Behmel | Mitte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Behmel Mitte

Es begann so...
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95865-720-5
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Es begann so...

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-95865-720-5
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Berlin Mitte, dem Bezirk der kreativen Träumer, Spinner und Versager versucht der Künstler Albrecht sich durchzuschlagen. Dabei wird er von kleptomanischen Vettern, euphorischen Galeristen, herrschsüchtigen Schwestern und redseligen Mitbewohnern auf Trab gehalten, da Albrecht neben seinem künstlerischen Talent auch die unstrittige Begabung hat, sich in unmöglichste Situationen hineinzumanövrieren. Als eines Tages Albrechts reicher Onkel Georg Kontakt aufnimmt, verändert sich mit einem Schlag alles.

Albrecht Behmel hat in Heidelberg und Berlin studiert. Er war Kurator im Museum Haus Cajeth in Heidelberg und Marionettist in Paris. Sein Hörspiel über den irischen Schriftsteller Flann O'Brien wurde von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ausgezeichnet. Er hat über 20 Bücher veröffentlicht, ebenso Brett- und Computerspiele. Seit 2012 lebt er mit seiner Familie im Schwarzwald.
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Das Pompeji-Gefühl


Wenn ich jemals den Trottel treffe, der die E-Mails erfunden hat, dann weiß ich ganz genau, was ich zu ihm sagen werde. Nämlich:

"Mann, ist dir eigentlich klar, was du damit angerichtet hast?"

Weil: Ich hatte eine Mail gekriegt, und die ging so:

Wo warst Du in Dreiteufelsnamen?

Bei mir ist es ja so: Spam find ich gut. Zum Beispiel Werbung für absolut überzeugend unechte Rolexuhren oder, wenn die mich zum virtuellen Poker nach Las Vegas einladen, ohne dass ich selber hin muss - das find ich deswegen gut, weil ich Berlin Mitte so ungern verlasse. Aber private E-Mails an mich mit persönlichen Nachrichten drin, bei denen es auch noch um mich geht?

Schrecklich! Besonders, wenn sie von meiner Schwester Felizitas kommen. Felizitas ist so eine Art Mischung aus Kannibalin und Reporter, und was sie im Prinzip nur macht, ist, Prominenten in Interviews zu nahe zu treten und sie dann im Morgengrauen in radioaktiven Society-Artikeln hinzurichten, ohne Augenbinde oder letzten Wunsch.

Und das Verrückte an der Sache ist: Ihre Promis sind alle total heiß drauf, stehen Schlange und holen sich einer nach dem anderen ihre Portion Strychnin auf Eis ab. Ich sag es mal so: Wer von Felizitas noch nicht öffentlich erledigt worden ist, der gehört offenbar einfach nicht dazu.

Manchmal denke ich, wenn sie je aus ihrem Job da entlassen werden sollte, von der Redaktion oder so, weil zu viele Leser den Grauen Star bekommen haben, weil ein Interview wieder zu viel rhetorisches Senfgas enthalten hat, dann könnte sie immer noch in die Automobilindustrie gehen und mit ihrer Stimme Bleche für Kotflügel zuschneiden. Deswegen habe ich erst mal eine halbe Stunde überlegt und folgende geschliffene Antwort an sie zurückgemailt:

>wie jetzt?

Der Hintergrund ist: Meine Familie und in vorderster Front meine Schwester, die halten mich alle für einen Blindgänger, spätestens seitdem ich aus der Uni geflogen bin und mich von meiner Freundin getrennt habe. Das heißt, eigentlich hat Kati sich von mir getrennt, aber im Rückblick ist das für mich alles nicht mehr so ganz eindeutig. Irgendwie muss mein Gedächtnis sich bei der Geschichte verknotet haben, und jetzt warte ich darauf, dass es sich wieder glättet. Alle haben sie zu mir damals gesagt: „Albrecht, das ist die Frau für dich, so eine findest du nie mehr, also versau es bitte nicht wieder, okay?” Und dann, nach einer Weile haben sie alle zu mir gesagt: „Siehst du, was haben wir gesagt? Schon wieder, Mann!”

