E-Book, Deutsch, Band 3, 544 Seiten
Reihe: Vortex
Benning Vortex – Die Liebe, die den Anfang brachte
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7336-0305-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 544 Seiten
Reihe: Vortex
ISBN: 978-3-7336-0305-2
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Benning wurde 1988 als jüngstes von drei Kindern geboren. Die Leidenschaft für Geschichten bestimmt seit vielen Jahren ihren Weg: Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und Stationen als Buchrezensentin und Aushilfsbuchhändlerin arbeitete sie als Lektorin in einem Verlag. Eines Tages fasste sie sich ein Herz und brachte ihre eigenen Geschichten zu Papier. »To Tempt A God« ist der Auftakt ihrer dritten Trilogie. Weitere Informationen zur Autorin unter www.annabenning.de und auf Instagram und TikTok unter annabenning.books
Autoren/Hrsg.
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1
Wir hörten die Trommeln, als wir noch gar nicht im Landeanflug waren. Ihr Rhythmus war unkontrolliert, geradezu wild. Kein Schlag war gleichmäßig, sie erklangen mal heller, mal dunkler, mal schneller, mal langsamer. Erst zusammen erschufen sie eine hypnotisierende Melodie, der man sich nur schwer entziehen konnte.
Ich lugte zur Seite, zum Fenster unseres Transporters, bloß ganz kurz, aber Susie hatte es sofort bemerkt und räusperte sich streng. »Ellie! Wenn du nicht stillhältst, muss ich noch einmal von vorne anfangen.«
Susie machte sich bereits seit einer halben Stunde an meinem Gesicht zu schaffen. Viel länger würde ich das nicht aushalten.
Also atmete ich tief ein und aus und versuchte, mich nicht mehr zu bewegen. »Entschuldige.«
»Ich bin auch gleich beim Feinschliff.« Susie holte ein Puderdöschen aus ihrer kleinen Umhängetasche heraus.
»Feinschliff?«, fragte ich misstrauisch.
Susie legte den Kopf schief. »Es sieht noch nicht wirklich … echt aus.«
»Damit meint sie: Deine Vermengung lässt noch zu wünschen übrig«, ergänzte Luka und grinste, als ich mich zur Seite lehnte, um ihm einen schneidenden Blick zuzuwerfen. Er und Fagus saßen auf der Sitzbank gegenüber von uns und wirkten trotz allem, was uns bevorstand, als hätten sie den Spaß ihres Lebens. Immerhin gab es keine weiteren Zuschauer, denn – von unserer Pilotin mal abgesehen – waren wir nur zu viert im Transporter.
»Je sorgfältiger, desto besser.« Susie tippte an mein Kinn, damit ich mich wieder zu ihr drehte, und ich tat, was sie verlangte. Schließlich wusste ich, worum es ging.
Während Susie mit einem Schwämmchen so viel grünes Puder auf meinem Gesicht verteilte, dass ich bald als Tannenbaum durchgehen konnte, schielte ich wieder aus dem Fenster.
Unser Transporter flog bereits seit einer guten Stunde über São Paulo. Zu allen Seiten erstreckte sich blauer Himmel, keine einzige Wolke weit und breit. Ein weiterer sengend heißer Sommertag.
Unter uns zog ein Teppich an Hochhäusern vorbei. São Paulo war riesig, und es würde noch dauern, bis wir zu unserem Landepunkt kamen, dem Bezirk, der früher genannt wurde, bevor das Kuratorium ihn an die Megacity angeschlossen hatte.
Die Stadt war eine einzige Abfolge von Wohnblocks, Hochhausfarmen, in denen Lebensmittel produziert wurden, und Zäunen, die die Bezirke voneinander abtrennten. Lediglich dort, wo die Ebene in saftig grüne Hügel überging, wurde die Bebauung spärlicher, und kleine Tupfen Natur waren übrig geblieben. Ansonsten sah es aus wie in jeder der zehn Kuratoriumsstädte.
In jeder der zehn Kuratoriumsstädte, verbesserte ich mich in Gedanken, denn die meisten von ihnen gehörten nicht mehr dem Kuratorium.
Sie gehörten nun den Vermengten.
Wie lange war es her, dass São Paulo kapituliert hatte? Eine Woche? Zwei? Es war so viel passiert, dass mein Kopf kaum hinterherkam.
»So!«, riss mich Susie aus meinen Gedanken. »Jetzt kommt das Beste!« Sie kramte ein weiteres Mal in ihrer Umhängetasche und warf mir ein verschmitztes Lächeln zu, als sie einige Zweige, Blätter und zartrosa Blüten herauszog.
»Susie …« Ich beobachtete so gefasst wie möglich, wie sie all das Grünzeug an eine Haarspange knotete, die sie ebenfalls aus ihrem Beutel holte. Dann kam sie damit auf mich zu – ein entschlossenes Funkeln in ihren Augen. »Reicht es nicht, dass du mir eine Flechtfrisur verpasst hast?«, fragte ich, aber Susie schüttelte vehement den Kopf.
»Das habe ich ja nur gemacht, damit die Pflanzen besser sitzen. Und jetzt halt still, ich weiß schon genau, wie es aussehen soll.«
Ich warf Luka einen hilfesuchenden Blick zu, doch der war so damit beschäftigt, Susie anzuschmachten, dass er mich überhaupt nicht bemerkte.
Kaum hatte er eine feste Freundin, ließ er mich im Stich.
