E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Belle Ghost
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7309-7055-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-7309-7055-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Aaron hat seinem Leben ein Ende gesetzt und Jochen ist als Rettungsassistent am Ort des Geschehens, doch es ist zu spät. Ein weiterer sinnloser Tod, wie so viele die er schon gesehen hat. Er betäubt sich und seine innere Leere mit Tabletten, kämpft aber seit einiger Zeit gegen diese Versuchung. Und plötzlich ist er nicht mehr allein. Aaron, der tote Junge mit den blauen Augen taucht in seiner Wohnung auf und ist fortan seine geisterhafte Begleitung. Langsam aber sicher erfährt Jochen mehr über seinen unfreiwilligen Gast und dessen traurige Lebensgeschichte. Doch er wehrt sich gegen seine allmählich stärker werdenden Gefühle für Aaron, denn - eine solche Liebe hätte doch sowieso keine Zukunft, oder? (Anmerkung in eigener Sache: Manche werden die Geschichte von der Seite fanfiktion.de kennen, doch diese Version unterscheidet sich im wichtigsten Detail - im vorliegenden ebook gibt es nämlich ein Happy End!)
Autoren/Hrsg.
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I.
Es ist wie Einschlafen hatte er gehört. Die Welt bleibt hinter dir und du bist frei - und das war auch Aarons Hoffnung gewesen. Das Leben hatte ihm nichts mehr zu bieten. Hatte es noch nie. Wozu sich also weiter damit herumquälen? Dann lieber ein schnelles Ende. Die Tabletten waren bitter, aber mit der Cola hatte er die beiden Packungen hinuntergewürgt, und dann lag er auf seinem Bett, wartete auf seinen Tod. Doch alles war anders gekommen, als erwartet.... Er war ziemlich schnell eingeschlafen, wenn auch nicht so wie sonst – es fühlte sich eher an wie ein Sturz in einen bodenlosen Abgrund, und er konnte seinen eigenen Herzschlag hören, der immer langsamer wurde, zu stottern begann, gleich einem Motor, drauf und dran den Geist aufzugeben. Eine letzte Träne war ihm übers Gesicht gerollt und einfach getrocknet, denn er war schon nicht mehr in der Lage sie wegzuwischen, selbst wenn er es gewollt hätte. Die Pausen zwischen seinen Atemzügen wurden größer, seine Hände und Füße kalt, dann seine Beine und die Arme. Er zitterte, als die Kälte sich weiter ausbreitete, schließlich griff sie nach seinem Herzen und dann – war es plötzlich vorbei ... Einen Moment lang erfasste ihn heftiger Schwindel, so als würde er mit den Füßen voran in rasender Geschwindigkeit durch einen Tunnel gezogen, und gleich darauf schaute er auf sich selber herab, seinen Körper, der viel zu dünn und zerbrechlich aussah, selbst jetzt, wo kein Leben mehr in ihm steckte. Er blickte an sich herab, konnte keinen Unterschied zu seiner vorherigen, lebendigen Erscheinung ausmachen und sah sich suchend um. Er hatte etwas anderes erwartet. Vielleicht nicht unbedingt den Himmel samt Engeln und Harfenspiel, oder einen rauchenden Höllenschlund, aber sollte nicht wenigstens jemand da sein, der ihn in Empfang nahm? Irgendjemand? Vorzugsweise jemand, der ihm sagte wie es weiterging? Oder war sogar der Tod voreingenommen?
Der Gedanke ließ Aaron unwillkürlich lachen. Ein bitteres, unfrohes Lachen.
Probeweise streckte er die Hand aus und wollte seinen eigenen toten Körper berühren, aber er griff hindurch. Mit gerunzelter Stirn versuchte er es nochmals, konzentrierte sich auf sein Vorhaben und es gelang. Zwar tauchte seine Hand ein wenig hinein, doch er spürte deutlich den Widerstand der kühlen Haut unter seinen Fingern und zog sie hastig zurück. Eigentlich wollte er seine leblose Hülle gar nicht mehr sehen, geschweige denn fühlen. Und noch immer war er allein. Vielleicht musste sein Tod in der lebendigen Welt erst entdeckt werden? Er beschloss zu warten und mit erneuter Konzentration gelang es ihm, sich in den Korbsessel neben der Tür zu setzen anstatt hindurch zu sinken. Früher oder später würde jemand hereinkommen. Seine Mutter, sein Vater oder einer seiner Geschwister, Fred sein älterer Bruder, oder sogar Sissy, seine kleine Schwester. Die Vorstellung, dass ausgerechnet die kleine, 13jährige Sissy seine Leiche finden sollte behagte ihm zwar nicht, aber er hatte sowieso keinen Einfluss mehr darauf, konnte nur abwarten, was geschah. Aaron hatte keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis er Schritte auf der Treppe hörte. Nicht das schwere Stampfen seines Vaters, oder das Schlurfen des Bruders. Aber es war auch nicht die unbeschwerte Leichtfüßigkeit seiner jüngeren Schwester, was er hörte war eindeutig der zögernde, etwas unsichere Schritt seiner Mutter. Es klopfte an seiner Tür, und er drehte den Kopf. In einer Mischung aus Befriedigung und Schmerz wollte er ihr Gesicht sehen, wollte wissen wie sie reagierte, wenn sie ihren eigenen Sohn tot auf seinem Bett fand. „Aaron?“, hörte er sie rufen. „Hast du denn gar keinen Hunger? Es ist doch schon gleich sechs. Papa kommt bald heim, und ich dachte, du möchtest vielleicht essen, bevor er da ist?