E-Book, Deutsch, 254 Seiten
Berend Gesammelte Romane
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-1485-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das verbrannte Bett + Die gute alte Zeit + Die Bräutigame der Babette Bomberling + Frau Hempels Tochter + Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel + Bruders Bekenntnis + Spreemann & Co
E-Book, Deutsch, 254 Seiten
ISBN: 978-80-268-1485-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Gesammelte Romane: Das verbrannte Bett + Die gute alte Zeit + Die Bräutigame der Babette Bomberling + Frau Hempels Tochter + Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel + Bruders Bekenntnis + Spreemann & Co' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Alice Berend (1875/1938) war eine deutsche Schriftstellerin. Inhalt: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel (1912) Frau Hempels Tochter: Roman einer Berlinerin (1913) Die Bräutigame der Babette Bomberling (1915) Spreemann & Co. (1916) Bruders Bekenntnis (1922) Das verbrannte Bett (1926) Die gute alte Zeit (Bürger und Spießbürger im 19. Jahrhundert)
Autoren/Hrsg.
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7
Als Erdbeeren und Kirschen schon vorüber waren und man sich mit Reineclauden trösten mußte, kam Fräulein Zwink von der Reise zurück. Sie war eine andre geworden. Ihre Vorliebe für die Männer war erloschen.
Erst nach einigen Tagen beim Tee erfuhren ihre Freunde, aus welchem Grund das Fräulein ihren Geschmack geändert hatte.
Amalie hatte in der See im Familienbad gebadet. Da kam ein Herr auf sie zu. Er maß ihre volle Figur, die im roten Badeanzug zwischen den Wellen wogte, und sagte seufzend: Weniger wäre hier mehr. Alle um sie herum hatten laut aufgelacht.
»Wenn es viele solche Männer gibt, dann kenne ich mich nicht mehr aus in dieser wunderlichen Welt«, hatte Fräulein Zwink ihre Erzählung beendet.
»Man badet dort mit dem weiblichen Geschlecht zusammen?« fragte Herr Sebastian Wenzel. Ekel lag auf seinem Gesicht.
»Nun – nun –« erwiderte Exzellenz begütigend der aufgeregten Amalie. »Es war ein dummer Scherz. Von Ihren Reizen konnte Ihnen damit nichts genommen werden.«
Fräulein Zwink sah ihn mißtrauisch von der Seite an.
»Ich weiß nur, daß die Männer früher anders waren«, sagte sie bestimmt.
»Recht so, mein Pappelpäppchen«, schrie der Papagei und schlug mit den Flügeln. Aber seine Herrin rief: »Kusch, alter Schwätzer.« Man merkte, daß sie den Papagei zum andern Geschlecht zählte.
Ihr Glaube war erschüttert. Die alte Gemütlichkeit zwischen den dreien wollte nicht wiederkommen.
Auch der Sommer wurde alt. Die ersten Herbstregen fielen. Im großen Zeh der Exzellenz zwickte das Podagra. Amalie Zwink sagte:
»Nun haben wir wieder einmal alles hinter uns.«
Sebastian Wenzel antwortete:
»Immerhin kommen noch die Trauben und Nüsse.«
Doch schien auch Herrn Sebastian Wenzel etwas zu zwacken. Er hatte die Doppelfenster einsetzen und die Filzstreifen gegen den Zugwind annageln lassen, er hatte die Speisekammer mit eingelegten Früchten und Gemüsen gefüllt – und doch schien er nicht zufrieden zu sein. Er saß auf seinem gewohnten Platz, aber nicht mehr mit der ruhig lächelnden Miene des Zuschauers. Eher schien ihn die Erregung des Mitspielenden zu plagen, der auf sein Stichwort wartet.
Alles ärgerte ihn; auch der Anblick seiner beiden Bekannten – und doch suchte er häufiger als sonst ihre Gegenwart.
Er sah Amalie Zwink oft und lange prüfend an. Er hätte gern gewußt, wie alt sie war. Sie darum zu fragen fand er überflüssig. Frauen sagen nicht die Wahrheit.
