E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Black Stiletto
Benson STARS AND STRIPES (Black Stiletto 3)
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-447-0
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller, New York Times Bestseller
E-Book, Deutsch, Band 3, 368 Seiten
Reihe: Black Stiletto
ISBN: 978-3-95835-447-0
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raymond Benson ist Autor von über 35 Büchern, darunter die von der Kritik gelobte BLACK STILETTO-Saga. Besondere Berühmtheit erlangte er mit seinen Romanen für die James Bond Reihe, für die er als einer von drei Autoren weltweit und als einziger Amerikaner von den Rechteinhabern des James Bond Franchises auserkoren wurde. Insgesamt schrieb er sechs eigenständige Romane, drei Romanfassungen zu Filmen, drei Kurzgeschichten und mehrere Sachbücher über den berühmten Geheimagenten mit der Lizenz zu Töten. Unter dem Pseudonym David Michaels ist Raymond Benson außerdem der Autor der New-York-Times Bestseller TOM CLANCY's SPLINTER CELL und der Fortsetzung TOM CLANCY's SPLINTER CELL-OPERATION BARRACUDA. Neben weiteren, vielfach ausgezeichneten Romanen hat Benson zudem Romanfassungen zu einer Reihe von populären Videospielen wie der METAL GEAR SOLID-Reihe, HOMEFRONT, HITMAN oder DYING LIGHT verfasst. Benson arbeitete als Computerspiele-Designer, Komponist und Regisseur für Theaterstücke und gibt Kurse über Filmgeschichte. Zu Ehren eines seiner Romane wurde ein dauerhaftes Museum in Naoshima, Japan, gewidmet, außerdem ist er Botschafter der Präfektur Kagawa. Neben seiner Arbeit als Autor ist Raymond Benson ein gefeierter Pianist und gibt regelmäßig Konzerte.
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1| Martin
Ich hatte solche Angst, dass ich mir beinahe in die Hose gemacht hätte.
Es war spät in der Nacht. Die Stadthäuser und hohen Apartmentgebäude wirkten auf unheilvolle Art und Weise verlassen. Der Gehsteig lag im Dunkeln und war ungewöhnlich menschenleer. Keine der Straßenlampen funktionierte. Noch seltsamer war der fehlende Straßenverkehr. Auf New Yorks Straßen und Avenues herrschte immer Verkehr, auch zu so später Stunde. Ich hatte keine Ahnung, woher ich wusste, dass ich mich in Manhattan befand. Ich kannte die Stadt nicht besonders gut. Ich war nur ein paarmal da gewesen und fühlte mich immer unwohl dort. Ich wusste einfach, dass es Manhattan sein musste, aber alles kam mir ganz anders vor.
Ich lief mit schnellem Schritt. Stadtaufwärts, wie ich glaubte. Nach Norden. Die Third Avenue entlang. Oder war es die Second? Eigentlich hätten sie an den Kreuzungen nummeriert sein müssen, aber ich konnte sie nicht lesen. Es schien, als wären sie in einer mir fremden Sprache geschrieben.
Außerdem war es still und kalt. Die Stille war zermürbend. Normalerweise war die Stadt eine Maschine, die konstant Lärm verursachte, auch nachts, wenn die meisten Seelen sicher in ihren Betten schlummerten und von angenehmeren Dingen träumten. Die Kälte ließ mich frösteln und ich hätte schwören können, dass ich einen eisigen Atem in meinem Genick spürte. Doch als ich mich umdrehte, war da natürlich nichts.
Ein fast unerträglicher Drang wuchs in mir heran. Ich wollte ihren wahren Namen in das Nichts um mich herum hinausschreien. Ich konnte ihn nicht länger in mir halten. Dieses Juwel des Wissens war zu einer Last geworden, die sich in meiner Brust als klumpige Masse materialisiert hatte. Es war ein Krebsgeschwür, welches mich sicher umbringen würde, wenn ich es nicht bald herausließ. Und doch konnte ich es nicht tun. Wenn ich versuchte, ihren Namen laut auszusprechen, geschah nichts. Meine Kehle schnürte sich zu und es klang, als würden Fingernägel über eine Tafel kratzen.
