Bee | Lichtfängerin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 1300 mm x 205 mm

Bee Lichtfängerin

Mein langer Weg vom New Age nach Bethlehem
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-03848-502-5
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Mein langer Weg vom New Age nach Bethlehem

E-Book, Deutsch, 288 Seiten, Format (B × H): 1300 mm x 205 mm

ISBN: 978-3-03848-502-5
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zoë Bee ist eine Sucherin. Schon früh schlug ihr das Leben Risse ins Fundament, die sie immer wieder leerlaufen ließen. Unermüdlich war sie auf der Suche nach der Quelle des Lebens und nach innerem Frieden. Immer tiefer verirrte sie sich im Schamanismus und in esoterischen Irrlehren und wurde zu einem nimmersatten New-Age-Junkie. Heute weiß sie: Wer die Segel verkehrt setzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er am Schluss nicht am erwünschten Ort ankommt.
Diese Lebensgeschichte beschreibt sehr ehrlich eine jahrzehntelange Berg- und Talfahrt voller Hoffnung, Selbsttäuschung und immer tieferer Verzweiflung. Glücklicherweise fand Zoë Bee in der zweiten Lebenshälfte endlich den gesuchten Frieden. Von einer Seite, die sie bis dahin mehr als ablehnte.

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Kapitel 1


Mein Name ist Beigemüse


Strafe musste sein. In unserer Familie sowieso.

Das Beste am Hochzeitsbild der Eltern war die Linde. Unter ihr hatte man sich um ein wackelndes Bänkchen bemüht, damit die «Schande» nicht gleich auffiel: Papa konnte nur liegen oder sitzen, er war gelähmt. Er war ein Schönling im falschen Körper. Dunkle Locken, Dauerbräune, Charme à gogo …

Treu sein ist da hart, logisch, oder? Na ja, wer macht schon keine Fehler? Den Heimweg fand er jedenfalls immer wieder.

Doch an diesem Tag umklammerten sie sich an den Händen, als wenn sie gleich mit der Titanic untergehen und sich nie mehr loslassen wollten.

Die blasse Holde mit den Vergissmeinnicht-Augen war meine Mami. Sie war von Kopf bis Fuß in Tiefschwarz gekleidet. Und das bei ihrer Hochzeit. Sie hatte eine zarte Figur mit einem geschwollenen Bauch. Das sah unnatürlich aus. Was, noch eine Schande? Oder diesmal sogar eine Schandtat? Deshalb also das düstere Schwarz.

Pikantes Detail: Mami hatte ihr gequältes Dauer-Höflichkeitslächeln schon damals aufgesetzt.

Hinter dem Brautpaar standen die beiden Familien wie zwölf grimmig starre Akropolis-Säulen. Hofknecht Ernst war einer davon. Der Vater von Mami wollte mit diesem Tag nichts zu tun haben, dafür weinte ihre Mutter für mindestens zwei. Wen wundert’s, dass der Hochzeitstag unserer Eltern Platz eins auf unserer internen Tabu-Checkliste einnahm?

Auf keine dieser Fragen erhielten wir Antworten:

  • Wie habt ihr euch kennen gelernt?
  • Wieso habt ihr die Verlobung nicht aufgelöst, nachdem Papa an Kinderlähmung erkrankte?
  • Was geschah genau, als du an Kinderlähmung erkranktest?
  • War das nicht schrecklich für dich, so als begeisterter Bergsteiger und Velofahrer?
  • Was war diese «Eiserne Lunge», in der du wie in einem Sarg monatelang lagst und beatmet wurdest?
  • Wieso sagten dir die dich pflegenden Nonnen nie etwas anderes als: «Sei dir der Sterblichkeit bewusst!»?
  • Was ging in dir vor, als du nach über einem Jahr Klinik-Aufenthalt als Lahmer nach Hause zurückkehrtest?
  • Hattest du manchmal Selbstmordgedanken?
  • Hättet ihr auch geheiratet, wenn Mami nicht schwanger geworden wäre?

Es gab noch mehr Unverständliches, worüber nie gesprochen wurde. Beispielsweise ihr Leben zu dritt mit meinem ältesten Bruder in einer winzigen Kammer. Fünf Jahre lang lebten sie so. Nach drei Jahren kam das zweite Kind zur Welt, meine Schwester. Sie wurde für eine Zeit weggegeben, weil niemand sich um sie kümmern konnte.

