E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Izzy Sparrow
Bell Izzy Sparrow (3). Die Stadt der verlorenen Dinge
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-401-80782-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Izzy Sparrow
ISBN: 978-3-401-80782-9
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jennifer Bell lebt in London und arbeitete als Buchhändlerin, bevor sie anfing, selbst Bücher zu schreiben. Die Idee für 'Izzy Sparrow und die Geheimnisse von Lundinor' kam ihr, als sie für den Urlaub packte und sich wünschte, einfach in ihren Koffer zu kriechen und an ihrem Urlaubsziel wieder herauszukommen. Mit dem Schreiben von Kinderbüchern kann sie sich in fremde Welten davonträumen und muss nie erwachsen werden, ganz so wie Peter Pan, dessen Geschichten sie am liebsten liest.
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1
Die neue Babysitterin war eine stämmige Frau mit einem moosgrünen Kopftuch, einem langen Trenchcoat und einer Brille mit runden Gläsern.
Und sie war tot.
»Du musst Izzy sein«, sagte die Babysitterin schroff und ließ ihre Tasche auf den Fußabtreter vor der Haustür fallen. Ihre Mundwinkel hoben sich schwerfällig, als ob sie das Lächeln nicht gewohnt war. »Deine Eltern haben mir alles über dich erzählt. Du kannst mich Curtis nennen.«
Izzy wich einen Schritt zurück. Sie konnte die Toten aus der Welt der Ungewöhnlichen spüren, aber hier im gewöhnlichen London war sie ihnen noch nie zuvor begegnet. »Meine Eltern sind gerade losgefahren, um ihren Zug noch zu erwischen … Ich hol schnell meinen Bruder.« Mit großen Schritten eilte sie die Treppe hinauf und schlug mit der flachen Hand gegen seine Zimmertür.»Seb!«
Seb erschien in einem dicken Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen, lehnte sich lässig gegen den Türrahmen und sah Izzy durch seine wirren blonden Haare mürrisch an. An einem gewöhnlichen Abend hätte er die Tür im Schlafanzug geöffnet, aber heute hatten sie geplant, sich um Mitternacht davonzuschleichen. Sie wollten nach Nubrook, einem ungewöhnlichen Markt, der unter der Stadt New York verborgen war, um ihrem Freund Valian bei der Suche nach seiner verschollenen Schwester zu helfen. »Du hast mein Lieblingsvideo von The Ripz unterbrochen«, murrte Seb. »Was ist denn?«
»Unsere Babysitterin ist tot«, teilte Izzy ihm mit.
»Was?« Seb nahm eine gerade Haltung an. »Bist du sicher?«
Izzy spähte über das Treppengeländer. Unten im Flur hängte Curtis gerade ihren Mantel auf. An dessen Kragen funkelte eine Brosche in der Form eines gegabelten Pfeils. Curtis mochte vielleicht normal aussehen, aber Izzy wusste, dass das Knifflige bei der Sache mit den Toten war, dass man sie nicht von den Lebenden unterscheiden konnte, bis sie etwas Unmögliches taten – wie durch eine Wand zu schweben oder sich in ein riesiges Insekt zu verwandeln.
»Absolut«, antwortete sie. »Ich kann es fühlen.« Als Flüsterer konnte Izzy die Fragmente menschlicher Seelen spüren, die im Körper der Toten gefangen waren. Vor Sebs Tür im Flur stehend, versuchte sie nun, die Reichweite ihres Flüstersinns zu erweitern, so wie sie es geübt hatte. Izzy konnte die Stimme von Curtis’ zerbrochener Seele ganz leise am Rande ihrer Wahrnehmung hören. »Ihr Name ist Curtis«, teilte sie Seb mit. »Wenn sie tot ist, muss sie eine Ungewöhnliche sein. Was macht sie dann hier?«
Eine Falte bildete sich zwischen Sebs dichten Augenbrauen. »Dad hat sich gestern darüber beschwert, dass in der Gegend kein Babysitter mehr zu kriegen ist, weil so viele Schulen wegen Reparaturen geschlossen sind, nicht nur unsere. Guck …« Er nahm seine Fernbedienung und schaltete durch die Kanäle, bis er fand, was er suchte. Eine Wetterkarte auf einer Hälfte des Bildschirms zeigte die Luftdrucklinien eines gewaltigen Sturms, der über den Ärmelkanal von Paris nach London wanderte. Der Reporter in der anderen Hälfte rief laut in die Kamera, während sein Mantel wild im Wind flatterte.
