E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Beresford-Kroeger / Schalansky Im Namen der Bäume
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7518-4017-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Lebensreise von uralter keltischer Weisheit zu einer heilenden Anschauung des Waldes
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7518-4017-0
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Diana Beresford-Kroeger ist eine renommierte Botanikerin, medizinische Biochemikerin und vielfach ausgezeichnete Autorin, deren Werk auf einzigartige Weise westliche wissenschaftliche Erkenntnisse mit den traditionellen Konzepten der Antike verbindet. Sie ist Fellow der Royal Canadian Geographical Society, die sie zu einer von 25 Entdeckerinnen Kanadas ernannten. Ihre Arbeit hat Künstler und Schriftsteller sowie führende Wissenschaftler inspiriert. Derzeit setzt sie sich für einen globalen »Bioplan« ein, der die Menschen ermutigt, eine neue Beziehung zur Natur zu entwickeln und sich zusammenzuschließen, um den globalen Wald wiederherzustellen.
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Ein tröstlicher Stein
Mein Tränenstein stand an der höchsten Stelle der Talflanke und wies in das Blau darüber. Der Stein war deutlich größer als mein Kopf, ein großes Rechteck, wenn man von der Kurve an seinem Scheitelpunkt absah, wo er vor langer Zeit schon abgebrochen war. Seine Oberfläche war zu rauen Riefen verwittert, unterbrochen vom rundlichen Schorf der Flechten. Der Stein war gut doppelt so groß wie der schwere Kiefernholztisch in der Küche des Bauernhauses, groß genug, dass alles, was sich an ihm veränderte, in einer für mich unmerklichen Langsamkeit ablief und ihm eine willkommene Beständigkeit verlieh.
Ich nannte ihn meinen Tränenstein, weil ich, wenn ich mich besonders einsam fühlte, den Hügel hinaufstapfte, um in seiner Nähe zu sein. Ich habe nie wirklich geweint. Meine Tränen waren schon lange versiegt. Oder ich habe sie unterdrückt und es nie gemerkt, denn ich habe sie zur Gänze heruntergeschluckt. Ich saß gewöhnlich am Fuß des Steins und lehnte mich an seine massive Flanke, bereit, auf eine andere Seite zu schlüpfen und mich zu verstecken, wenn jemand von unten nach mir rief. Es handelte sich um eine reine Beruhigungsmaßnahme, obwohl mich nie jemand gerufen hat.
Wenn ich dort saß, drang mit dem langsamen Pochen der Erde Ruhe in meine Knochen. Unter mir lag das Bauernhaus mit seiner Rauchfahne, und dahinter erstreckten sich die zum Hof meiner Großtante gehörenden Felder. Wie in einem alten Lied trug ein jedes einen gälischen Namen. Die Felder unseres Nachbarhofs bedeckten die Talseiten mit einem Flickwerk, in dessen Grün es zu glühen schien. Ich sah den Meeresvögeln zu, wie sie über den Weiden den Schleier aus Timotheegras auszubreiten schienen, und mitunter sah ich tief unten im Tal den lachsreichen Owvane River, der sich nach Westen in die offenen Arme der Bantry Bay ergoss. Wenn ich mich nach Norden wandte, konnte ich die großartigen schlafenden Silhouetten der Caha-Berge bewundern, auf deren sperrigen Formen die Farben tanzten. Cnoc Buí, der gelbe Berg – von seinen gelben Blüten unter Strom gesetzt –, schien im Chrom des Stechginsters zu vibrieren. Manchmal, wenn ich das Aquamarin des Meeres beobachtete, wunderte ich mich über die bronzenen Blitze, die in einer stillen Farbensymphonie kamen und gingen. Von diesem Aussichtspunkt aus konnte ich tatsächlich die gesamte Landschaft überblicken, die die Familie meiner Mutter in den vergangenen dreitausend Jahren an Körper und Seele genährt hat. Das mit den Wolken spielende Licht, der salzige Wind und der Regen trösteten mich. Auch wenn ich an meinen Tränenstein gelehnt nie wirklich geweint habe, war ich doch ein Kind, das den Schmerz zur Genüge kannte.
An jenem besonderen Sommertag, an den ich mich erinnere, war ich in Gedanken an meinen Vater zu dem Stein hinaufgestiegen. Ich war eine Waise, hatte erst kürzlich beide Eltern verloren. Die meiste Zeit meines jungen Lebens war ich allein gewesen, durch Nationalität, Religion und Klasse, um nur diese zu nennen, von den Menschen in meiner Umgebung getrennt, und ich hatte gelernt, in dieser Isolation zu leben. Doch der Tod meiner Eltern versetzte mir einen Schlag, von dem ich nicht wusste, ob ich mich würde von ihm erholen können. Monat um Monat war vergangen, und ich fühlte mich immer noch wie betäubt. Die tägliche Unmittelbarkeit ihres Todes war verwirrend, so, als ob mir Erde und Himmel unter den Füßen weggezogen würden. Die Trauer um meinen Vater war anhaltend, der Verlust so stark, dass ich manchmal an der Gewalt, die sie über mich hatte, zu ersticken drohte. Ein lebenswichtiger Teil von mir fehlte und würde nie mehr zurückkommen, denn der Tod hatte eine Tür verschlossen. Ich wollte nur klein sein, nur ein winziger Punkt. Wenn ich den Atem anhielt, würde ich vielleicht ganz verschwinden.
