Begemann | Realismus | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 720 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Begemann Realismus

Das große Lesebuch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402027-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das große Lesebuch

E-Book, Deutsch, 720 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402027-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Novellen und Romane des Realismus zählen zu den beliebtesten Klassikern der deutschen Literatur. Immer noch bewegt uns der ›Ehebruch‹ von Effi Briest, und im ›Schimmelreiter‹ sehen wir einen Vorläufer unserer Risikogesellschaft. Was dabei jedoch aus dem Blick gerät, ist die Ambivalenz dieser Epoche, die auffällig skeptisch ist, was den Zugang zur Wirklichkeit betrifft. Dieses Lesebuch, das die wichtigsten und schönsten Texte versammelt, sieht gerade in dieser Skepsis die Aktualität der realistischen Epoche.

Mit Texten von Adalbert Stifter, Gottfried Keller, Theodor Fontane und anderen.

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Einleitung


Als Realismus bezeichnet man im Bereich der deutschsprachigen Literatur üblicherweise die Zeit zwischen etwa 1848 und 1890 und denkt dabei an prominente Autoren wie Stifter und Keller, Storm und Raabe, Meyer oder Fontane, gelegentlich auch an weniger bekannte wie Gustav Freytag, Otto Ludwig, Marie von Ebner-Eschenbach oder Ferdinand von Saar. Wie immer, wenn es um Epochen geht, lässt sich auch hier um die zeitlichen und sachlichen Grenzen streiten. Es ist durchaus möglich, mit Blick auf AutorInnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Georg Büchner, Karl Immermann oder Jeremias Gotthelf von einem Frührealismus der 1830er und 1840er Jahre zu sprechen, doch ist dabei festzuhalten, dass er von den Autoren der Folgezeit außerordentlich kritisch gesehen und meist entschieden abgelehnt wurde. Plausibler erscheint daher die Epochengrenze um 1848. Zwar handelt es sich dabei um ein politisches Datum, dem keine unmittelbare literarhistorische Zäsur entspricht, doch markiert es einen folgenreichen Einstellungswandel in den bürgerlichen Schichten, denen die Autoren literarischer Werke überwiegend angehörten. Mit der gescheiterten Revolution verabschiedete man sich von den nun als illusionär und weltfremd angesehenen politischen Zielen der Vormärzzeit, wurde ›realistisch‹ und suchte einen sozialen Ausgleich mit jenen sozialen und politischen Kräften, an denen kein Weg vorbeizuführen schien. Zugleich verschärfte sich das Bewusstsein, in einer Zeit fortschreitender Unübersichtlichkeit und Kontingenz zu leben: Ökonomische, technische, soziale und kulturelle Prozesse, wie die Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die Industrialisierung, das Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung oder die Formierung von Unterschichten zu politischen Kräften, Phänomene der Entfremdung oder die Vervielfältigung und Spezialisierung des kulturellen Wissens stellten massive Herausforderungen des tradierten Orientierungswissens dar und führten zu Verunsicherung, ja zu Schockerfahrungen. Es ist nicht zuletzt dieser Kontext, in dem sich die realistische Literatur der 2. Jahrhunderthälfte lesen lässt. Ein eigentliches Epochenende lässt sich nur schwer festlegen. Man könnte eher sagen, das realistische Paradigma laufe allmählich aus. Seit den 1880er Jahren entstehen parallel zum Realismus, der mit Fontane und Meyer sowie den Spätwerken von Storm und Raabe noch einmal einen Höhepunkt erreicht, neue literarische Strömungen, zuerst der Naturalismus, dann die antinaturalistischen Strömungen der 1890er Jahre und der Jahrhundertwende, wie der Symbolismus oder der Ästhetizismus. Mit deren zunehmender Dominanz werden die späten Realisten zu Randfiguren im literarischen Feld, obgleich gerade sie eine sehr spezifische Form der Modernität ausbilden. Wenn 1899 mit und die letzten Romane Wilhelm Raabes und Theodor Fontanes publiziert werden, sind das nur noch Nachklänge der Epoche des literarischen Realismus, auch wenn Ferdinand von Saars späteste Novellen noch sieben Jahre danach, 1906, einen nun schon völlig unzeitgemäßen, allerletzten Epilog bilden.

Problematischer als die zeitlichen Grenzen ist indes die Kategorie, die der Epoche ihren Namen gegeben hat: die des Realismus. In vieler Hinsicht verspricht sie mehr, als sie halten kann, und es lohnt sich daher, sie etwas genauer ins Auge zu fassen. Anders als in historisch eher zufälligen Epochenbezeichnungen wie ›Barock‹ oder ›Biedermeier‹ scheint sich im Begriff des ›Realismus‹ ein Programm, eine Absicht und ein Versprechen zu verbergen. Mit ›Realismus‹ – abgeleitet vom lateinischen ›realis‹, das so viel bedeutet wie eine ›res‹, eine Sache betreffend – verbindet sich landläufig die Vorstellung einer irgendwie ›angemessenen‹ Beziehung zur Realität. ›Realistisch‹, das ist das Erwartbare und Wahrscheinliche, das, was mit unseren Vorstellungen von dem übereinstimmt, was wir für ›real‹ halten. ›Realistische‹ Literatur scheint sich der Realität anders, stärker und adäquater zuzuwenden als etwa ›romantische‹ oder ›symbolistische‹, so dass wir das Dargestellte nicht nur wiedererkennen, sondern ihm selbst eine Form von Wirklichkeit zuzusprechen geneigt sind. Man hat den Realismus daher immer wieder zu einer überhistorischen Kategorie machen wollen, mit der von der Antike bis in die Moderne bestimmte Formen der Darstellung erfasst werden sollten, die einen »Realitätseffekt« (Barthes 1968) bzw. eine »Referenzillusion« (Zeller 1980) bewirken. Eine solche Enthistorisierung aber kann nur problematisch ausfallen. Denn die Kategorie des Realismus impliziert den wie auch immer gearteten Bezug auf eine ›Realität‹, und Vorstellungen von Realität sind ihrerseits in einem hohen Maße historisch bedingt. Realismus gibt es schon deshalb nicht, weil wir damit unterstellen würden, wir könnten überhistorische Kriterien für eine ›realitätsadäquate‹ Beziehung von Darstellung und Gegenstand, Zeichen und Bezeichnetem aufstellen. Tatsächlich aber betrachtet jede Lesergeneration als ›realistisch‹ immer nur das, was mit ihrem eigenen Konzept von Wirklichkeit übereinstimmt. So tut man gut daran, die Kirche im Dorf zu lassen und Realismus als einen historisch relativen Begriff zu betrachten, der nur in seinem jeweiligen geschichtlichen Umfeld Sinn macht.

