E-Book, Deutsch, 330 Seiten
Belle Känguru im Osternest
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7368-2136-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 330 Seiten
ISBN: 978-3-7368-2136-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Milan ist sechzehneinhalb und will mit einem Austauschprogamm seiner Schule nach Australien. Deshalb nimmt seine Familie auch einen Schüler der dortigen Schule auf, doch als John eintrifft, scheint anfangs alles schief zu laufen. Milan gehört zu den Losern seiner Jahrgangsstufe, wird ausgegrenzt und gemobbt und selbst John lacht anfangs über ihn, sodass Milan bald bereut, sich überhaupt für das Austauschprogramm angemeldet zu haben. Dazu kommt, dass er sich von Tag zu Tag mehr in John verknallt, sich aber bei diesem Mädchenschwarm nicht die geringsten Chancen ausrechnet. Außerdem soll auch möglichst niemand erfahren, dass er auf Jungs steht, denn er ist sich dessen selbst erst seit kurzem bewusst und hat noch daran zu knabbern. Alles in allem also keine guten Vorzeichen. Aber - es sind schon die merkwürdigsten Dinge passiert und wer weiß? Vielleicht ist John ja doch nicht so hetero wie es den Anschein hat?
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Freitag, 1. April, 8 Uhr morgens
Heute ist es also soweit - unsere australischen Austauschschüler kommen. Irgendwann nachmittags, per Bus vom Flughafen aus und nach einer Reise von insgesamt fast eineinhalb Tagen. Vermutlich sind sie also erst mal ganz schön platt und es wird wohl nicht mehr sehr viel mit ihnen anzufangen sein, wenn sie da sind. Naja, ist ja verständlich. Wenn unser Kurs im Herbst nach Melbourne fliegt, sieht das schätzungsweise auch nicht anders aus. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt sind die Aussies erst mal für vier Wochen hier und ich bin echt ganz schön aufgeregt. Ach so, vielleicht sollte ich erst mal erklären, wer ich überhaupt bin? Also, ich heiße Milan, werde im Sommer siebzehn und gehe in die elfte Klasse des Morgenstern-Gymnasiums in Marberg. Ich bin knapp 1,80m groß, wenig muskulös, habe braune Augen und schulterlange Haare von undefinierbarer Farbe. Meine Mutter sagt, sie wären „straßenköterblond“, was immer das heißen mag, Fakt ist, je nach Lichteinfall gehe ich als dunkelblond ebenso durch wie als rothaarig oder brünett. Meine Hobbies und Schuhgröße interessieren hier sicher eh níemanden, also behalte ich die erst mal für mich, tut ja auch eigentlich nichts zur Sache. Das Ding mit den Australiern hat letztes Jahr im Herbst seinen Anfang genommen. Unser Englischlehrer, Herr Karstedt mischt da kräftig mit und nach einigem Hin und Her habe ich meine Eltern dazu bringen können, dass sie einverstanden waren. Eigentlich wollten wir nämlich niemanden mehr aufnehmen, seit einem mittelschweren Reinfall im letzten Jahr. Da hätten wir eigentlich einen jungen Spanier für drei Wochen zu Gast haben sollen, aber der war letztlich nur knapp zwei Stunden bei uns im Haus, bevor er per Handy seine Eltern wild gemacht hat, von wegen, er fühle sich hier nicht willkommen und so. Die haben dann Druck gemacht und dafür gesorgt, dass er in eine andere Familie gebracht wurde. Fast hätte man meinen können, wir seien Aussätzige, oder so und natürlich waren meine alten Herrschaften hinterher reichlich angepisst. Das hat auch Frau Rodriguez verstanden, die zuständige Spanischlehrerin an meiner Schule und sich wortreich