E-Book, Deutsch, 423 Seiten
Becnel Die Sehnsucht des Lords
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96148-158-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 423 Seiten
ISBN: 978-3-96148-158-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rexanne Becnel ist gefeierte Autorin zahlreicher historischer Liebesromane. Während mehrerer Aufenthalte in Deutschland und England in ihrer Jugend begeisterte sie sich so sehr für mittelalterliche Geschichte, dass sie Architektur studierte und sich für den Denkmalschutz mittelalterlicher Gebäude einsetzt. In ihren Bestseller-Romanen haucht sie der Geschichte auf ganz andere Art neues Leben ein. Sie lebt glücklich verheiratet in New Orleans. Bei dotbooks erscheinen Rexanne Becnels Romane »Das Herz der Lady«, »Die Sehnsucht des Lords«, »Das Verlangen des Ritters« (auch als Sammelband erschienen), »Das Herz des Lords«, »Der Pirat und die Lady«, »Das wilde Herz des Ritters«, »Die Töchter von Sparrow Hill«, »In den Armen des Edelmanns«, »Rosecliff - Der Ritter und die zarte Lady«, »Rosecliff - Der Ritter und die schöne Rächerin« und »Rosecliff - Die Ritter und die stolze Geisel«. Bei dotbooks erscheint außerdem der Sammelband »Gefangen«, der die drei Teile der Rosecliff-Saga in einem eBook vereint.
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Kapitel 1
London, März 1829
Ivan Thornton hielt kurz inne, bevor er die Treppe hinaufstieg. Gleich würde es beginnen. Und richtig, ein Raunen ging durch die Menschenansammlung im Ballsaal – zuerst eine kurze Pause in den Gesprächen, dann setzte ein eifriges Tuscheln ein.
»Das ist Lord Westcott.«
»Der neue Graf von Westcott.«
»Westcotts Zigeunerbastard.«
Ivan brauchte die Worte nicht zu hören, um zu wissen, was gesagt wurde. Seit mehr als zwanzig Jahren mußte er sich das anhören, und Schlimmeres als das. Seit er als Siebenjähriger den Armen seiner Mutter entrissen worden war, hatte er gelernt, sich gegen seine Peiniger zur Wehr zu setzen. Und seither hatte er sich in einem ständigen Kampf befunden.
Doch er hatte inzwischen auch gelernt, daß es bessere Methoden gab, als sich mit Fäusten, Degen oder Pistolen für das zu rächen, was sie ihm angetan hatten, diese Esel, die sich für das Salz der Erde hielten.
Gelangweilt ließ er, ganz der reiche, junge Lord, seinen Blick nachlässig durch den Raum schweifen, wobei ihm nicht die kleinste Einzelheit entging. Die älteren Männer begannen bereits, sich zum Spielzimmer mit seinem unerschöpflichen Vorrat an Brandy und Zigarren zurückzuziehen. Die Matronen und Anstandsdamen säumten in Grüppchen den Rand des Ballsaals und hatten ein wachsames Auge auf ihre Schutzbefohlenen, während sie unermüdlich über Kleider, Frisuren, Geld oder Titel der Tänzer und Tänzerinnen schwatzten.
Auch die Objekte ihrer Wachsamkeit, unschuldige, weißgekleidete Mädchen, die in dieser Saison zum ersten Mal in der Gesellschaft erschienen, standen in kleinen Gruppen beieinander. Sie hatten ausgiebig gekichert, mit ihren Fächern gewedelt und mit den anwesenden Jünglingen geflirtet, doch nun starrten sie mit großen Augen auf Ivan.
Der bezwang den Wunsch, sie anzufauchen und die ganze Schar dummer Gänschen hilfesuchend in die Arme ihrer Mütter zu scheuchen.
Beherrsche dich. Endlich lag die Vergeltung in Reichweite. Er wollte sich nicht alles wegen einiger herausgeputzter, ungezogener Gören verderben. Bevor diese Saison vorüber war, würde jede von ihnen schmachtend zu seinen Füßen liegen. Jede Mutter und jeder Vater sollten danach lechzen, die eigene Familie mit dem Namen Westcott zu vereinen.
Und er würde endlich die Möglichkeit haben, sich an seiner herzlosen Großmutter zu rächen.
