Bellem | Märchentod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Reihe: LYX.digital

Bellem Märchentod


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8025-9428-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Reihe: LYX.digital

ISBN: 978-3-8025-9428-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Märchen zum Einschlafen? Dieser nervenaufreibende Thriller sorgt garantiert für schlaflose Nächte - exklusiv als E-Book! Undine Meerbach arbeitet als freie Profilerin und muss sich dafür immer wieder in die Gefühle anderer Menschen hineinversetzen. Als ein perfider Serienmörder seine Opfer auf grausame Weise nach Märchenmotiven hinrichtet, bittet die Polizei Undine um Hilfe. Doch je tiefer sie in die Gedanken des Killers eintaucht, desto deutlicher wird es, dass sie in ihrer eigenen Vergangenheit suchen muss, um den Mörder zu stellen. Und diese Erkenntnis bringt sie selbst in höchste Gefahr ... (ca. 250 Seiten)

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Scheiße! Ein anderes Wort für seine Situation fiel Jan Mellinger im Moment nicht ein. Er klickte sich wahllos durch die freien Nachrichtenportale, die mit Pressemeldungen zu Kleintierzüchtervereins-Jubiläen und ähnlich aufregenden Ereignissen aufwarteten. Nichts war darunter, was zur Verwertung in seinem News-Blog etwas hergegeben hätte. Dabei sollte man doch meinen, dass in einer Stadt wie Berlin irgendetwas passierte – ein knackiger Ehestreit mit Todesfolge, ein misshandeltes Kind, irgendwas Interessantes.

Natürlich hätte Jan niemals vor anderen zugegeben, dass sein Job hauptsächlich darin bestand, in einer Jogginghose vor dem PC zu sitzen, OpenPR und diverse andere Seiten zu durchforsten und damit seinen Blog zu füttern. Auf Partys stellte er sich immer als Chefredakteur des erfolgreichen Zoom-Magazins vor. Die Leute reimten sich den Rest dann selbst zusammen. Chefredakteur klang wichtig, rief Bilder von verrauchten Redaktionsbüros hervor, in denen man sich fieberhaft die neuesten Nachrichten zurief, bis irgendeiner plötzlich brüllte: »Stoppt die Maschinen«, während er in letzter Sekunde mit einer sensationellen Enthüllungsgeschichte um die Ecke kam. Die Masche mit dem Chefredakteur zog einfach immer wieder, und Jan würde sich hüten, jemals die dabei mitschwingenden Vorstellungen zu korrigieren.

Die nackte Wahrheit bestand nämlich lediglich aus einem modifizierten Wordpress-Blog und immerhin genug Klickzahlen, um ihm ein paar einträgliche Werbeanzeigen zu ermöglichen. Es war zwar nicht so viel Geld, wie Jan gerne gehabt hätte, aber für den Moment reichte es aus. Da ploppte das Fenster seines RSS-Feeds auf und zeigte ihm an, dass eine neue Pressemeldung herausgegeben worden war. Sie war aktuell auf vier Portalen zu finden, was bedeutete, dass es sich durchaus um etwas Größeres handeln könnte. Jan rieb sich erwartungsvoll über das runde Kinn und klickte rasch auf den ersten Link. Als er sah, wer die Pressemeldung herausgegeben hatte, war er kurz davor, sich freudig die Hände zu reiben. Offensichtlich handelte es sich um einen Aufruf der Berliner Polizei – gesucht wurden Zeugen eines Mordes, der sich am Vortag in Marzahn zugetragen hatte. Das perfekte Material für einen reißerischen Header, der ihm wenigstens genug Klicks für den kommenden Monat zu bringen versprach. Doch als er die Meldung zu Ende gelesen hatte, schloss Jan die Seite enttäuscht wieder. Die Informationen waren äußerst spärlich und enthielten weder Details zum Tatort noch zum Tathergang. In der Meldung stand lediglich die Adresse und das Todesdatum. Die Polizei bat um Mithilfe, falls jemand eine fremde Person oder etwas Verdächtigtes in der Nähe des Tatorts gesehen haben sollte.

