E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Beekmann Nox - Donner und Asche
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-98800-1
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Eine Ostfriesland-Romantasy
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-492-98800-1
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ayleen Beekmann wurde 1998 in Ostfriesland geboren und fand zwischen Disney-Filmen und Lego-Steinen schnell die Liebe zu Geschichten. Sie liest Bücher und schreibt selbst, seit sie das Alphabet beherrscht. Ihre jugendlichen Protagonisten schubst sie gerne in fantastische Abenteuer und lässt sie dabei über die Liebe stolpern. Wenn sie gerade nicht schreibt, hat sie wahrscheinlich eine große Tasse Tee in der Hand und plant ihren nächsten Kurztrip nach London.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Zuerst ist es nur ein vages Gefühl, ein Prickeln in meinem Nacken. Wie eine Warnung breitet es sich bis über meine Arme aus, als ich meinen Wagen auf dem Kiesparkplatz zum Stehen bringe. Schaudernd halte ich einen Moment inne.
Meine Schwester Sophie hingegen ist längst aus dem Auto gesprungen und in Richtung Deich gerannt, um das Meer mit ausgebreiteten Armen zu begrüßen. In ihrem Übereifer hat sie vergessen, die Beifahrertür wieder zu schließen, weshalb der Wind jetzt nicht nur ihr Jauchzen, sondern auch das Geschrei von Möwen zu mir herträgt. Frischsalzige Seeluft mischt sich unter den Geruch der Pizza auf dem Rücksitz und erinnert mich daran, warum wir hier sind.
Ich schließe für einen Moment die Augen und zwinge mich, das ungute Gefühl wieder zurückzudrängen. Immerhin ist es heute nicht das erste Mal, dass mich irgendein blöder Instinkt innehalten lässt – vollkommen unbegründet. Es ist, als hätte man mir für kritische Situationen einen kaputten Kompass verpasst, dessen wahrer Zweck es ist, mich zu beunruhigen. Was blöderweise funktioniert.
»Erde an Nika!«
Sophies Stimme direkt neben meinem Ohr lässt mich zusammenzucken. Blinzelnd drehe ich mich nach ihr um.
Sie hat die Fahrertür aufgerissen, und obwohl ihre Augen vor Freude und Abenteuerlust strahlen, kann ich die Skepsis in ihren zusammengeschobenen Brauen erkennen. »Kommst du, oder bist du da drinnen festgewachsen?«
Mit einem liebevollen Kopfschütteln löse ich den Sicherheitsgurt. Ich strecke mich über den Beifahrersitz, um die Tür zu schließen, bevor ich aus meinem Polo steige – im Gegensatz zu meiner Schwester allerdings mit den Pizzakartons in den Händen. Sofort reißt der Seewind an meinen Haaren und peitscht kupferrote Strähnen in mein Gesicht. Was aber nichts daran ändert, dass sich wie von selbst ein Lächeln auf meinen Lippen ausbreitet, sobald ich die salzige Luft auf meiner Haut spüren kann. Ich habe fast vergessen, wie schön das ist.
»Also«, sage ich mit einem Grinsen, »bereit für das Abenteuer?«
Auch Sophies Mundwinkel wandern in die Höhe. »Jederzeit.«
Keine von uns beiden weist die andere darauf hin, dass unser Ausflug an die Nordsee wohl kaum einem wirklichen Abenteuer gleichkommt. Wo sich in Sagen Hexen und Drachen tummeln, haben wir nur dicke Schals, unsere Pizzakartons und eine Küste, die dank der späten Uhrzeit so gut wie verlassen daliegt. Wenn man von den ganzen Möwen einmal absieht. Und statt eines prächtigen Ritters zu Pferd ist da nur ein Jogger, der mit seinem Labrador an uns vorbeiläuft, als wir oben auf dem Deich angekommen sind. Aber das ist nicht schlimm. Ganz im Gegenteil – Sophies Strahlen in diesem Moment bedeutet mir mehr als jedes echte Abenteuer dieser Erde.