Amalie Zwink beunruhigte dieses Anstarren. Sollte es möglich sein? Nun, er war nicht der erste, dem sie gefiel. Nach einiger Überlegung kaufte sie sich einen neuen, dicken Zopf. Einige Tage später auch das Korsett, wovon in der Zeitung stand, daß es nicht nur hüftenlos und schlank mache, sondern auch eine Vorrichtung habe, mit der man bequem darin sitzen könne. Das letztere war übertrieben, wie vieles, was in der Zeitung steht. Sich damit zu setzen war ein schwieriger Trick, der geübt sein wollte, wie alle akrobatischen Kunststücke. Aber schließlich gelang es, und schließlich verdankte Fräulein Zwink dieser neuen Erwerbung den glücklichsten Augenblick jedes Tages. Das war am Abend, wenn die eisernen Verschlüsse aufkrachen durften und alles, was irdisch an ihr war, sich wieder frei bewegen konnte.
Herr Sebastian Wenzel merkte keinerlei Veränderung. Die unappetitliche Haarschlange auf ihrem Kopf vermeinte er immer gesehen zu haben, und die Hüftenlosigkeit konnte er nicht bemerken. Sein strenger Blick ging niemals tiefer als bis zur zweiten Etage ihres Doppelkinns, das rosig und leicht behaart war.
So wird im Leben viel kostbarer Aufwand vergebens getrieben. –
Den alten General aber fragte Herr Sebastian Wenzel eines Tages geradezu nach seinem Alter.
Er zögerte mit der Antwort.
Dann sagte er langsam:
»Nun, im Vertrauen auf Ihre Verschwiegenheit, ich bin seit zehn Jahren fünfundsechzig Jahre alt.«
Sebastian sah ihn mitleidig an.
»Denken Sie schon manchmal an den Tod?« flüsterte er. Er sah sich scheu und rasch im Zimmer um.
»Nein«, erwiderte der andere ruhig. »Manche behaupten zwar, daß man sich auf den Tod vorbereiten müsse – ich glaube aber, daß er mir ohne Vorübungen gelingen wird.«
»Ja«, sagte Sebastian nach einer Weile. »Es ist wohl das beste, sich solche Gedanken fernzuhalten.« Und wieder nach einer Weile fügte er hinzu:
»Denken Sie, meine Tante wurde beinahe hundert Jahre alt.«
»Eine tüchtige Frau.« Der General lächelte.
»Ja«, meinte Sebastian, »aber ich glaube, Frauen sind dauerhafter.«
Der General wußte, wie Herr Sebastian Wenzel die Frauen verabscheute. Sonst hätte er in diesem Augenblick denken können, daß Herr Wenzel die Frauen beneide.
Die beiden Herren schwiegen. Vor dem Fenster, an dem sie saßen, schwebte der Schnee fort und fort still herab. »Ein früher Winter«, sagte Exzellenz. »Der Winter kommt immer zu früh und der Frühling zu spät. Oder scheint es uns nur so?«
Sebastian Wenzel sah ernst auf den Schnee. Er schien berechnen zu wollen, wieviel Flöckchen niedersanken.
»Sie werden Ihrer Tante keine Unehre machen«, fing der General wieder an. »Sie haben das Zeug dazu, um mehr als hundert Jahre alt zu werden. Sie besitzen das Glück der Gleichmäßigkeit und die Gabe innerer Zufriedenheit, wie selten jemand.«
»Oh«, lehnte Herr Wenzel angenehm berührt ab.
