E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Bellcut Friends of Death
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-5994-0
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jay & Lia
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-7407-5994-0
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ela Bellcut ist ein laufendes kreatives Chaos. Mithilfe von To-do-Listen und diversen Notizbüchern versucht sie, ihren Alltag und ihre Projekte zu händeln. Am liebsten zieht sie sich ins Grüne zurück, verbringt Zeit mit ihrer Katze oder widmet sich ihren Ideen. Ihre schriftstellerische Tätigkeit hat sie mit Gedichten, Kurzgeschichten und Texten als Filmkritikerin für eine Onlineplattform begonnen. Im Juni 2019 ist das 1. Buch ihrer Fantasyreihe »Aderunita - das Seelenband« erschienen und vom 26-Verlag zum Top Titel und Bestseller gekürt worden. Der 2. Teil »Aderunita - die Lichtelfen« wurde im Juni 2020 veröffentlicht. Wenn ihr Näheres über sie erfahren wollt, besucht gern ihre Seiten: www.elabellcut.de www.instagram.com/ela.bellcut www.twitter.com/ElaBellcut
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Es klingelte an der Wohnungstür. Nicht einmal eine Minute später hörte ich bereits, wie der Schlüssel im Türschloss umgedreht wurde.
„Sam, ich komme gleich!“, rief ich über die Schulter in den Flur hinein, während meine Tante die Wohnung betrat.
„Lilian, wir müssen los! Bist du noch nicht fertig?“
Ein frustrierter Laut kam über meine Lippen, ehe ich rief: „Sam, du sollst mich nicht mehr so nennen!“
„Verzeihung, Lia. Beeilst du dich trotzdem? Wir kommen sonst zu spät.“
Am liebsten hätte ich meine Zimmertür zugeschmissen, mich gar nicht erst angezogen und wäre zurück ins Bett gekrochen, anstatt mit meiner Tante zur Arbeit zu fahren.
Sie konnte einfach keine Ruhe geben und fing schon wieder an: „Hast du Gaia gefüttert?“
„Nein, noch nicht. Ich bin gerade erst aus der Dusche raus. Ich mach’s gleich, wenn ich angezogen bin.“
Trotz meiner Worte hörte ich, wie Sam in der Küche herumhantierte, während ich vor dem Kleiderschrank stand und mich anzog. Ich trug schon eine schwarze Leggings und einen dünnen Pullover, über den ich nun einen langen Hoodie stülpte. Mein blaues, nasses Haar knotete ich schnell zu einem lockeren Dutt zusammen und verzichtete auf den Föhn.
Als ich mein Zimmer verließ, stand Sam wartend im Flur. Ihr graues, kurzes Haar war perfekt frisiert. Sie trug einen bequem aussehenden, schwarzen Hosenanzug, der ihre schlanke Figur betonte und zu schick für die Arbeit im Krankenhaus war. Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass sie mit ihren fünfundfünfzig Jahren fit und elegant wirkte.
Sie streckte mir einen Thermobecher entgegen, als ich näher kam. „Hier, dein Kaffee. Gaia ist gefüttert. Wir können also los.“
„Ich hätte das noch gemacht.“
Sie nickte mit zusammengepressten Lippen und verließ wortlos die Wohnung.
Ich schloss die Tür hinter mir, folgte ihr durch den Hausflur und konnte er mir nicht verkneifen, sie auf das Offensichtliche aufmerksam zu machen: „Dir ist klar, dass ich mich nicht nach deinen Arbeitszeiten richten muss, oder? Im ehrenamtlichen Dienst kann man sich den Tag selbst einteilen!“
Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter, ehe sie in ihrem üblichen strengen Tonfall sagte: „Ich weiß, Lia. Doch dein Leben braucht Struktur! So lange du weder zur Schule gehst, noch es für nötig hältst, dir einen Job zu suchen, beginnst du zeitgleich mit mir im Krankenhaus, um dir die Wohnung und deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Du bist alt genug, um zu lernen, wie es ist, auf eigenen Beinen zu stehen.“
Ich nahm einen vorsichtigen Schluck von meinem Kaffee und ersparte mir die Antwort.
Wie jeden Morgen drehten sich meine Gedanken um meine Möglichkeiten: Ich hatte das Gefühl, vom Regen in die Traufe gekommen zu sein.
ermahnte mich mein Gewissen. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie ungerecht ich oft von ihr dachte. Dass die stillen Vorwürfe, die ich ihr wegen ihrer jahrelangen Abwesenheit machte, unfair waren. Mein Vater hatte England verlassen und den Kontakt zu seiner Schwester abgebrochen. Trotzdem war Sam nun für mich da. Ich hatte jemanden, der sich wirklich um mich kümmerte. Das hatte ich so lange nicht gehabt, dass ich nicht mehr wusste, wie ich damit umgehen sollte.
„Na komm, steig ein!“ Sams Worte rissen mich aus meinen Gedanken. Ich registrierte, dass ich ihr bis zur Straße gefolgt war, ohne die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Ich stand vor ihrem Auto, indem sie längst saß und mich ungeduldig durch das offene Beifahrerfenster zu sich winkte. „Los! Was ist?“
Ich stieg in ihren Mini und sie fädelte sich schnurstracks in den Verkehr. Auch nach vier Monaten war es noch völlig skurril für mich, auf der linken Seite zu fahren.
