Ben Jelloun / Kayser / Surbranche | Schlaflos | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Ben Jelloun / Kayser / Surbranche Schlaflos

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948392-25-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-948392-25-3
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



In diesem düsteren, humorvollen Thriller findet ein Drehbuchautor, der seine Zeit zwischen Tanger und Paris verbringt, eines Tages über sich heraus, dass er jemanden töten muss, um endlich gut schlafen zu können. Seine Mutter wird sein erstes Opfer sein. Er hält sich nicht wirklich für einen Kriminellen, er hilft ihr nur zu sterben. Als die Auswirkungen seiner Tat nachlassen, wird ihm klar, dass er an seinen mörderischen Methoden festhalten muss, um für weitere erholsame Nächte zu sorgen. In Marokko gibt es keinen Mangel an Beute: je mehr Bankiers und Politiker seiner Schlaflosigkeit zum Opfer fallen, desto tiefer ist die Ruhe in der Nacht. Als sich herausstellt, dass eines seiner Opfer ein ehemaliger Folterer ist, der während der grausamen Herrschaft von König Hassan II. aktiv war, wird ihm klar: Je bösartiger seine Opfer sind, desto länger und besser schläft er durch. Seine Heldentaten werden gewagter, immer prominentere Personen geraten ins Visier und er selbst ins Fadenkreuz. 'Schlaflos' ist ein Juwel, eine sinnliche Erzählung über das Leben und das Vergehen der Zeit.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun gilt als bedeutendster Vertreter der französischsprachigen Literatur aus dem Maghreb. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Paris und Marokko. Er wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und mit dem International IMPAC Dublin Literary Award. Im Jahr 2011 wurde ihm der Erich-Maria-Remarque- Friedenspreis verliehen.
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4


Seit dem Tod des Marquis schlief ich ziemlich gut, doch ich spürte, dass dieses Glück nicht von langer Dauer sein konnte und ich wieder der Schlaflosigkeit verfallen würde. Da rief mich an einem Wochenende wunderbarerweise Tony an, ein alter Bekannter, der Pförtner in der Jebilat-Klinik war. In Wahrheit hieß er Ahmad, doch er nannte sich Tony, nach Tony Montana, dem Mafiaboss, den Al Pacino in spielt.

»Komm schnell her! Der Richtschütze, du weißt schon, der Dreckskerl, der meine kleine Schwester umgebracht hat, ist blutüberströmt in der Notaufnahme gelandet; Unfall oder Schlägerei, keine Ahnung, aber sein Zustand ist kritisch. Das ist doch mal eine gute Nachricht! Komm schnell, jetzt können wir endlich unseren Traum verwirklichen … Wir geben ihm den Rest …«

In Tanger gab es tatsächlich einen etwa vierzigjährigen Lehrer, dem man seine verruchte Seele vom Gesicht ablesen konnte. Er wurde »der Richtschütze«, »der Alte«, »der Einäugige« oder »der Dichter« genannt, aber alles mit einer Prise Verachtung. Mager, dürr, ein länglich durchfurchtes Gesicht, ein beunruhigender Blick, ein schmallippiger Mund mit ein paar Zahnstummeln. Er trug eine dicke Gleitsichtbrille und gab vor, Gedichte zu lieben, vor allem, wenn sie von naiven jungen Mädchen verfasst wurden, die zu allem bereit waren, um veröffentlicht zu werden. Er hatte eine Zeitschrift gegründet, die er schlicht und einfach nannte. Selber schrieb er bedeutungslose Texte, die so schwer verständlich waren, dass sie als hermetische Dichtung durchgehen konnten.

Er lauerte den jungen Leuten – Mädchen und Jungen – vor der Schule auf und verführte sie, indem er ihnen anbot, beim Redigieren zu helfen, sie ermutigte, Gedichte zu schreiben; die besten werde er in seiner Zeitschrift veröffentlichen. Er merkte ziemlich schnell, wer ihm misstraute, und ging diesen aus dem Weg. Die anderen fielen ihm wie reife Früchte in den Schoß. In seiner winzigen Einzimmerwohnung, wo er die neuen Opfer hinbestellte, war alles inszeniert. Musik, gedämpftes Licht, Minztee und ab und zu ein paar Joints, die Hand in Hand im Liegen geraucht wurden.

