E-Book, Deutsch, 333 Seiten
Belle Nachtvögel
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7368-4378-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 333 Seiten
ISBN: 978-3-7368-4378-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Morten und Magnus - zwei junge Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Morten, der toughe Schläger aus einem eher bildungsfernen Milieu, stets gewaltbereit, steht allem ablehnend bis hasserfüllt gegenüber, was anders ist, seien es Ausländer, Schwule oder schlicht Andersdenkende. Der sensible, schwule Magnus kommt in die große Stadt, weil er endlich das wahre schwule Leben, weit entfernt vom heimatlichen Kleinbürgermilieu kennenlernen und vor allem eine Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger machen will. Die erste Begegnung der beiden steht schon unter keinem guten Stern und ebenso geht es weiter. Gewalt prägt ihre Beziehung zueinander und doch keimt unter der rauhen Schale ganz allmählich etwas völlig anderes und stürzt sie in eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle. Und trotzdem haben beide keine Ahnung, welche Überraschung das Schicksal noch für sie bereithält und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo endlich einmal alles gut zu werden scheint. Eine Bewährungsprobe der extremen Art steht ihnen bevor und ob ihr Weg sie wieder zueinander führt oder nicht, weiß allein der Himmel ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Magnus
Na, das war ja ein toller Einstand gewesen! Mit brummendem Schädel hockte Magnus in seiner neuen Wohnung und drückte sich in Ermangelung von Eis ein kaltes, feuchtes Handtuch gegen die Lippe. Die blutete zwar nicht mehr, pochte aber immer noch schmerzhaft und fühlte sich an, als sei ihm ein Schnabel à la Donald Duck gewachsen. Wieso konnte er auch nicht ein einziges Mal seine vorlaute Klappe im Zaum halten? Schon beim ersten Blick auf den Typen war ihm doch klar gewesen, wes Geistes Kind der war! Solche Kerle wie der – groß, mit breiten Schultern und Fäusten, stechenden, grünen Augen, die dunklen Haare raspelkurz geschoren - diese Art Typen kannte er doch besser als ihm lieb sein konnte! Spätestens als der Andere ihm mit der Faust unter der Nase herumwedelte, hätte er in seinem eigenen Interesse besser die Erwiderung die ihm auf der Zunge lag, runterschlucken sollen! Das war schließlich nicht die erste derartige Situation, in der er sich befand! Aber nein – er hatte natürlich Kontra geben müssen und das Ergebnis waren ein Karton voll zertrümmertes Essgeschirr und eine aufgeplatzte Lippe. Und damit war er vermutlich noch glimpflich davon gekommen! Magnus seufzte. Er war es mittlerweile gewohnt, mit den Konsequenzen seines manchmal ziemlich losen Mundwerks fertigwerden zu müssen – leider! - und wünschte sich nicht zum ersten Mal, doch wenigstens ein bisschen Zurückhaltung an den Tag legen zu können. Aber wenn ihm jemand blöd kam, besonders bei der Frage seiner sexuellen Orientierung, dann tickte irgendetwas in ihm aus. Er war zwanzig Jahre alt und wusste seit etwa vier Jahren sicher, dass er schwul war. Und wie es seinem temperamentvollen Wesen entsprach, hatte er damit auch nirgends hinter den Berg gehalten. Seine Mutter war anfangs irritiert gewesen, stand dann aber voll zu ihm. Einen Vater der womöglich anders darauf reagieren konnte, besaß Magnus nicht, doch dafür Klassenkameraden, Lehrer und Nachbarn und unter denen waren genug, die ihm das Leben schwer zu machen versuchten. Aber er hatte niemals klein beigegeben, sich nicht unterkriegen lassen