Sie sieht jünger aus, so wie sie da steht, mit den von der Kälte geröteten Wangen und den mahagonifarbenen Haaren, die wild in alle Richtungen fliegen. Für einen Moment vergesse ich, dass sie morgen schon sechzehn wird, doch dann schnappt sie sich einen der Pizzakartons in meinen Händen, und der Augenblick ist vorbei. Natürlich wird sie morgen sechzehn – deshalb sind wir ja hier. Genau wie in jeder ihrer letzten acht Geburtstagsnächte, seit unsere Mutter anscheinend gemerkt hat, dass ihr zwei Töchter zu viel Verantwortung sind.
Lächelnd folge ich Sophie zu einer der Steinbänke, die genau dort stehen, wo die Pflastersteine dem Sand weichen, und lasse mich neben sie fallen. Kurz stelle ich die Pizza zur Seite und binde mir unter Sophies ungeduldigem Blick einen Dutt, der vermutlich eher wie ein Vogelnest aussieht. Dann ziehe ich den Pappkarton auf meinen Schoß und nehme mir ein Stück heraus. Wir prosten uns mit den Pizzaschnitten zu, als wären es Biergläser.
»Auf dich«, sage ich feierlich, aber Sophie hat sich bereits ihr Stück in den Mund gestopft und murmelt nur irgendetwas Unverständliches.
Eine Weile sitzen wir bloß da und essen. Irgendwann rutscht Sophie näher zu mir, um das vorletzte Stück meiner Pizza zu klauen.
»Hey!« Ich schlage spielerisch nach ihren Fingern, reiche ihr allerdings im nächsten Moment schon den ganzen Karton.
»Was denn?«, bringt sie zwischen zwei Bissen hervor und grinst mich an, was Entschuldigung genug ist. »Es ist immerhin meine Geburtstagsnacht.«
»Und ich kann trotzdem allein nach Hause fahren, wenn du mich nervst.« Bedeutungsvoll ziehe ich meinen Autoschlüssel aus der Tasche und klimpere damit herum, kann mir das Grinsen aber nicht verkneifen. »Also wäre ich an deiner Stelle lieber nett zu mir.«
Lachend stößt Sophie ihre Schulter gegen meine. Uns beiden ist klar, dass das niemals passieren würde. Mal ganz abgesehen davon, dass ich sie dafür ohnehin viel zu sehr lieb habe, ist es unsere Tradition, am Abend vor ihrem Geburtstag irgendetwas zu tun, das sie gerne macht. Ans Meer fahren zum Beispiel. Oder beim Muffins backen so viel Teig essen, bis uns schlecht wird und wir den Harry-Potter-Marathon quasi komatös erleben. Hauptsache, Sophie ist glücklich.
Deshalb steige ich jetzt auch nicht in mein Auto und fahre zurück nach Attenafehn, sondern schnappe mir die Pizzakartons und stopfe sie in den nächsten Mülleimer. Ich strecke meine Hand nach Sophies aus. »Komm, Zwerg. Dein Strandspaziergang wartet.«
Sie verschränkt ihre Finger mit meinen und lässt sich von mir auf die Füße ziehen. Ihre weißen Sneaker sinken so weit in den Boden, dass sich garantiert zwei Handvoll Sand in ihre Schuhe und Socken ergießen, um es sich später in ihrem Bett gemütlich zu machen. Aber das scheint Sophie gar nicht zu stören. Voller Energie zieht sie mich von den Bänken weg und hin zum Ufer. Die Wellen begrüßen uns mit einem reißenden Krachen, als teilten sie Sophies energische Wiedersehensfreude.
Als das Wasser um ihre Sohlen tanzt, macht sie einen Satz rückwärts und schlüpft nun doch aus ihren Sneakern, ihre Socken folgen dichtauf. Paps wird es ihr danken. Einen Moment lang steht Sophie etwas orientierungslos da, dann knotet sie die Schuhe an den Schnürsenkeln zusammen, stopft ihre Socken hinein und wirft sie sich über die Schulter. Mit einem beinahe schon stolzen Grinsen erwidert sie meinen Blick, ehe sie wieder ins Meer tapst – und quiekt.
