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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Ehepaar Schmälzle

Beerwald Krabbencocktail

Sylt Krimi
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-325-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Sylt Krimi

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Ehepaar Schmälzle

ISBN: 978-3-96041-325-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein locker-heiterer Krimi von der Perle der Nordsee. Für das schwäbische Rentner-Ehepaar Frieda und Ernst Schmälzle hat sich der Traum von einem Leben auf Sylt erfüllt - nach einer aufregenden ersten Saison ziehen sie nun als Dauercamper auf den Tinnumer Campingplatz. Doch dann wird mitten im Wahlkampf die kleine Tochter des Westerländer Bürgermeisters entführt. Aus der Traum von der Inselidylle! Die Schmälzles stellen die Insel mit ihrem Bulli und Dackel Gustav auf der Suche nach dem Mädchen ordentlich auf den Kopf.

Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, wanderte vor zehn Jahren mit zwei Koffern und vielen kriminellen Ideen im Gepäck auf die Insel Sylt aus und lebt dort seither als freie Autorin. Seitdem sind neun erfolgreiche Romane und drei Erlebnisführer erschienen. Sie ist Preisträgerin des Nord-MordAward und des Samiel Award.
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EINS

»Des glaubd doch dr Guggugg ned, Frieda! Camping im Winter, wie kann man nur so blöd sein wie wir zwei?«

»Du hast eben keinen Sinn für Romantik, Ernst.« Nach fünfundvierzig Ehejahren und vierundvierzig vergessenen Hochzeitstagen konnte Frieda sich dieses Urteil erlauben. Außerdem hatte ihr Ernst während dieser Zeit mehr Macken ausgebildet als das rote Autoblech ihres ebenso alten T1, der von ihm mehr gehegt und gepflegt wurde als ihr Eheleben. Und trotzdem– oder gerade deshalb– liebte sie ihn.

»Doch, Frieda, ich habe Sinn für Romantik. Für Eisenbahnromantik vor dem Fernseher. Das kann ich stundenlang anschauen– in meinen kuschelig warmen vier Wänden. Mauerwänden.«

Ihre Rede. Sie hätte es schon wissen müssen, als sie sich damals beim Tanztee Hals über Kopf in diesen stattlichen Mann mit den Terence-Hill-Augen, ihren Ernst, verliebt hatte– obwohl der erste nähere Kontakt sein Fuß auf ihrem gewesen war. Damals hatte sie ein Sommerkleidchen und Sandalen angehabt, heute trug sie drei Wollpullover übereinander und wünschte sich Moonboots an die Füße.

Letzteres würde sie jedoch niemals zugeben, denn ihr Mann würde den verschneiten Tinnumer Campingplatz sogleich fluchtartig verlassen. Jedoch nur ihr zuliebe, logisch. Es als Erster vorzuschlagen würde gegen seine Ehre gehen. Weil ein Mann niemals fror. Schon gar nicht mehr als sie. Bevor er nicht komplett zum Eiszapfen erstarrt wäre, würde er keinen Piep sagen– und dann wäre es zu spät dazu.

Natürlich wäre ihr ein Leben im mollig warmen Reetdachhäusle ebenfalls lieber, schön gemütlich in eine Decke gehüllt vor dem Kamin sitzen, ein gutes Buch und eine Tasse Tee in der Hand– ihre Ersparnisse hatten jedoch nur für ein Wohnwagendach über dem Kopf gereicht.

Es war ihr gemeinsamer Traum gewesen, zur Rente auf Sylt zu leben, und diesen Traum hatten sie im vergangenen Sommer wahr gemacht, indem sie ihr Reihenendhäusle in Bopfingen der jüngsten Tochter überlassen hatten und mit Spätzlepresse und Dackel Gustav auf den Kampener Campingplatz gezogen waren. Ein Hauch von Luxus wehte schließlich überall, auch zwischen Chemietoilette und Gemeinschaftsdusche. Selbst im Inselwinter, oder etwa nicht?

Zum Saisonende hatten sie ihren Wohnwagen denn auch frohgemut von Kampen auf den ganzjährig geöffneten Campingplatz Südhörn im Herzen der Insel nach Tinnum gezogen. Mit vier Sternen dekoriert, konnte auch im Winter nicht viel schiefgehen– dachten sie.

