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Bein | Der Spaziergang | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Bein Der Spaziergang

Eine Erzählung
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6963-4313-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Erzählung

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

ISBN: 978-3-6963-4313-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Erzählung handelt von Philipp, einem zersplitterten Menschen, der sich zu einem Spaziergang aufrafft. Er wählt eine Promenade, die einen großen Fluss begleitet. Dort begegnet er vielen Menschen. Einige unterhalten sich oder telefonieren. Philipp schnappt Gesprächsfetzen auf, die er - zwanghaft fast - in seinem Kopf zu Lebensgeschichten zu ergänzen versucht. Erschöpft unterbricht er seinen Spaziergang und nimmt auf einer Bank am Flussufer Platz. Dort trifft er auf Maria. Beide erahnen oder wissen, dass ähnliche Schicksale sie verbinden. Philipps Spaziergang wird zu einem Spaziergang durchs Leben.

Das schon frühe Interesse an Sprachen und ihren Kulturen motivierte Thomas Bein zu einem Literatur- und Philosophiestudium. Neigung und Leidenschaft wurden zum Beruf. Gut 35 Jahre forschte und lehrte er an deutschen Hochschulen. Schwerpunkt: Mittelalterliche Textkulturen. Die Pensionierung hat Zeit für eigene literarische Versuche freigegeben. 2024 hat er unter dem Pseudonym S. L. Tilleul ein erstes Bändchen ('Die Uhr') mit drei 'sonderbaren Geschichten' bei BoD veröffentlicht. Bald folgten mit 'Das Pochen' zwei weitere. Die hier vorliegende Erzählung 'Der Spaziergang' versucht sich an einem anderen, weniger 'sonderbaren' Thema. Erzählt wird von einem Spaziergang durchs Leben.
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DER SPAZIERGANG


1


»... du glaubst es nicht, du glaubst es nicht ... ich bin soooo ..., ich ... di...«

Weitere Silben und Worte verloren sich im Rauschen des Windes.

Philipp hatte sich zu einem Spaziergang aufgerafft.

traf es vorzüglich.

Seit Tagen, Wochen, Monaten kümmerte er so vor sich hin. Kümmerte und kümmerte … und verkümmerte so allmählich. Schlapp, ausgezehrt, verbraucht, aufgebraucht, ohne ... ohne ... ja, ohne was? Irgendwie aus Zeit und Welt gefallen.

Du musst dich mal um dich kümmern, hatte ein Freund geraten. Jovial. Ein GutmenschRat. Geh mal raus!

Philipp hatte mehr und mehr den Eindruck, sich aufzulösen, sich in seinem Zuhause auszuverkaufen und zu zersplittern wie eine ehedem robust geformte und Nutzen stiftende Porzellanschale, die jemand in gedehnter Zeit auf harten Steinboden geschleudert hatte. Welcher Jemand? Gute Frage. Da zerstoben sie, die Schale und Philipp, in tausend Splitter. Ganz langsam. Ganz, ganz langsam. Erst noch in Raum und Zeit, dann in gedehnter Zeit, bald aber in Zeitlosigkeit sich verlierend.

Zeit.

Lange hatte Philipp sich gesträubt, es zuzulassen. Aber seit einiger … Zeit … war er doch häufiger der Meinung, dieselbe totschlagen zu müssen. Und dass sie das auch verdient hätte. Hin und wieder hatte er bereits kräftig zugelangt, war ein richtig schwerer Verbrecher geworden. Ein Zeittotschläger. Nur mit welchem Erfolg? Der Splitterberg wuchs und wuchs natürlich, wurde höher und höher und höher.

Wer würde sich um all die Scherben kümmern? Wer würde sie ? Ließen sie sich je wieder zu dem zusammenfügen, was sie einmal waren oder hatten sein sollen? Oder würden stets und ständig Trümmerchen fehlen? Ganz kleine Splitterchen nur, aber doch bedeutsam für das Große Ganze?

Ohne Zweifel – irgendetwas würde fehlen, wäre nicht mehr aufzufinden oder einfach weg.

Geh mal raus, kümmer dich! Raff dich auf! Seltsames Wort, dieses . gibt es auch. Und den . Den üblen nicht zu vergessen. Dieser blöde Neureiche von nebenan. Aber hatte ihm nicht geraten, sich mal aufzuraffen. Wäre auch undenkbar gewesen. Der grüßte nicht einmal. Und selbst wenn der gesagt hätte: Lieber Freund und Nachbar, nicht , sondern , raff dich auf, geh hinaus, atme, atme, atme..., nein, da wäre lieber ein TausendSplitterPuzzle geblieben. Sehr gerne geblieben. in tausend Splitter. Na und?

Aber nun war es doch anders gekommen. Er hatte sich, nein, er hatte einige Bruchstücke von sich vom Boden aufgerafft – nicht alle, längst nicht, aber einige schon –, hatte eine Kümmerroutine abgearbeitet, seine Jacke übergezogen, war in Schuhe geschlüpft und rausgegangen, womöglich sogar ausgegangen. Er hatte sich Ausgang gewährt. Genau wie in einem Gefängnis, wo es hin und wieder – bei guter Führung – auch einmal heißen kann: aus dem Gefängnis.

Allerdings: Er war Gefangener und Aufseher in einem, irgendwie.

Philipp hatte die Wohnungstür achtsam geöffnet und leise geschlossen. Schlüssel in die Jackentasche. Geübt den Reißverschluss, nomen est omen, mit einem Ruck zugezogen. Alles sicher. Wasserdicht. Wirklich?

Im Treppenhaus. Langsamer Gang vierundsechzig Stufen hinunter. Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs – sieben – acht – neun – zehn – elf – zwölf … Haustür geöffnet, beherzt hinausgetreten, Tür geschlossen.

