Beer | Aber sie arbeiten doch | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Beer Aber sie arbeiten doch

Alphabet der linken Liebe zur Lohnarbeit
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-7677-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Alphabet der linken Liebe zur Lohnarbeit

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7504-7677-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lohnarbeit? Ja bitte. Wenn sie notwendig ist und gut bezahlt wird. Ist doch selbstverständlich? Nicht in Deutschland, auch nicht unter Linken. In Deutschland ist Lohnarbeit Selbstzweck, Erziehungsmaßnahme, eine Veranstaltung gegen soziale Isolation. Lohnarbeit ist zum Almosen für all die verkommen, die gebraucht werden wollen, weil man ihnen über Generationen einredete, dass nur die, die malochen, eine Daseinsberechtigung genießen.

Juliane Beer, geboren 1964, Kindheit und Jugend in Deutschland und England. Seit 1986 sesshaft in Berlin. Wirtschaftsübersetzerin, Autorin, aktiv in Initiativen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. 2016 bis 2019 Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen Berlin
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Zunächst: viele Fragen sowie ein paar Behauptungen

„Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit“*, sagte Kurt Tucholsky und bemängelte den Fleiß der GermanInnen im Weiteren als „unangenehme Angewohnheit“.

*Zitat, 1925 in der „Weltbühne“ unter Tucholskys Pseudonym Ignaz Wrobel erschienen

Doch hat sich Tucholsky alias Wrobel hier nicht missverständlich ausgedrückt? Arbeit ist das Heiligste der Deutschen? Das wirft Fragen auf.

Zum Beispiel die nach der Gleichberechtigung. Warum duldet man im Deutschland der gleichen Rechte für alle, dass reiche ErbInnen, reich Geborene oder LottogewinnerInnen, kurz Menschen, die sich aufgrund verschiedener Umstände nicht durch Lohnarbeit über Wasser halten müssen, aus dem heiligen Nationalbund ausgeschlossen werden?

Gerade links und linksliberal denkende Deutsche stürmen gegen jede auch nur vermutete Ausgrenzung sogleich auf die Straße, bewaffnet mit Demo-Transparent und Lautsprecher, und erwarten dies auch von ihren ZeitgenossInnen.

Wie kann es also sein, dass man zahllose MillionärInnen nicht am heiligen Akt des Mülltonnen-Ausleerens, Treppenaufgänge-Schrubbens, Toiletten-Putzens oder Chemieabfälle-Entsorgens teilhaben lässt und dennoch niemand eine Solidaritätskundgebung für die Ausgegrenzten organisiert?

Warum schließt man ErbInnen und LottogewinnerInnen vom verehrungswürdigen Vorsprechen bei einer Zeitarbeitsfirma zwecks Fürbitte, schmutzige Lohnarbeit für wenig Gehalt verrichten zu dürfen, aus? Heiligkeit beschreibt man auch als die Wesensart, die sich an der Reinheit erfreut und das Böse zurückweist. Haben Reiche es also nicht verdient, im Himmel zu landen, wenn es mit ihnen zu Ende ist? Gut, wer in der Hölle landet (was und wo immer diese sein mag) und wer im Himmel, werden wir auf Erden nicht erfahren. Sich mit diesem Punkt zu befassen, gar zu einer Erkenntnis gelangen zu wollen, darf somit als Verschwendung der Zeit, die man nach Meinung der Deutschen zum Lohnarbeiten nutzen sollte, bezeichnet werden.

Was wir uns aber fragen dürfen, weil es eine mögliche Antwort gibt: Ist Arbeit wirklich das Heiligste der Deutschen? Ist Arbeit beziehungsweise der Lohnarbeitsimperativ nicht vielmehr von jeher der Deutschen unheilbare Zwangsneurose, ihre schärfste Waffe und erfolgreichste Disziplinierungsmaßnahme? Ihr Synonym für Gehorsam?

