Beickler | Antares vom Weltental | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Beickler Antares vom Weltental


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-9655-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-7407-9655-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Faszination Wissenschaft: Immer wieder gibt es mutige Menschen, die durch die Beobachtung winziger Phänomene das zeitgenössische Weltbild stürzen. Antares vom Weltental Im Jahr 3802 im Weltental: Die Kinder Antares und Mira laufen im Wattenmeer um ihr Leben, die Flut kommt. In der Brandung retten sie sich in eine Höhle der Felswand Ostend. Tief im Inneren der Steilklippe entdecken sie eine Wand aus Metall. Dahinter ein leises Summen. Das Geheimnis lässt die beiden nicht mehr los. Jahre später findet Antares die Erklärung für dieses und andere seltsame Phänomene. Mutig und unbeirrt verkündet er: Es gibt eine Welt außerhalb des Weltentals. Damit stellt er alles in Frage, was die Obrigkeit lehrt. Kirche und Fürst werden zu gefährlichen Gegnern. Antares muss um sein Leben und seine Liebe zu Mira kämpfen. Die dramatische Geschichte des Weltentals, über Jahrhunderte im Dunkeln, wird aufgedeckt: Sie erzählt von einer 1600 Jahre dauernden Reise, von den Gefahren eines interstellaren Fluges, von einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes und ihren Folgen.

Martin Beickler, Jahrgang 1949, studierte Mathematik und Physik an der Universität Heidelberg und unterrichtete an Gymnasien im Rheingau, Frankfurt und Viernheim. Er gründete die Schülerfirma Energieagentur AvH-Schule Viernheim e.V. Seit 30 Jahren bei EUROSOLAR e.V. mit dem Schwerpunkt Ökologische Schule, im Ruhestand bei der BürgerSolarberatung von MetropolSolar Rhein-Neckar e.V. aktiv. Er ist Mitglied im Literarischen Quadrat der Abendakademie Mannheim und bei Räuber '77, Literarisches Zentrum Rhein-Neckar e.V.
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Kapitel 1 August 1652 nSt


»Mira! Komm zurück!« Der Wind reißt Antares den Ruf von den Lippen und weht ihn über seine Schulter davon, die mit Strandhafer bewachsenen Sandhügeln hinauf. »Mira! Komm sofort zurück«

›Verdammt, dieses verwöhnte Ding von der Hütte nebenan. Seit zwei Wochen! Wie eine Klette! Und jetzt rennt sie mir davon. Die Kleine macht mich noch wahnsinnig.‹

Er steht auf einer Düne, die Hand über seinen Augen. Vor ihm glitzert das Wattenmeer. Eine kleine Gestalt stapft dem flirrenden Horizont entgegen. Unbeirrt. Er setzt sich in Trab. Nicht ohne einen Blick zurück zur Küste zu werfen. ›Wenn Vater mich hier draußen erwischt, bekomme ich für den Rest des Urlaubs Hausarrest.‹ Und er hasst nichts so sehr wie die Routine des Sommerhäuschens, das allzu Bekannte.

Nur mit kurzer Hose und Hemd bekleidet, folgt der schlanke Elfjährige der Spur im Schlick. Nach Süden, hinaus in die lichte Weite, wo Sand und Meer verschmelzen. Zu seiner Linken die Felswand. Sie erstreckt sich vom Land bis in die See, begrenzt den Meeresboden im Osten als Steilklippe. Sein Blick sucht den dunklen Punkt vor sich. Im Sprint wird er schnell größer, nimmt die Konturen eines kleinen Mädchens an. Immer weiter hinaus. Unheimliches Terrain, es riecht nach Tang und Meeresboden. Hinab in eine Senke mit verwaschenen Rillen, wieder hinauf auf eine Sandbank. Ihm wird heiß, nicht nur vom Laufen. Er weiß, wie schnell die Wellen des Meeres aus ihrem Exil im Westen zurückkommen. Der Wind hat sich gedreht, er weht ihm ins Gesicht. Eine dunkle Wolkenwand türmt sich in der Ferne empor, spiegelt sich im Schlick.