Mein Laptop unterbrach mich beim Nachdenken mit einem seiner Signaltöne, die so klingen, wie wenn man eine Flasche mit was Sprudelndem drin aufmacht. Das kann man in den Systemeinstellungen einstellen, wenn man will: Das klingt dann ungefähr wie: „Plopp!“

Weil: Das ist halt ein Apple, und der hat ein Signal dafür, dass neue E-Mails da sind, und schon ist es wieder Zeit für eine Familienpackung Cialis oder kostenloses Lotto gegen einen supergünstigen Monatsbeitrag. Die lese ich immer, weil ich dann immer das Gefühl habe: Da draußen irgendwo in der Datenwelt, da sind Leute, die es gut mit mir meinen, und die sich um mich kümmern. Es machte: „Plopp!“

Aber es war von Felizitas - und damit eher zu vergleichen mit einer Einladung zu einer Runde Russisches Roulette aber mit halbautomatischen Waffen. Meine Festplatte fing sofort an zu pfeifen und drei Hilfsprogramme hängten sich freiwillig auf, was ich ganz gut verstehen kann: Felizitas hatte nämlich geantwortet:

>>wie jetzt?

>Sag mal, willst Du mich verarschen?

Die anderen Signaltöne, die auf meinem Mac zur Auswahl stehen, klingen entweder so, wie das Sonar-Bing im U-Boot oder wie eine Ente mit gebrochenem Herzen, die ihren ganzen Schmerz mit einem einzigen „Quak“ ausdrückt oder, noch eine Option, die mir gefällt: eine Badewanne, die sich selbst austrinkt. Aber ich bleibe erst mal beim „Plopp!“, weil: Das passt irgendwie zu mir im Moment.

Es machte: „Plopp!“ Ich holte tief Luft durch die Nase und sagte mir, dass es mir jeden Tag besser und besser geht, und dann hab ich zurückgetippt. Mit einem Finger, weil: mit den anderen Fingern musste ich gerade Kaffee trinken und rauchen gleichzeitig. Ich schrieb:

>>>wie jetzt?

>>Sag, mal, willst Du mich verarschen?

>reden wri besser nicht über mine wunschträume._ was meinstdu, "wo warst du? bist du irgnedwie sauer?

Eine ganz lächerliche Frage an sich, denn die Felizitas, die ist immer irgendwie sauer auf jemanden, und das war schon früher so, als wir noch klein waren. Sie war so oft und so schlimm sauer, dass meine Eltern bei uns im Haus alle Türen durch Vorhänge ersetzen mussten. Stell dir einfach eine Frau wie ein plötzliches Hochwasser vor, und du hast ein vollkommen klares Bild von meiner Schwester in Farbe.

>>>>wie jetzt?

>>>Sag, mal, willst Du mich verarschen?

>> Reden wir besser nicht über meine Wunschträume. Was meinst du, „wo warst du?!“ Bist du irgendwie sauer?

>JA!!!!!

Felizitas hat die Angewohnheit, meine E-Mails zu korrigieren und dann an mich zurückzuschicken. Vielleicht eine Berufskrankheit, aber auf jeden Fall finde ich: Das sagt schon eine Menge aus über einen Menschen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Felizitas auch mich selbst am liebsten korrigiert wieder zurückschicken würde. Die Frage ist nur: Wohin? Und wer übernimmt das Porto? Ich mailte mailwendend zurück:

>>JA!!!!!

>hä?

Inzwischen hatte ich bestimmt schon drei Pfund abgenommen, aber das kann man ja nicht sehen, wenn man seinen Laptop auf dem Schoß hat, weil dir die Hosen nicht rutschen können. Warm wird’s trotzdem, und es machte: „Plopp!“

Schon wieder!

>>>JA!!!!!

>>hä?

>SPINNST DU? Weil wir alle auf dich gewartet haben, Du Versager! Ich wette, Du warst wieder betrunken und hast „vergessen“, dass wir Onkel Georg zu mir eingeladen hatten. Wenn Du Dich doch bloß ein bisschen mehr um die Familie kümmern könntest! Aber was soll's...