und selbst übelste Mobbingattacken oder Prügel eingesteckt, ohne zusammen zu brechen. Manchmal war es verdammt schwer gewesen, aber immer wieder hatte er sich nach oben gekämpft und schließlich auch trotz allem einen guten Realschulabschluss gemacht. Eine Arbeitsstelle hatte er allerdings in dem spießigen Kuhkaff, aus dem er stammte, nicht bekommen und deshalb war er nun hier, hoffte in der Anonymität der Großstadt, weit weg von zuhause, seinen Weg machen zu können. Einen sozialen Beruf wollte er ergreifen, anderen Menschen helfen, Schwächeren, Benachteiligten, denen die von der Gesellschaft gerne vergessen wurden und hatte sich deshalb bei mehreren sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern und Altenpflegeheimen um einen Ausbildungsplatz beworben. Vielleicht war es etwas voreilig gewesen, zuhause die Zelte abzubrechen und hierher zu kommen, noch bevor er eine Zusage in der Tasche hatte, aber er hatte es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Er wollte endlich raus aus dem kleinbürgerlichen Mief, neue Menschen treffen, Leute, die ihn nahmen wie er war, ohne bereits voreingenommen zu sein, ehe sie ihn richtig kannten und natürlich auch Gleichgesinnte. Er sehnte sich danach, der allgegenwärtigen Überwachung durch die Nachbarn zu entkommen und endlich sein Leben ganz und gar so zu führen, wie er es für richtig hielt. Der heruntergekommene Wohnblock, in welchem er als einzigem eine bezahlbare Bleibe gefunden hatte, war dann zwar schon gleich der erste Dämpfer, den er erhielt, aber er wollte nicht sinnlos mit seinem Ersparten und dem Geld, welches er von seiner Mutter bekommen hatte, herumwerfen, denn allzu viel war es natürlich nicht. Bis jetzt konnte er nämlich nur eine Stelle als Aushilfskellner in einer zweitklassigen Schwulenbar am Stadtrand vorweisen, wo er inklusive Trinkgelder gerade so viel verdiente, dass er über die Runden kommen würde, wenn er sich etwas einschränkte. Deswegen waren auch seine wenigen Möbel, die er mitgebracht hatte – ein Campingtisch, zwei Stühle, ein IKEA-Regal, seine Matratze und eine Kommode - allesamt billig, alt und kaum besser als Sperrmüll. Lediglich das Essgeschirr hatte er sich neu angeschafft ... Nun – das würde er jetzt wohl ein zweites Mal tun müssen, nachdem dieses ungehobelte Arschloch von vorhin es mit seinem Tritt in tausend Stücke zerschmettert hatte. Und dabei hatte Magnus ehrlich gehofft, die Dinge liefen hier in der Stadt anders als daheim. Hätte er den Fremden nicht gleich so angefahren, wäre das ja vielleicht sogar der Fall gewesen? Obwohl – nein, so abfällig wie der Andere ihn sofort als 'Schwuchtel' tituliert hatte, hätte der sich nie im Leben dazu herabgelassen, sich ausgerechnet mit ihm, dem Schwulen, anzufreunden! Vermutlich hatte er im ersten Moment noch nicht mal geahnt, dass er Magnus bezüglich seiner sexuellen Orientierung damit richtig einsortierte, sondern hatte ihn lediglich beleidigen und ihm zeigen wollen, dass er hier der Platzhirsch war, oder was auch immer. Trotzdem bewies die Verwendung ausgerechnet dieses Schimpfwortes nur allzu deutlich, dass ein Homosexueller bei ihm nichts zu lachen haben würde. Seufzend stiefelte er ins Bad und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Noch immer war seine Lippe geschwollen, aber das nützte nun alles nichts. Er konnte sich wohl kaum an seinem ersten, richtigen Arbeitstag krank melden? Nach einem Blick auf seine Armbanduhr kramte Magnus aus einem der Kartons ein Handtuch und Duschgel, streifte seine Kleider aus und stellte sich unter die