E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Behr Kommissar Wischkamp: Mörderisches Sim-jü
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95876-047-9
Verlag: Brighton Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Werne Krimireihe 6
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-95876-047-9
Verlag: Brighton Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In New York treffen zwei junge Männer aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber Benjamin Taylor, Sohn eines bekannten Industriellen und Toni Banderoso, der aus einer italienischen Einwandererfamilie stammt, verbindet ein großer gemeinsamer Traum. Sie möchten das spektakulärste Fahrgeschäft bauen, das jemals auf einem Rummelplatz gestanden hat. Nach vielen Versuchen ist es geschafft: Das Sensational Human Space Shuttle wird zum ersten Mal zu Sim-Jü in Werne an der Lippe präsentiert. Dieses größte Volksfest der Region lockt Ende Oktober Hunderttausende von Besuchern in die Kleinstadt im Münsterland. Aber nicht alle sind begeistert von dem Auftritt der beiden Amerikaner. Neid, Missgunst und Konkurrenzdenken, darauf treffen Benjamin und Toni an jeder Ecke. Kurz vor der Eröffnungsfahrt wird das Sensational Human Space Shuttle sabotiert. Ein schwerer Unfall konnte nur durch die Umsichtigkeit von Toni Banderoso verhindert werden. Zur gleichen Zeit verschwindet sein Partner Benjamin Taylor spurlos. Es gehen seltsame Dinge vor in Werne an der Lippe. Als kurze Zeit später auch noch der Sohn eines anderen Schaustellers entführt wird und der zwielichtige Onkel von Toni Banderoso in Werne auftaucht, wird es ernst für Kommissar Jens Wischkamp. In seinem sechsten Fall dringt Jens Wischkamp, Kriminalkommissar bei der Kreispolizeibehörde in Unna, tief in die Welt der Schausteller ein. Er hat nur wenige Tage Zeit, die beiden jungen Männer zu finden, denn wenn Sim-Jü zu Ende geht, zerstreuen sich die Schausteller in alle Winde und damit verschwindet vielleicht auch der Täter.
Autoren/Hrsg.
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Ende Oktober 2012 ...
Benjamin Taylor trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Seit zwei Stunden wartete er nun darauf, dass endlich das Löschen des Containerschiffs aus New York beginnen würde. Er hatte eine Sondergenehmigung, den Entladevorgang selbst zu überwachen. Aber er war ungeduldig. Draußen, vor den Hafenanlagen, warteten die Sattelschlepper. Insgesamt fünf Stück waren es, die bald das Lebenswerk von Benjamin Taylor durch Deutschland fahren sollten. Er musste lächeln. Er war gerade einmal 32 Jahre alt, konnte man da schon von einem Lebenswerk sprechen? Er dachte daran, wie das alles angefangen hatte.
Drei Jahre zuvor in New York, USA ...
Benjamin Taylor war der einzige Sohn von Frank Taylor, einem Industriellen aus New York. Dass der Junge Maschinenbau und Elektronik studieren würde, war im Hause Taylor niemals eine Frage. Schließlich sollte er eines Tages das Familienunternehmen übernehmen. Für Benjamin war das überhaupt kein Problem. Technik und Elektronik interessierten ihn ungeheuer. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet. Immer wieder machte er schon während seiner Studienzeit durch innovative Entwicklungen und technische Neuerungen in der Entwicklungsabteilung von Taylor Industries auf sich aufmerksam. Aber Benjamin Taylor hatte noch eine viel größere Leidenschaft. Ihn faszinierten die Fahrgeschäfte in den Freizeitparks, von denen es in den USA unzählige gab. Er träumte davon, eines Tages sein eigenes Fahrgeschäft zu entwerfen, zu bauen und zu betreiben. Diese Pläne behielt er jedoch lange Zeit für sich.
Als Sohn eines Unternehmers gehörte Benjamin Taylor zum elitären Kreis der Studenten aus der Oberschicht. Immer wieder aber gab es Stipendien für besonders begabte junge Leute, die sich den Besuch dieser Universität sonst nicht hätten leisten können. Sie wurden von den meisten Studenten gemieden. Umso verwunderlicher war es, dass sich ausgerechnet Benjamin Taylor mit einem von ihnen anfreundete.
