Beerwald | Die Muse des Teufelsgeigers | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Beerwald Die Muse des Teufelsgeigers

Historischer Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3628-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3628-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Sie sind meine Muse. Sie sind die Muse des Teufelsgeigers.' 

Wien, 1828: Bei ihrer Heirat mit dem Geigenbauer Paul von Sawicki hatte Sophie auf ein glückliches Leben gehofft, doch ihr Mann ist dem Alkohol verfallen. So arbeitet sie an seiner Stelle in der Werkstatt und kümmert sich um die beiden Kinder. Da taucht plötzlich der berüchtigte Violinist Paganini bei ihr auf und beauftragt sie mit der Reparatur seiner Guarneri del Gesù. Schon bald erkennt Sophie jedoch, dass der Teufelsgeiger eine Anziehung auf sie ausübt, der sie nicht entfliehen kann ... 



Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, hat sich bislang mit über zwanzig erfolgreichen Büchern, darunter historische Romane und Sylt-Erlebnisführer, einen Namen gemacht. Sie ist Preisträgerin des NordMordAward und des Samiel Award, zudem standen einige ihrer Titel auf der Shortlist des LovelyBooks Community Award, des größten deutschsprachigen Leserpreises. 2008 wanderte sie mit zwei Koffern und vielen Ideen im Gepäck auf die Insel Sylt aus.
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Prolog


Italien, 1876

Sechsunddreißig Jahre nach Paganinis Tod

Die Vollmondnacht war wie geschaffen für ihren Plan. Nur der Nachtwächter war in den engen Gassen von Genua unterwegs und sorgte für Ruhe – von ihm durfte sie sich nicht erwischen lassen.

Auf altersmüden Beinen ging Sophie über das im Mondschein glänzende Kopfsteinpflaster des Hafenviertels, in dem sie die Neigung jedes Steins auswendig kannte. Nie hätte sie geglaubt, dass sie ihre geliebte Heimatstadt Wien verlassen und in diese heruntergekommene Hafenstadt ziehen würde, und doch hatte sie ihre zweite Lebenshälfte hier verbracht – weil sie ihrem Herzen gefolgt war.

Der Glanz der alten Zeiten mit seinem florierenden Hafen, den reichen Adelsfamilien und den schmucken Stadtpalästen war längst verblasst, verwahrloste Häuser standen dicht an dicht, manche mit winzigen Vorgärten hinter rostigen Eisentoren. Nur zwei Straßen in der gesamten Stadt waren überhaupt breit genug, dass eine Kutsche hindurchfahren konnte, diese Straßen lagen jedoch erst kurz vor ihrem Ziel, dem Palazzo Doria Tursi.

Manch einer, der sie womöglich aus einem Fenster heraus beobachtete, mochte den Kopf über sie schütteln. Eine alte Frau, nachts, auf unebenem Pflaster – doch ihr war kein Weg zu weit. Sechsundachtzig Jahre alt hatte sie werden müssen, bis sich ihr endlich diese Möglichkeit bot, inneren Frieden zu finden.

Im Zwielicht könnte ein Beobachter auf den ersten Blick annehmen, sie hätte einen Gehstock bei sich, aber dafür war dieser zu dünn, zu kurz und viel zu wertvoll, denn es war Paganinis Geigenbogen.

Vor sechsunddreißig Jahren war sie von Wien zunächst nach Nizza gereist, um sich an seinem Sterbebett von ihrem Geliebten zu verabschieden. Paganini hatte ihr diesen Geigenbogen zum Geschenk gemacht und einen letzten Wunsch an sie gerichtet: Er wollte in seiner Heimatstadt Genua beigesetzt werden, und sie sollte zu diesem Anlass ein letztes Mal auf seiner Geige spielen, die bislang außer ihm niemand in die Hand nehmen durfte. Danach sollte sein geliebtes Instrument, mit dem er seine Seele verbunden fühlte, nie wieder erklingen und stattdessen im Museum seiner Heimatstadt ausgestellt werden.

Es war alles anders gekommen. Ganz anders.

Erst gestern war ihr Geliebter in Parma, zwei Tagesreisen von Genua entfernt, in geweihter Erde bestattet worden – sechsunddreißig Jahre nachdem er gestorben war. Ja, fast vier Jahrzehnte hatte Paganini keine Ruhe gefunden – und das alles nur wegen dieses unseligen Priesters Caffarelli, der Paganini die letzte Beichte abgenommen hatte. Angeblich habe sich der Todgeweihte zum Teufel bekannt – eine Unwahrheit, denn Sophie wusste, dass Paganini damals aufgrund seiner Kehlkopftuberkulose kein Wort mehr hervorgebracht hatte und zu schwach gewesen war, um einen Stift zu halten.

Der Priester hatte jedoch darauf beharrt, dass es so gewesen sei, führte als Beweis an, dass man Paganini während seines fünfmonatigen Aufenthalts in Nizza nicht ein einziges Mal in der Kirche gesehen habe, und ließ auch den Einwand nicht gelten, dass der Kranke das Bett doch gar nicht mehr habe verlassen können.