Ich hastete weiter die geisterhafte Avenue entlang. Die Häuser hielten selbst das wenige Licht fern, das der sternenklare Nachthimmel zu spenden vermochte. Hin und wieder glaubte ich graue Schemen in der Schwärze ausmachen zu können, aber ich glaubte auch, dass mir meine Augen nur einen Streich spielten. Oder doch nicht? Ich wusste es nicht genau und das alarmierte mich noch mehr.
Das durfte ich nicht zulassen. Ihre Klinge war scharf und tödlich. Ein schneller Schnitt über meine Kehle und es wäre um mich geschehen. Oder sie würde einen ihrer ausgefallenen Karate-Tricks anwenden und mir mit einem Tritt das Brustbein brechen. Das würde meine Lunge durchbohren und ich würde ersticken. Oder sie würde mich an einem der Laternenmasten aufhängen, mit dem Seil, welches sie zusammengerollt an ihrem Gürtel trug.
Aber am meisten fürchtete ich mich vor ihren Augen.
Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn ich ihr von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat. Es war immer das Gleiche. Aus den Löchern in ihrer schwarzen Maske würde heiße Glut aufleuchten. Ihr Blick würde mich durchbohren und so würde es sich auch anfühlen. Panik würde mich ergreifen, und wenn das erst passierte, würde es zu spät sein. Ich würde die Kontrolle verlieren. Schreien. Davonlaufen. Mich blindlings in den schemenhaften Straßen verlieren, die sich als Sackgassen entpuppen würden.
Dann, wenn ich erst einmal in der Falle saß, würde sie zuschlagen.
Und genau das geschah auch, als ich mich nach links wandte und versuchte, die Avenue zu überqueren. Während ich vorwärts eilte, materialisierten urplötzlich ihre Augen in der Dunkelheit. Sie blieben bei mir, schwebten neben mir her, während ich über die Straße lief. Ich spürte, wie die Angst in mir hochkochte und das Herz in meiner Brust zu hämmern begann.
Spontan bog ich nach rechts in eine düstere Straße ein und rannte los. Hatte ich geschrien? Gut möglich. Ich war nicht sicher. Natürlich fühlten sich meine Beine so schwer wie Blei an. Ich konnte nicht schnell rennen. Es war schmerzhaft, überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es war eine Qual. Alles um mich herum verlangsamte sich. Die Schwärze zog sich um mich zusammen und erzeugte einen Tunnel der Blindheit, durch den ich mich hindurchtasten musste. Und dann, so wie ich es befürchtet hatte, stieß ich auf eine Ziegelwand.
Sackgasse. Letzter Halt. Das Ende.
Wohlwissend, was nun folgen würde, begann ich zu zittern und wie ein Feigling zu wimmern. Die Verzweiflung war unerträglich. Doch mir blieb nichts anderes übrig, als mich umzudrehen und sie anzusehen. Das war der einzige Weg, wie ich diesem Albtraum entkommen konnte.
Und was, wenn es nicht funktionierte? Was, wenn es dieses Mal echt wahr? Was, wenn sie mich dieses Mal wirklich würde? Was, wenn sie ihre Maske abnahm und mir das furchterregende Gesicht darunter offenbaren würde? Würde ich den Schock überleben? Würde mein armes Herz aufhören, weiter Leben durch meine Adern zu pumpen?
»Martin.«
Die Stimme war natürlich die ihre. Wie immer.
Sie wollte, dass ich mich umdrehte, und ich musste mich ihr fügen. Ich hatte keine andere Wahl.
»Ich werde allen erzählen, wer du bist!«, schrie ich. »Alle werden es erfahren!«
Doch ich bekam ihren Namen wieder nicht über die Lippen. Allein der Versuch verursachte unsagbare Schmerzen. Der Klumpen in meiner Brust war nicht mehr auszuhalten. Ich musste mich ergeben. Mich unterwerfen.
Langsam drehte ich mich auf den Fersen um. Meine Blase drohte zu zerplatzen, während ich meine Angst in den Griff zu bekommen versuchte.
Da. Die durchdringenden roten Augen, direkt vor mir.
Dann sprang die Black Stiletto aus dem Nichts auf mich zu.