»O Gott, ist das kalt!«
Ich lache und vergrabe meine Hände in den Taschen meiner Jacke. Sogar mit meinen Boots kommt es mir ziemlich kühl vor. Wie es ihr barfuß geht, will ich gar nicht wissen. »Es ist September – was hast du erwartet?«
Sie zieht eine Schnute, macht aber keine Anstalten, wieder aus dem Wasser zu kommen. Ganz im Gegenteil: Zielsicher überquert sie das kleine Stück Watt, das das wiederkommende Wasser noch übrig gelassen hat, und tänzelt auf die dunklen Steine, die aus dem Meer ragen wie ein naturgebauter Steg. Wasser quillt von beiden Seiten auf die Felsen und spielt um ihre Füße, ihre bunt lackierten Nägel leuchten wie eine Boje in einem Meer aus Schmutzigblau. Mit jedem Blinzeln kämpft sich die Flut weiter voran, schwappt um Sophies Knöchel.
»Mann, warum hab ich nicht im Sommer Geburtstag?«
»Weil du dann nicht Paps’ weltberühmte heiße Schokolade bekommen würdest?«, schlage ich vor, was meine Schwester mit einem Nicken quittiert.
»Das ist ein Argument«, murmelt sie und kämpft sich noch weiter auf die Steine vor. Schwunghaft dreht Sophie sich zu mir um und kommt ein paar Schritte zurück Richtung Ufer. »Komm her.« Sie macht eine halbherzige Handbewegung in Richtung der nass glänzenden Steine unter ihr. »Das macht Spaß.«
Lachend gehe ich über den matschigen Boden bis hin zu den Felsen. Als ich gerade dazu ansetze, zu Sophie zu tänzeln, schleicht sich wieder das ungute Gefühl in meine Glieder und bringt mich dazu innezuhalten. Mein Nacken ist trotz meines Schals eiskalt. Mit der Hand fahre ich darüber, aber das ändert nichts am Prickeln. Ich beiße die Zähne zusammen und schüttle den Kopf, aber auch das bewirkt nichts.
Als sich Sophies Kreischen im nächsten Moment mit dem der Möwen vermischt, weiß ich mit einem Mal, dass das ungute Gefühl doch mehr als ein kaputter Kompass ist.
Sophie rudert mit den Armen, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie unfreiwillig Bekanntschaft mit der Nordsee macht. Schneller, als ich überhaupt darüber nachdenken kann, stehe ich neben ihr, schnappe mir ihre Hände und lasse sie erst los, nachdem das Zittern in ihren Gliedern wieder verschwunden ist.
Sofort breitet sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. »Da bist du ja endlich.«
Ich brauche einen Moment, um ihre Worte richtig zu deuten. Als ich es verstanden habe, kostet es mich alles an Willenskraft, was ich aufbringen kann, Sophie nicht doch noch baden gehen zu lassen. Stattdessen verschränke ich die Arme vor der Brust und bemühe mich vergeblich, das Prickeln in meinem Nacken wieder zurückzudrängen. »Ist das dein Ernst? Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt!«
»Sorry! Aber du musst zugeben …« Ihre Mundwinkel wandern weiter in die Höhe, als sie ein paar Schritte rückwärts tanzt, direkt auf das Ende des Felspfades zu. »… es macht –«
Sie gerät ins Stolpern, doch dieses Mal falle ich nicht darauf rein. Denke ich zumindest. Für einen viel zu langen Moment. Als ich endlich realisiere, dass es jetzt kein blöder Scherz ist, schlägt ihr Körper an den Steinen vorbei schon auf dem Wasser auf. Bei meinem nächsten Herzschlag kann ich sie nicht mehr sehen. Scheiße!
Ich rufe Sophies Namen, aber natürlich antwortet sie nicht. Und während es um mich herum plötzlich still wird – viel zu still –, schrillen alle Alarmglocken in meinem Kopf, viel zu laut, um noch einen vernünftigen Gedanken fassen zu können.
Mein Blick huscht über den Strand, ich schreie um Hilfe, aber da ist keiner. Niemand,...




