E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Bedford Rückkehr nach Sanary
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99135-3
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman einer Jugend
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-492-99135-3
Verlag: Piper Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sybille Bedford, geboren 1911 in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gattin, wuchs in Deutschland, England, Italien und Frankreich auf. Als junges Mädchen lebte sie mit ihrer Mutter und deren zweitem Ehemann, einem Italiener, an der Côte d'Azur, dem Zufluchtsort für viele europäische Künstler und Intellektuelle der Zeit. Alle ihre Romane und Reiseerzählungen schöpfen aus ihrem reichen biographischen Hintergrund. Sybille Bedford hat außerdem viele Jahre als Gerichtsreporterin berühmten Prozessen beigewohnt und darüber für Esquire und Life berichtet. Sie starb 2006 in London.
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Italien
Die Zukunft, die sich mir so jäh präsentierte, bestand aus einem Haus in der Nähe von Florenz und einem Stiefvater. Allerdings nicht gleich, das wurde am Ende meiner Reise klar. Meine Mutter traf Entscheidungen oft impulsiv und nicht endgültig (sollte ich noch lernen). Als der Zug die Alpen am Brennerpass überquert hatte und langsam in den Septembermorgen hinunterfuhr, erblickte ich zum ersten Mal Himmel und Licht des Südens und begeisterte mich mit der wachen Freude eines Geschöpfs, das im Norden geboren ist und von dort kommt. Leider, leider stiegen wir etwa vierhundertfünfzig Kilometer vor Florenz aus, in dem Ferienort Cortina d’Ampezzo. So makellos italienisch der Name klang, so wenig war es der Ort. Die österreichische Provinz Trient war erst durch den Vertrag von Versailles zu Italien gekommen, wir befanden uns also nur politisch, nicht ethnografisch in diesem Land. In Cortina sollten wir in einem Hotel auf meine »Mamma« warten. »Wir«, das waren ich und die Letzte einer Reihe von Reisebegleiterinnen (Rechtsanwaltsgehilfinnen?, alles vergessen), ein junges Mädchen aus Berlin, nicht einmal doppelt so alt wie ich, das meine Mutter in einem anderen Hotel kennengelernt und eingespannt hatte, mich an der Grenze abzuholen. Sie hieß Doris. Meine Mutter tauchte am nächsten Tag auf und schien selbst nicht genau zu wissen, warum sie mich hatte holen lassen. Vielleicht doch ein wenig verfrüht, sagte sie. Ja, ja, ich heirate O. – das weißt du doch? – und lebe glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende in Florenz. Wenn vielleicht auch nicht schon ab nächster Woche. Ich würde es mir nämlich gern noch einmal überlegen.
O. war ein nicht unbekannter Maler, und sie sollten in einem Konsulat heiraten. Doris schilderte ihn als interessanten Mann: reif, weit gereist – in unseren Augen begehrenswerte Eigenschaften. Eine Bemerkung zu Doris, denn wir sollten sie in späteren Jahren, zu anderen Zeiten, wieder treffen: Sie war, wie sich herausstellte, der Prototyp einer verlorenen Generation, jener jungen Menschen, die in der Weimarer Republik aufwuchsen. Sie hatte sich erst kürzlich für die anglisierte Version ihres Namens Dorle entschieden, und offenbar gab es sogar schon, bevor Christopher Isherwood und die Seinen sich so für Berlin begeisterten, eine entsprechende Anglomanie (mehr noch Amerikomanie) unter den kosmopolitischen jungen Deutschen, diese wechselseitige sexuell-romantische Faszination.
