E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Benni Die Bar auf dem Meeresgrund
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8031-4267-2
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Unterwassergeschichten
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8031-4267-2
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefano Benni, geboren 1947 in Bologna, ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Seine Bücher erreichen dort Millionenauflagen und werden in viele Sprachen übersetzt. Bei Wagenbach erschienen u.a. »Die Bar auf dem Meeresgrund«, »Geister«, »Komische erschrockene Krieger«, »Terra!«, »Der Zeitenspringer«, »Brot und Unwetter«, »Von allen Reichtümern« und zuletzt »Die Pantherin«.
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DIE ERZÄHLUNG DES MATROSEN
Matu-Maloa
Aber der Wal atmet nur ein Siebtel oder einen Sonntag von seiner ganzen Lebenszeit.
HERMAN MELVILLE
Tausend Jahre Salzwasser will ich trinken, nie wieder eine Schiffsplanke anfassen und sterben durch einen Sturz vom Schaukelstuhl, wenn das, was ich jetzt erzähle, nicht die Wahrheit ist, so wahr, wie ich Jim Guinea heiße.
Ich schwöre beim Teufel: Niemals in den ganzen vierzig Jahren, die ich zur See gefahren bin, habe ich etwas gesehen, das dem, was Kapitän Charlemont widerfuhr, gleichkommt.
Vor Jahren saß ich im Hafen von Cape Heat in Südafrika fest. Ich hatte eine sehr stürmische Fahrt auf einem amerikanischen Walfänger hinter mir, der Holy Moses. Ein Jahr lang Orkane, über Bord gegangene Männer und Wale, die hinterfotzig waren wie ein Prediger. Obendrein hatte ich ein Ohr eingebüßt, bei einem Streit, der mit einem Rasiermesser ausgetragen worden war. Ich ging also zu einem Chinesen, der den ganzen Hafen in der Hand hatte, und bat um eine etwas ruhigere Tour.
»Ich hätte da was, glatt wie Öl«, sagte der Chinese und lachte, »aber dafür müßtest du dir einen neuen Anzug kaufen.«
Dann erklärte er mir die ganze Sache. Das auslaufende Schiff war die Fidèle, ein spiegelblankpolierter, nagelneuer Schoner, ein Kleinod von einem Schiff. Die Fidèle beförderte seltene Pflanzen und Tiere für zoologische Gärten. Ihr Kommandant war ein englischer Gentleman namens Charlemont. Ein merkwürdiger Kapitän nach allem, was der Chinese mir erzählte. Er hatte bei jeder Fahrt seine komplette Garderobe dabei. Die Kapitänskajüte war, so jedenfalls behaupteten alle, die sie zu sehen bekommen hatten, schöner als die von Admiral Queiray, dekoriert mit kostbaren Stoffen, Bildern berühmter Meister und zwei Neptun-Statuen aus polynesischem Ebenholz, die als Säulen für den Baldachin über dem Bett dienten.
Das ganze Schiff war aus edlen Hölzern gebaut, und kein Balken, kein Nagel, kein Stutzen fand sich an Bord, der nicht gefunkelt hätte. Der Koch war Franzose, die Offiziere handverlesene königliche Marinekadetten vom Feinsten, und die Heuer betrug dreihundert Guineen für die Matrosen, doppelt soviel wie normalerweise. Solch ein Luxus war allerdings nicht für jedermann bestimmt: Der Kapitän legte Wert auf Matrosen, die der Fidèle auch würdig waren. Hochgewachsen sollten sie sein und eine stolze, elegante Haltung haben. Seine Mannschaft sollte mehr wie ein englisches Regiment aussehen, nicht wie einer der typischen Haufen von Finsterlingen, die in tropischen Häfen so notorisch sind.
»Für dreihundert Dinger«, sagte ich zu dem Chinesen, »bin ich sogar bereit, einen Benimmkurs zu absolvieren und neben einem Faß Rum zu schlafen, ohne es anzurühren.«
Und so ging ich zum Barbier und ließ meinen sechs Monate alten Bart tranchieren, band meinen Zopf mit einem gelben Band zusammen und versteckte mein verstümmeltes Ohr unter einer Wollkappe. Nachts liefen mir zwei französische Kaufleute über den Weg, die mir, angeregt durch eine an der Gurgel plazierten Messerspitze, freundlicherweise eine Hose der eine und eine Jacke der andere liehen. Ich hatte mich noch gar nicht im Spiegel betrachtet, als ich am nächsten Morgen zum Kai ging. Aber ich muß wirklich blendend ausgesehen haben, denn die Leute stießen sich an und drehten sich nach mir um. Als ich bei der Schlange der Anheuernden ankam, traf mich fast der Schlag. Genau vor mir standen zwei Matrosen, die mit mir auf diesem Walfänger gewesen waren. Sie hießen Buck Shan und Victor Fernandez, und ich versichere euch, die konnten jemand durch schlichtes Lüpfen der Augenbrauen ausrauben, so finster waren ihre Visagen.
Auch sie hatten sich alle Mühe gegeben, ihre äußere Erscheinung etwas aufzupolieren. Buck Shan, ein fast zwei Meter langer Schwarzer, hatte sich einen grauen Zylinder und einen himmelblauen Gehrock beschafft, der ihm allerdings nur bis zur Hälfte des Oberschenkels reichte. Fernandez hatte ein paar Militärstiefel geklaut und glänzte mit einem arabeskenverzierten Ledergilet über einem ursprünglich wohl weißen Seidenhemd. Zufrieden mit sich schmauchten sie ihre Pfeifen und spuckten auf den Boden wie echte Gentlemen. Kaum hatten sie mich entdeckt, da brachen sie in Gelächter aus, fast wie ich, als ich sie entdeckt hatte. Tja, Jungs, was tut man nicht alles für dreihundert Guineen!
