E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Beer Die Schwestern, der Weg und das Meer
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7481-6968-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman und Pilgerbericht über den spanischen Küstenweg von Donostia-San Sebastián bis Santiago de Compostela
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7481-6968-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Beer, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern war Standesbeamtin und lebt in der Nähe von Mainz. Als Rucksackpilgerin ist sie immer wieder in Deutschland und Spanien unterwegs. Ihr erster Pilgerroman "Eine Socke voller Liebe" ist ebenfalls bei BoD erschienen.
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Wiedersehen
So konnte es nicht weitergehen! Irgendwie musste sie sich aus dieser Lähmung befreien. Wahrscheinlich brauchte sie mehr Ablenkung. Dann würde es ihr schon gelingen. Sie musste sich einfach dazu zwingen!
Und das tat sie. Ab sofort joggte sie jeden Morgen eine halbe Stunde durch die Weinberge. Das Duschen danach ging schnell, und das Marmeladenbrot aß sie während des Anziehens. Mit dem Fahrrad fuhr sie in den kleinen Buchladen ihrer Freundin Karin, den sie seit mehr als zehn Jahren gemeinsam betrieben.
Wie in jedem Jahr kamen im Oktober, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, die Neuerscheinungen kistenweise. Sie war froh, wenn sie nach Feierabend allein im Laden sitzen und die Bücher etikettieren und einsortieren konnte. Allein im Buchladen war etwas anderes als allein zu Hause.
Sie klapperte die Grundschulen der Verbandsgemeinde ab und organisierte eine wöchentliche Vorlesestunde für die neuen Erstklässler. Sie ließ sich viel Zeit beim Auswählen der Bücher. Es war ihr wichtig, wenigstens einige der Kinder für das Lesen zu begeistern.
Karin staunte nicht schlecht und freute sich, dass Sophie an diesen Nachmittagen aufblühte.
Ihren freien Dienstagnachmittag verbrachte sie mit den Enkelkindern.
Außerdem meldete sie sich bei der Volkshochschule in Mainz zu einem Spanischkurs an. Es kostete sie viel Überwindung, nicht mit dem Fahrrad oder Zug, sondern mit dem Auto zu den wöchentlichen Unterrichtsstunden zu fahren.
Abends fiel sie todmüde ins Bett.
Manchmal ließ ein immer wiederkehrender Traum sie trotzdem nicht zur Ruhe kommen.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich schwach, ohnmächtig und furchtbar allein. An solchen Tagen nutzten die besten Vorsätze nichts. Ohne Martin war sie einfach nur ein halber Mensch, fühlte sich wie amputiert. Ihr fehlte seine Energie.
Nach einer verregneten Woche ohne Lauftraining gab sie das tägliche Joggen wieder auf und beschränkte es auf ihre freien Tage.
Vor den Weihnachtsferien saß sie zum letzten Mal im Spanischkurs. Erstens gab es keinen Grund für sie, spanisch zu lernen und zweitens hatte sie weder Zeit noch Lust, Vokabeln zu pauken. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, als sie sich angemeldet hatte? Martin war tot und allein würde sie nicht nach Spanien fahren. Ja, vor einem Jahr hätte sie einen Grund gehabt. Aber da Martin die spanische Sprache perfekt beherrschte, hatte sie für sich keine Notwendigkeit gesehen. Er hätte alles Nötige mit den Einheimischen geklärt – für sie beide. Da wäre sie mit ihren paar Vokabeln sowieso nicht zu Wort gekommen. Sie hätte sich nur blamiert.
So war es doch immer gewesen. In jedem Urlaub, den sie in Spanien verbracht hatten und auch bei ihrer Wanderung von Porto nach Santiago de Compostela. Vor vier Jahren waren sie diese zweihundertvierzig Kilometer gemeinsam gelaufen. Sie hatte sich anstecken lassen von seiner Begeisterung für das Pilgern auf dem Jakobsweg. Wehmütig dachte sie an die zwei Wochen, in denen sie nebeneinander, den Rucksack auf dem Rücken, von Pilgerherberge zu Pilgerherberge gewandert waren.
Zwei Jahre zuvor war Martin allein über achthundert Kilometer auf dem Camino Francés gepilgert. Grund hierfür war sein Burnout gewesen. Als er nach fünf Wochen zurückkam, war er die Gelassenheit in Person. Ausgeglichen und glücklich.
Leider war er viel zu schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen. Sie wusste nicht einmal, ob es an seinem Pflichtbewusstsein oder seinem Ehrgeiz lag, dass er sich ständig überforderte. Er hatte einen Hang zum Perfektionismus und immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter. Er kümmerte sich um alles und jeden. Keiner konnte und wusste über die Dinge so gut Bescheid wie er. Er wollte gar nicht, dass ihm jemand „das Wasser reichen konnte“. Weder zu Hause noch in der Firma.