Das revolutionäre Subjekt und die Linke

Der Sozialstaat ist eine postmoderne Gesellschaftsform; während der längsten Zeit in der Geschichte der Lohnarbeit gab es kein Sozialsystem und keine Erwerbslosenunterstützung, nicht einmal oder kaum Gesetze zum Schutz der Lohnarbeitenden.

In der Geschichte der Linken ab dem Zeitalter der Industrialisierung stellte der lohnarbeitende Mensch das revolutionäre Subjekt dar, das gegen die Herrschaft des Unrechts, des Geldes, des Kapitals aufstehen sollte (!), weil es musste, um nicht zu verelenden. Dass aus der Weltrevolution dennoch nichts wurde ist bekannt, ebenso, dass Lohnarbeitende nicht hungrig bleiben wollten, um nach Plan der Linken gegen die Herrschaft des Kapitals aufzustehen. Aufstieg und der damit verbundene höhere Lebensstandard und Konsum erschienen der LohnarbeiterInnenschaft attraktiver.

Heutzutage ist das revolutionäre Subjekt der nicht lohnarbeitende Mensch, denn der lohnarbeitende Mensch ist vieles, aber sicher nicht revolutionär. Der lohnarbeitende Mensch hält die bürgerliche Gesellschaft zusammen, von ihm wird Moral und Verantwortungsgefühl innerhalb der Logik des Systems verlangt, und im Gegensatz zu ArbeitskraftnehmerInnen (heutzutage bezeichnenderweise ArbeitgeberInnen genannt) liefert er ausnahmslos, sonst wäre er nicht länger Lohnarbeitender.

Der nicht lohnarbeitende Mensch aber ist subversiv; wären alle wie er, würde die kapitalistische Ordnung aus den Fugen geraten, weshalb seit der Industrialisierung das Ziel besteht, den lohnarbeitenden Mensch durch Maschinen zu ersetzen.

Der nicht lohnarbeitende Mensch ist jedoch ein tragisches subversives Subjekt, denn es genießt von Links über Konservativ bis hin zu Rechts weder Beifall noch Unterstützung. Nicht einmal untereinander können sich lohnarbeitslose subversive Subjekte gegenseitiger Solidarität sicher sein.

Die Linke behauptet, die herrschende kapitalistische Ordnung umkrempeln zu wollen und meint darüber hinaus, mit Lohnarbeitenden solidarisch zu sein - also mit denen, welche die kapitalistische Ordnung am Laufen halten.

Digitalisierung, Ausbau von künstlicher Intelligenz, Industrie 4.0 – in Zukunft werden zahllose Arbeitsschritte nicht mehr von Menschen verrichtet werden.

Die Linke hält an der Lohnarbeit fest, erklärt Lohnarbeitende noch immer zu revolutionären Subjekten, ist daran interessiert, dass sie fortfahren, Lohnarbeit zu verrichten, um somit das System zu stabilisieren, das Linke nach eigener Angabe stürzen wollen.

In absoluten Zahlen haben Menschen weltweit in den vergangenen Jahrzehnten von steigender Produktivität und Automatisierung profitiert. Gleichzeitig geht die sogenannte Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Durch Lohnarbeit wird kaum jemand (mehr) reich.

Die Linke würdigt das lohnarbeitende Individuum nicht, das lohnarbeitende Individuum soll Lohnarbeit verrichten und fertig; dafür, dass Lohnarbeit weiter zur Verfügung steht, will die Linke kämpfen.

Dafür sollen Lohnarbeitende die Linke würdigen beziehungsweise die Partei Die LINKE wählen.

Fachkräftemangel?

Fachkräftemangel ist ein deutsches Schlagwort der letzten Jahre.

Warum fehlen Menschen, die aufgrund einer entsprechenden Ausbildung fachlich kompetent sind, beziehungsweise warum fehlen junge Menschen, die sich ausbilden lassen wollen?