Bereits die Autoren der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sehen die Literatur seit 1848, sei es zustimmend, sei es bloß diagnostizierend, im Zeichen des Realismus, und es ist letztlich diese Selbsteinschätzung, die den historischen Ursprung unseres heutigen Epochenbegriffs bildet. Eine breite literaturtheoretische, -kritische und -programmatische Diskussion kreist nach 1848 um den Begriff des Realismus und verfolgt dabei das Anliegen einer neuen Positionsbestimmung von Literatur. »Was unsere Zeit nach allen Seiten hin charakterisiert, das ist ihr Realismus«, bemerkt Theodor Fontane 1853 und meint damit nicht nur die Literatur und die bildende Kunst, sondern auch die Wissenschaft und die Politik (vgl. Kapitel 1.2.1). Die Welt sei »des Spekulierens müde« und habe sich daher den Tatsachen, den Erfahrungen, der Wirklichkeit verschrieben. Literatur wird dabei als Teil einer breiten kulturellen Bewegung gesehen. Sicherlich bringt Fontanes Einschätzung das Verhalten bürgerlicher Schichten nach der Revolution ebenso auf den Punkt wie die Entwicklung der Naturwissenschaften in Richtung Empirismus und Positivismus oder eine Tendenz der literaturprogrammatischen Diskussion. Aber auch die Literatur selbst? Tatsächlich erscheint heutigen Lesern die Literatur der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vielleicht gar nicht so sonderlich ›realistisch‹, ja, man kann mit einigem Recht feststellen, dass sie vielen Phänomenen gezielt ausweicht, die für uns das Bild der ›Wirklichkeit‹ des 19. Jahrhunderts in einer sehr grundlegenden Weise prägen: Eine Auseinandersetzung mit den Prozessen der gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Modernisierung etwa, der sozialen Frage oder den damals bewegenden Problemen der Politik sucht man meist vergebens in der Literatur des Realismus, die uns stattdessen oftmals in die fernen Räume der Geschichte entführt, in idyllische Dörfer und Kleinstädte und in Lebensverhältnisse, die schon damals nostalgisch anmuten mussten. So ergibt sich ein seltsam zwiespältiger Befund: Betrachten viele Autoren die ›realistische‹ Wendung zur Wirklichkeit als einen unverzichtbaren Faktor jeder künstlerischen Arbeit, so haben sie zugleich offenkundige Berührungsängste gegenüber der aktuellen Welt.

Dieser Befund führt zu einer wichtigen Differenzierung der Vorstellung von Realismus. Realismus nämlich ist für die Zeitgenossen nicht identisch mit einer kritischen Hinwendung zu sozialen, ökonomischen und politischen Missständen, wie das im Vormärz der Fall war. Der »wahre Realismus«, den man jetzt propagiert, ist keineswegs verpflichtet, sich der faktischen Realität in allen ihren auch unschönen, bedrängenden und verwirrenden Aspekten zuzuwenden. Im Gegenteil. Für Fontane etwa ist Realismus zwar die »Widerspiegelung« des »wirklichen Lebens«, doch wird dies in zweierlei Hinsicht modifiziert. Zum einen ist nicht die »bloße Sinnenwelt« mit all ihren »Schattenseiten« Gegenstand der Darstellung, sondern vielmehr »das Wahre«. Im Gegenstandsbereich der Kunst hat somit eine Selektion stattzufinden, die alles ausblendet, was mit »Misere« zu tun hat, und zugleich unter dem Zufälligen der Erscheinungen eine Tiefenschicht von Wesentlichem, Allgemeinem und Gesetzmäßigem freilegt. Zum anderen hat die Widerspiegelung »im Elemente der Kunst« zu erfolgen. Auch realistische Kunst versteht sich bei aller notwendigen Bindung an eine äußere Wirklichkeit in erster Linie als Kunst. Sie schreibt dabei nicht nur die goethezeitliche Forderung nach Autonomie des Kunstwerks fort, sondern sieht sich auch in klassizistischer Tradition auf die Darstellung des Poetischen, Idealen und Schönen verpflichtet. Häufig wird die zentrale Leistung der Kunst mit dem Begriff der ›Verklärung‹ umschrieben, der poetische Verdichtung, Überhöhung und Steigerung, aber auch Harmonisierung und Glättung von Widersprüchen meint. Die poetische Verklärung ist gleichsam der »Goldgrund« aus dem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer (vgl. Kapitel 6.5), in dessen Glanz das Dargestellte zu erstrahlen hat. Der Realismus, um den es den Zeitgenossen...



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