>Und bevor Du fragst: Ja, er hatte wirklich schon wieder Geburtstag (wie je-des Jahr am glei-chen Tag!), und: JA, wir haben fest mit dir gerechnet und ja, keine Sorge, ich hab Deinen Anteil für das Geschenk ausgelegt und allen gesagt, dass du wahrscheinlich wieder nur im Gefängnis sitzt und nichts dafür kannst. Du schuldest mir damit übrigens weitere 37,40 Euro. Du kennst die Gesamtsumme. TU ENDLICH WAS!

>Ich komme morgen kurz vorbei, wenn es Dir nichts ausmacht.

>kein lieber Gruss von Felizitas

Es stimmt: Ich hatte den Geburtstag tatsächlich vergessen, ist einfach irgendwie so passiert, und das tat mir leid, weil der Onkel Georg mein Lieblingsonkel ist, uralt, schwerhörig und so faltig wie eine Dörrpflaume im Ruhestand. Das kommt daher, dass er lange in den Tropen gelebt hat, dort werden die Pflaumen ja bekanntlich viel faltiger als das hier bei uns je möglich wäre.

Dazu muss ich aber noch sagen: Ich hatte damals einen neuen Mitbewohner, den Chris, weil: Als die Kati ausgezogen war, ist mir die Wohnung auf einmal zu groß vorgekommen, weil die Kati so viel Platz verwendet hat wie eine Herde Bisons in der Regenzeit. Und dann hat sie auch noch alle Möbel und Sachen mitgenommen. Die Wohnung war so leer, dass sogar das Echo sich einsam gefühlt hat.

Das heißt: Einen Löffel hatte sie schon dagelassen, diesen einen Kitschigen mit Neuschwanstein drauf, weil: Den konnte sie sowieso nie leiden. Ja, und da lag eben der Löffel in der Küche auf dem Boden und hat auf den Rost gewartet.

Der Punkt ist: Erst mal war das ein ganz schöner Schock, keine Möbel mehr zu haben und kein Geschirr und nix, aber so nach und nach sieht man auch die Vorteile: Ich hatte auf einmal viel mehr Platz in der Wohnung, überall waren neue Flächen dazugekommen, da wo die Dreckränder waren, das konnte man genau ablesen, genau messbarer Zuwachs an Lebensraum.

Aber so richtig lange ist es nicht leer geblieben da bei mir. Erstens haben nämlich sofort fast alle Leute, die ich kenne, mir irgendwelche Möbel gebracht und aufgestellt. Deswegen gibt es jetzt bei mir zuhause eine sehr kreative Mischung aus Möbeln, weil: Ich kann das Zeug ja nicht wegwerfen, was man mir geschenkt hat, man wirft ja auch den geschenkten Gaul nicht weg…

Und dann ist es so weitergegangen:

Da hab ich dann eine Anzeige aufgegeben, und eine andere Bisonherde namens Chris ist eingezogen bei mir in der Wohnung.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber früher, wenn ich den Namen Chris gehört habe, da hab ich immer an einen mittelgroßen blonden Surfer-Typ mit dicken Oberarmen und einem gewinnenden Lächeln gedacht. So einer, der Werbung für Vanille-Eis machen kann, wenn ihr versteht, was ich meine. Aber jetzt, wo ich meinen persönlichen Chris gekriegt habe, denke ich bei dem Namen an eine übergewichtige Mischung aus Wikipedia und einem Buddha mit Bart. Aber auch, wenn er so riesig ist wie ein Viech aus der Urzeit, muss man trotzdem keine Angst vor ihm haben, weil: Er besteht fast nur aus Güte, Liebe und Fett, der Rest sind wahrscheinlich Farb- und Konservierungsstoffe. Und: Er sitzt immer in der Küche.

Ich ging zu Chris in die Küche und sagte: „Chris, meine Schwester ärgert sich, und zwar über mich und per E-Mail. Es macht ständig Plopp! Wenn du verstehst, was ich meine. Das ist keine Werbung, das ist Politik, was ich da kriege. Die Alte müllt mich voll zu, Mann!“

Der...



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