Fünf Minuten später hielt mir Susie einen Handspiegel vors Gesicht. »Du siehst wunderschön aus!«
Sie klang so stolz, dass ich ihr unmöglich sagen konnte, dass all diese Blumen sofort rausfliegen würden, wenn ich einmal zum Sprint ansetzte. Also tat ich ihr den Gefallen und betrachtete die kleinen Blümchen, die sie kunstvoll zwischen meine blonden Haare gesteckt hatte. Ohne meinen üblichen Pferdeschwanz kam ich mir zwar sofort verkleidet vor, aber Susie hatte sich unheimlich viel Mühe gegeben. Meine Augenbrauen hatte sie grün betupft, so dass sie Fagus’ Moosbrauen ähnelten, und meine Wimpern hatte sie bereits vor unserem Abflug mit Federn beklebt, die wie Blätter wirkten. Sogar das grüne Puder, das sie so aufgetragen hatte, dass ein leichtes Rindenmuster dabei entstanden war, sah sehr hübsch aus – und nicht, als müsste ich mich gleich übergeben.
»Danke«, sagte ich, und das Leuchten in Susies Augen wurde noch etwas heller. Zufrieden packte sie ihre Utensilien wieder ein und ließ sich neben mich auf den freien Sitz fallen.
Im Gegensatz zu meiner grünen Variante war Susies Outfit in hellen Blautönen gehalten. Dadurch kam ihre Schwimmerhaut, die von Natur aus und ganz ohne Puder bläuliche Akzente hatte, noch mehr zur Geltung. Sie trug ein Satinröckchen, und ihre schwarzen langen Haare, die sie sonst meistens zu einem seitlichen Fischgrätenzopf geflochten hatte, fielen heute in großen Wellen frei über ihre Schultern. Rund um ihre mandelförmigen Augen klebten Glitzersteine.
Luka und Fagus hatten sich weit weniger Mühe gegeben. Lukas Outfit bestand lediglich aus einer Stoffhose in Dunkelrot sowie einem weißen Leinenshirt. Seine roten Haare hatte er wild nach oben gekämmt, so dass sie ein bisschen wie Feuerlohe aussahen und seine Zündernatur bestens unterstrichen.
Fagus’ Shirt und seine Hose leuchteten in ähnlichen Grüntönen wie meine eigene Kleidung. Der einzige Unterschied war, dass ich mich nur als Grunderin ausgab – während das Moos und die Blätter, die aus seinen Haaren wuchsen, wirklich waren.
Die Kleider waren eine Anordnung unserer Navigatoren gewesen. Ich hatte erst geglaubt, mich verhört zu haben, als Gilbert damit ankam. Wieso sollten wir uns für eine so wichtige Mission wie für eine Party aufmotzen? Den Grund hatte ich allerdings schnell eingesehen.
Am heutigen Feiertag würden alle Vermengten, überall auf der Welt, die Farben der vier Elemente zur Schau tragen. Zum ersten Mal in ihrem Leben mussten sie ihre Kräfte nicht mehr verbergen und konnten ihre wahre Natur zeigen. Und die Farben … die waren ein Symbol für ihre Freiheit geworden.
Wenn ich da unten als ich selbst aufkreuzte, würde ich keine Minute überstehen. São Paulo gehörte jetzt dem Roten Sturm – einer Armee aus Vermengten, die die Menschen hassten, weil sie jahrelang von ihnen unterdrückt worden waren. Sie würden mich sofort gefangen nehmen. Und dann … nun, was dann geschah, kam darauf an: Wenn ich Glück hatte und sie nicht erkannten, wen sie da vor sich hatten, würden sie mich in die neuen stecken. Wenn sie dagegen merkten, dass ich Elaine Collins, die Zeitläuferin, war, würde ich sofort bei ihrem Anführer landen. Und sobald das passierte – wenn sie mich Hawthorne auslieferten –, war alles vorbei.
musste ich vorsichtig sein.
Aber ein Rock, der mir kaum über den Hintern reichte? Dass das notwendig war, wagte ich zu bezweifeln.
Als ich wieder geradeaus sah, fing ich Fagus’ Blick auf. Wir alle waren angespannt, versuchten jedoch, uns nichts anmerken zu lassen. Und jetzt trat ein belustigtes Lächeln auf seine Lippen.
presste ich hervor.
»Nichts.« Das Lächeln wurde breiter. »Ich dachte nur gerade, dass du eine gute Grunderin abgibst. Ganz nach meinem Geschmack.«
»Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt Geschmack hast«, warf Luka ein. »Dir ist klar, die Basilikumsträucher in deinem Garten zählen nicht, oder?«
Fagus hob eine Hand, ohne sich von mir abzuwenden. Er hielt sie vor Lukas Gesicht, und langsam, ganz langsam spross aus seinem Mittelfinger eine Wurzel heraus, an deren Spitze eine zartblättrige Blüte keimte.
Luka lachte bloß leise, woraufhin Fagus hinterherschob: »Ich hatte Freundinnen. Es hat nur nie gehalten. Und dann kam die Zeit, in der sich keiner mehr für mich interessiert hat, weil alle damit beschäftigt waren, Bale hinterherzu…« Fagus bemerkte seinen Fehler und ließ den Satz ins Leere laufen. Langsam, wie in Zeitlupe, richteten sich seine grünen Augen auf mich. »Elaine … Tut mir leid.«
»Schon gut«, sagte ich automatisch, wie jedes Mal wenn jemand auf Bale zu sprechen kam. Ich schaffte es sogar, Fagus ein Lächeln zu schenken, doch es war zu spät. Eine erdrückende Stille legte sich über den Innenraum des Transporters, selbst Luka verkniff sich jeden weiteren Kommentar. Zurück blieben nur das dumpfe Trommeln von draußen und das stete Surren unserer...