Toni Banderoso stammte aus Little Italy, dem italienischen Viertel von New York. Sein Vater war Fleischer, seine Mutter ging putzen. Keine guten Voraussetzungen, um sich an der Uni wirklich durchzusetzen. Aber Toni Banderoso hatte etwas mit Benjamin Taylor gemeinsam. Auch ihn faszinierten außergewöhnliche Fahrgeschäfte. Die beiden jungen Männer waren eigentlich nur zufällig am Rande einer Sportveranstaltung ins Gespräch gekommen. Für das Publikum waren hier einige Karussells aufgebaut worden. Ganz beiläufig hatte Toni geäußert:
»Das ist doch alles Kinderkram. Das könnte man viel spezieller und viel spektakulärer bauen.«
Benjamin hatte ihn etwas irritiert angesehen.
»Wie meinst du das? Interessierst du dich für Fahrgeschäfte?«
Begeistert hatte Toni genickt.
»Ich würde gern selbst mal so ein Ding bauen, aber ich glaube, das würde ich allein niemals schaffen.«
Benjamin hatte damals nur mit den Achseln gezuckt und den kleinen Italiener einfach stehen gelassen. Aber die Bemerkung ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Da war jemand, der dieselben Träume hatte wie er. Vielleicht war das ein Fingerzeig des Schicksals. Ein paar Tage später wartete Benjamin auf dem Campus auf Toni Banderoso. Sie hatten die ersten Examina hinter sich gebracht, das Ende des Studiums rückte näher. Wenn er jetzt nicht mit Toni sprach, wäre der vermutlich aus seinem Leben verschwunden, bevor sich eine neue Gelegenheit ergab.
Als Toni über den Campus auf Benjamin zuging, hob der die Hand. Toni reagierte nicht. Er war sicher, dass er nicht gemeint war. Keiner dieser Studenten würde freiwillig mit ihm reden wollen. Auch dieser Taylor nicht, obwohl er vor ein paar Tagen recht nett zu ihm gewesen war.
»Toni? Du heißt doch Toni, oder?«
Irritiert nickte Toni Banderoso.
»Eigentlich Antonio, meine Eltern sind aus Italien. Aber Toni ist vollkommen o. k.«
»Komm mit, wir müssen reden.«
Benjamin wartete gar nicht ab, ob der andere ihm auch tatsächlich folgte. Er ging schnurstracks auf seinen am Straßenrand abgestellten Pontiac zu. Toni folgte ihm, vorsichtig und ungläubig. Was sollte das? Bisher hatte ihn noch nie jemand von denen aufgefordert, mit ihm zu reden oder irgendwohin zu fahren. Was wollte dieser Kerl nur von ihm? Aber er stieg trotzdem in das Auto. Dann fasste er sich ein Herz.
»Worüber willst du denn mit mir reden? Ich meine, es ist ja nicht gerade üblich, dass sich einer von euch ...«
Er stockte. Er hatte so etwas wie „reiche Bengel“ sagen wollen, aber das wäre beleidigend gewesen. Schließlich schien dieser Benjamin Taylor ja eigentlich ganz nett zu sein.
Benjamin grinste.
»Ich weiß schon, wie wir von euch genannt werden. Aber manchmal scheinen die Dinge anders, als sie sind. Du hast gesagt, du träumst davon, mal ein eigenes Fahrgeschäft zu bauen. Genau das tue ich auch. Jeder von uns allein dürfte kaum eine Chance haben, seinen Traum zu verwirklichen. Aber vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, was meinst du?«
Toni riss die Augen auf.
»Du meinst, du und ich? Zusammen? Wie soll das denn funktionieren?«
»Das weiß ich auch noch nicht genau. Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, fange ich in der Fabrik meines Vaters in der Konstruktionsabteilung an. Was hast du vor, wenn du bestanden hast?«
Toni zuckte mit den Schultern. Er hatte sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Er würde Bewerbungen schreiben, Absagen kassieren und vielleicht irgendwann in irgendeiner kleinen Firma anfangen können, die möglicherweise von Italienern gegründet worden war. Die ach so gerühmte Chancengleichheit gab es in New York noch nicht wirklich. Hier zählten immer noch Name und Herkunft und der Sohn eines italienischen Fleischers hatte beileibe nicht dieselben Chancen wie ein Unternehmerssohn aus der High Society.