„Hast du dir die Schulunterlagen angesehen, die ich dir in die Küche gelegt habe?“
Nur mit Mühe konnte ich mir ein Aufstöhnen verkneifen. „Nein, habe ich noch nicht.“
fügte ich in Gedanken hinzu.
Ich sah an Sams angespannter Kiefermuskulatur, wie ihr die Antwort missfiel. Drei Atemzüge zählte ich, bis sie einen anderen Weg einschlug. „Lia, ich weiß, dass du eine schwere Zeit hinter dir hast. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, aus dem gewohnten Leben gerissen zu werden und in einer fremden Stadt neu anfangen zu müssen. Ich verstehe, dass du deine bisherigen Pläne und die Schule hier nicht einfach fortsetzen kannst. Aber denke an deine Zukunft. Du verbaust sie dir, wenn du so weitermachst. Seien wir ehrlich, das kann nicht ewig so weitergehen.“
Natürlich hatte sie recht. Doch sträubte sich bei dem Gedanken an Schule oder einen normalen Alltag alles in mir. Es fühlte sich wie ein bedrückender Zwang an. Ich wollte nicht aus meiner derzeitigen Situation gerissen werden, nicht aus meiner Zufriedenheit oder aus meinem fast erreichten inneren Gleichgewicht.
Anfang Juni hatte sich alles schlagartig geändert. Ich war von Hamburg nach London gezogen, hatte meine Schule aufgeben und meinen besten Freund Sian zurücklassen müssen. Hätte mir vor den vier Monaten jemand erzählt, ich würde bald in London leben, wäre es mir wie ein Traum vorgekommen. Aber jetzt konnte ich diesen Traum nicht richtig genießen.
Im Moment war ich planlos, lebte in den Tag hinein. Außer meiner Arbeit und dem Versorgen von Gaia, die nicht einmal meine Katze war, sondern wie die Wohnung Sam gehörte, tat ich nichts.
, überlegte ich.
Mein Abitur, mein angestrebtes Kommunikationsdesignstudium, meine vorherigen Zukunftspläne – alles hatte ich in Hamburg zurückgelassen. Nur Leere war in mir zurückgeblieben. Leere und sich wiederholende Albträume. Zwar ging es mir allmählich besser, trotzdem konnte ich die Leere nicht mit neuen Zielen füllen. Egal, wie sehr ich mir den Kopf darüber zermarterte, wie oft ich mir wünschte, ich könnte normal weitermachen – der Gedanke daran lähmte mich.
Da ich bislang nichts erwidert hatte, ergriff Sam erneut das Wort: „Ist dir die Arbeit auf der Krebsstation zu viel? Belastet sie dich? Kannst du dich deswegen nicht auf die Schulsuche oder deine Zukunft konzentrieren?“ Ehrliche Anteilnahme war in ihrer Stimme zu hören.
Meine Gedanken schweiften zu meiner Arbeit. Sie verschaffte mir eine innere Ausgeglichenheit, nach der ich lange Zeit gesucht hatte. Wie auf Knopfdruck kam mir einer der Patienten in den Sinn: John.
Ich griff nach meinem Kettenanhänger in Form eines Lebensbaumes und hoffte sein Trick mit dem Ankern und dem Abrufen von Gefühlen würde funktionieren.
Tatsächlich fühlte ich mich prompt in meine Kindheit zurückversetzt: Mein bester Freund Sian stand mit mir Hand in Hand an der Elbe. Unsere Füße waren im warmen Sand vergraben. Die Sonne kitzelte auf meiner Haut. Über uns flogen vereinzelte Möwen, deren Schreie sich mit dem Rauschen des Wassers vermischten. Ich trug einen leuchtend gelben Badeanzug und hatte Schwimmflügel an meinen Armen. Hinter mir kicherte meine Mutter, während mein Vater eine seiner Geschichten erzählte. Ich drehte mich zu ihnen um. Beide sahen glücklich aus. Mutter nickte mir lächelnd zu. Dann blickte ich zu Sian, drückte kurz seine Hand, ehe wir uns in die Elbe stürzten.
Die Berührung des Anhängers gab mir Mut und Zuversicht. Daher schlug ich jetzt einen milderen Ton an: „Nein, Sam. Die Arbeit macht mir Spaß. Sie lenkt mich zwar ab, aber eher im positiven Sinn. Irgendwie ist es schwierig, über die Zukunft nachzudenken, wenn die Vergangenheit mich wie ein Scherbenhaufen umringt. Ich habe das Gefühl, dass ich damit erst abschließen muss, bevor ich über was Neues nachdenken kann.“
Meine Tante nickte und sah kurz zu mir. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, weil ich mich ihr ein Stück weit geöffnet hatte. Seit ich Johns Tricks anwendete, fiel es mir immer leichter, dies zu tun.
„Das verstehe ich.“ Sie nickte noch einmal bekräftigend. „Gut, vielleicht solltest du dir die Auszeit für den Rest des Jahres gönnen. Wir behalten unser Arrangement bei, und du überlegst, was du möchtest. So hast du weniger Druck bei der Entscheidung. Wir können dann nächstes Jahr sehen, ob wir dich an einer Schule anmelden, du eine Ausbildung oder ein Studium anfängst. Bei uns suchen wir stets Leute. Du könntest Krankenschwester werden, wenn dir die Arbeit mit den Patienten Spaß macht.“
Ich stimmte ihr zu, obwohl ich wusste, dass Letzteres nie...




