das gleiche erlauben?«
Beunruhigt tätschelte Lord Barton zärtlich ihren Kopf und ließ seinen Blick zur Nachmittagssonne emporschweifen, die sich über die Burg senkte und das fruchtbare Land rotgolden erglühen ließ.
Er war ein Mann der Tat, nicht der Worte. Er war ein Ritter. Obwohl er vielleicht häufig mit seinen Gefühlen zu kämpfen hatte und mit seinen Töchtern stritt, traf er seine Entscheidungen unweigerlich zum Wohle Orricks und der dort lebenden Menschen. Er konnte sein Mißtrauen William of Dearne gegenüber nicht in Worte fassen. Aber er war unerbittlich gewesen, als er diesem Mann die Hand seiner ältesten Tochter und das damit verbundene Eigentumsrecht an Orrick verweigerte. Und diese Entscheidung hatte eine Kluft zwischen Lilliane und ihm aufgerissen.
Aber er hatte die richtige Entscheidung getroffen, sagte er sich, als er Tullia in die große Halle führte. William war nicht der Richtige für seine Lily gewesen.
Die große Halle war mit Gästen und Dienern fast zum Bersten voll. Die gewölbte Decke hallte von Gelächter und Gesprächen wieder, als Lilliane am obersten Absatz der Haupttreppe stehenblieb, um die Menschen dort unten zu betrachten.
Alles war so, wie es sein sollte, dachte sie mit einem kleinen, befriedigten Lächeln. Ein großer Ochse und zwei mächtige Eber drehten sich bereits seit dem vorherigen Abend an den Spießen und wurden nun von den Dienern für das Mahl vorbereitet. Andere Diener liefen geschäftig hin und her, beladen mit Platten voller Fasane und Wachteln, Enten und Aalen. Große Terrinen mit Lauchsuppe und Körbe voller Brot wurden auf jeden Tisch gestellt, und Wein und Bier flossen in Strömen. Tabletts mit köstlichen Obstkuchen und Schüsseln mit geschmorten Birnen warteten in der Küche darauf, später serviert zu werden.
Lilliane konnte nicht verleugnen, daß sie stolz auf den Anblick war, der sich vor ihr entfaltete. Keine drei Wochen zuvor war sie entsetzt gewesen, als sie entdeckt hatte, in was für einem verwahrlosten Zustand die Halle war. Die beiden gewaltigen Feuerstellen waren schwarz vor verkrustetem Ruß gewesen und hatten Myriaden kleiner Kriechtiere beherbergt. Das große Wappen...




