E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Bellanger Die letzten Tage der Linken
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3549-0
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Ein politischer Roman über die Krise linker Politik und den Aufstieg des Populismus
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3549-0
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aurélien Bellanger, geboren 1980, schreibt von Buch zu Buch an einer Comédie humaine der Gegenwart. Nach den Erfolgen seiner letzten Romane in Frankreich findet er mit Die letzten Tage der Linken zu seinem Lieblingsthema, der Politik, zurück und zeichnet ein kompromissloses Porträt der Irrungen und Wirrungen der Linken.
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Ein junger Sozialist
Heute gilt Grémond als der Mann, der das Ende des Goldenen Zeitalters der Sozialistischen Partei auf dem Gewissen hat. Man kennt ihn als den Parteifunktionär, der die 1789 begonnene, großartigste und längste fortschrittliche Phase der Weltgeschichte beendete. Bevor er der Linken den Fortschritt entriss und sie zu einem reaktionären Bollwerk machte, war Grémond ein anonymer Sympathisant gewesen, ein leidenschaftlicher Aktivist, ein studentischer Gewerkschaftler und schließlich Mitglied der Bewegung der Jungen Sozialisten. Er hatte Gelegenheit gehabt, sich Schritt für Schritt darüber klar zu werden, welchen Weg es zurückzulegen galt, um jemand zu werden, dessen Stimme auf dem Podium zählte und der auf Kongressen für die entscheidenden Mehrheiten sorgen konnte. Dies war schon immer sein Traum gewesen. Dennoch hatte er niemals die Basisarbeit verachtet, die konkretesten Aspekte seines Engagements: das Verteilen von Flugblättern, das Kleben von Plakaten, die endlosen politischen Diskussionen, um diejenigen von der Rechtmäßigkeit des sozialistischen Projekts zu überzeugen, denen die enge Nachbarschaft zum Kommunismus ein wenig Angst eingejagt hatte, oder diejenigen, die im Gegenteil vom Linksextremismus kamen und die Sozialisten für Sozialverräter hielten.
Zur Zeit seiner ersten politischen Gehversuche – Streiks an Gymnasien, dann an Unis, Demonstrationen gegen die Hochschulreform der 80er-Jahre, Schweigemärsche in Erinnerung an Malik Oussekine, den algerischstämmigen Studenten, der bei ebendiesen Demonstrationen von der Polizei totgeprügelt worden war – betrachtete man diese linksextremen Aktivisten bereits weniger als potenzielle Revolutionäre denn als alternde Elemente der politischen Folklore Frankreichs. Nun, da die Linke den Staatsapparat und die Bürokratie erobert hatte, wirkte die revolutionäre Rhetorik wie ein aussterbendes Idiom. Man nannte einander immer seltener »Genosse« und kannte von der nur noch den Refrain. Wenn es außerhalb der Sozialistischen Partei tatsächlich noch Aktivisten gab, die der Revolution nicht abgeschworen hatten, so waren diese längst nur noch Anlass für ironische Bemerkungen über deren Zersplitterung und lächerliche Durchhalteparolen. Man machte sich gerne über diese extreme Linke lustig, die sich die Macht lieber im Konkurrenzkampf zwischen den unterschiedlichen Strömungen durch die Lappen gehen ließ, anstatt sie zu übernehmen. Genüsslich zitierte man Lenin – »der linke Radikalismus ist die Kinderkrankheit des Kommunismus« – oder erzählte sich gegenseitig den alten Witz, trotzkistische Splittergruppen seien von der Spaltung bedroht, sobald sie mehr als zwei Mitglieder hätten.
Zu jener Zeit war die extreme Linke in die Endphase ihres Zerfalls eingetreten, der so massiv war, dass Präsident Mitterrand die Gelegenheit ergriff, den letzten Radikalen durch einen etwas hinterhältigen Akt der Nächstenliebe unter dem scheinbar neutralen Banner der Bewegung SOS Racisme eine allerletzte Chance zu bieten, sich der regierenden Linken anzuschließen. Von ehemaligen Trotzkisten gegründet, hatte diese sowohl das Ziel, die Stimmen der Vorstädte zu gewinnen, als auch, den Linksextremen aus den Innenstädten eine Hintertür zum Sozialismus zu bieten.
Der junge Grémond, der leidenschaftlich in Schüler- und Studentengewerkschaften aktiv war, hatte damals dieser leicht zynischen Sichtweise noch nicht nachgegeben. Wer sich mit dem ganzen Feuer seiner siebzehn Jahre politisch engagierte, wollte mehr, als zum Gespött rechtskonservativer Chansonniers zu werden oder sich von dem alten Präsidenten manipulieren zu lassen. Mit einer Mischung aus Naivität und Kalkül glaubt der junge Gewerkschaftler an die Existenz elementarer politischer Kräfte, die gleichsam um ihn herum im Raum zu schweben scheinen – und die er bei seinen ersten Gehversuchen als Redner manchmal sichtbar zu machen oder gar heraufzubeschwören vermag. Hier, und nicht in den Amtsstuben der Ministerien, liegt die ursprüngliche Heimstätte der Politik. Vorausgesetzt, man besitzt ein Gespür dafür, welcher Antrag eine Chance auf den Sieg hat – oder wo der Weg des geringsten Widerstands liegt. Der eigentliche Schauplatz der Politik, der Ort künftiger Machtübernahmen und bedeutender sozialer Veränderungen, bleibt jene »GV« genannte Mutter aller Versammlungen – die Generalversammlung der aus Schülern und Studenten bestehenden Streik- und Blockadebewegungen.
