E-Book, Deutsch, Band 45, 312 Seiten
Bender / Kanitscheider / Ruso Fälschen, Täuschen, Lügen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-0449-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 45, 312 Seiten
Reihe: Matreier Gespräche zur Kulturethologie
ISBN: 978-3-7557-0449-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Natur und Kultur sind voll von Fälschungen, Täuschungen und Lügen: vom trojanischen Pferd bis zum Augenmotiv auf Schmetterlingsflügeln, von Werbung bis zu Münchhausen, von optischen Täuschungen bis zu Falschaussagen vor Gericht. Auch wenn sprichwörtlich nirgends so viel gelogen wird wie im Krieg und der Liebe, gibt es viele weitere Anknüpfungspunkte zu diesem Thema. Im Marketing, den Massenmedien und in der Politik nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Nicht einmal Bereiche, in denen die Wahrheit heilig sein sollte, wie Religion, Wissenschaft oder Rechtsprechung sind sicher vor Fälschungen, Täuschungen und Lügen. Das Individuum, die Gruppe, die Gesellschaft im Ganzen sind auf Informationen angewiesen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Wenn unser Wahrnehmungsapparat die Welt falsch interpretiert, handelt es sich um einen Irrtum. Wenn wir von einem anderen Organismus falsche Informationen bekommen, werden wir "getäuscht". Welche Auswirkungen hat dies auf uns Menschen, unser Leben und Wirken? Woher kommt dieses Phänomen? Wie funktioniert es hirnphysiologisch, psychologisch und soziologisch? Wie können wir uns davor schützen? Die 45. Matreier Gespräche beschäftigten sich mit einem universalen und ewigen Thema der Menschheit. In diesem Band werden insgesamt 17 Beiträge aus den verschiedensten Perspektiven, oft auch interdisziplinär, unter dem Aspekt der Kulturethologie zusammenführt und diskutiert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Helmwart Hierdeis
Wahrheit, Lüge und Scham – Anthropologische, philosophische und psychoanalytische Annäherungen
“There is no life without a double life” (Parks 2003, 7).
„Dazu lässt sich der Mensch Nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne dass sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben“
(Nietzsche 1873, Teil 1).
Zusammenfassung
Ein Blick in die soziale Welt oder auch in die eigene Biographie zeigt eine starke Neigung des Menschen, der evolutionären Tendenz zur ‚Lüge‘ in allen ihren Varianten zu folgen, weil sie größere Erfolge hinsichtlich Lebenssicherung, Anpassung, Machtzuwachs und Vermehrung materieller Ressourcen verspricht als das Bekenntnis zur Wahrheit. Der Beitrag skizziert zunächst einige anthropologische, philosophische und theologische Positionen zu Wahrheit und Lüge und verweist dann auf die Sichtweise der Psychoanalyse: Die Person, die lügt, zeigt damit eine Störung im Verhältnis zu anderen und zu sich selbst an. Die im Laufe des psychoanalytischen Prozesses zu erarbeitende Wahrheit ist nicht absolut, sondern eine Annäherung an die Aufhebung von Selbsttäuschungen und hilfreich für die Wiederherstellung von Beziehungen.
1 Lüge und Wahrhaftigkeit – von der Funktionalität zur Moralität26
Evolutionäre beziehungsweise Biologische Anthropologie und Vergleichende Verhaltensforschung sind sich darin einig, dass es sich bei der ‚Lüge‘ und ihren Varianten (Täuschung, Falschheit, Betrug, Heuchelei, Maskerade, Mimikry, Verrat etc.) um soziale Werkzeuge handelt, mit deren Hilfe höhere Organismen ihre Existenz sichern und sich (Selektions-)Vorteile verschaffen (Eibl-Eibesfeldt 1999; Riedl 1982; Alexander 1987). Die Fähigkeit dazu wird in jeder normalen Ontogenese erworben (Markus 2016, 34). Was die heutige Forschung für gesichertes Wissen hält, hat Immanuel Kant in seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘ schon spekulativ vorweggenommen:
„Es giebt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am Ende doch, wie alles, was von der Natur komt, eine Anlage zu guten Zwecken enthalten muß, nemlich eine Neigung, seine wahre Gesinnungen zu verheelen und gewisse angenommene, die man vor gut und rühmlich hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen Hang, so wol sich zu verheelen, als auch einen ihnen vortheilhaften Schein anzunehmen, sich nicht blos civilisirt, sondern nach und nach, in gewisser Maasse, moralisirt, […]“ (Kant 1781, 747f.).
Die Ausdifferenzierung lügenhaften Verhaltens in der Phylogenese zugunsten einer verbesserten Anpassung kann, so die Evolutionsbiologie, als Zeichen der Intelligenzentwicklung gelesen werden: Lügen war menschheitsgeschichtlich gesehen ein wirksames Intelligenztraining (Sommer 2015). Wie beim Gegenstück der Lüge, der ‚Wahrhaftigkeit‘ (Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Lauterkeit, Offenheit etc.), bemaß sich ihr Wert zunächst ausschließlich an ihrem unmittelbaren Erfolg beziehungsweise Misserfolg. Aber Kant glaubte bereits darin die Anfänge einer moralischen Entwicklung zu erkennen: Die Stufe einer nur nützlichen Wahrhaftigkeit habe erst einmal dazu gedient, „die Manier des Guten, das er kent, annehmen zu lassen“ (Kant 1781, 748). Daraus habe sich dann eine „Denkungsart“ (ebd.) entwickelt, die gegen die „Falschheit“ (ebd.) vorging, um die „guten Gesinnungen“ (ebd.) nicht vom „schönen Schein[s]“ (ebd.) überwuchern zu lassen.