»Nun, Westcott, hättest du dir träumen lassen, daß du eines Tages der beachtetste Junggeselle von ganz London sein würdest?« Elliot Pierce gab Ivan einen kräftigen Stoß in die Rippen. »Los, Mann, laß dich vom Haushofmeister ankündigen! Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, wild zu spielen, viel zu trinken und mindestens zwei Hausmädchen zu verführen.«
Ohne zu antworten trat Ivan vor.
»Ivan Thornton, Graf von Westcott, Viscount Seaforth, Baron Turner«, rief der hochnäsige Bedienstete mit tönender Stimme.
Sogar die Diener verachten mich, dachte Ivan. Doch das machte ihm schon seit Jahren nichts mehr aus. Und inzwischen besaß er Titel und genügend Geld, um Herren und Diener nach seiner Pfeife tanzen zu lassen.
Er zupfte an seinen Manschetten und schritt dann fünf breite, teppichbedeckte Stufen hinab auf sein Schlachtfeld. Nach ihm wurden seine drei besten Freunde angekündigt. Seine einzigen Freunde.
Mister Elliot Pierce und Mister Giles Dameron wurden von der neugierigen Menge, die sich bei dieser Abendgesellschaft versammelt hatte, wenig beachtet. Als jedoch Mister Alexander Blackburns Name ausgerufen wurde, begann das Geraune von neuem.
Ein Bastard-Graf und ein Bastard-Prinz – der Graf im Besitz seiner Titel und unermeßlicher Reichtümer, der Prinz verleugnet und arm wie eine Kirchenmaus. Doch jedermann wußte, daß sich das schnell ändern konnte, wenn der König starb.
Man schloß, daß auch ihre beiden unbekannten Begleiter Bastarde sein mußten, denn alle kamen aus Burford Hall, der Schule, die überall unter dem Namen Bastard Hall geläufig war.
Ob man im Publikum erschreckt oder fasziniert war, abgestoßen von der zweifelhaften Herkunft des jungen Grafen oder angezogen von seinem Reichtum – über eines waren sich alle, die den Einzug der vier jungen Herren beobachteten, einig: Diese Saison würde nicht langweilig werden, o, nein, keinesfalls.
Davon war niemand so überzeugt wie Lady Antonia Thornton, Gräfinwitwe von Westcott, Großmutter des neuen Grafen und Urheberin der ganzen Geschichte.
Sie war noch lange nicht willens, ihre Pläne als fehlgeschlagen zu betrachten. Schließlich war Ivan vor drei Monaten zur Übernahme der Titel erschienen. Nachdem er die Schule in Burford Hall beendet hatte und zur weiteren Vervollkommnung seiner Bildung auf den Kontinent geschickt worden war, hatte er es strikt abgelehnt, die Titel seines Vaters anzunehmen, sollte dieser sterben. Doch er hatte sie angenommen, als es soweit war, genauso, wie Lady Antonia es vorausgesehen hatte. Wer hätte schließlich den Titeln und dem damit einhergehenden Reichtum widerstehen können? Diese Schlacht hatte sie für sich entschieden. Sie war der festen Überzeugung, auch die nächste gewinnen zu können, denn die begehrenswertesten jungen Damen, die in dieser Saison debütierten, waren hier zugegen. Ivan sollte heiraten, und zwar bald, denn sie wollte die Geburt ihres ersten Urenkels noch erleben. Erst dann wäre ihr Ziel erreicht.