»Ich habe eine Idee. Ich werde mit meinem Vater sprechen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es mir nicht gelingen würde, dir auch einen Job in der Konstruktionsabteilung von Taylor Industries zu besorgen. Dann könnten wir zusammenarbeiten.«
Toni hielt die Luft an. Taylor Industries? Das war eines der größten Industrieunternehmen im Umkreis von mindestens 200 Meilen. Es wäre eine einmalige Chance für ihn, dort arbeiten zu können. Dafür würde er alles tun.
»Und du meinst, das würde funktionieren? Ich meine, dass dein Vater mir einen Job gibt?«
Benjamin nickte.
»Ich denke, das wird gar nicht so schwierig werden. Mein Vater ist so begeistert über meine guten Abschlussarbeiten und darüber, dass ich bald in seine Fußstapfen trete, der erfüllt mir diesen Wunsch sicher. Also, ich würde vorschlagen, du machst eine Bewerbungsmappe fertig. So ganz ohne Formalien wird das nicht gehen, wegen der Personalchefs. Um alles andere kümmere ich mich dann. Wir werden ein paar Monate brauchen, bis wir uns eingearbeitet haben und danach fangen wir an, das spektakulärste Fahrgeschäft zu entwerfen, das es in den USA jemals gegeben hat.«
Toni ließ sich von der Euphorie seines neuen Freundes anstecken.
»In den USA? In der ganzen Welt, Benjamin. In der ganzen Welt.«
Anfang 2011 in New York ...
Benjamin Taylor zerriss wütend ein paar Konstruktionszeichnungen. Seit mehr als einem Jahr waren Toni und er jetzt in der Entwicklungsabteilung von Taylor Industries beschäftigt. Den täglichen Arbeitsablauf bewältigten die beiden jungen Männer fast im Schlaf. Schon seit drei Monaten versuchte Benjamin, die Ideen für ein spektakuläres Fahrgeschäft, die in seinem Kopf herumschwirrten, aufs Papier zu bringen. Aber immer, wenn er mit seinen Berechnungen begann, stellt er fest, dass sich das so nicht verwirklichen ließ. Es war zum Verrücktwerden. Benjamin wollte sich nicht damit zufriedengeben, eine neue Achterbahn oder einen sensationellen Looping zu bauen. Die gab es zu Tausenden auf der ganzen Welt. Er dachte an Schwerelosigkeit, an das Weltall und wie man es erreichen könnte, Menschen durch eine solche Atmosphäre gleiten zu lassen.
Toni kannte diese Stimmung bei Benjamin schon. Er wusste, er musste ihn vom Schreibtisch weglocken. Also stand er auf. »Lass uns zum Broadway gehen. In dem kleinen Programmkino zeigen sie heute ein paar alte Hollywood-Klassiker. Ein wenig Ablenkung kann nicht schaden. Im Augenblick stecken wir doch sowieso in einer Sackgasse.«
Benjamin sah etwas unwillig auf. Dann aber seufzte er und griff nach seiner Jacke.
»Wahrscheinlich hast du recht. Ich muss den Kopf mal wieder freikriegen. Ich habe so viele fantastische Ideen, aber mir fehlt noch immer der zündende Einfall, wie ich so etwas konstruieren und bauen könnte. Gehen wir also ins Kino und machen morgen weiter.«
Zwischen Toni und Benjamin hatte sich eine echte Freundschaft entwickelt. Sie machten fast alles zusammen. Wenig später saßen sie im Kino und sahen sich einen Film über die 30er Jahre in New York an.
Eben flackerten ein paar Bilder über das Postverteilungszentrum eines großen Bürogebäudes über die Leinwand, als Benjamin mit dem lauten Ausruf »Das ist es, genau das!« aufsprang. Er zog den verdutzten Toni am Arm, der ihm stolpernd in den Mittelgang folgte. Dieser plötzliche Aufbruch sorgte für Unmut bei den anderen Kinobesuchern, aber das war Benjamin total egal.
Als sie draußen waren, winkte Benjamin sofort ein Taxi herbei. Noch bevor er die Tür geschlossen hatte, sagte er: »Zu Taylor Industries und zwar...