Mami verdiente den Lebensunterhalt als Lehrerin, Papa lag im Bett. Nach der Geburt meiner Schwester war die Familienplanung meiner Eltern abgeschlossen: Mami verschenkte alles, Kleider, Windeln, Kinderwagen. Trotzdem trudelte mein zweiter Bruder ein. Wieder verschenkte sie alles. Diesmal 1 Und dann kam noch ich.

«Ihr beide seid mitten in der unfruchtbaren Phase gezeugt worden!», sagte Mami.

Sie habe viel geweint während der Schwangerschaft mit mir. Sie sei verzweifelt gewesen, habe nicht gewusst, wie sie auch das noch bewältigen könne.

«Warum hast du mich dann nicht abgetrieben?»

«So etwas kam für mich überhaupt nicht in Frage. Man findet immer eine Lösung.»

Ich kam am 30. Dezember 1954 zur Welt. Es war Donnerstag und neblig.

Meinem Vater half schließlich eine Sozialarbeiterin wieder «auf die Beine». Dank ihr erhielt er einen Job beim ehemaligen Arbeitgeber. Das Geld für Beinschienen, Gehhilfen und ein auf seine Möglichkeiten umgebautes Auto kratzten meine Eltern selbst zusammen. Papa war ehrgeizig und machte eine erstaunliche Karriere.

Mami arbeitete nach meiner Geburt weiter mit vollem Pensum, aber nach zwei Jahren konnte sie endlich zu Hause bleiben. Ihre größte Freude war, jetzt endlich wieder Zeit zum Malen zu haben, und schon bald fand die erste Bilderausstellung statt.

Im ausgebauten Dachstock richtete sie ihr Atelier ein. Wenn sie arbeitete, hing wie im Hotel ein Schild an der Tür: BITTE NICHT STÖREN! Bluteten Knie oder Herz und klopften wir trotzdem an, zeigte die normalerweise in sich Gekehrte, dass sie auch ganz anders kann.

Uns gegenüber wohnte ein alkoholkranker Mann mit seiner Frau. Er roch nach saurem Haferbrei. Ein grausiger Mensch. Immer wieder sollte ich seine Kaninchen anschauen gehen. Weshalb nur musste gerade ich ihn jeweils sturzbetrunken von der stinkenden Spelunke nach Hause bugsieren? Weshalb läutete seine Frau immer bei uns, und ich wurde dann zu diesem Monster geschickt? Ich hasste ihn.

Es gab noch einige Dinge, die ich nicht verstand und die mich verwirrten.

«Mami, die Haare meines Teddybären wachsen nach, ich muss sie schneiden!»

Nach ein paar Wochen und viel Rumgeschnippel dann der entsetzte Aufschrei:

«Mami, da kommt Sägemehl raus. Der Bär stirbt!»

Ich gestehe: Noch heute bin ich unschlüssig. Vielleicht war mein Bär doch ein wenig lebendig, und seine Haare wuchsen nach?

Ein weiteres Thema war das Wachstum. Ich gehörte zur kleineren Sorte, deshalb nannte man mich «Winzi» – von winzig. Ich liebte nur kleine Dinge, Tierkinder, Mäuse, Igel und natürlich Puppenmöbel.

«Mami, ich will zum Herrn Doktor, dass er mir eine Spritze gibt, damit ich klein bleibe.»

Ich fürchtete mich vor dem Wachsen, stellte mir vor, dass die Knochen dadurch zerbrechen und ich dann auch Beinschienen tragen muss wie Papa.

Ich weigerte mich, Pilze zu essen, denn das waren die Häuser der Zwerge. Wo sollten die hingehen, wenn ihr Haus plötzlich weg ist? Bis heute esse ich keine Pilze.

Ein weiterer Frust war das Schlaraffenland. Wir hatten eine Langspielplatte mit einem Ausschnitt des berühmten Bildes «Schlaraffenland» vom niederländischen Maler Pieter Bruegel. Wieso sagte Papa, es gebe kein Schlaraffenland, wenn es doch darauf abgebildet war? Verkehrte Welt.

Ich hasste alles Einengende. Kaum konnte ich eine Schere mit beiden Händen halten und gleichzeitig drücken, war es um die Pullover geschehen: In der Mitte vorn schnitt ich beim Halsausschnitt einen Schlitz rein und ebenso in die Bündchen an den Handgelenken. Nun waren die Pullis komfortabel. Mami schimpfte pro forma, denn ich glaube, sie war stolz auf ihre eigenwillige Tochter.