»Das ist also der Junge«, sagte eine Stimme hinter ihr. Antonia wandte die Augen nicht von ihrem Enkel ab. »Du hast ihn früher schon gesehen, Laurence.«
»Ja, aber da war er noch viel jünger und zorniger. Damals wollte er lieber Straßenfeger werden, als das Familienerbe anzutreten, und ich muß sagen, daß ich ihm geglaubt habe.«
»Das ist zehn Jahre her. Jetzt ist er älter und klüger. Und sein Vater ist tot. Aber laß dich von seinem respektierlichen Aussehen nicht täuschen, das verdankt er lediglich den Talenten seines Schneiders und seines Barbiers – die er völlig übertrieben bezahlt, wie man mir sagte. Unter dieser hübschen Fassade schlägt das Herz eines zornigen Wilden.«
Laurence Caldridge, Graf von Dunleith, der vier Frauen und sechs Kinder überlebt hatte, betrachtete von der Seite Antonias ausgeprägtes Profil und verstand gar nichts. »Weshalb erkennst du ihn als Jeromes Sohn an, wenn du ihn für einen Wilden hältst? Warum hast du ihm den Titel überlassen? Du hättest ihn genausogut deinem Neffen …«
»Weil ich den Titel lieber bei einem Straßenfeger sähe als bei einem von Harolds stumpfsinnigen Abkömmlingen«, gab sie zurück. »Und das weißt du. Also hör auf, herumzustehen und mir unsinnige Ratschläge zu erteilen. Hol mir lieber ein Glas Punsch. – Oder nein, ich habe eine bessere Idee. Geh hin zu Ivan und führe ihn herum. Stell ihn der Gräfin Grayer, der Herzogin von Whetham und der Viscountess Talbert vor. Zusammen haben sie sieben Töchter, dazu Enkelinnen und Nichten, die allesamt keine schlechten Partien wären.«
Mit einer Handbewegung entließ sie ihren Freund. »Los, Laurence, stell ihn allen vor, die ihn noch nicht kennen. Ich werde inzwischen überlegen, wie ich in Zukunft am besten mit meinem sturen Enkelsohn verfahren werde.«
Brummend und kopfschüttelnd machte Laurence sich davon. Doch Antonia wußte, daß er tun würde, was sie ihm aufgetragen hatte. Bei ihrem Enkel konnte sie da allerdings nicht so sicher sein. Sie betrachtete ihn aus der Ferne und stellte wieder einmal fest, wie gut er aussah mit seinem rabenschwarzen Haar und der zigeunerhaft dunklen Haut. Und dazu besaß er die Keckheit, einen auffallenden Ohrring zu tragen.
In gewisser Weise konnte sie ihm ihre Bewunderung nicht versagen. Eines war sicher: Er besaß die Arroganz eines Grafen. Leider besaß er aber auch die unverhüllte Anziehungskraft, die der verabscheuungswürdigen Rasse seiner Mutter zu eigen war.
Antonia fragte sich, ob Ivan wohl zu ihr herüberkommen und sie begrüßen würde. Schließlich war sie seine einzige nähere Verwandte, die Frau, die ihn aus den Klauen der Heiden erlöst und ihm ein Geburtsrecht eingeräumt hatte, das keinen Vergleich im Königreich zu scheuen brauchte.
Sie beobachtete, wie er Laurence begrüßte – nicht übertrieben höflich, aber auch nicht unfreundlich. Sie studierte jede Nuance seines Benehmens, als er Lady Fordham vorgestellt wurde: wie er sich verbeugte, wie lang er ihre behandschuhte Hand in der seinen hielt und wie er mit ihr sprach. Als Lady Fordham über eine Bemerkung von Laurence lächelte, runzelte Ivan die Stirn. Er war mehr als gutaussehend, stellte Antonia fest. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie sehr er seinem Großvater ähnelte.
Bis auf die eisblauen Augen, die er von ihr hatte, hatte sie an dem Jungen bisher noch nie eine Familienähnlichkeit bemerkt. Er war für sie immer nur ein abscheulicher Zigeunerbengel gewesen. Doch nun weckte sein Lächeln, die Krümmung seines Mundes und das Blitzen seiner ebenmäßigen Zähne eine Erinnerung an ihren Mann Gerald. Dreißig Jahre war es nun her, daß er von ihr gegangen war. Seitdem hatte sie sich alleine um alles kümmern müssen, was mit Titel und Besitz der Westcotts zusammenhing. Wie er ihr fehlte! Ihr einziges Kind, Jerome, war geschäftlich völlig untauglich gewesen. Schlimmer, er hatte außer diesem Bastard nicht einmal einen Erben hinterlassen. Nun konnte sie nur noch beten, daß Ivan aufgrund der Erziehung, die sie ihm hatte zuteil werden lassen, seinen Verpflichtungen gewachsen war.
Als Laurence zurückkam, war Lady Westcott erschöpft vom angespannten Beobachten. Ivan tanzte gerade mit der jüngsten Tochter der Feltons, einem üppigen Rotschopf, recht hübsch, aber viel zu albern,, um eine Gräfin zu...