»Mira, bleib doch stehen!«

Er erreicht das vier Jahre jüngere Mädchen. Sie lässt sich auf die Knie fallen. Mit ihrem weißen Sommerkleidchen. Braune Augen blitzen ihn an. »Lass mich in Ruhe, du Angsthase! Bin gleich da! Ich will wissen, wohin das Meer verschwunden ist.« Er packt sie am Oberarm und zieht sie auf die Beine. Mira schüttelt ihren dunklen Lockenkopf: »Au, du tust mir weh!«

»Das Meer kommt schneller zurück, als uns lieb ist.«

Er greift sich ihre Hand und zieht sie hinter sich her. Zurück zur Küste, entlang der eigenen Fußspuren. Er ignoriert die Proteste und das Zappeln der Siebenjährigen. ›Ich verstehe ja ihre Neugier‹, denkt er noch, dann stockt sein Fuß, sein Atem geht schneller. Die Fußabdrücke vor ihm haben sich mit Wasser gefüllt. Ein Windstoß, ein leises Brausen im Rücken. Weiter! Auch Mira läuft jetzt, so schnell sie kann. Ein Schatten überholt sie und segelt lautlos voraus zu den fernen Dünen des Festlandes. Gewitterwolken verdecken die Sonne. Ein erstes Donnergrollen. Trotz der Anstrengung fröstelt es Antares im Wind. Weiter, immer weiter, zurück zur rettenden Küste.

Plötzlich bleibt er stehen und sieht sich verwundert um. Der Meeresboden erstrahlt in schimmerndem Glanz und ist übersät mit tausenden von Sandtürmchen. Kleine, gedrehte Kringel. Antares schiebt eines der seltsamen Gebilde mit seiner Fußspitze zur Seite und sieht eine Bewegung in der entstandenen Wasserkuhle. Mira beugt sich darüber. »Der Wattwurm!«, murmelt der Junge, dann sieht er auf, seine Augen weiten sich. Das Naturschauspiel ist schon wieder vorbei. Glänzende Wasserflächen ringsum verdecken bereits Teile ihrer Spur. »Weiter!«, befiehlt er. Die Füße platschen in Wasser. Mira lacht über die Fontänen, Antares reißt sie mit sich. Sie werden langsamer. Die Füße versinken im aufgeweichten Sand. Antares bleibt abrupt stehen. Vor ihnen strömt Wasser. Er starrt auf seine Zehen, die im Schlick versinken. ›Allmächtiges Licht, Treibsand.‹ Eine Hitzewelle steigt in ihm auf, schnürt ihm die Kehle zu. Bilder tauchen auf, von leblosen Gestalten, angeschwemmt am Strand. Mit Planen zugedeckt. Darunter blasse Glieder mit klaffenden Wunden, zappelnde Krebse. Das Blut pocht in seiner Schläfe. Jemand ruckt an seiner Hand. Mira. Sie schaut mit großen Augen zu ihm auf. Er wischt sich über die Stirn, sieht sich um. Von links rollt die See in flachen Wellen heran. Vor ihnen eine Wasserrinne mit starker Strömung. Aber weiter rechts gibt es noch Sandflächen. Er schüttelt sich. »Weiter!« Der Schlick hält ihn fest. Er keucht. Ein Schmatzen und der Fuß ist frei. Der nächste Schritt, leichter. Er atmet auf, kämpft sich voran, zieht Mira mit sich. Seine Knie zittern. Die Sandbank, zur fernen Felswand hin steigt der Meeresboden an. Sie stapfen auf die Klippe zu. Schon können sie wieder laufen. Antares versucht den Priel, in dem das Meer mit Macht in sein Bett zurückströmt, zu umgehen. Doch der Strom neben ihm wird stärker. Auch auf der anderen Seite des Wasserlaufs ausgedehnte Lachen, in denen sich die Küste spiegelt. Sekunden später von Windböen gekräuselt. ›Kein sicherer Weg ans Land, abgeschnitten!‹ Das Herz klopft bis zum Hals, die Gedanken rasen. ›Schwimmen? Zu weit, zu kalt!‹ Im Rennen schaut er über die Schulter, sucht einen Ausweg. Ein Wasserkreis schließt sie ein, lässt nur noch einen Fluchtweg frei. »Zur Felswand! Schnell!« Mira bleibt stehen und klatscht in die Hände: »Oh ja, toll, zur Felswand!« Antares macht kehrt, beugt sich zu ihr und nimmt sie bei den Schultern, sieht ihr in die Augen, schüttelt sie. »Das ist kein Spiel, das ist gefährlich! Lauf!« Dabei stößt er sie vorwärts.