Die Eltern schenkten mir das Buch Da war ich sechs und konnte bereits lesen. Es avancierte zu meinem Lieblingsbuch.

Später ergänzte ich meine wichtigen Kommentare unter die Märchen: langweilig, für Zehnjährige, blöd, supergut. Und ich korrigierte selbstverständlich vermeintliche Fehler. So beim Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Da stand: «Das Blut floss ihm aus dem HALS, und er blieb tot liegen.» Ich korrigierte: «Das Blut floss ihm aus der NASE, und er blieb tot liegen.» Für mich war nur das logisch, denn seit wann gibt es ein Loch im Hals, bitteschön?!

Meine reiche Innenwelt war kaum mit dem Familienleben zusammenzubringen. Die Eltern hatten brutal harte Erziehungsmethoden. Gar nicht nett. Sie waren der Meinung, dass man Kindern den Willen brechen muss. Konkret bedeutete das, dass unsere Gefühle, Wünsche und überhaupt unsere Meinung nicht zählten. Sie befahlen, und wir hatten zu gehorchen.

Sie waren auch der Überzeugung, dass Kinder möglichst früh selbständig sein müssen. Ihr Motto: Verwöhnen verweichlicht die Kinder. Küssende Menschen wurden bespöttelt. Körperkontakt mit dem Vater gab es außer Ohrfeigen und Schlägen nicht.

Ich musste schwierige Aufgaben lösen. Ziel war Abhärtung. Eine ist mir speziell in Erinnerung geblieben:

Kaum konnte ich einigermaßen lesen, musste ich an einem Sonntag allein nach Zürich fahren und dort einen Brief einwerfen. Das Beweisstück war die abgestempelte Briefmarke. Alleine nahm ich den Bus bis zum Hauptbahnhof, musste den richtigen Zug finden, in Zürich aussteigen und einen Briefkasten finden. Dann den Brief einwerfen und alles wieder zurück. Die Eltern rieten, mich an eine ältere Frau vom gleichen Zugabteil zu heften. So war es dann auch. Es ist schlussendlich gut ausgegangen, aber ein Freudentag war das nicht.

Ich hatte viele Lieblingsmärchen. Noch etwas lieber als die andern hatte ich «Die kleine Meerjungfrau» und die «Sterntaler», später war es «Jorinde und Joringel».

Alle vier Kinder wurden genau gleich erzogen. Absolute Gleichberechtigung war das Motto, um Eifersucht zu vermeiden.

Neben Papa, an die Wand angelehnt, stand ein Holzstecken, er nannte ihn «Liebe». Jedes Mal, wenn wir uns bei Tisch unanständig benahmen und beispielsweise das Messer ableckten oder uns am Kopf kratzten, verpasste er uns einen saftigen Schlag mit dieser «Liebe». So ging das über Jahre. Mürbe Holzstecken wurden umgehend ersetzt.

Bis eines Tages der älteste Bruder den Stecken durchsägte und beide Teile akkurat genau aufeinanderstellte. Als Papa den Stecken wieder einmal schwungvoll packen wollte, hielt er nur einen Stummel in der Hand. Er war perplex, sagte kein Wort. Das war das Ende dieser Liebe aus dem Wald.

Wir wurden zwar nicht täglich, aber bestimmt an den Wochenenden geschlagen, wenn wir alle «vereint» waren. Es war unmöglich, mehrere Stunden zusammen zu sein, ohne dass Streit und Gezänk ausbrachen.

Papa schrie: «Kommt sofort hierher!»

Und zu Mami: «Hol den Teppichklopfer!»

Wir wussten, wie wir uns hinstellen mussten: dem Alter nach nebeneinander. Papa begann immer mit...


Bee, Zoë
ZOË BEE ist gelernte Modezeichnerin, Designerin und Kostümbildnerin. Später wurde sie noch Ernährungs-, Farb- und Modestilberaterin. Heute ist sie Präsidentin des Schweizerischen Fachverbands Farb- und Modestilberatung. Sie ist verheiratet, bildet sich in christlicher Trauma-Seelsorge weiter und engagiert sich ehrenamtlich für die Heilsarmee.



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