entschuldigt. Naja, dass die nichts dafür konnte, war uns schon klar, trotzdem war es nichts, was man gerne wiederholt. Ich hab` echt keine Ahnung, was dem Kerl hier nicht gepasst hat, wenn man`s genau nimmt, hatten wir ja eigentlich gar keine Gelegenheit irgendwas großartig falsch zu machen – er hat nämlich keine drei Worte mit uns gewechselt. Ich habe ihm lediglich das Haus gezeigt, dann haben wir alle gemeinsam zu Abend gegessen und danach ist er in seinem Zimmer verschwunden. Tja, und das nächste was wir dann von Julio – so hieß er – gehört haben war, dass mein Lehrer bei uns zuhause angerufen und uns mitgeteilt hat, dass unser Gast nicht bei uns bleiben wollte. Eine halbe Stunde später ist er dann abgeholt worden. Und nach dieser Pleite hatten meine Eltern eigentlich die Nase gestrichen voll von Austausch und so, aber ich will nun mal unbedingt im Herbst mit nach Australien! Und die oberste Bedingung dafür ist die Aufnahme eines Gastschülers. Kurz vor Weihnachten im letzten Jahr wurden die Kontaktdaten verteilt und ich habe eine erste Mail mit John ausgetauscht. Sehr mitteilsam scheint er aber nicht zu sein – zumindest nicht per E-mail. Oder er ist schüchtern, keine Ahnung, jedenfalls habe ich nach diesem ersten kurzen Austausch lange nichts mehr von ihm gehört. Er hat mir zwar übers Fratzenbuch eine Freundschaftsanfrage geschickt, aber das war`s dann auch. Naja, so konnte ich mir aber wenigstens schon mal ein paar Bilder von ihm anschauen. Wobei es nicht sehr viele sind, die er da eingestellt hat und ich glaube, aktuell sind die auch nicht. Er sieht darauf aus, als wäre er, ich weiß nicht, zwölf oder so, auf jeden Fall nicht wie sechzehndreiviertel, was sein wahres Alter ist. Dementsprechend gespannt bin ich jetzt natürlich. Ich habe keine Vorstellung was mich da heute Nachmittag erwartet und kann nur hoffen, dass er kein arroganter Blödmann ist oder so. Aber selbst wenn – da muss ich jetzt wohl durch. Nervös bin ich allerdings auch noch aus einem anderen Grund. Es ist nämlich so, dass ich mir im Lauf des letzten halben Jahres eingestehen musste, dass mir Jungs besser gefallen als Mädchen. Ich hab` noch niemandem davon erzählt und das auch so bald nicht vor, denn um die Wahrheit zu sagen – ich bin nicht gerade der beliebteste Schüler in meinem Tutorenkurs. So richtig hab ich nie dazu gepasst und gelegentlich werde ich auch ziemlich gemobbt. Ich versuche das zwar zu ignorieren und komme auch einigermaßen zurecht, aber was ich bestimmt nicht tun werde ist, diesen Arschlöchern, die sich nur dann cool vorkommen, wenn sie jemanden fertigmachen können, neue Munition zu liefern, indem ich mich auch noch als schwul oute! Und außerdem - vielleicht gibt sich das ja auch wieder, wer weiß? Aber ich hab` natürlich echt Schiss, dass John was davon merkt und was dann? Ich meine, wir werden die nächsten drei Wochen zusammen in meinem Zimmer schlafen und gemeinsam zur Schule gehen, dürften also ziemlich viel Zeit zusammen verbringen. Ich passe zwar immer auf, wen ich ansehe und wie und für wie lange und so, hab` auch keine Bilder von nackten Kerlen an meinen Wänden hängen – nicht mal angezogene um genau zu sein - aber was, wenn er trotzdem was merkt? Keine Ahnung … irgendwie halt? Dabei bräuchte er wirklich keine Angst zu haben, dass ich was von ihm will, ich steh` nämlich echt nicht auf Rothaarige – rote Haare hab` ich selbst genug. Aber das ist eben auch alles noch so furchtbar neu und ungewohnt für mich und fühlt sich manchmal so an, als könnten es mir alle am Gesicht ablesen. Ich weiß natürlich dass das Unsinn ist, aber was soll ich machen? Schätze mal, ich muss eben noch mehr aufpassen als ohnehin schon. 