Spätere Kodifizierungen der Wahrhaftigkeit und Sanktionsandrohungen bei Verletzung der Norm beruhten auf der Erfahrung, dass unaufrichtiges Verhalten gegenüber den Angehörigen der eigenen Gruppe Unsicherheit erzeugt und Konflikte mit sich bringt, Aufrichtigkeit dagegen Vertrauen und damit Kooperation ermöglicht. Der Kant- und Darwin-Kenner Friedrich Nietzsche bringt diesen Prozess in einen Zusammenhang mit der Sprachentwicklung:
„Soweit das Individuum sich gegenüber andern Individuen erhalten will, benutzte es in einem natürlichen Zustande der Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Noth und Langeweile gesellschaftlich und heerdenweise existiren will, braucht er einen Friedensschluss und trachtet darnach dass wenigstens das allergröbste bellum omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluss bringt aber etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes räthselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixirt, was von nun an ‚Wahrheit‘ sein soll d.h. es wird eine gleichmässig gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden und die Gesetzgebung der Sprache giebt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum ersten Male der Contrast von Wahrheit und Lüge […]“ (Nietzsche 1873, Teil 1).
Auch wenn Nietzsche die Entfaltung der Verständigung durch die Sprache an dieser Stelle erheblich verkürzt und ihr – als Kind seiner Zeit – eine zur Wahrheit führende Entelechie („Trieb zur Wahrheit“, ebd.) unterstellt, so erkennt er doch (als spätes Glied in der philosophischen Tradition seit Aristoteles) die Funktion der Sprache als Instrument zur Beschreibung dessen, was ist, und zu möglichen Vereinbarungen mit anderen darüber, und er hofft, die Anerkennung der Realität werde bei jenen, die sich ihr unterwerfen, den Weg für eine auf Wahrheit gegründete Kommunikation eröffnen. Aber die Sprache ist, wie er weiß, ein zweischneidiges Schwert:
„[…] der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen […]. Er missbraucht die festen Conventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen. […] Die Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so sehr, als das Beschädigtwerden durch Betrug. Sie hassen auch auf dieser Stufe im Grunde nicht die Täuschung, sondern die schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit. Er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit; gegen die reine folgenlose Erkenntniss ist er gleichgültig, gegen die vielleicht schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und überdies: wie steht es mit jenen Conventionen der Sprache? Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntniss, des Wahrheitssinnes: decken sich die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“ (ebd.)
Skeptische Antworten auf die letzte Frage gibt Nietzsche an vielen anderen Stellen. Vor allem was den Ausdruck der psychischen Wirklichkeit angeht, sind für ihn Kunst und Musik die eigentliche Sprache (vgl. Nietzsche 1876). Aber die Überlegung, was das Wort vermag und was nicht, gehört nicht unmittelbar in den Zusammenhang, der hier zur Debatte steht. Ihn spricht Nietzsche wenige Jahre zuvor an: „folgenlose Erkenntniss“, meint er, interessiere die wenigsten Menschen (unter ihnen die Philosophen). Die meisten hätten für die Wahrheitsfrage nur ein funktionales Verständnis. Das sei nicht nur auf persönliche Beschränktheit zurückzuführen, sondern dafür sorge auch die Kultur, in die sie hineingewachsen seien. In ihr erlerne der Nachwuchs die „usuellen Metaphern“ (Nietzsche 1873, Teil 1), die es ihm ermöglichten, sich an den (verlogenen) Konventionen der Gesellschaft zu beteiligen (vgl. ebd.; zu Freuds Kritik an „gesellschaftliche[r] Heuchelei“ als einer Variante der Lüge siehe Eickhoff 1988, 82). – Wie erfolgreich das informelle und formelle kulturelle Lernprogramm in dieser Hinsicht ist, vermittelt ein Blick in die Kommunikation, die in den Medien insgesamt und ganz besonders im Internet gepflegt wird, wo die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge zugunsten von Selbstbespiegelung und Machtausübung teils aus Unwissenheit, teils mit Absicht häufig verwischt werden.
Trennt man in Nietzsches Aussage den Inhalt von der Polemik, dann wird etwas sichtbar, das Wittgenstein die Einübung in das „Sprachspiel“ (Wittgenstein 1953, § 7) der Gesellschaft genannt hat. Es kennt mehrere Ebenen. Ganz oben steht die Philosophie, aber darunter gibt es die Ebene des Alltags. Sucht die erstere, die Annäherung der Erkenntnis an das, was sie für Realität hält oder was sie als Realität konstruiert, genau, nachvollziehbar und in allgemeinen Begriffen zu fixieren, so geht es den Beteiligten am alltäglichen ‚Sprachspiel‘ in der Regel nicht um die Wahrheit an sich. Sie wollen vielmehr mit dem, was sie im Rahmen ihrer Lebenskontexte und gesteuert von ihren Bedürfnissen als wahr und falsch ansehen, die ‚Welt‘ verstehen, selbst verstanden werden (oder sich zumindest verstanden fühlen), ihre Existenz sichern und sich durchsetzen.
Die Erfahrung, dass sich Gesellschaften nach innen friedlicher verhalten und leichter zu lenken sind, wenn die Praxis des ‚Sprachspiels‘ nicht dem Belieben Einzelner überlassen bleibt, sondern normative Vorgaben enthält, hat schon früh zur Verankerung der Forderung nach...