»… Meteorologen suchen noch immer nach einer Erklärung für das plötzliche Auftreten von Sturm Sarah vor drei Tagen in Paris. Der Hurrikan der Stufe zwei hat auch bei uns großflächigen Schaden angerichtet und für Ausfälle gesorgt, Schulen und Straßen überall in London und dem Südosten des Landes wurden geschlossen …«
»Ich habe versucht, Dad davon zu überzeugen, dass wir auf uns selbst aufpassen können«, fuhr Seb fort, »und dass wir für die paar Nächte, wenn Mum und er bei der Hochzeit sind, keinen Babysitter brauchen. Aber dann ist Mum nach Hause gekommen und hat verkündet, dass sie durch einen glücklichen Zufall auf eine verfügbare Babysitterin ›gestoßen‹ ist … das muss Curtis gewesen sein.«
Izzy spürte ein Prickeln auf der Haut. Das konnte kein Zufall sein. Sie schnappte sich die Fernbedienung und stellte den Fernseher lauter, damit ihre Stimmen unten nicht zu hören waren. »Was ist, wenn Curtis für die Schattenwanderer arbeitet? Die setzen ständig Tote für ihre Zwecke ein. Sie könnten sie hier eingeschleust haben, um uns auszuspionieren – oder noch Schlimmeres.« Die Schattenwanderer … Izzy wünschte, dass sie nicht über sie reden müsste, aber es war schwer, den Geheimbund zu vergessen, der es immer wieder auf sie abgesehen hatte.
Seb versteifte sich. »Ich habe die ungewöhnlichen Zeitungen gelesen, die Valian uns geschickt hat: Die Schattenwanderer sind seit dem Frühjahr mit allen möglichen Vorfällen in Verbindung gebracht worden. Sie sind doch bestimmt viel zu beschäftigt, um sich mit uns abzugeben?«
Das Zittern in seiner Stimme sagte Izzy, dass er den letzten Teil selbst nicht glaubte, aber in einem hatte er recht: Die niederträchtige Gilde der Schattenwanderer war äußerst aktiv gewesen. Ihre Visitenkarte – ein krummer Sixpence – war an mehreren Tatorten rund um die ungewöhnliche Welt gefunden worden. In Moskov, dem geheimen Markt in Russland, wurden den Schattenwanderern verschiedene Fälle von Erpressung und Entführung zugeschrieben, in China groß angelegter Betrug. Eine Reihe von Ladenüberfällen auf dem ägyptischen Markt Cryp trug ebenso ihre Handschrift wie das rätselhafte Verschwinden einiger hoher Amtsträger im deutschen Ausmark. Bei so viel krimineller Aktivität wunderte es Izzy, dass die sechs Mitglieder der Gilde ihre Identität weiterhin geheim halten konnten.
