E-Book, Deutsch, 363 Seiten
Beige Entfesselung der Lust
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-8331-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
24 verboten prickelnde Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 363 Seiten
ISBN: 978-3-7549-8331-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tira Beige schreibt in ihrer Freizeit anspruchsvolle erotische Romane für Frauen. Ihr Schreiben kreist um das verbotene Prickeln zwischen Figuren. Ihr Debütroman 'Rebeccas Schüler - Anziehend, verboten und gefährlich' erschien im Dezember 2020. Letztes Jahr brachte sie die Fortsetzung 'Rebeccas Schüler - Böse Spielchen' heraus. Wer Tira Beige unabhängig vom Romanschaffen kennenlernen möchte, dem sei die Anthologie 'Rebecca - Sinnliche Fantasien einer Lehrerin' ans Herz gelegt.
Autoren/Hrsg.
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Verführt
Die folgende Geschichte handelt von Unfruchtbarkeit. Sie betrifft mich unmittelbar – seit vielen Jahren. Das Warten auf eine Befruchtung kann zur unendlichen Qual werden. Der Kinderwunsch kann so große Ausmaße annehmen, dass man nicht nur die Partnerschaft hinterfragt, sondern den Sinn des Lebens grundsätzlich. Mit dieser Kurzgeschichte, in der Hoffnung versteckt ist, habe ich an einem Wettbewerb zum Thema »Inkubus und Sukkubus« teilgenommen.
Judith rutschte nervös auf dem Stuhl herum. Sie überkreuzte ihre Beine, öffnete sie wieder, verschränkte ihre Arme, griff sich dann doch ein Prospekt, legte es beiseite. Ständig krümmte sie sich, die Arme um die Taille haltend, weil die Nachbeben der gestrigen Operation noch nicht vollständig verklungen waren. Auf ihrem Bauch befand sich ein langes Pflaster, darunter wohl eine Narbe, die daran gemahnte, welchen Leidensweg sie hinter sich hatte. Da war er wieder – dieser Schmerz, der sie durchzuckte. Wann würde sie endlich ins Sprechzimmer gerufen werden?
Eine Frau, die neben Judith saß, streichelte über ihren dicken Bauch, bevor ihre Handfläche auf Höhe des Nabels verharrte. Gerade war noch eine jüngere Schwangere in die Praxis getreten, die freudig verkündete, zum Ultraschall da zu sein.
Judith verzog das Gesicht beim Anblick dieser glücklichen, kugelrunden Personen, die mit jedem offen ihre Emotionen teilen mussten. Am liebsten hätte Judith – angefüllt vom Neid – auf der Stelle die Praxis verlassen. Sie konnte diese fröhlichen »Seht her, ich bin schwanger« – Gesichter einfach nicht mehr ertragen.
»Frau Büning, bitte Zimmer 1«, erklang die bekannte Stimme des Frauenarztes. Judith erhob sich und trottete langsam auf das Sprechzimmer zu.
»Schön, dass Sie da sind«, sagte der Arzt, der bereits an der Tür wartete und sie mit einem kräftigen Händedruck begrüßte. »Geht es Ihnen gut?«, wollte er interessiert wissen, noch bevor Judith überhaupt ins Zimmer eingetreten war.
Als sie die Tür hinter sich schloss, gestand sie: »So wirklich nicht. Sie sagten ja vor der Bauchspiegelung, dass es nicht so schlimm wird.«
Ihr Frauenarzt beruhigte sie: »Es ist normal, wenn Sie sich nach der OP geschwächt fühlen oder Schmerzen im Bauchraum haben.«
Judith nickte.
Unerwartet legte sich ein Schatten über das Gesicht des Frauenarztes, der sich nun den Unterlagen zuwandte: »Frau Büning«, sagte er, wobei sich tiefe Furchen auf seiner Stirn eingruben, »leider habe ich bei der Bauchspiegelung etwas gefunden, was Sie nicht erfreuen wird«, deutete er an. Judith ahnte bereits, dass ihre seit Jahren bestehende Unfruchtbarkeit und ihre wiederkehrenden Schmerzen während ihrer Periode ernstere Ursachen haben mussten. »Sie haben einige Vereiterungen an den Eierstöcken, die ich leider nicht beheben konnte. Außerdem waren da knotige Veränderungen …«
Judith konnte dem Arzt nur schwer folgen, weil er in kompliziertem Ärztedeutsch aufzählte, was nicht normal an ihr war.