Also Doris. Aus guter Familie, norddeutsch, aber nicht preußisch; niederer Adel mit Beamtentradition; zwei, drei eher bedeutungslose Literaten (ein Onkel, Großonkel), urban, kultiviert – Doris gehörte also mehr durch Herkunft und Beziehungen denn durch eigenes Zutun zur Kulturintelligenz. Ihre Mutter war jung an Tuberkulose gestorben, und Doris wuchs bei einer liebevollen, weltfremden Großmutter auf. Da auch ihr Vater tot war, im Ersten Weltkrieg gefallen, war das Geld knapp, und das wenige sollte auch schon bald in der gewaltigen Inflation verloren gehen, die über Deutschland hereinbrach und die Preise in die Billionen trieb. Als ich Doris kennenlernte, hatte die Großmutter ihre Berliner Wohnung schon in die Art Familienpension umgewandelt, in der die Gäste Freunde und die meisten Freunde Künstler und arbeitslose Schauspieler sind. Obwohl Doris noch sehr jung war, hatte sie sich um die eine oder andere Stelle bemüht, als Tippse für eine Literaturagentur und hin und wieder als Mannequin gearbeitet. Nun hoffte sie, zum Film zu kommen. In dem Sommer war sie als Sekretärin mit einem amerikanischen Drehbuchschreiber nach Italien gereist, was schief gegangen war, doch da sie noch ein wenig Geld besaß, blieb sie dort; meine Mutter hatte sich in einer ihrer Launen mit ihr angefreundet. Doris war, mit ihrem bleichen Gesicht, den riesigen Augen, der schmalen Figur und flachen Brust über die modischen Erfordernisse der Zeit hinaus spinnenhaft dünn. Sie redete über Partys, avantgardistische Filme und junge Männer, allesamt Dichter und Maler in spe. Für mich war sie eine neue Spezies und ein Puffer zwischen mir und meiner neu entdeckten Erziehungsberechtigten.
Von O. kamen immer wieder Telegramme. Meine Mutter reagierte nicht und erzählte auch uns nicht viel – es gebe nichts zu erklären, sagte sie. Sie lachte über sich, machte ein Spiel daraus, zierte sich (dachten wir). Doris fand die ungewisse Zukunft nicht weiter beunruhigend, ich sehr wohl. Ich konnte das Warten nicht ertragen – konnte es nie, werde es nie können – und war enttäuscht, dass ich nicht in das echte Italien kam. Dann spielte eines Tages Artur Schnabel bei einer Soiree in einer Villa, und meine Mutter, die abgrundtief unmusikalisch war, wurde eingeladen. Sie schien immer überall Leute zu kennen. Doris und ich amüsierten uns bei einer Nachtwanderung in den Weinbergen und labten uns an gestohlenen Trauben. (Wir waren zwar beide in vielerlei Hinsicht unserem Alter voraus, doch in anderer vermutlich sehr unreif.) Am nächsten Nachmittag suchte uns ein junger Mann im Hotel auf. Ach, du liebe Güte, sagte meine Mutter, Doktor Caligari, nehme ich an! Das kommt davon, wenn man eine Beethoven-Sonate bis zum Schluss anhört. Ihr solltet euch mit ihm treffen, den Jahren nach passt er besser zu euch. Also mussten wir im Salon des Hotels »Doktor Caligari« empfangen. Herein kam ein junger Mann, der blendend aussah und nicht das geringste Interesse an Doris, geschweige denn an mir zeigte. Als meine Mutter schließlich erschien, stahlen wir uns davon, und es gelang ihm, sie zum Abendessen auszuführen.
Obwohl der Besucher sehr jung und gut aussehend war, hatte er nichts Glattes oder Oberflächliches an sich; in einem anderen Zeitalter wäre man ihm auf einer Cinquecento-Piazza neben dem Schafott, niemals beim Tanztee begegnet. Elegant, melancholisch, nach außen hin ein wenig spöttisch und weich – in ein paar Jahren sollte er auf lange Zeit hinaus wie Tizians Mann mit dem Handschuh aussehen.