»Jetzt, wo ich darüber nachdenke …«, sagte Seb und blinzelte. »Ich glaube, Curtis’ Auftauchen könnte mit einer Nachricht zu tun haben, die Valian mir vorhin geschickt hat. Er wollte uns mitteilen, dass wir keine ungewöhnlichen Gepäckstücke mehr nutzen können, um nach Nubrook zu reisen – er hat nicht gesagt, warum –, aber er hat uns stattdessen neue Anweisungen gegeben.«
»Ach ja? Warum hast du mir das nicht erzählt?«
»Das konnte ich nicht riskieren, solange Mum und Dad noch in der Nähe waren. Keine Sorge – ich bin sicher, es ist nichts Schlimmes.«
Izzy biss die Zähne zusammen. Ihr Bruder hatte die frustrierende Angewohnheit, alles unhinterfragt zu akzeptieren. »Seb«, sagte sie vorwurfsvoll, »Valian sucht seit sieben Jahren allein nach Rosie … er ist es nicht gewohnt, um Hilfe zu bitten. Es könnte etwas passiert sein …« Izzy hatte ein hohles Gefühl in der Magengrube, wenn sie an die wiederholten Enttäuschungen dachte, die Valian bei der Suche nach seiner kleinen Schwester erlebt hatte. Sie war entschlossen, alles zu tun, was sie konnte, um ihm diesmal zu helfen. »Diese Reise ist bis jetzt seine beste Chance, sie zu finden. Wir müssen ihn bei jedem Schritt unterstützen.«
Seb errötete schuldbewusst. »Na gut, dann lass uns jetzt gleich nach Nubrook reisen. Ich bin nicht gerade scharf darauf, noch länger hierzubleiben und herauszufinden, ob Zombie Poppins uns nun umbringen will oder nicht.« Er zog seinen fertig gepackten Rucksack unter dem Bett hervor und schaltete den Fernseher aus. Izzy holte ihre Sachen aus ihrem Zimmer und stopfte sich noch einen extra Pullover in ihre Umhängetasche. Ein dickes, in Leder gebundenes Buch schaute daraus hervor. Auf die Vorderseite war ein Symbol geprägt: eine rauchende Sanduhr. Seb bedachte es mit einem skeptischen Blick.
»Du nimmst Amos Stirlings Tagebuch mit?«, fragte er. Izzy verstand seine Sorge. Das Tagebuch war mit Notizen gefüllt und enthielt viele gefährliche Geheimnisse über die Großen Ungewöhnlichen Güter – die fünf mächtigsten ungewöhnlichen Gegenstände der Geschichte – und deshalb zog es jede Menge Ärger an.
»Ich habe bisher erst ein bisschen davon übersetzen können«, erklärte sie ihm. »Amos hat in Sprachen geschrieben, die nicht mal Google kennt. Er hat alles Mögliche über die Großen Ungewöhnlichen Güter herausgefunden und er wollte verhindern, dass dieses Wissen den Schattenwanderern in die Hände fällt. Wenn ich das Buch hierlasse und Curtis es findet …«
»… werden die Schattenwanderer Amos’ sämtliche Geheimnisse erfahren«, beendete Seb ihren Satz. »Schon verstanden.« Er führte sie ins Badezimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Izzy zog die Rollläden vor dem Fenster herunter.
»Hat Valian gesagt, dass es einen geheimen Eingang nach Nubrook gibt, der irgendwo hier versteckt ist?«, fragte sie und dachte daran, wie Seb und sie einmal durch einen Schuppen in einer Kleingartenanlage nach Lundinor gelangt waren. Es gab viele verschiedene Wege, wie man den geheimen Markt unter London erreichen konnte. Vielleicht war es mit Nubrook genauso.
»Nein«, antwortete Seb, »seine Anweisungen waren noch seltsamer.« Er schloss den Stöpsel des Waschbeckens und drehte den Wasserhahn auf. »›Wascht eure Hände und findet den Mann in Rot.‹ Mehr hat er nicht geschrieben.«
Izzy fragte sich, warum Valian wohl so undeutlich geblieben war. Sie klopfte auf ihre Umhängetasche. »Scratch, hörst du zu? Hast du eine Ahnung, was Valian damit meint?«
Sie spürte ein Vibrieren an ihrer Hüfte, öffnete die Tasche und holte eine zerkratzte Fahrradklingel heraus. Wie alle ungewöhnlichen Objekte fühlte sich die Klingel seltsam warm an ihrer Haut an, als hätte sie in der Sonne gelegen.
»Los es geht endlich!«, rief eine kindliche Stimme, die aus der Klingel kam. »Gereist Nubrook nach zuvor nie noch ist Scratch!« Izzy konnte das Seelenfragment in Scratchs Innern flüstern hören –genau das war es, was ihn ungewöhnlich machte. »Hmm. Will haben sauber Hände die Valian warum, nicht weiß.«
Izzy ließ die Schultern hängen. Trotz Scratchs Eigenheit, alles rückwärtszusprechen, verstand sie, was er meinte.
Im Erdgeschoss knallte...