16.30 Uhr Scheiße, Mann – ist das arschkalt hier! Ich stehe jetzt seit einer geschlagenen Dreiviertelstunde auf diesem beknackten Großparkplatz mitten in Marberg, zusammen mit meiner Mutter und einer Gruppe anderer Abholer und warte auf diesen bescheuerten Bus! Aber der kommt einfach nicht. Laut der Website vom Flughafen ist der Flieger aus Abu Dhabi mit rund vierzig Minuten Verspätung gelandet, aber da keiner eine entsprechende Wasserstandsmeldung rausgegeben hat, sind wir natürlich brav zur angegebenen Zeit hergekommen, stehen jetzt im Regen rum und warten wie bestellt und nicht abgeholt. Die Hosenbeine meiner Jeans sind mittlerweile trotz Schirm klitschnass, kleben unangenehm auf der Haut und im kalten Aprilwind kann ich ein Zittern nicht mehr unterdrücken. Eigentlich möchte ich nur nach Hause und ins Warme, aber unsere Aussies sind halt immer noch nicht da. Meine Mutter schnattert die ganze Zeit mit den anderen Eltern, ein deutliches Zeichen, dass sie genauso aufgeregt ist wie ich, denn normalerweise geht sie ziemlich abgeklärt durchs Leben. Kein Wunder bei drei pubertären Kindern, schätze ich. Ich habe nämlich noch zwei jüngere Geschwister. Einen Bruder und eine Schwester, wobei Letztere die Jüngste und eindeutig die Nervigste von uns Dreien ist. Echt jetzt mal – Mädchen sind gruselig, wenn sie in ein gewisses Alter kommen! Die Kurze ist zwölf, aber man könnte manchmal wirklich denken, sie wäre fünfzehn oder sechzehn! (In Zynismusjahren kommt sie sogar locker auf dreißig!) Sie bemalt sich die Fingernägel alle paar Tage in einer anderen Farbe, chattet stundenlang mit ihren Freundinnen oder wandert mit dem gleichaltrigen Nachbarsmädel durch den Garten, als wäre sie einem Edelmann hinten rausgefallen. Und wenn sie dabei einem von uns Jungs über den Weg laufen, rollen sie mit den Augen, als wäre unsere bloße Existenz schon eine Zumutung für ihre sensiblen Gemüter! Meine Güte! Da ist mir mein Bruder ja fast noch lieber, auch wenn der dabei ist, sich zu einem waschechten Nerd zu entwickeln. Hockt tagein, tagaus vor seinem Computer und zockt, anstatt mal seine Miefbude aufzuräumen. Okay, mein Zimmer ist normalerweise auch kein Beispiel für „Schöner wohnen“, aber so wie bei ihm schaut`s da echt nicht aus! Unsere Mutter hat es, glaube ich, inzwischen aufgegeben, ihn zum Aufräumen bewegen zu wollen. Sie beschränkt sich drauf, die Tür zu schließen, damit sie das Elend nicht sehen muss und fiebert dem Tag entgegen, wo er die Schule abschließt und endlich auszieht. Und was für die Ordnung in seinen vier Wänden gilt, gilt für seine persönliche Hygiene gleich doppelt! Uaaah! Es kommt Bewegung in die Gruppe der Wartenden und ich hebe unterm Regenschirm den Kopf. Ah! Endlich! Ein großer, rot-blau gestreifter Bus biegt in den Parkplatz und man merkt, wie die Anspannung um uns herum noch einmal ansteigt. Ein paar Mädels hibbeln aufgeregt und meine Mutter zieht fröstelnd die Schultern hoch. „Na, das wird aber auch Zeit!“, sagt sie und spricht damit aus, was mir durch den Kopf geht, dann stellt sie sich neben mich und legt mir die Hand ins Kreuz. „Jetzt wird`s ernst!“ Ich nicke und schiebe die freie Hand in...