Sophie seufzte tief. Mit all ihren sachlichen Widerlegungen hatte sie nichts gegen den Priester ausrichten können, dem es nach eigener Aussage in einem Akt göttlicher Gnade gelungen war, im letzten Moment den Satan zum Sprechen zu bringen, der sich vor allen Zeugen geschickt verborgen gehalten habe, und somit durfte mit Paganinis Leiche kein geweihter Boden beschmutzt werden. Auch auf privatem Grund wurde ein Begräbnis verweigert. Der Fall war sogar bis zum Papst vorgedrungen, der die Sache mit der Bitte um Prüfung an den Erzbischof von Turin weitergeleitet hatte, der daraufhin mit den kirchlichen Würdenträgern aus Nizza und Genua zusammengekommen war und sämtliche Zeugen anhörte. Es blieb bei dem kirchlichen Urteil: Kein christliches Begräbnis für einen Satansspross.

Und so kam es, dass Paganinis Sohn Achille von seinem vierzehnten Lebensjahr an mit einem Zinksarg an seiner Seite leben musste, in dem sich die einbalsamierte Leiche seines Vaters befand – und damit nicht genug. Achille hatte eine wahre Odyssee hinter sich gebracht, denn Schaulustige waren über Jahrzehnte hinweg auf den Nervenkitzel aus gewesen, einen Toten zu sehen, der mit dem Satan im Bunde gestanden hatte, und ließen nicht locker, ehe sie den Sarg in seinem Versteck aufgestöbert hatten.

Deshalb hatte Achille den Sarg an immer neue geheime Orte bringen müssen, bis die Kirche endlich ihr gnädiges Einverständnis gegeben hatte, dass Paganini beerdigt werden durfte. Ihr gottverdammtes Einverständnis. Anders konnte man das nicht bezeichnen, dachte Sophie bitter.

Nie hätte sie geglaubt, dass sie eines Tages so über die Kirche denken würde, aber was sollte man davon halten, dass Achille nach zahlreichen vergeblichen Eingaben anlässlich seines fünfzigsten Geburtstags erneut einen letzten verzweifelten Versuch unternommen und bei der Kirche anfragt hatte, ob es nach sechsunddreißig Jahren der Irrfahrt nicht genug sei, ob sein Vater nun endlich seine letzte Ruhe finden dürfe, und die Antwort so schnell wie überraschend gekommen war: Rom könne das Urteil aufheben, allerdings nur, wenn ein eindeutiges Zeichen der Reue des Verstorbenen vorgelegt werden könne. Da man sich der damit verbundenen Schwierigkeiten durchaus bewusst sei, so hieß es in dem Schreiben, würde man es als ein entsprechendes Zeichen werten, wenn eine Summe in Höhe der gesamten Honorare, die sich der Teufelsgeiger nachweislich mithilfe des Satans erspielt hatte, an die Kirche gespendet würde.

Über die Jahrzehnte mürbe geworden, hatte Achille ein Vermögen an die Kirchenkasse überwiesen. Trotzdem dauerte es ein weiteres Jahr, bis er den Bescheid erhielt, dass sein Vater nun beerdigt werden dürfe, sogar mit kirchlichem Segen nach katholischem Ritus, aber doch bitte aus Rücksicht auf die Gläubigen im kleinsten Kreis und in aller Stille, was selbstredend am besten nachts zu geschehen habe. Und so war es geschehen – ohne dass es Sophie möglich gewesen war, die Geige zu spielen, denn sie war lediglich im Besitz des Bogens.

Im Fackelschein war sie gestern dem Leichenzug gefolgt. Am Grab durfte jeder durch die Glasscheibe im Sarg einen letzten Blick auf Paganini werfen, dessen Leichnam gleich nach dem Tod konserviert worden war.

Sein Gesicht sah aus, als ob es aus Gips wäre, doch es war immer noch von schwarzen lockigen Haaren umrahmt, und es schien, als schliefe er einfach nur. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, dass ihr Geliebter so lebendig wirken würde. Sie hatte sich vorgestellt, dass alles nur ein böser Traum gewesen war, dass er aufwachen und sie anlächeln würde, und eine Welle des Schmerzes hatte sie übermannt.

Wie gern hätte sie ein letztes Mal seine Hand gehalten und ihn um Verzeihung dafür gebeten, dass sie ihm seinen letzten Wunsch nicht hatte erfüllen können, denn seine geliebte Geige ruhte seit Jahrzehnten ganz nach Paganinis testamentarischem Wunsch im Palazzo Doria Tursi und wurde dort wie ein Schatz gehütet.

Achille hatte die Geige erst nach der Beerdigung ins Museum geben wollen, da er ahnte, dass er das Instrument andernfalls nicht mehr in die Hände bekommen würde. Wie recht er mit dieser Einschätzung gehabt hatte. Doch elf Jahre nach dem Tod seines Vaters, nachdem immer noch keine Bestattungserlaubnis erteilt worden war, hatte er dem berechtigten Drängen des Museums auf Erfüllung des Testaments nachgegeben, und so hatte Paganinis Geige, die Guarneri del Gesù, ihren Platz im Museum erhalten.

Es war der neuen Museumsleiterin nicht zu verdenken, dass sie den riskanten Transport des kostbaren Stücks über zwei Tagesreisen mit der Kutsche bis nach Parma zum Grab Paganinis verweigert hatte. Zudem hatte sie argumentiert, dass Paganini nicht schriftlich festgelegt habe, dass die Geige auf seiner Beerdigung ein letztes Mal gespielt werden solle – da könne ja jeder kommen und so etwas behaupten.

Wohl wahr, dachte Sophie resigniert, und natürlich hätte Paganini eine sechsunddreißig Jahre andauernde Odyssee in seinem Testament berücksichtigen müssen.

Auf Sophies Drängen hin war die resolute Frau plötzlich handzahm geworden und hatte ihr zugesichert, die Geige auf...



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