Ja, mein Lieber, so warst du. Es war nicht immer einfach mit uns beiden. Wenn ich anderer Meinung war als du, hast du das als Angriff oder Vorwurf empfunden. Ich musste sie immer ganz geschickt verpacken, meine Ansichten! Am besten so, dass du sie dann als deine eigenen annehmen konntest. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ach Schatz, du fehlst mir so sehr! Auch deine Macken, für die ich dich früher manchmal gerne auf den Mond geschossen hätte.
Am dritten Adventswochenende reiste sie mit dem Zug nach Hamburg und besuchte ihre Tochter. Anna erwartete sie bereits am Bahnsteig. Ein eisiger Wind blies ihnen ins Gesicht, als sie das Bahnhofsgebäude verließen und zur U-Bahn-Station gingen.
„Schön, dass du dir Zeit für mich genommen hast“, sagte Sophie und zog ihren Koffer hinter sich her. Mit dem anderen Arm hängte sie sich bei ihrer Tochter ein.
„Ja, ich freu mich auch. In meiner Wohnung wartet übrigens jemand auf dich!“
„Hast du einen neuen Freund?“
„Nein! Den könnte ich momentan auch nicht gebrauchen. Stell dir vor, unser Architekturbüro nimmt an einem Wettbewerb zum Neubau eines Freizeitbades in Mainz teil. Ich werde gemeinsammit einem Kollegen Vorschläge erarbeiten.“
„Super! Sehe ich dich dann öfter?“
„Vielleicht. Auf jeden Fall komme ich über die Feiertage zu dir, wie versprochen.“
„Ja, darauf freue ich mich.“
Auf dem Bahnsteig warteten viele Menschen auf die U-Bahn in Richtung Schanzenviertel. Gestresste Hausfrauen, bepackt mit Einkaufstüten und Weihnachtspaketen, Berufstätige und Studenten, die ständig über ihr iPhone wischten. Sie alle strebten nach Hause, dem Wochenende entgegen.
Mitten im Gewühl entdeckte sie einen großen, grauhaarigen Mann. Sie kannte seine Körperhaltung. Ihr Herz klopfte. Martin? Er drehte sich um. Nein! Natürlich nicht!
Als der Zug hielt, begann das übliche Schubsen und Drängeln. Sekunden nur bis zur Abfahrt. Eine Viertelstunde ungewollte menschliche Nähe bis zur Ankunft. Nikotin, Alkohol, Schweiß, Knoblauch, Mundgeruch. Ekelhaft! Sie hasste diese Tuchfühlung mit Unbekannten. Es gab bestimmt genug Mitfahrer, die nicht stanken. Aber die standen heute nicht in ihrer Nähe.
Annas Wohnung befand sich in einem der renovierten alten Häuser, dritter Stock, im Schanzenviertel. Im Erdgeschoss war eine spanische Tapasbar. Sophie mochte diesen kunterbunten Hamburger Stadtteil sehr. Die vielen spanischen, griechischen und italienischen Lokale luden zum genüsslichen Verweilen ein, vor allem in den Sommermonaten, wenn das Leben sich draußen auf den Gassen abspielte. Jetzt waren die Straßen und Häuser weihnachtlich geschmückt. Das hässliche Graffiti-Geschmier an einigen Wänden verblasste zwischen Tannenbäumen und Kerzenschein.
„Bin gespannt, wer mich jetzt erwartet“, sagte sie und stieg die frisch gebohnerten Treppenstufen hinauf.
Anna schloss die Wohnungstür auf. Ein angenehmer Bratenduft kam ihnen entgegen.
„Hm, das riecht aber lecker!“ Sophie sog die Luft ein. „Ich hab einen Riesenhunger!“
„Das trifft sich ja guhuhut!“, tönte ein fröhlicher Singsang aus der Küche.
„Manu???“ Sophie ließ ihren Koffer fallen und eilte durch den Korridor.
Als sie ihre Schwester am Herd stehen sah, blieb sie eine Sekunde lang unschlüssig in der Tür stehen.
„Hallo, Schwesterchen!“
Sie musterte Manu von oben bis unten. Ihre langen, schlanken Beine steckten in einer engen Jeans, die Farben der modischen Bluse spiegelten sich in ihren dunkelbraunen Augen wieder.
„Gut siehst du aus! Die kurzen Haare stehen dir.“
„Tja, man tut was man kann“, lachte Manu selbstgefällig, legte den Rührlöffel beiseite und nahm ihre Schwester fest in die Arme. Sie beugte sich dabei etwas zu demonstrativ nach unten, fand Sophie. Wie immer!
„Ich freue mich auch, dich endlich mal wieder zu sehen!“, erwiderte sie wahrheitsgemäß und ignorierte Manus Frage, ob sie bereits geschrumpft sei.
„Na, die Überraschung ist uns gelungen, oder?“, freute sich Anna.
„Das kannst du wohl sagen!“ Sophie drückte ihrer Tochter den Wintermantel in die Hand. „Hängst du den bitte auf?“
Manu machte sich wieder an den Kochtöpfen zu schaffen. Sophie runzelte die Stirn. „Ich überlege gerade, wann wir uns zum letzten Mal gesehen haben. War das bei Mamas Beerdigung?“
„Ja!...