Brause. Es brannte, als Wasser in die Wunde an seiner Lippe rann, doch er ignorierte den Schmerz. Da hatte er schon Schlimmeres erlebt. Anschließend schlüpfte er in frische Unterwäsche und streifte die Hüftjeans wieder über. Nachdem er noch ein sauberes Shirt angezogen hatte, schnappte er sich Handy, Schlüssel und Geldbeutel, stieg in seine Sneakers und eilte aus der Tür. Der Lieferwagen, mit dem er seine Sachen hergebracht hatte, war gemietet und musste am nächsten Tag zurückgebracht werden. Daher erschien es ihm sicherer, ihn über Nacht vor dem Haus geparkt stehen zu lassen, anstatt jetzt damit zur Arbeit zu fahren und nicht einmal zu wissen, ob er in der Umgebung des Clubs überhaupt einen Stellplatz fand. Am Ende wurde die Karre noch gestohlen oder beschädigt und dann geriete er unweigerlich in Erklärungsnot. Außerdem war für den heutigen Tag sein Bedarf an Katastrophen bereits hinlänglich gedeckt. Mit S- und U-Bahn dauerte es fast eine Dreiviertelstunde, bis er seinen Arbeitsplatz erreichte, aber das war eben nicht zu ändern. Wenn alles wenigstens einigermaßen glatt lief, war es ja auch nicht für lange. Erwartungsgemäß verzog der Besitzer der Bar mit dem hochtrabenden Namen 'Empire State' das Gesicht, als er die lädierte Lippe seines neuen Angestellten sah. „Was ist denn mit dir passiert?“, wollte er mit hochgezogenen Brauen wissen und Magnus war klug genug, dahinter keine übertriebene Anteilnahme zu vermuten, sondern eher die Sorge um sein Etablissement. „Ich bin heute in meine neue Wohnung eingezogen und einer meiner Nachbarn hat wohl was gegen Schwule“, erwiderte er achselzuckend und rang sich ein Lächeln ab, in der Hoffnung, wenigstens nicht gleich wieder gefeuert zu werden. Und wie es aussah ging seine Rechnung auf. „Oh, Honey! Was für eine Schande! Dein süßes Gesicht so zu verunstalten!“, wechselte sein Chef sofort in einen fast schon komisch anmutenden Gluckenmodus. „Hast du wenigstens Eis draufgetan?“ Magnus schüttelte den Kopf. „Ich hatte keins. Der Kühlschrank war ja noch aus. Aber es geht schon.“ Missbilligend schnalzte sein Boss mit der Zunge. „Und bist du sicher, dass du so arbeiten kannst? Warst du schon beim Arzt? - Wenn es dir zuviel ist, kannst du dich auch hinten in meinem Büro ein bisschen ausruhen!?“ Magnus empfand die überschwängliche Fürsorge seines Chefs als zunehmend unangenehm, zumal die übrigen Kellner, die einer nach dem anderen eintrudelten und sich fertigmachten, ebenfalls aufmerksam wurden und hinter dessen Rücken die Köpfe schüttelten. „Mensch, Berni!“, sagte schließlich einer und klang eindeutig genervt, „Du kannst es nicht lassen, was? Kaum ist ein Neuer im Haus, willst du ihm an die Wäsche! Pass` mal lieber auf, dass dein Andreas das nicht mitkriegt! Sonst siehst du auch bald so aus wie der Kleine da!“ Magnus drehte sich um und musterte den Sprecher, einen rothaarigen, jungen Mann, der nicht viel älter als er selbst sein konnte und von kleiner, dafür aber drahtiger Statur war. Sein Boss winkte zwar ab, wirkte jedoch plötzlich nervös. „Andreas? Wieso? Ist der etwa schon hier? - Ich habe mich doch nur um die Gesundheit unseres Neuzugangs gesorgt!“ Er leckte sich rasch über die Lippen und machte einen Schritt nach hinten, weg von Magnus. Der andere Kellner hob grinsend die Schultern. „Natürlich“, feixte er mit ironischem Unterton. „Naja, wie auch immer … also … Magnus, richtig? Schau halt mal, wie gut es läuft und dass das in Zukunft nicht häufiger passiert, ja? Wir sind vielleicht nicht das erste Haus am Platze, aber einen gewissen Standard,...