All diejenigen, die sich, sobald sie Minister geworden waren, über diese oder, wie es die Gebildeteren unter ihnen ausdrückten, »die messianischen Tendenzen der Sponti-Linken« lustig machten, hatten vergessen, dass sie selbst ihre Karriere und ihr ideologisches Rüstzeug den Hörsälen des Mai 68 verdankten. Den Analysen des jungen Grémond zufolge, der seine Gedanken tagtäglich in Notizbüchern festhielt, die er auch zur Erstellung erster Redenentwürfe sowie zur Aktualisierung seiner Freundes- und Feindeslisten nutzte, hatte der erste Durchgang der Präsidentschaftswahl von 1981 bereits dreizehn Jahre zuvor im Hof der Sorbonne stattgefunden. Somit war die Wahl Mitterrands der handfeste Beweis dafür, dass nach wie vor eine politische Bewegung existierte, die, trotz ihrer relativen Unsichtbarkeit während der turbulenten 1970er-Jahre, in der Lage war, alle Hindernisse zu überwinden. Ein Minderheitenweg, der geradewegs zur Revolution führte oder, bescheidener formuliert, zur Machtausübung. Wie viele Hindernisse ein Fluss zu umschiffen oder zu verschlingen vermochte, entschied sich bereits an seiner jugendlichen Quelle. Vereinigte man sich zu schnell, vermischten sich die Wasser zu früh miteinander, würde dabei am Ende nur eine schlammige Pfütze herauskommen. Das Streben der Revolutionäre nach Reinheit war alles andere als lächerlich. Die Strömungen, die sich bei den Debatten in der GV herauskristallisierten, waren die wichtigsten Triebfedern der Geschichte, weitaus mehr als Abkommen, Kriege oder Revolutionen. Dass sich eine extrem minoritäre trotzkistische Strömung in zwei voneinander unabhängige Gruppen spaltete, mochte lächerlich erscheinen, doch hatte die Weltgeschichte ihre bedeutendsten Fortschritte stets durch kleine, unmerkliche Veränderungen gemacht. In diesem Punkt würde Grémond stets derselbe bleiben. Sein Leben lang würde er aufmerksam alle Strömungen, Nuancen und Feinheiten, wenn nicht sogar Empfindlichkeiten des politischen Spektrums beobachten und lediglich lernen, dieses Spektrum nach und nach zu erweitern …
Am deutlichsten hatte der junge Aktivist dies vor den Sitzreihen des kleinsten Hörsaals an der Uni Nanterre begriffen. Schweigend hatte er am Rednerpult neben einem Kommilitonen gestanden, der vergeblich versuchte, einen Ausweg aus der Zwickmühle zu finden, in die sich die lokale Bewegung gegen das von der Balladur-Regierung geplante Mindesteinkommen für junge Leute manövriert hatte: Während die einen glaubten, der Kapitalismus ließe sich ebenso leicht zu Fall bringen wie der Coca-Cola-Automat, den sie soeben im Innenhof umgekippt hatten, wollten die anderen lieber mit den Firmenchefs über die Entlohnung der Unternehmenspraktika von Siebtklässlern verhandeln. Wie sollte man aus einem solchen Schlamassel wieder herausfinden?
Auf einmal wurde Grémond sich bewusst, wie klar strukturiert das politische Spektrum vor ihm ausgebreitet lag: schwarz gekleidet am Fuße der Tribüne stehend, da sie sich geweigert hatten, sich zu setzen – die autonomen Aktivisten; in der ersten Reihe die Trotzkisten von der revolutionär-kommunistischen Liga LCR, die Musterschüler der Revolution; hinter ihnen die Jungen Kommunisten, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion unauffälliger geworden waren, und schließlich, ganz oben, erkennbar an ihren Keffiahs, die Internationalisten, die geheimnisvolle Fahnen in den Farben irgendeiner mexikanischen Armee schwenkten.
Und wenn die Sozialisten, , fehlten, dann nur deshalb, weil sie auf der Bühne standen. Lediglich sie waren in der Lage, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, wie sie Grémond vorschwebte. Denn nur um sie herum konnte dank ihrer legendären Mäßigung und ihres unerschütterlichen Glaubens an den Fortschritt eine Einigung der Linken zustande gebracht werden.
Der Redner war jedoch bemerkenswert schwach und vermochte niemanden zu überzeugen. In den Sitzreihen blickte man einander zunächst verblüfft und dann bestürzt an. Hätte Grémond das Wort ergreifen sollen? Er wusste, was gesagt werden musste, die Formulierungen fielen ihm geradezu in den Schoß. Zwar hatte er seinem katastrophalen Nebenmann zu Anfang noch ein paar rhetorische Kniffe zugeflüstert, doch hatten der Gebrauch, den dieser davon machte, und dessen Fähigkeit, sich ständig in Widersprüche zu verstricken, ihn davon abgehalten, damit fortzufahren. Er hatte sich also damit begnügt, im Stillen eine alternative Rede zu formulieren und sich dabei vorgestellt, wie er die erste, die zweite und dann die dritte Reihe von der Stichhaltigkeit seiner Strategie überzeugen würde. In seiner Fantasie wurde er von der Menge getragen wie bei einem...