»Ich bin überzeugt davon«, fuhr der General fort. »Das ewige Einmaleins der Ärzte ist: Hüten Sie sich vor Aufregung. Wer aber kann das befolgen? Sie sind der erste, den ich diesem Ausspruch gemäß leben sah.«
»Sie irren, ich habe auch meine Aufregungen«, sagte Sebastian würdig. »Erst heute mittag zum Beispiel. Denken Sie nur, da vergaß die Köchin, diese flüchtige Person, bei dem Entenbraten, den sie mir vorsetzte, das Kümmelsäckchen, das im Leib der Ente mitzubraten hat, zu entfernen. Sie brachte es also mit der Ente auf den Tisch, ich zerschneide das Säckchen zusammen mit dem Vogel, und die Kümmelkörner werden zerstreut. Man braucht nur auf eins dieser Körnchen zu beißen und kann sich, abgesehen von dem abscheulichen Geschmack, das ernsthafteste Zahnweh zuziehen.«
»Sehr unangenehm«, erwiderte der General. »Aber an diesen Aufregungen stirbt man nicht. Seien Sie unbesorgt, mein Freund.« –
Aber Herr Wenzel war nicht unbesorgt und nicht mehr zufrieden mit seiner Zufriedenheit. Wenn er in dem winterlich dunkeln, gut geheizten Zimmer saß, quälte ihn das Gefühl, daß im nächsten Augenblick jemand Ungebetenes hereintreten könne. Wenn er von seinem Spaziergang zurückkehrte, sah er sich im Zimmer um, ob inzwischen niemand gekommen war.
Er fürchtete das Alter.
Er sah etwas Unangenehmes auf sich zukommen, dem er nicht aus dem Weg gehen konnte. Denn das geschmacklose Wort, wer nicht alt werden will, muß jung sterben, gefiel ihm noch weniger.
In wenigen Tagen würde er sein sechzigstes Lebensjahr vollendet haben. Seine Freunde ahnten es nicht. Es würde sie auch sicherlich wenig beunruhigen, sagte er sich verärgert und bitter.
Aber ihn beunruhigte es.
An den langen Winterabenden hatte er aus alter Vorliebe für Zahlen seine Jahre nachzurechnen begonnen. Und er hatte herausbekommen, daß er, trotz aller Sparsamkeit, die größere Hälfte seines Lebens verbraucht zu haben schien; selbst wenn er annahm, daß im Erbe der Tante auch die Höhe ihres Alters mit inbegriffen war, blieben ihm nicht mehr volle vier Jahrzehnte für sein weiteres Dasein.
Er sann nach, was ihm die vergangenen Jahrzehnte gebracht hatten. Es war Angenehmes dabei. Aber er wurde doch nicht froh darüber. Was hatte er davon, wenn es hinter ihm lag. –
Eine seiner stillen Freuden war bis jetzt die Pünktlichkeit seiner Uhren gewesen. Er hatte in jedem Zimmer ein solches Räderwerk stehen und er sorgte unermüdlich dafür, daß sie alle gleichgingen und vor allen Dingen alle möglichst gleichzeitig schlugen. Dies zu erreichen hatte er sich manche Minute seines Lebens kosten lassen. Jetzt ärgerten ihn diese hartnäckigen Dinger. Mitten hinein in seine Berechnungen hämmerten sie ihre Schläge, um ihn zu verhöhnen. Riefen sie doch nichts anderes, als daß wieder eine Stunde vorbei sei. Was ging ihn das an? So alt war er schließlich noch nicht, daß es auf eine Stunde mehr oder weniger ankam. –
So schlich sich sein sechzigster Geburtstag heran.
Herr Sebastian Wenzel war am dreiundzwanzigsten Dezember geboren. An dem Tage, an dem Gott selbst sparsam mit Licht und Wärme war, wie sonst nicht im ganzen Jahr.
Diesmal lag die große Stadt unter einer weißen, feierlichen Decke. Der Schnee warf einen milden Glanz in die dunkeln Morgenstunden des Wintertags.
Sebastian Wenzel saß beim Frühstück. Das Zimmer war behaglich durchwärmt, und ein köstlicher Kaffeeduft durchquerte es. Sehr sorgfältig bestrich Sebastian die knusprigen Brötchen mit Butter, die hell und ungesalzen war. In diesem Augenblick hatte er die Bedeutung dieses schicksalsschweren Tages vergessen.
Aber schon rüstete man sich, um den Ahnungslosen zu stören – zu feiern.
Überall, wo Mitglieder der Familie Wenzel wohnten, öffnete man die Schränke und holte die Feiertagskleider hervor. Die Feiertagskleider und ein Geschenk, das gehörte sich nun einmal so.
Es gibt in jeder anständigen Familie ein Geschenkfach. Das heißt, man hat in der Wohnung eine Stelle, wo man jene guten Gaben aufhebt, bei deren Empfang man sich,...