Gemäßigtes Inselklima, warmer Golfstrom, globale Erderwärmung. Diese Stichworte hätte sie dem deutschen Wetterdienst in der nördlichsten Station Deutschlands gern um die Ohren gehauen. Das scheiterte allerdings daran, dass sie auf den vereisten Straßen nicht bis nach List gelangen würden. Und das, obwohl es erst Ende November war.

Die Streusalzvorräte der Straßenmeisterei waren aufgebraucht, auch vom Festland kam kein Nachschub, und Syltfunk meldete allen Gehwegräumwilligen, dass dies der kälteste Winterbeginn seit acht Jahren sei und darum nicht nur das Streugut, sondern auch die Schneeschaufeln inselweit ausverkauft seien.

Ihr Mann setzte seine Brille, Modell Stubenfliege, auf und starrte fassungslos auf das digitale Thermometer im Wohnwagen. Sie konnte die Anzeige von der Küchenzeile aus ohne Brille lesen. Außen fünf Grad minus, innen fünfzehn Grad plus. Immerhin.

»In unserem Wohnwagen wäre es etwas wärmer, wenn uns nicht die Gasleitung zugefroren wäre«, gab sie vorsichtig zu und schlug mit dem Schneebesen weiter den halb flüssigen Spätzleteig, bis sich üppige Luftblasen bildeten.

Zwar hatte sie nun kein Gas mehr zum Kochen, die körperliche Anstrengung erzeugte jedoch Wärme und täuschte über ihre zitternden Finger hinweg. Zudem musste sie nachdenken, und das konnte sie am besten beim Spätzleteigschlagen machen.

»Frieda, Gasleitungen können nicht vereisen. Unsere Wasserleitung ist zugefroren– weil die Heizung nicht richtig funktioniert.«

»Siehst du, sag ich doch. Wir brauchen also nur eine neue Gasflasche, dann haben wir es wieder kuschelig warm hier drin.« In ihrem Uralt-Wohnwagen, außen türkisgelbgrün und innen mit einer Ausstattung, die auf einen farbenblinden Designer schließen ließ.

Als ihr Ernst ihr im Sommer diesen Wohnwagen präsentiert hatte– Baujahr 1978, das Geburtsjahr ihrer ersten Tochter, um ihr den heimlichen Kauf des Wagens und somit die Überraschung oder besser gesagt den Schreck ihres Lebens schönzureden–, hatte sie sich nicht entscheiden können, ob sie den Innenausstatter oder ihren Mann erschießen sollte.

»Wir haben für den Winter doch das Duo Control.«

»Deo Control?« Sie ließ den Schneebesen in der Schüssel ruhen. »Wozu brauchen wir Deo für Gasflaschen?«

»Duo, hör mir doch zu, Frieda. Eine Zweiflaschen-Umschaltanlage, dieses praktische Teil aus der Bibel, Umschaltventil und Gasdruckregler in einem.«

Ihr Mann und seine Bibel. Jetzt konnte sie sich wieder erinnern, wie er in seinem fünfhundertvierzigseitigen Einkaufsparadies für Campingbedarf aufgeregt auf dieses handtellergroße Ding gezeigt hatte, das automatisch die zweite Gasflasche in Betrieb nahm, sobald die erste leer war.

»Vielleicht liegt’s ja daran, dass dieses Duodeo-Ding im Sonderangebot war?«

»Es war Sommer, als ich es gekauft habe. Und die Anzeige sagt, dass die Betriebsflasche voll ist.«

»Dann wird die Anzeige defekt sein.«

»Ach, Frieda, so eine Gasflasche muss man nur anheben, dann merkt man doch am Gewicht, wie voll sie noch ist.«

»Ach ja? Darf ich dich daran erinnern, dass du gestern, als ich dich um einen Liter Milch für den Milchreis gebeten habe, mit dem ungeöffneten Tetrapak in der Hand den Messbecher gesucht hast?«

»Musst du mir immer alles zweimal aufs Brot schmieren?«, fragte er, während er seinen Werkzeugkoffer aus dem Vorzelt holte.

»Vielleicht liegt es daran, dass ich dir seit über vierzig Jahren das Brot schmieren muss, um schlimmere Unfälle zu verhindern«, rief sie ihm hinterher.