Wir warteten, die Schlange rückte allmählich vor, und aus den düsteren Mienen der Matrosen, die wieder zurückkamen, schlossen wir, daß der Kapitän wirklich sehr anspruchsvoll war. Endlich kam die Reihe an uns, und da sahen wir ihn, den Kapitän Charlemont mitten zwischen zwei winzigen Offizieren in Atlasuniform, buntglänzend wie Kolibris. Der Kapitän selbst sah eher aus wie ein großer Seehund, er war ganz in schwarzes Leder gehüllt und trug einen Hut mit einer grünen Feder und ellenbogenlange Handschuhe. Sein Gesicht war weiß wie das eines Ertrunkenen und von langen blonden Haaren eingerahmt, dazu hatte er einen gepflegten dünnen Schnauz- und einen Spitzbart, der wie gedrechselt war, so daß man Lust bekam, seine Jacke dranzuhängen. Der Mann sah aus wie ein Gemälde aus dem Museum, in Kuba hatte ich so eins mal gesehen. Mit schwingendem Gänsekiel trug er unsere Namen ins Bordregister ein und zupfte von Zeit zu Zeit Tabak aus einer Tabatiere aus Katan-Auster. Das also war ein englischer Gentleman!
Der erste von uns dreien, der IHM vors Angesicht trat, war Fernandez.
»Name?« fragte der-Kapitän.
»Nictor Hemanuel Fernandez.«
»Herr...«
»O nein, ich und Herr, ich bin doch bloß ein armer Matrose...« Lächeln seitens der Kolibri-Offiziere.
»Der Kapitän«, hob einer von ihnen an, »möchte sagen, du sollst zu uns sagen ›Herr‹, Trottel...«
»Jawollja, Herr Trottel.«
Fernandez war nicht gerade ein Ausbund an Schliff, aber er war aufgeweckt.
Kapitän Charlemont musterte ihn von oben bis unten und fragte dann: »Welches war deine letzte Fahrt, Matrose?«
»Auf der Holy Moses, Herr. Ein Walfänger, Herr...«
»Und welche Arbeit hast du dort getan?«
»Ich schneide, Herr.«
»In welchem Sinn?«
»In dem Sinn, Herr, wenn der Wal gefangen und an Bord gehievt ist, dann jagen wir dem ‘ne hübsche Säge ins Arschloch, Herr, und ziehen dem die Seele und die Eingeweide raus, Herr, bis er bloß noch Tran und Steaks ist, Herr.«
Farbenfrohe Sprechweise, der Gentleman Fernandez.
Charlemont wölbte kurz seine feingezeichnete Augenbraue und musterte den Aufschneider noch einmal.
»Tätowiert bist du nicht zufällig? Ich wünsche in meiner Mannschaft keinen Matrosen mit unflätigen Zeichnungen...«
»O nein, Herr, das heißt, gerade mal eine ganze Winzigkeit, Herr.«
»Zieh dich aus und laß sehen.«
Fernandez zog seufzend die Jacke aus. Er hatte auf der Brust eine Sirene mit zwei Titten, die einem die Lenden lahmlegen, auf einem Arm einen dreiköpfigen Drachen, aus jedem der Köpfe schossen Zoten in Chinesisch, Malesisch und Malgaschisch, auf dem anderen Arm eine Mary Ellen und eine Mary Ann mit durchbohrten Herzchen und schließlich unten am Körper einen Wal, dessen Auge aus Fernandez’ Bauchnabel bestand.
»Nicht angeheuert. Der nächste, bitte«, sagte der Kapitän. Fernandez klagte nicht. Er klaute ihm die Tabatiere und verschwand.
Gentleman Buck Shan war dran.
»Dein Name?«
»Buckingham Shan, Herr.«
»Letzte Fahrt?«
»Auch auf der Holy Moses, Herr.«
»Und was hast du dort gemacht?«
»Harpunierer. Wenn ein Wal im Visier war, hab’ ich meine Pflicht erfüllt, Herr, ich hab’ ihm die Harpune genau da hingesetzt, wo mir befohlen war, Herr.«
Wenn Buck es drauf anlegt, ist er ein wahrer Dandy.
»Und was kannst du sonst noch auf einem Schiff?«
»Alles, was der Teufel kann, Herr, das heißt, alle kleinen und großen Arbeiten, die mir befohlen werden, Herr, ob das jetzt Brückeputzen ist - wunderbar -, oder rauf in den Mastkorb oder kochen, Buck ist immer vorneweg, wenn ich ans Ruder soll, bin ich sofort da, wenn mir befohlen wird...«
»Ich habe verstanden, ich habe verstanden«, sagte Charlemont. Wir hörten ihn mit dem Ersten Offizier flüstern: Gut gebaut ist er, und neu eingekleidet und gekämmt macht er durchaus was her.
»Angeheuert«, sagte Charlemont schließlich.
»Danke, Herr«, sagte Buck und schnitt mir im Vorbeigehen eine Grimasse. Jetzt war ich dran.
»Dein Name, Matrose?«
»Jim Guinea, Herr.«
»Seltsamer Name...«
»Ich bin Waise, Herr... Hab’ weder Vater noch Mutter je kennengelernt... Aber in Guinea bin ich geboren, das ist alles, was ich weiß, Herr.«
»Wir verlangen nicht gerade, daß lauter Grafen unter unseren Matrosen sind, aber wenigstens... ach was, laß dich ansehen... deine letzte Fahrt? Und erzähl mir nicht, du wärst auch...«
»Erraten, Herr.«
»Und...




