E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Benz Als wir Charleston tanzten
15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95818-022-2
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-95818-022-2
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Isabella Benz, geboren 1990 in Baden-Württemberg, begeistert sich schon seit sie denken kann für alles, was mit Geschichte zu tun hat. Besonders fasziniert sie die Zwischenkriegszeit, das Leben in den Goldenen Zwanzigern mit seiner Zerrissenheit zwischen dem großen Leid und den glamourösen Feiern. Ihr Studium verschlug sie 2013 nach Berlin. Sich vorzustellen, wie die Hauptstadt vor fast 100 Jahren ausgesehen haben mochte, inspirierte sie zu 'Als wir Charleston tanzten' - einem Roman in einer Zeit voller gesellschaftlicher Umbrüche und Spannungen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein stürmischer Frühling
Neubeginn
»Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn,
Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert
Und du verlierst, um Größres zu gewinnen:
– Betroffen stehst du plötzlich still, den Blick
Gedankenvoll auf das Vergangne heftend;
Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich
Und wiederholt in deine Seele dir,
Wie lieblich alles war, und dass es nun
Damit vorbei auf immer sei, auf immer!«
Eduard Mörike, Rückblick
September 1924
Wohin Mary auch sah, die Straße war voll. Über den unebenen Asphalt klapperten Pferdehufe, zogen Droschken den Ku’damm entlang. Daneben fuhren Automobile, hupten empört, sobald ein Fußgänger es wagte, ihren Weg zu kreuzen. Entfernt näherte sich ein Autobus, kämpfte sich tapfer durch das Chaos des spätnachmittäglichen Feierabendverkehrs.
Menschen strömten an Mary vorbei.
Da war eine Gruppe älterer Herren, alle in teure Anzüge gekleidet, die ihre Zylinder stolz auf dem Kopf trugen. Der ganz außen schlenkerte lässig seinen Spazierstock durch die Luft. Ein jüngerer Herr überholte die fünf. Hastig warf er einen Blick auf seine Taschenuhr, ehe sich seine schmale Silhouette schneller durch das Gedränge zwängte, vorbei an einer Dame, die ein Kind an der Hand führte. Sie stellte sich neben Mary an die Haltestelle. Kurz streiften ihre Augen Mary, bevor sie die Nase rümpfte und das Mädchen ein Stück wegzog. Mary zupfte an dem knielangen Rock, den sie sich von ihrer Mutter geliehen hatte. Ihr bestes Kleidungsstück. Sie starrte auf den Boden, vermied es, das Kindermädchen und ihr Mündel oder die anderen Passanten zu beachten.
Der Autobus dröhnte, erreichte die Haltestelle und kam schnaufend zum Stehen.
Menschen drängten ins Freie, die Dame und das Kind versuchten, einen Platz auf dem dünnen Gefährt zu ergattern.
Mary rührte sich nicht.
Das Mobil stotterte, stieß Rauch aus und fuhr an. Verloren sah Mary ihm nach. Ihre Augen brannten. Der Rauch, das war sicher der Rauch.
Der Autobus bog in eine Seitenstraße ab und Mary erkannte eine rot bemalte Hausecke. Sie schauderte. Erst vor drei Tagen war sie hier nachts vorbeigekommen und an der Ecke hatte eine Frau herumgelungert, gegen die Wand gelehnt, die Beine überkreuzt und den Halter einer Zigarette im Mund, ihre Gesundheit in den wolkigen Nachthimmel gequalmt. Als ein älterer Herr näher gekommen war, hatte sie ihren Mantel zurückgeschlagen. Mühsam verdrängte Mary die Erinnerung, die ihr allzu sehr ihre eigene befürchtete Zukunft vorhielt. Sie drehte sich um und bemerkte, dass sie angestarrt wurde.