Malika, Tonys kleine Schwester, war eines seiner ersten Opfer.

Das war zu einer Zeit, als in der Presse noch keine Rede von Pädophilie und anderen Perversionen war. Die Scheinheiligkeit der Gesellschaft verschwieg diese Tragödien. Nach dieser Begegnung verfiel die kleine Malika in eine Depression, dann verschwand sie eines Sommers in den aufgepeitschten Wellen eines unruhigen Meeres. Es war Selbstmord.

Nach ihrem Tod hatte sich Tony, verzweifelt und verarmt, an mich gewandt, um Arbeit zu suchen. So hatte ihm ein mit mir befreundeter Arzt in seiner Klinik den Pförtnerposten besorgt, er fungierte dort zugleich als Hausmeister.

Sicherlich war der Mensch, den er »Richtschütze« nannte, das hassenswerteste, verachtenswerteste, schändlichste, verdorbenste, grausamste, gefährlichste Wesen im ganzen Königreich. In mindestens fünfzig Moscheen des Landes flehten täglich unglückliche Familien, deren Kinder er sexuell missbraucht hatte, er möge den Tod finden. Lediglich sein Drang nach Bösem konnte sich mit seiner Arroganz und Brutalität messen. Stets handelte er lächelnd und ungestraft. Sein Lachen war feist und sein Atem grauenerregend. Dennoch war niemals Klage gegen ihn erhoben worden. Die Schande und das Unglück der Familien versanken in Schweigen.

Eines Tages hatte der Richtschütze sich auch an meine Nichte herangemacht, ein romantisches junges Mädchen, das aufrichtige, sentimentale Gedichte schrieb. Der Schurke hatte sie gebeten, ihm ihre Texte zu schicken, und sie war ihm in die Falle gegangen. Mein besorgter älterer Bruder hatte mich um Hilfe gebeten. Der Richtschütze war insofern unangreifbar, als er niemanden zwang, zu ihm zu kommen. Dieser kleine, magere, unterwürfige Kerl tat alles, um keine Angriffsfläche zu bieten. Allein mein Bruder hatte gewagt, diesen Perversen gerichtlich zu verfolgen; doch wie wir herausfanden, deckte die Polizei ihn, weil er Informationen über bestimmte politische Oppositionelle gegen das Regime von Hassan II an sie weitergab. Trotz der Bemühungen eines respektablen Rechtsanwalts wurde die Klage sehr bald zu den Akten gelegt; der Anwalt musste aufgeben, denn der Richtschütze war ein unberührbarer Spitzel des Regimes.

In Tanger war er für seine Schliche und seine Perversität berüchtigt. Er agierte hintenherum. Manche Eltern hatten versucht, ihm zu drohen, und sogar einen Hafenarbeiter angeheuert, um ihm die Fresse zu polieren. Als er das erfuhr, verschwand er nach Tetuan, wo er neue, immer jüngere Opfer fand, die vor allem eins waren: gehorsam und in Schach zu halten. In Tanger sprach niemand mehr von ihm. Er war in Vergessenheit geraten. Bis zu dem Tag, an dem mich ein sehr aufgeregter Tony anrief. Endlich war der Moment gekommen, den Tod eines Ungeheuers zu beschleunigen, das die Polizei nicht länger schützte. Denn die bleierne Zeit war aus und vorbei.