Sie haben jetzt Ausgang, sagte der Schließer. Ich bleibe und passe auf, kümmere mich.

Danke, sagte Philipp.

Da stand er nun draußen, umgeben von der sogenannten frischen Luft. Atme, atme, atme... ha, dieser Raffke, jaja. Aber trotzdem, tiefes Atmen konnte nicht schaden, eigentlich nicht.

Wohin sollte sein Ausgang ihn führen? Nicht weit entfernt floss der Große Fluss. Die Promenade, die den Fluss freundschaftlich, vielleicht auch ein wenig neidisch begleitete, war schnell zu erreichen. Das Wetter: angenehm, kein Regen, keine Hitze. Das begünstigte Leichtfüßigkeit. Vielleicht sogar ein gewisses Beschwingtsein? Nein, das wäre doch etwas übertrieben. Aber Leichtfüßigkeit, dem konnte Philipp zustimmen.

›Philipp, oh, mein lieber Bruder Leichtfuß‹, schoss da etwas durch seinen Kopf. Ein Kompliment war das nicht. ›Atme‹, Philipp, ›atme!‹ Philipp atmete. Tief ein, langsam aus. Und noch einmal. Und noch einmal.

Leicht schlitterten seine Füße über das holprige Kopfsteinpflaster. Es war einem Schlurfen ähnlich, die Sohlen hoben sich kaum von den steinernen Köpfen ab. Unangenehm war das nicht und fiel wohl auch nicht unangenehm auf. Hier, auf dem Weg zur Promenade, waren ohnehin nur wenige Menschen zu Fuß unterwegs. Radfahrern begegnete er indes vielen, auch ERollerFahrern. Aber die hatten weder Zeit noch Muße, sich auf seinen Schlurfgang einzulassen. Sie starrten auf die Straße, die Kopfsteine. Keine einfache Sache, darauf zu fahren. Geradezu gefährlich, besonders wenn es geregnet hatte. Aber jetzt war es trocken.

2


Er schlurfte einige Minuten weiter Richtung Fluss. Und schon mündete das kopfsteinerne Sträßchen geradewegs in die Promenade ein, die aus asphaltierten Schlaglöchern bestand. Diese waren mächtiger Wurzelarbeit geschuldet. Platanen und Linden säumten den Spazierweg und hatten ihm über Jahre und Jahrzehnte hinweg übel mitgespielt. Schleichend. Heimtückisch fast. So war Philipp zwar dem einen Gefahrenraum, dem kopfsteinernen Zubringer, heil entkommen, schwenkte nun aber in einen anderen ein. Auch hier galt es, Vorund Umsicht walten zu lassen, den Blick lieber nach unten zu richten als nach oben zu den Baumkronen. Ein zweiter HannsGuckindieLuft wollte er nun wahrlich nicht werden, schon gar nicht so nah am Wasser.

Denn:

Nein, nein, da passte Hanns … nein, da passte Philipp nun doch auf. Einerlei: Die Verse aus dem stimmten ihn seltsam fröhlich. Ob er die gesamte Geschichte noch auswendig aufsagen könnte? Eine feine Gedächtnisübung wäre es sicher.

Geht doch, dachte Philipp. Noch keine Demenz am Horizont.

›Nun ja, lieber Philipp, der döst in deinem Langzeitgedächtnis, die Demenz setzt beim kurzzeitigen an, also, will sagen, wiege dich da nicht in Sicherheit.‹

Immer dieser Besserwisser! Schlimm, schlimm. Philipp wurde ihn einfach nicht los. Inzwischen hatte er sich, Besserwisser hin, Besserwisser her, entschlossen, links auf die löchrige Promenade abzubiegen.

›Warum nach links?‹ fragte sein neunmalkluger Zwilling.

Warum denn nicht? maulte Philipp zurück. Aber ruhig. Keineswegs gereizt. Das kam vielleicht noch, je nachdem, wie sich der Spaziergang entwickeln würde.

Also nach links. Blick Rechts von ihm floss der Fluss. Nach links. Also genauer gesagt: Das Wasser des Flusses kam auf ihn zu. Nass wurde er natürlich nicht. Er war ja kein zweiter HannsguckindieLuft. Also rechts von ihm floss der Fluss auf ihn zu. Aber an ihm vorbei. Nach links, wenn Philipp dem Fluss den Rücken zugekehrt hätte.

3


»... du glaubst es nicht, du glaubst es nicht ... ich bin soooo ..., ich ... di...«

Zwei junge Frauen waren Philipp entgegengekommen. Sie sprachen miteinander.

›Nein, nicht , Philipp, das hast du nicht gehört. Du hast nur gehört, dass eine der Frauen zur anderen etwas sagte.‹

Der Besserwisser! Na klar.

›Und ob die Frauen jung sind, kannst du nicht sicher wissen. Du hast ja, vernünftigerweise, auf die Erde geschaut.‹

Ja, ja, das ließ Philipp gelten. Aber zwei Frauen waren es sicher, das hatte er aus einem Augenwinkel heraus gesehen. Auch wenn in der Tat nur eine geredet hatte.

»... du glaubst es nicht, du glaubst es nicht ... ich bin soooo ..., ich ... di...«

Weitere Silben und Worte hatten sich im Rauschen des Windes verloren.

Es war trocken, aber windig. Das fiel Philipp jetzt auf. Die Äste, Zweige und Blätter der Platanen und Linden wogten heftig hin und her.

»... du glaubst es nicht, du glaubst es nicht ... ich bin soooo ..., ich ... di...«

Diese Bruchstücke hatten sich in Philipps Hirn festgekrallt. Wie ein Ohrwurm wiederholte er sie wieder und wieder. Oder besser: Sie...



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