»Alles deutet darauf hin, dass Sie unter Endometriose leiden. Das würde auch erklären, warum Sie nicht schwanger werden.«
Er schaute betreten nach unten auf den Tisch, hatte die Hände zusammengefaltet, als wolle er beten.
Die Diagnose überraschte Judith nicht sonderlich, trotzdem biss sie sich auf die Lippe, um nicht sofort in Tränen auszubrechen. Sie wollte es so lange Zeit nicht wahrhaben, dass etwas an ihr nicht stimmte. Die Zeichen waren schon immer mehr als offensichtlich. Nun hatte sie die bittere Gewissheit. Sie würde niemals zur richtigen Frau werden. Ihr würde auf ewig verwehrt bleiben, Mutter zu werden. Nicht Paul war schuld, dass sie keine Kinder bekam, sondern sie selbst. Judith spürte, wie sich eine Tränenwand in ihren Augen hocharbeitete und einen Schleier vor ihrem Blickfeld erzeugte.
»Frau Büning, ich weiß, wie sehr Sie sich Kinder wünschen. Es tut mir aufrichtig leid«, sagte der Arzt mit brüchiger Stimme.
Wahrscheinlich würde er als Nächstes die Frau, die im Sprechzimmer neben ihr saß, aufrufen und ihr verkünden: »Herzlichen Glückwunsch, es wird ein Mädchen!« Und dann würde sie strahlen und er würde lachen und sich mit ihr freuen, während Judith zu Hause hockte, sich von der Bauchspiegelung erholte und daran dachte, niemals ein kleines Wunder, das aus ihrem eigenen Leib entsprungen war, in den Armen halten zu können. Sie schaute den Frauenarzt, der etwas in seinen Unterlagen notierte, an und knetete ihre klammen Hände.
»Wir sehen uns in ein paar Wochen an, wie die Narbe verheilt ist«, sagte er und dann folgte die Verabschiedung. Judith verschwand aus dem Sprechzimmer und lief an den dicken Frauen im Warteraum vorbei, die sich vermutlich über die bevorstehende Geburt unterhielten oder Wehwehchen über die Schwangerschaft austauschten.
Da sich Judith einen neuen Termin besorgen musste, wartete sie vor dem Tresen, bis die Sprechstundenhilfe erschien. In der Reihe vor ihr stand eine Frau, die einen Babytragekorb in der Hand hielt. Ein winziges Knäuel von Gesicht lugte aus Decken hervor und grinste Judith direkt an. Bei dem Anblick dieses kleinen Lebens schossen ihr die Tränen in die Augen und sie begann heftig zu schluchzen. Dann rannte sie, ohne sich vorher einen Termin besorgt zu haben, aus der Praxis hinaus.
Am Auto angekommen, hatte sie keine Kraft mehr. Ein Strom heißer Tränen rann ihre Wangen hinab, verfing sich in ihren Lippen und tropfte an ihrem Kinn herunter. Sie schüttelte den Kopf und konnte sich keinen Reim darauf machen, wieso Gott sie so dermaßen strafte. Wie konnte er nur zulassen, dass manche Frauen ständig Kinder bekamen, ungeplant schwanger wurden oder Lebewesen in die Welt setzten, um die sie sich nicht kümmern konnten, während sie selbst jede Menge Liebe zu vergeben hatte, aber das schier Einfachste auf der Welt nicht leisten konnte.
Warum hatte ihr Gott einen solchen Körper gegeben, der nicht in der Lage dazu war, ein Kind hervorzubringen. Ab jetzt wollte sie auf all das pfeifen, was ihr in der Christenlehre und im Konfirmandenunterricht beigebracht wurde: auf die Rede vom gnädigen, gütigen Gott, der als Mensch auf die Welt gekommen war, um Nächstenliebe zu predigen. Dieses heuchlerische Gefasel! Der Allmächtige konnte sie mal kreuzweise!