Der Mann, der keine drei Meter von ihr entfernt an der Haltestelle stand, errötete, doch entgegen Marys Erwartungen wandte er sich nicht von ihr ab. Mary runzelte die Stirn und musterte ihn. Er war ein gut aussehender Herr, trug die Hose nach der neuesten Mode mit Bügelfalte und das Sakko locker geöffnet, dazu einen schwarzen Gürtel und sauber gestriegelte Schuhe. Er wirkte nervös, einer der Neureichen, begriff Mary, die es noch nicht gewohnt waren, mit ihrer Kleidung zu protzen.
Er räusperte sich. »Verzeihen Sie, ich will nicht ungebührlich erscheinen, aber heißen Sie Bieringer? Marianne Bieringer?«
Mary erstarrte. Dieser Mann kannte ihren Mädchennamen! Das war doch nicht möglich! In dem Café, in dem sie sich eben vergeblich um eine Anstellung bemüht hatte, hatte sie sich doch mit Lindbergh vorgestellt. Langsam nickte sie.
»Tatsächlich, die kleine Marie! Wer hätte gedacht, dass wir uns nach all der Zeit wiedersehen?«
Mary musterte die strahlend blauen Augen ihres Gegenübers, die markanten Gesichtszüge, den hochgewachsenen, etwas fülligeren Körper – nicht, dass der Herr dick wäre, er war nur auch nicht schlaksig, stattdessen gut genährt. Aber woher kannte sie ihn?
»Darf ich dich denn auf einen Kaffee einladen? Auf die guten alten Zeiten?«
»Verzeihen Sie, ich fürchte, ich erkenne Sie nicht«, erklärte sie peinlich berührt.
Der Mann stutzte. Dann lachte er. »Verzeih, wie unhöflich von mir. Friedrich Wirth. Du bist das Mädel mit der Geige, ich saß immer hinter dir, im Orchester, weißt du noch? Die Klarinette.«
Bilder wirbelten durch ihren Kopf und mit ihnen verging das unangenehme Gefühl, einem Fremden gegenüberzustehen. Kurze Zeit später saß sie mit Friedrich Wirth, ihrem ehemaligen Musikkameraden, in einem Café am Damm und plauderte über die alten Zeiten. Es tat gut, in die Vergangenheit abzutauchen, in eine Zeit, in der sie sorglose Kinder gewesen waren, in der ihr Vater genug verdient hatte, um ihr den Geigenunterricht zu bezahlen, als ihre Mutter noch für fünf gekocht hatte, weil ihre Schwester noch nicht verheiratet in Lübeck wohnte und der Bruder noch nicht in Stuttgart sein Glück herausforderte, eine Zeit, da vom Krieg keine Rede war. Guter Gott, wie lange ist das her?
Friedrich zog eine Uhr aus seiner Tasche und klappte sie auf. »Heilige Maria!«, entfuhr es ihm. »Es ist ja bereits nach sechs. Verzeih mir, Marianne, ich habe dich lange aufgehalten. Dein Gatte wartet sicher bereits.« Er deutete mit dem Kinn auf ihren Ring.
Hastig schloss Mary die Finger darum. »Er nicht. Aber meine Mutter wird sich Sorgen machen.«
Friedrich zögerte. »Ich hoffe, du empfindest diese Frage nicht als zu direkt, aber weshalb wohnst du nicht bei deinem Ehemann?«
Mary schluckte. Sie hatte Gustav Lindbergh kaum gekannt, eine vom Vater arrangierte Ehe, und fünf Wochen nach der Hochzeit war Prinz Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet worden. Das Unheil hatte seinen Lauf genommen. »Gustav ist nicht aus Verdun zurückgekehrt.«
Friedrich griff über den Tisch und drückte ihre Hand. »Er ist ein Held, der von seinem Vaterland in Ehren gehalten wird.«
Mary zuckte mit den Schultern. »Ich vermisse ihn nicht. Kannte ihn kaum. Man kann nichts vermissen, an das man sich nie gewöhnt hat.«
»Wenn du ihn nicht vermisst, wieso trägst du seinen Ring?«
Er war unverschämt neugierig, aber sie hatten so viel miteinander gelacht und gescherzt, dass Mary es ihm nachsah und wahrheitsgetreu antwortete: »Weil es mir ungebetene Freier vom Halse hält. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens alleine verbracht und ich brauche keine Ehe, da streitet man ja doch nur. Versteh mich nicht falsch, ich halte Gustav in Ehren, aber geliebt habe ich ihn nie. Und sollte man das in einer Ehe nicht, einen anderen Menschen lieben?«
»Aber wie willst du denn einen anderen Menschen lieben lernen, wenn du niemandem die Chance gibst, dich zu umwerben?«
Mary wusste nicht, was sie sagen sollte. Er hatte recht. Verärgert biss sie sich auf die Unterlippe. Es ging ihn doch nichts an! Wenn sie nicht zu heiraten und niemanden kennenzulernen wünschte, war das ihre Angelegenheit.