Ich hatte Gott nie in einer Moschee oder Kirche um seinen Tod angefleht. Ich hatte mich auch nicht an die auf allen Ebenen korrupte Justiz gewandt, mich nicht bei seiner Familie oder seinen Kumpanen beklagt, ich hatte nie versucht, ihn in eine Falle zu locken. Ich hatte gelernt, zu warten, und für meine Geduld damit belohnt worden, ihn heute mehr tot als lebendig vor mir zu haben. Halb bewusstlos lag der Richtschütze nun auf einem Krankenhausbett vor mir. Er litt, wimmerte, konnte weder die Augen öffnen noch ein Wort hervorbringen, war blutüberströmt. Er war am Ende und ich zählte auf die katastrophale Infrastruktur dieser Klinik und auf die Inkompetenz der diensthabenden Ärzte und hoffte, dass er so spät wie möglich wirksam behandelt würde. Sein Zustand musste sich so deutlich verschlechtern, dass er nicht mehr transportfähig wäre. Wie alle großen Betrüger hatte er bestimmt eine europäische Krankenversicherung, die ihm eine Evakuierung per Flugzeug und die Rettung in einem Pariser Krankenhaus garantierte. Doch angesichts seiner zahlreichen Knochenbrüche und der fehlenden Blutkonserven für Transfusionen würde er wahrscheinlich noch ein Weilchen in dieser Klinik verbleiben müssen. Er würde die ganze Nacht lang leiden, und ich hoffte, dabei würden ihn die Erinnerungen an all die jungen Mädchen verfolgen, die er ausgebeutet, vergewaltigt und widerlicher Erpressung unterworfen hatte. Die entsetzten Gesichter der hilflosen Eltern, manche mit Küchenmessern, andere mit brennenden Fackeln bewaffnet, würden seine letzten Stunden drohend begleiten. Sie würden langsam an ihm vorüberziehen, sich über ihn beugen und sein entstelltes Gesicht bespucken. Ausnahmsweise würde er keinen Schlaf finden, er, der normalerweise einschlief, sobald sein Kopf das Kissen berührte, problemlos, sorglos, ohne jegliche Gewissensbisse.

Seine Familie und die wenigen Freunde, die von Weitem hergekommen waren, hatten den ganzen Nachmittag damit zugebracht, gegen das strikte Besuchsverbot vorzugehen, das aufgrund seines katastrophalen Zustands verhängt worden war. Er lag allein auf der Intensivstation. Es schlug Mitternacht, aber der Chirurg ließ immer noch auf sich warten. Denn er weilte beim Festessen einer prunkvollen Hochzeit. Der Richtschütze hatte das Bewusstsein verloren, er lag im Sterben. Die Krankenpflegerin versuchte, den Arzt zu erreichen, um ihm Bescheid zu geben, aber er steckte in einem Stau fest. Der Autokonvoi der Neuvermählten kreuzte den eines anderen Paares, es hupte von allen Seiten. Die Krankenpflegerin konnte kein Wort verstehen.

Um ein Uhr morgens zog ich einen weißen Arztkittel über, den mir Tony besorgt hatte, und stahl mich mit einer himmelblauen Maske vor dem Gesicht auf die Intensivstation. In den Gängen hielten mich alle für den erwarteten Chirurgen. Da erinnerte ich mich an das, was Alfred Hitchcock über das Morden gesagt hatte: Es ist viel schwieriger, als man denkt, einen Menschen mit bloßen Händen zu töten. Es ist ein Kampf, ein Ringen mit unsicherem Ausgang und oft erfolglos. Nur im Film sterben Leute problemlos. Im wahren Leben ist es unmöglich, einen auch nur leicht korpulenten Mann zu erwürgen.

Ich habe mich seinem Gesicht genähert, habe ihm ins Ohr geflüstert, dass seine Stunde geschlagen hat und ich überaus glücklich sei, dies umzusetzen. Ich musste mich nicht bemühen. Er rührte sich nicht mehr, hörte mich aber offensichtlich. Ich habe meinen Namen und die von zweien seiner Opfer genannt. Dann habe ich auf die tiefste Wunde gedrückt, er hat einen Schrei ausgestoßen, den ich schnell erstickte, indem ich ihm einen Stofffetzen in den Mund stopfte. Während ich ihn erdrückte, zog ich gleichzeitig unauffällig alle Schläuche ab. Er begann zu ersticken, sein Atem wurde stockend, dann langsam, so langsam, dass er zweifellos in wenigen Augenblicken ganz aussetzen würde. Ich nutzte diese Zeit, um die Schläuche wieder anzubringen. Dann beeilte ich mich, das Krankenhaus durch den Hinterausgang der Leichenhalle zu verlassen und ungesehen nach...



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