Jan trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch und leckte sich unruhig über die Lippen. Auch wenn der Aufruf nur kurz und nicht sonderlich aussagekräftig war, wurde er das Gefühl nicht los, dass mehr dahintersteckte. Jan besaß vielleicht nicht den Instinkt eines dieser zum Klischee erstarrten Sensationsreporter, aber manche Nachrichten ließen auch bei ihm die Alarmglocken schrillen. Und bei dieser Meldung begann ein ganzes Orchester an Glocken zu dröhnen. Einen Moment lang starrte Jan noch den Bildschirm an, dann stand er auf und beschloss, nach Marzahn zu fahren.

Die Platte oder der Block, wie die Bewohner die alten Plattenbauten nannten, sah exakt so aus, wie die übrigen Hochhäuser im Kiez. Die Fassade hatte ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, die billige Verkleidung war an vielen Stellen gesplittert oder ganz weggebrochen. Das Elend wurde lediglich durch unzählige Graffitis überlagert. Jan parkte sein Auto vor der Nummer 36 und zog seinen Hoodie zurecht. Einige Kinder spielten auf dem asphaltierten Weg vor der Haustür, aber nichts deutete darauf hin, dass hier kürzlich ein Mord stattgefunden hatte.

Jan wollte sich dennoch selbst ein Bild machen und ging zur Haustür. Er drückte wahllos ein paar Knöpfe auf der großen Anzeige und hatte Glück. Einige Stimmen waren durch die Gegensprechanlage zu hören, aber gleichzeitig ertönte auch der Summer, und Jan drückte schnell die Tür auf, ohne auf die diversen blechernen »Hallo? Wer ist da?« zu antworten.

Die Wohnung lag im fünfzehnten Stock. Als Jan aus dem altersschwachen Aufzug trat und dabei stumm hoffte, dass der Uringeruch aus dem klapprigen Kasten nicht ewig an ihm haften würde, sah er schon das Polizeisiegel, das auf der Tür klebte. Der Fall war mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen. Er untersuchte die Tür, fand aber keine Möglichkeit, das Siegel zu entfernen, ohne es zu beschädigen. Im Geheimen hatte er gehofft, dass man bereits im Flur oder auf der Tür Spuren des Mordes sehen würde, aber diese Hoffnung wurde enttäuscht. Probehalber klingelte er an der Nachbarstür, doch obwohl er deutlich Schritte dahinter hören konnte, öffnete ihm niemand. Wahrscheinlich waren die direkten Nachbarn wegen des Mordes misstrauisch geworden.

Frustriert, weil er nichts Brauchbares gefunden hatte, beschloss Jan, wieder nach Hause zu fahren und sich später bei der Polizei zu erkundigen, ob man ihm mehr zu der Pressemeldung sagen konnte. Irgendetwas an dieser Sache ließ ihn nicht los, und er würde schon noch herausfinden, was es war.

Als er an seinem Wagen ankam, stutzte er. Ein weißer Zettel klebte auf der Windschutzscheibe. Im ersten Augenblick dachte Jan, dass es sich dabei um einen Strafzettel oder irgendeine Kinderschmiererei handeln würde. Als er den Zettel von der Scheibe nahm, sah er jedoch, dass er mit beiden Vermutungen falschlag. Auf dem Zettel stand in großen Blockbuchstaben »Es war einmal«.

Unter der Woche waren, wenn nicht gerade ein Feiertag bevorstand, kaum Besucher vor der Kasse des Zoos zu sehen. Nur die üblichen Pendler und Shopper liefen über den Vorplatz zum Bahnhof Zoo. Dina schob sich an ihnen vorbei in Richtung der Kasse und fragte dort, wie verabredet, nach Mike. Die Kassiererin, die bisher intensiv damit beschäftigt gewesen war, an ihrem Kaugummi herumzukauen, sah bei der Nennung seines Namens auf und musterte Dina eingehend. »Was ist?«, fragte diese, unwirscher als beabsichtigt. Die Kassiererin zuckte mit den Schultern. »Sie sehen nicht so aus wie die Mädchen, die Mike sonst in den Zoo einlädt.«

»So, wie sehen die denn normalerweise aus?«

Wieder das Schulterzucken. »Weiß nicht. Anders eben.« Sie wandte sich ab und holte dann eine Eintrittskarte und eine zusammengeklappte Karte des Zoos hervor. »Das X markiert den Punkt«, grinste sie und deutete dann auf das metallene Drehkreuz am Eingang. »Viel Spaß!«

Noch während sie sich durch den Eingang schob, bereute Dina ihre Entscheidung, hierhergekommen zu sein. Ihr schlechtes Gewissen hatte sie dazu verleitet; dabei hätte sie gleich merken sollen, dass sie eigentlich gar keine Lust darauf hatte, sich noch einmal mit Mike zu treffen. Jetzt war sie jedoch hier und würde es auch durchziehen.