“ Er presste die Lippen zusammen. Ja, so war es für sie am angenehmsten – wenn er sich vor seinem Vater nicht blicken ließ. Er, Aaron - der Schandfleck der Familie, dessen bloßer Anblick die Ader auf der Stirn seines Erzeugers pochen ließ. Er, der es mit 19 Jahren gewagt hatte, sich öffentlich als schwul zu outen, auch wenn öffentlich in diesem Fall nur das eigene Elternhaus gewesen war. Nun – von jetzt an hatten sie ihre Ruhe vor ihm. Aaron sah wie sich der Türknauf bewegte, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das Türblatt weit genug nach innen geschwungen war, um den Blick auf die schmale, leicht nach vorn gebeugte Gestalt seiner Mutter zu gestatten. „Aaron?“ Sie kam ins Zimmer, langsam, vorsichtig, wie es ihrer Art entsprach. Als Frau seines Vaters hatte sie vermutlich früh gelernt vorsichtig zu sein... Einmal mehr überfiel ihn Hass auf den Mann, der ihn einst gezeugt und Verachtung für die Frau, die ihn in diese Welt hinein geboren hatte und dabei doch nicht die Mutter war, die er gebraucht und sich gewünscht hätte. Jetzt stand sie an seinem Bett, beugte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter rüttelte ihn leicht und der Kopf des Toten schwang hin und her, ohne Widerstand. Aaron sah, wie sie begriff. „Aaron?“ Sie erstarrte, hob eine Hand und presste die Faust in den Mund. Im nächsten Moment drang ein Ton aus ihrer Kehle, wie man ihn vielleicht von einem sterbenden Tier erwartet, hoch und klagend. Sie brach vor dem Bett in die Knie und fasste den reglosen Körper vor sich bei den Schultern. „Nein!“, rief sie. „Nein! Nein! Nein! Nicht du! Aaron!!!“ Und dann sprang sie auf, floh aus dem Zimmer wie von Furien gehetzt, und er hörte wie sie laut schluchzend die Treppe hinunter rannte...
Was für ein beschissener Einsatz! Jochen verstaute die Koffer mit der Notfallausrüstung und dem Defibrillator im Rettungswagen und knallte missmutig dieTür zu. Vor einer guten Stunde war er zusammen mit seiner Kollegin und dem Notarzt in das enge Schlafzimmer unter dem Dach eines Reihenhauses gestürmt und hatte schon beim ersten Blick auf den Jungen gewusst, dass sie ihm nicht mehr helfen konnten. Der Mediziner hatte sich trotzdem mit Enthusiasmus an die Herz-Lungen-Wiederbelebung gemacht und erst nach über einer halben Stunde aufgegeben. Jochen hasste es. Im Moment hasste er alles, seinen Job, den diensthabenden Notarzt, der die Grenzen seiner Möglichkeiten einfach nicht akzeptieren wollte, seine Kollegin, die erst ein halbes Jahr dabei war und noch voller Enthusiasmus und sogar den toten Jungen, der da oben in seinem Zimmer auf dem Boden lag wie ein kaputtes Spielzeug, mit gebrochenen Rippen, einem Beatmungsschlauch im Hals und bläulich weißer Haut. Dabei war der Kleine zu Lebzeiten sicher niedlich gewesen. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten und seine Iris von einem intensiven Blau. Das war sogar jetzt noch zu erkennen gewesen, wo sich bereits ein milchiger Schleier darüber gelegt hatte. „Verdammte Scheiße!“ Er versetzte der Tür des Rettungswagens einen heftigen Schlag, und einige der Passanten und Nachbarn, die aufgeschreckt von Martinshorn und Blaulicht das Spektakel im Haus nebenan dem abendlichen Fernsehkrimi vorgezogen hatten, drehten die Köpfe in seine Richtung. Besser, wenn er sich zusammenriss. Er brauchte jetzt unbedingt eine Tablette! Andererseits … der Kleine da oben unterm Dach hatte sich mit Tabletten umgebracht. Die Mutter hatte die leeren Blister im Badezimmermüll gefunden, noch bevor der Rettungswagen da war. Ihr hatten sie auch gleich was geben müssen, nachdem der Notarzt ihren Sohn offiziell für tot erklärt hatte. Jetzt lag sie in einem künstlich erzeugten Schlaf, während der Vater und die Geschwister noch zu begreifen versuchten, was eigentlich passiert war. Obwohl – der Vater hatte bei aller Bestürzung eigentlich irgendwie … erleichtert gewirkt, wenn Jochen jetzt so drüber nachdachte. Was wohl hinter diesem Selbstmord für eine Geschichte steckte? Aber eigentlich wollte er das ja gar nicht wissen, das war Sache der Polizei. Die war schon informiert und vor zehn Minuten waren zwei Uniformierte und ein Beamter in Zivil aufgetaucht und hatten den Toten bereits in Augenschein genommen. Ein weiteres Auto fuhr vor. Jochen drehte sich um und sah, wie der Leichenwagen am Bordstein hielt. Zwei schwarz gekleidete Männer stiegen aus und holten einen einfachen Fichtensarg aus dem Fond des Wagens. „Sowas geht einem echt an die Nieren, was?“ Jochen wandte sich um und stand seiner Kollegin gegenüber. Ihr Gesicht unter den raspelkurzen, blonden Haaren war ernst, und sie folgte den Bestattern mit den Augen, wie sie in der Tür des Reihenhauses verschwanden. Brüsk drehte er sich weg. „Das ist nun mal unser Job, Kollegin“, sagte er und stapfte in Richtung Fahrerseite des Rettungswagens. „Gewöhn` dich besser dran, sonst machst du`s nicht lange bei uns.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schwang er sich hinters Steuer und griff nach dem...