Mit einem Ruck schreckte ich aus dem Schlaf, wie schon einige Tage zuvor und die Tage davor ebenfalls.
Eine überaus unangenehme Erfahrung. Das Zusammenzucken meines Körpers, der gedämpfte Schrei in mein Kissen und der plötzliche Adrenalinausstoß schafften es jedes Mal aufs Neue, mir den Tag zu verderben.
Die Panikattacken und Albträume hatten im Oktober begonnen, kurz nach meinem neunundvierzigsten Geburtstag. Ich war gerade aus New York zurückgekehrt. Eigentlich hätte ich mich großartig fühlen müssen, denn die Reise hatte sich als überaus erfolgreich herausgestellt. Ich hatte mich mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass Gina wieder ganz gesund werden würde. Der Überfall und die versuchte Vergewaltigung im Riverside Park waren die hauptsächlichen Gründe für meinen Besuch gewesen. Glücklicherweise hatte das Verbrechen von ein paar Passanten verhindert werden können. Das war nicht gerade die beste Art gewesen, ihr erstes Studienjahr auf der Juilliard zu beginnen, aber ich war froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. Trotzdem hatte mir das Herz geblutet, als ich sie mit ihrem gebrochenen Kiefer vor mir gesehen hatte. Für mindestens noch sechs weitere Wochen würde er mit Draht fixiert werden müssen. Mein armes kleines Mädchen.
Zum Zweiten hatte ich erfolgreich Johnny Munroes Erpressungsversuche stoppen können. Damit war eine Last von meinen Schultern genommen worden. Ich hoffte, nie wieder etwas von ihm zu hören. Aber man konnte nie wissen. Nach dieser Erfahrung fürchte ich, dass noch andere Menschen da draußen hinter das große Geheimnis kommen könnten. Werde ich mich von nun an immer vor Leuten wie Munroe fürchten müssen?
Nachdem ich meine Geschäfte in New York erledigt hatte, fühlte ich mich ein wenig besser, wieder in mein erbärmliches Leben als einsamer arbeitsloser Buchhalter zurückzukehren, der sich um seine an Alzheimer erkrankte Mutter kümmern musste. Jene einstmals so lebendige, nun nur noch als Schatten ihrer selbst existierende Frau, die ich mein ganzes Leben lang gekannt hatte. Meine Mutter ist eine Fremde, die in einem Pflegeheim lebt, und sie hat vergessen, wer ich bin.
Ich glaube an so etwas wie eine Midlife-Crisis. Ich durchlebte eine schwächere Ausgabe davon, als ich mich von Carol scheiden ließ, was … ach Gott … acht Jahre her ist. Damals war ich um die vierzig. Ich hatte bereits von Leuten gehört, die um die vierzig in der Midlife-Crisis steckten. Am Anfang war es hart, aber auch nicht furchtbar. Das, was ich durchmache, ist viel schlimmer. In einem Jahr werde ich fünfzig. Das ist kein Meilenstein, dem ich entgegenfiebere, und macht die Angst noch schlimmer. Von daher bin ich davon überzeugt, dass das, was ich während der Sache mit Carol erlebte, nur ein Vorgeschmack auf die kommenden Attraktionen war, und ich jetzt in meiner Midlife-Crisis stecke.
Die Anstrengungen im Zusammenhang mit meiner Mutter und allem, was damit zusammenhing, fordern ihren Tribut. Die Panikattacken und Albträume kommen aus dem Nichts. Meine körperliche Reaktion ist stets die Gleiche: Mein Herz rast und hämmert gegen meine Brust wie nach einem Fünfzig-Meter-Sprint, ich schwitze und bin verklebt, ein überaus intensives Gefühl des Schreckens schwappt über mich hinweg und ich will einfach nur weinen. Als es das erste Mal passierte, dachte ich, ich hätte einen Herzanfall bekommen. Beinahe hätte ich einen Krankenwagen gerufen, aber nach etwa zehn Minuten hatten die Qualen langsam nachgelassen. Später fand ich heraus, dass eine Panikattacke einen plötzlichen Adrenalinschub auslöst. Wenn man die Kampf-oder-Flucht-Reaktion hinter sich gebracht hat, ist die eigene Energie...