Mira läuft jetzt neben ihm, ihre Mundwinkel zeigen nach unten, der Glanz in ihren Augen ist erloschen. Geschichten, Erinnerungen blitzen in Antares auf. Großmutter, die warme Bauernstube, Abenddämmerung vor der Fensterscheibe. Märchen, Drachen, die in der Felswand hausen, Heimat der Riesen und Trolle, für Menschen verboten, das Ende der Welt.

Die Wand kommt näher, wächst in die Höhe. Er legt den Kopf in den Nacken, sucht beim Laufen einen Aufstieg in die schwindelerregende Klippe. Es geht leichter voran, flache Sanddünen strecken sich ihnen entgegen. Doch das Meer ist schneller, eine Welle züngelt zwischen den Füßen, verschwindet wieder. Felsenrücken, halb vergraben im Sand, von Algen und Muscheln behangen. Sie suchen ihren Weg durch das Labyrinth. Blitz und Donner folgen. Wie ein Vorhang senkt sich Dunkelheit auf das Watt. Unterbrochen von flammenden Lichtfluten. Krachende Donnerschläge rollen über das Meer. Ganz nah, ohrenbetäubend. Böen kalter Luft fegen heran. Endlich, die Geröllfelder. Riesige Felsbrocken am Fuß der Wand, turmhoch über ihnen. Ihre Risse und Spalten bieten noch keine Sicherheit. Antares weiß, bald wird hier eine Brandung toben. Links von ihnen hat ein Felssturz eine Lawine von Steinbrocken ins Watt geschoben, weiter oben eine Grotte in der Wand. »Da, die Höhle, schnell!«. Die Kinder klettern die muschelbewachsenen Steine hinauf. Sie rutschen auf den glitschigen Blöcken aus, schlagen sich die Knie an den Fels- und Muschelkanten blutig. Die Schnitte in ihren Händen und Füßen brennen in dem heranschäumenden Salzwasser.

Mira lässt sich auf eine Steinplatte fallen, hält sich die Seite, schnappt nach Luft. »Höher, höher«, schreit Antares. Eine Wasserwoge bäumt sich hinter dem Mädchen auf, hebt es empor und zieht es in die Tiefe. Antares wirft sich herum, klammert sich mit einer Hand an einen Felsvorsprung und bekommt mit der anderen den treibenden Haarschopf der Kleinen zu fassen. Sie klatschen gegen die wieder sichtbaren Felsen. Er sieht die aufgerissenen Augen von Mira unter sich. Sie hustet, klammert sich am Gestein fest, streckt ihm die Hand entgegen. Er packt zu, schleudert das Mädchen nach oben. Keine Sekunde zu früh, die nächste Welle schäumt zwischen ihren Beinen. Die Angst vor der nachfolgenden gibt neue Kraft. Sie erreichen den Höhleneingang.

Zittrige Schritte in die Höhlung. Das Toben der Elemente bleibt zurück. Antares stolpert auf ansteigendem Geröll immer tiefer in das Dunkel der Grotte, hört Mira dicht hinter sich wimmern. Der Widerschein der Blitze weist für Sekunden den Weg. Die Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht. Er stoppt, spürt Miras kleine kalte Hand in seiner, schaut nach oben. Die Höhle besteht aus einem hohen Spalt im blanken Fels. Er atmet tief ein. Die dunklen Wände verströmen einen modrigen Geruch.

Mira neben ihm flüstert, schwer atmend: »Hier stinkt‘s. Ich will hier raus!«

Unten donnert die Meeresbrandung in den Höhleneingang.

»Weiter!«, entscheidet er.

Immer tiefer klettern sie ins Dunkel der Höhle. Flackernde Düsternis. Weiter oben schimmert im Blitzlicht heller Sand. Ihm stockt der Atem, bei Sturmflut wird das Wasser auch diesen Winkel überfluten. Endlich, tief im Innern der Felswand, bleibt er stehen. Seine Beine zittern, er kann sie nicht stillhalten. Er lässt sich auf eine trockene Sandfläche fallen. Mira kniet neben ihm. Mit hängendem Kopf, ihre Schultern zucken.

Unten rauscht die erste große Welle in die Höhle...



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