Das Einzige, was Judith jetzt noch spürte, war ein tiefsitzendes Gefühl der Ohnmacht und Ermattung. Die Tränenstrom, der unaufhörlich aus ihr herausquoll, wollte nicht versiegen. Erst nach einer Viertelstunde hatte sie keine Tränen mehr. Ihre Augen waren rot geschwollen und schmerzten. Sie musste noch irgendwie nach Hause fahren, ohne erneut von ihrem Schmerz heimgesucht zu werden. Sie schaffte es nur mühsam.
Zuhause angekommen, fiel Judith ermattet auf das Bett nieder. Ihr Freund würde erst in ein paar Stunden von der Arbeit heimkommen. Eine erneute Schmerzwelle durchrollte ihren geschwächten Körper, sodass sie sich auf der Seite liegend zusammenkrümmte. Sie wollte nur noch schlafen, wollte diesen Albtraum hinter sich bringen und endlich an etwas anderes denken als nur daran, dass sie unfruchtbar war. Unfruchtbar. Das Wort durchzuckte ihr Gehirn. Un, was war un eigentlich für eine Wortart? Was war es für ein merkwürdiges Präfix, das Schönes bis zur Unkenntlichkeit verdrehte. Frucht. Drehte man das r und u um, kam Furcht heraus. Bar. Die Bar. Substantiv. Nein, bar war ein Suffix, das an ein Adjektiv angehängt wurde.
Judith starrte den Schrank gegenüber vom Bett an, während sie das Wort in seine Bestandteile zerlegte. U n f r u c h t b a r.
Die Lider ihrer Augen senkten sich unaufhörlich. Sie wollte schlafen. Noch einmal erhob sich Judith, zog sich das Shirt über den Kopf, die Hose über die Beine. Sie streifte ihre Socken ab, dann den BH und zuletzt das Höschen. Dann legte sie sich nackt unter die Bettdecke, die sich kuschelig weich an ihre Haut anschmiegte. Das dicke Pflaster auf ihrem Bauch hätte sie am liebsten abgerissen. Sie durfte es aber erst in ein paar Tagen abziehen. Dann würde sie auch sehen, was von der Bauchspiegelung als Narbe zurückblieb. Unfruchtbar.
Judiths Lider wurden immer schwerer. Ihr gingen so viele Gedanken durch den Kopf und doch wollte sie ihrem müden Körper Ruhe gönnen. Schlafen. Sie wollte schlafen.
Gerade, als sie glaubte, mit ihrem schweren Körper in die Traumwelt gezogen zu werden, hörte sie, dass sich etwas an der Schlafzimmertür regte. Es klang wie ein Scharren. Oder nein, als ob jemand mit langen Fingernägeln über die Einfassung der Tür kratzte. Was mussten das für störrische Fingernägel sein?
Krr krr krr. Dreimal strich dieser Jemand über die Zarge. Dann erneut: Krr krr krr. Wieder dreimal.
Judith drehte sich schlaftrunken zur Türeinfassung und war überhaupt nicht überrascht, dass da jemand stand. Es war ein Mann. Oder war es ein Tier? Das Wesen war halbnackt, trug lediglich einen schwarzen Lederschurz um seine Hüften. Es besaß einen muskulösen, unbehaarten Oberkörper, der jede Frau vor Verzückung in die Knie gezwungen hätte. Auf dem Rücken befanden sich zwei breite düstere Flügel und auf dem Kopf, der von pechschwarzen Haaren überzogen war, prangten zwei in sich gedrehte Hörner.
War sie tot? Wollte diese Mischung aus Engel und Teufel sie mit sich nehmen?
Und dann dieses Gesicht. Es war menschlich, keine Frage, und wunderschön. Judith glaubte, noch nie in ihrem Leben in ein dermaßen attraktives Gesicht geschaut zu haben. Es war perfekt. Männlich und herb, aber gleichzeitig strahlte es etwas Feminines aus, etwas Weiches, das ihm Anmut und Stärke verlieh. Die Nase war ebenmäßig gerade, die Wangenknochen bis zur Perfektion ausgearbeitet. Wie gemalt erschienen die vollen, sinnlichen...