Eine Woche später sagte meine Mutter, sie werde ein paar Tage verreisen. Nach Florenz? Nein, nicht nach Florenz. Und ich sei doch gut hier aufgehoben, nicht wahr? Bei Doris. Natürlich. Keine weiteren Fragen; meine Mutter fuhr. Am nächsten Tag bekam Doris ein Telegramm mit einer Einladung zu Probeaufnahmen. Nein, sagten wir, die durfte sie nicht verpassen. Du bist doch hier gut aufgehoben, nicht wahr? Natürlich. War ich in gewisser Weise ja auch. Ich hatte ein eigenes Zimmer, meine Mutter hatte mir Bücher dagelassen, das Leben in einem Hotel war eine faszinierende Erfahrung. Das Essen fand ich köstlich (jeden Tag Mayonnaise, einerlei, worauf), die Angestellten waren über die Maßen freundlich; den Fragen der erwachsenen Gäste wich ich ebenso aus, wie ich ihre Einladungen ablehnte, mich zum Essen zu ihnen zu setzen. Ich aß an einem Einzeltisch, wurde von liebenswürdigen Kellnern bedient, die mir die Gerichte zum Begutachten brachten und von allem, was mir schmeckte, ein zweites oder drittes Mal auftaten. Ich machte Spaziergänge, schaute mir Schaufenster an. Es ging mir gut; und dennoch … Die Zeit verflog nicht gerade, und unterschwellig quälte mich eine Besorgnis, die ich nicht einmal in klare Gedanken zu fassen wagte: Würde sie zurückkommen? Würde überhaupt jemals jemand zu mir zurückkommen? Irgendwann kaufte ich mir eine italienische Grammatik und entdeckte, dass man sich mit Auswendiglernen und Aufsagen wunderbar ablenken kann.
Dann traf ein Telegramm ein (ständig trafen Telegramme ein; das Telefon spielte im damaligen Leben noch keine wirkliche Rolle), darin stand bleibe bis sonntag was dagegen. Es trug den Stempel Venedig. Sie kam zurück, allein, sie sah wunderschön aus (aber sie sah stets wunderschön aus). Du bist in Venedig gewesen, sagte ich. War es himmlisch? Es war himmlisch. Sie zeigte mir Fotos von sich, wie sie in einer Gondel lag. Wer hat das aufgenommen?, fragte ich, und sie schaute mich an und lachte. Doktor Caligari? (Darauf war ich ganz plötzlich von selbst gekommen.) Meine Mutter, offenbar zufrieden mit mir, lachte wieder: »Ach, nenn ihn nicht bei diesem albernen Namen.« Und ich lachte auch und sagte, ich wisse, es sei nur der Titel eines Films, und danach schien es, als sei das Eis zwischen uns ein wenig gebrochen und als würde das auch so bleiben.
* * *
Eine chaotische Zeit begann mit plötzlichen Reisen, neuen Orten, Warten. Wo fuhren wir hin und in welcher Reihenfolge? Wer ging weg, und wer kam zu uns? Wie lange blieb er oder wie lange blieben wir? Die Erinnerungen gehen durcheinander oder sind gar nicht mehr vorhanden. Alessandro, wie wir Tizians Mann mit Handschuh nun nannten, hatte sich in meine Mutter verliebt. Unsterblich. In dieser ersten Phase nahm sie es leicht. War amüsiert, geschmeichelt, euphorisch. Sie hatte sich bisher noch nie für einen Mann interessiert, der nicht gleichaltrig oder, noch lieber, älter war und der ihr nicht mindestens ebenbürtig in dem, was man in Ermangelung eines besseren Begriffs Weltgewandtheit nennen könnte. (Mein Vater bildete insofern eine Ausnahme, als sie sich von seiner exzentrischen Fassade hatte täuschen lassen.) Alessandro, erzählte sie mir, sei verstandesmäßig nicht weiter als ich. Das Ganze sei ohnehin eine Torheit und er viel zu jung. Ein Abstand von mehr, weit mehr, als fünfzehn Jahren. Es sei an ihr, die Sache sofort zu beenden. Nun, vielleicht nicht ganz sofort.
Alessandro tauchte wieder in Cortina auf. Meine Mutter schickte ihn weg. Ob es ihr schon schwerfiel? Dann gab sie nach; dann schickte sie ihn wieder fort. Die ganze Zeit stand ja auch das Problem ihrer Heirat mit O. im Raum. Die wäre natürlich ein Ausweg, sagte sie, komme aber nicht infrage, so viel sei sie O. schuldig. Da er ein...