Beispiel Pflegebereich: Es findet sich kaum deutscher Nachwuchs. Die Arbeit ist hart, körperlich anstrengend, seelisch belastend und mies bezahlt.

Warum sollte eine junge Frau diesen Beruf erlernen wollen, nachdem sie zu Hause über Jahre miterlebte, dass die Rente der Großmutter, die als Altenpflegerin schuftete, nicht mal bis zum Monatsende reicht - die betagte Frau also nach Lohnarbeitsleben, zumeist gekoppelt an Haushaltspflichten und Kindererziehung bei einer sogenannten Tafel um Lebensmittel betteln muss? Bei der Bäckerin, Metzgerin, Friseurin und Verkäuferin sieht es nicht besser aus.

Viele, die in Deutschland dennoch eine Pflegeausbildung absolviert haben, suchen das Weite. Schon hinter der nächsten Landesgrenze geht es ihnen besser als zu Hause. In Deutschland hat eine Pflegekraft im Schnitt 13 PatientInnen zu betreuen. In der Schweiz dagegen nur 8, in den Niederlanden 6,9 und in den USA sogar nur 5,3 (Stand 2018, Quelle: Statista.com).

Besser bezahlt als in Deutschland wird in allen genannten Ländern ebenfalls.

Mögliche Lösungen, um dem Problem beizukommen, wären, die Löhne zu erhöhen, und zwar radikal und nicht nur bis zur Meuterei-Schutz-Grenze. Oder bestmögliche Lohnarbeitsbedingungen zu schaffen. Oder eine menschenwürdige Rente zu garantieren. Oder ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen (das bedeutet, dass jeder und jedem bedingungslos, also ohne Gegenleistung ein Einkommen ausgezahlt wird). Und es gäbe vermutlich noch viele weitere Möglichkeiten, relevante Lohnarbeit beziehungsweise die, die sie verrichten, zu würdigen. Der Phantasie sind schließlich auch keine Grenzen gesetzt, sobald es darum geht, Lohnkosten einzusparen oder Menschen zu unattraktiver Lohnarbeit zu zwingen.

Dazu ein paar Zahlen aus dem Jahr 2018: Bundesweit verdienten 4,14 Millionen Menschen – 19,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten – weniger als 2203 Euro brutto im Monat, wie aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linke-Bundestagsabgeordneten Susanne Ferschl hervorgeht. Bei 2203 Euro monatlich liegt die Niedriglohngrenze.

Seltsam, dass in einem Land, in dem „händeringend“ Fachkräfte gesucht werden, so mit fast 20 % der LohnarbeiterInnen umgegangen wird.

Noch einmal zurück zum deutschen Pflegelohnarbeitsmarkt. Was wird aktuell unternommen, um sicherzustellen, dass Deutschland das Personal nicht ausgeht?

Die Pflegeausbildung ist neuerdings kostenfrei, Löhne werden um ein paar Euro „angepasst“ und in Osteuropa werden Pflegeschulen errichtet.

Gesundheitsminister Spahn besuchte im Sommer 2019 mit einem Kamerateam eine solche und schien zufrieden. Dass Fachkräfte später in osteuropäischen Ländern fehlen, scheint er nicht als deutsches Problem anzusehen.

Und noch einmal zurück zu den sogenannten ausbildungsunfähigen Jugendlichen. Die Generation Hartz IV wird erwachsen. Es sind Menschen, die unter Umständen von klein auf an nichts anderes gewöhnt wurden, als an Verzicht, ungesunde Ernährung, Ausgrenzung in der Schule (weil zu Hause das Geld für zeitgemäße Kleidung, Freizeitaktivitäten und kulturelle Bildung fehlte) sowie an gesellschaftliche, politische und mediale Verachtung und Entwürdigung ihrer Eltern, die aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen erwerbslos wurden, erwerbsunfähig waren oder sich aber vergeblich um neue Lohnarbeit...



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