»Du kannst nicht behaupten, dass ich zwei linke Hände habe«, beschwerte er sich halbherzig, als er wieder zurück in den Wohnwagen kam. »Zumindest, was Technik anbelangt, und ich werde schon herausfinden, warum es in unserem Schätzchen nicht mehr richtig warm wird.« Bewaffnet mit Schraubendreher und Taschenlampe kniete sich ihr Ernst jetzt vor die Heizung und drückte wie von Sinnen auf den Zündknopf. Nichts passierte.

Mit ihrem alten »Schätzchen«, wie ihr Mann zu sagen pflegte, hatte sie sich mittlerweile angefreundet– nachdem er den Teppich mit Stroboskopeffekt durch Laminat ausgetauscht hatte und die Sitzbankpolster anstelle der ockerfarbenen und rotbraunen Streifen nun einen anthrazitfarbenen Bezug trugen. Das harmonierte wenigstens besser mit den giftgrünen Vorhängen, die ihr Ernst partout nicht abhängen wollte.

Ebenso hätte sie ihm sein nostalgieerfülltes Herz gebrochen, wenn sie ihn gezwungen hätte, über die violett gemusterte Velourstapete im Schlafbereich– Blattgräser in allen Schattierungen, von Altrosa bis Dunkellila– eine schlichtweiße Raufasertapete zu kleistern.

Immerhin sind wir nicht in Sibirien, sondern auf unserer Trauminsel Sylt gelandet, dachte sie sich im Stillen. Frieda fand Camping im Winter famos, und dass jeder Zweite hier genauso blöd war wie sie, das wussten schon… »Von wem ist noch mal gleich dieser Song mit Westerland und der Sehnsucht?«, fragte sie.

»Hör mir bloß uff mit irgendwelchen Liedern. An singende Barden mit Gitarre hab ich schlechte Erinnerungen.«

Hätte sie ihm bloß nicht das Stichwort geliefert. Auch sie wollte nicht an ihre kleine Liebelei vom Sommer erinnert werden. Aus Gründen. »Und ich bin froh, dass ich mir nicht mehr jeden Tag dieses üppige Dekolleté an der Rezeption vom Kampener Campingplatz anschauen muss, dem du verfallen warst.«

Ihr Ernst schwieg. Es gab dazu auch nichts mehr zu sagen. Nur weil sie lange verheiratet waren, lebten sie nicht wie ein Schwanenpärchen zusammen, sie hatten beide schon immer gerne geflirtet. Aber bei ihrem Umzug nach Sylt hatten sie nicht nur ihr altes Leben über Bord geworfen, sondern zum ersten Mal auch ihr Eheprinzip: Appetit darf man sich holen, aber gegessen wird zu Hause. Schuld trugen sie beide, und sie hatten einander vergeben– vergessen war die Sache noch lange nicht. Es schien ihr aber nicht der richtige Augenblick zu sein, die Geschichte wieder aufzuwärmen, das würde einzig die Stimmung anheizen und das Kälteproblem nicht lösen.

»Himmeldonnerwedder, elendichs Scheißdrecksglomb!« Die Flüche ihres Mannes wurden länger, und das bedeutete, entweder würde gleich die Heizung oder ihr Ernst in die Luft gehen. Besser, sie brachte sich in Sicherheit.

»Ich glaube, ich drehe mal lieber eine Runde mit Gustav und störe dich nicht länger. Wo ist er eigentlich?«

Gustavs Körbchen neben dem Bett war leer. Da den Dackel bei dem Wetter jedoch keine zehn Kaninchen nach draußen locken könnten und er obendrein grundsätzlich lieber spazieren getragen werden wollte, konnte er nicht weit sein.

»Gustav?«, rief sie.

Da raschelte es unter der Bettdecke, und der Hund streckte seinen Kopf gerade so weit unter dem Daunenberg hervor, dass sein Dackelblick voll zur Geltung kam.

»Da ist er ja«, sagte sie erleichtert. »Komm, Gustav. Gassi!«

Doch auch nach der dritten Aufforderung blieb er stur...


Sina Beerwald, 1977 in Stuttgart geboren, wanderte vor zehn Jahren mit zwei Koffern und vielen kriminellen Ideen im Gepäck auf die Insel Sylt aus und lebt dort seither als freie Autorin. Seitdem sind neun erfolgreiche Romane und drei Erlebnisführer erschienen. Sie ist Preisträgerin des Nord-MordAward und des Samiel Award.



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