Im Eingangsbereich faltete sie die Karte auseinander und suchte nach einer Markierung oder sonst einem Hinweis. Eigentlich hatte sie erwartet, dass Mike hier auf sie warten würde, aber offensichtlich fand er eine Schnitzeljagd lustiger.

Peter hätte so etwas niemals veranstaltet.

Der Gedanke war so schnell da, dass Dina nicht einmal wusste, ob nun Lob oder Tadel hinter dieser Erkenntnis steckte. Verärgert über sich selbst, sah sie wieder auf die Karte. Tatsächlich entdeckte sie bald ein Kreuz, aufgemalt mit Kugelschreiber. Es bezeichnete ein Gehege, das keinen Namen trug. Offensichtlich war es so neu, dass ihm noch keine Tiere zugeordnet waren. Der Weg dorthin führte durch den halben Zoo, und Dina genoss den kurzen Spaziergang an der frischen Luft. Immerhin spielte das Wetter mit.

Als sie sich dem markierten Punkt näherte, versperrte ihr plötzlich ein Bauzaun den Weg. Was sollte das? Dina blickte sich suchend um, aber von Mike war weit und breit nichts zu sehen. Einige Meter weiter war der Zaun jedoch etwas verschoben, sodass sich eine Lücke ergab, die gerade breit genug zum Durchschlüpfen war. Dina trat näher und erkannte nun, dass unmittelbar neben dieser Stelle etwas hing – ein kleiner Plüschwolf mit einer roten Schleife um den Hals, direkt über einem gelben Pfeil aus Pappe, der hinter den Bauzaun deutete. Vorsichtig nahm Dina den kleinen Wolf ab und begutachtete ihn. Es war nur ein einfaches Plüschtier, wie man es im Souvenir-Shop des Zoos kaufen konnte.

Den Wolf in der Hand schlüpfte sie durch den Spalt. Dahinter fand sie sich in einem großen Gehege wieder; die Gestalter hatten den Eindruck erwecken wollen, man stünde mitten in einem Wald zwischen Felsen, und das war ihnen auch täuschend echt gelungen. Von ihrem Standpunkt aus sah Dina nur finstere Tannen und moosbedeckte Erde, aus der überall nackte Felsen emporragten. Nach hinten fiel das Gelände allerdings flach ab. Dina konnte nicht erkennen, worin es mündete. Eine Absperrung aus Beton verwehrte ihr jeden Blick.

Mit einem Mal hatte Dina ein ungutes Gefühl. Es war eine leichte Verspannung, die über ihr Rückgrat in ihren Nacken kroch und sich dann geradezu schmerzhaft in ihrem Hinterkopf festkrallte. Sie hatte seit jeher eine feine Antenne für Stimmungen besessen, und immer wenn etwas Bedrohliches oder Gefährliches auf sie zukam, meldete sich sofort dieses unangenehme Gefühl.

Ihr Mund war plötzlich staubtrocken. Doch trotz all dieser Warnsignale ging sie weiter. Sie musste unbedingt sehen, was in diesem Gehege war. Schließlich befand sie sich in der Nähe der Absperrung und konnte erkennen, dass das Gehege etwa fünf Meter unterhalb der Umrandung in einer breiten, flachen Grube endete. Und dort, auf dem Betonboden dieser Grube, sah sie...


Bellem, Nina
Nina Bellem wurde 1982 im Ruhrgebiet geboren und hat dort auch u.a. Germanistik und Japanische Geschichte studiert. Nach dem Studium lebte sie für einige Zeit in Seoul und Honolulu, ehe es sie nach Deutschland zurück verschlug. Heute lebt sie als freie Übersetzerin und Autorin mitsamt Mann und vielen Reiseführern in Berlin.

Nina Bellem wurde 1982 im Ruhrgebiet geboren und hat dort auch u.a. Germanistik und Japanische Geschichte studiert. Nach dem Studium lebte sie für einige Zeit in Seoul und Honolulu, ehe es sie nach Deutschland zurück verschlug. Heute lebt sie als freie Übersetzerin und Autorin mitsamt Mann und vielen Reiseführern in Berlin.



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