Warum machst du es dir nur so schwer, hatte Helena sie erst letzte Woche gefragt. Heirate einen reichen Mann und genieße dein Leben. Ich sag’s dir Mädchen, reich zu heiraten, war das Klügste, was ich je getan habe. Adieu, ihr Sorgen, bienvenue, ihr Freuden.
Sie atmete tief durch. »Meinem Vater geht es nicht sehr gut. Meine Mutter braucht mich. Ich kann nicht von zu Hause ausziehen. Aber du kennst nicht zufällig jemanden, der eine tüchtige Angestellte braucht? Nicht, dass ich unbedingt arbeiten müsste …« Es ging ihn nichts an, wie bitter nötig sie das Geld hatten.
»Zufällig hätte ich da etwas.«
Friedrich lehnte sich in seinem Stuhl zurück und für einige Herzschläge hatte Mary das Gefühl, dass er sie eingehend musterte. Etwas in seinem Blick gefiel ihr nicht. Unfug, was kam ihr da schon wieder in den Sinn? Das hatte sie sich bestimmt nur eingebildet.
»Der Beruf wäre perfekt für dich geeignet«, sagte Friedrich und entfachte Marys Sorge von Neuem.
Unwillkürlich musste sie an die Prostituierte denken. Ob die heute Nacht erneut unter einem dieser alten Herren liegen und sich von ihm anschnaufen lassen würde? »Ich denke, nicht«, erwiderte Mary hastig.
Enttäuscht verzog Friedrich das Gesicht. »Schade. Du hättest sicherlich die nötige Begabung. Ich weiß noch, wie ordentlich du immer mit deinen Noten warst. Und wehe eines der Blätter hatte einen Knick.« Er zwinkerte ihr zu, dann griff er in seine Hosentasche, förderte eine Visitenkarte zutage und schob sie ihr über den Tisch zu. »Falls du es dir anders überlegst: Komm einfach vorbei. Über die Bezahlung verhandele ich gerne.«
Fassungslos blinzelte Mary, glaubte kaum, was dort auf der Karte abgebildet war. Ein Automobil, und in großen Lettern war darüber Hier Wirths Verkauf(t) geschrieben. Mary steckte die Karte ein und nickte Friedrich zum Abschied zu.
***
Unter Richards Füßen raschelte das Laub und ab und an knirschten grüne Kastanien, die zu früh vom Baum gefallen waren. Bei jedem Schritt schlug der schwere Koffer gegen sein rechtes Bein. Dennoch marschierte er unbeirrt die breite Allee entlang. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kam ihm ein Passant entgegen, doch Richard hielt den Kopf gesenkt, auch als der Berliner ihm im breiten Akzent ein »Tachchen« entgegenwarf. An der Straßenkreuzung hielt er inne und sah sich um. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal hier herumgetollt war?
»Auf, auf, Tante Susanne wartet mit dem Tee!«, trieb Mutter ihn und die beiden älteren Burschen an, während Minna, seine Schwester, fröhlich von einem Bein auf das andere hüpfte. Ihre blonden Zöpfe sprangen auf und ab und das Kleid flatterte ungebührlich. Aber bei...