Am Fuß des Steins kauerte ich mich in mich selbst, um zu überleben. Durch den Anblick des Tals unter mir fühlte ich mich sicher und zugleich wie ein winziger Fleck, so klein wie unten die langsam trottenden schwarzweißen Kühe mit ihren schwingenden rosa Eutern. Sie waren zufrieden. Ich musste es auch sein. Und da ich mich langsam beruhigte, konnte ich einen nüchternen Blick auf mein Leben werfen.
Väterlicherseits war ich ein Abkömmling der englischen Aristokratie, das brüchigste Blatt im Familienstammbaum der Beresford, der gespickt war mit Earls, Lords und Marquis. Mütterlicherseits war ich so irisch wie die Heide zu meinen Füßen, der letzte lebende Tropfen einer Blutlinie, die sich bis zu den Königen von Munster zurückführen ließ. Meine doppelte Stammlinie führte zu Ressentiments, an denen ich mein ganzes Leben zu tragen hatte. Als weibliches Kind der Beresfords sah ich mich mit den Einschränkungen des Erstgeburtsrechts konfrontiert. Aus dem Besitz meines Vaters würde ich bis auf meine Abstammung und meinen Namen nichts von Wert erben können. Ich war ein Mischling, zu irisch für die Engländer und zu englisch für die Iren. Meine einzige Gnade in den Augen der Iren war, dass ich ein Mädchen und deshalb wichtiger als ein männlicher Nachkomme war.
Der Gedanke daran, dass die Familie meines Vaters mich, wie seit dessen Tod geschehen, weiterhin ignorieren würde, versetzte mich in Panik. Aber auch das ging vorbei, während ich über die Weiden des Tals von Lisheen blickte, jene paar Quadratkilometer eines ländlichen Irlands, wo ich in den kommenden zehn Jahren meine Sommer verbringen würde. Ich hatte noch keine Ahnung von der Hoffnung, die direkt vor mir lag, oder von der Art und Weise, wie das Land und seine Menschen mich leiten und prägen würden. Ich wusste damals nicht, dass die ältere Generation meiner Familie mütterlicherseits sich bereits unten in Pearson's Bridge zusammengefunden hatte, um über mein Schicksal zu befinden. Ich wusste nicht, dass sie bereits beschlossen hatten, mir ihr altes Wissen, ihr offenes Geheimnis, zum Geschenk zu machen, und dass das mir das Leben retten würde. Oder dass sie die Absicht hatten, mich zu ihrem »Schicksalskind« zu machen. An den Tränenstein gelehnt, wusste ich nur, dass ich unsichtbar war, von zu viel Tod niedergeschmettert und furchtbar allein.
Meine Eltern Eileen O’Donoghue und John Lisle de la Poer Beresford lernten sich irgendwann im Zweiten Weltkrieg in England, sehr wahrscheinlich in London kennen und verliebten sich. Obwohl ich als Kind großes Vergnügen daran hatte, die romantische Vergangenheit der Menschen in meiner Umgebung auszuforschen, hatte ich nie die Gelegenheit, meine Eltern nach ihrer Liebesgeschichte zu fragen. Ein paar kleine Einzelheiten wusste ich trotzdem. Etwa, dass meiner Mutter, wenn sie im Abendkleid mit silbernen bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhen und geschmückt mit Zuchtperlen und Saphiren auftrat, kaum zu widerstehen war. Einmal, als ich klein war, wurde ich geholt, um sie bei einem privaten Ball über die Tanzfläche rauschen zu sehen. Alle Anwesenden überließen ihrer Eleganz und Schönheit das Feld. Dass ein Mann einer Frau wie meiner Mutter erliegt, ist pauschal betrachtet leicht zu verstehen.
Jack, mein Vater, kam in jeder Hinsicht aus bestem Hause. Er war ein Eton-Junge, der als Sohn von Lord William Beresford bei Hofe eingeführt wurde. Er war verwandt mit den Churchills und Spencers und der ganzen übrigen englischen High Society. Er pflegte den ambitionierten Lebensstil des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in höchster Vollendung, und allein schon dies hätte genügt, das Interesse der Frauen auf sich zu ziehen, aber er war auch ein charmanter, kultivierter Mann. Selbst die Verwandtschaft meiner Mutter in Lisheens sprach von ihm, trotz seines Status in der protestantischen angloirischen Elite, wohl oder übel mit Bewunderung und Zuneigung. Er war Linguist, sprach dreizehn Sprachen, darunter drei arabische Dialekte, fließend und unterrichtete in Cambridge. Er war hochgewachsen und trug ein Monokel, was heute albern klingt, ihm aber meines Erachtens gut stand.
Auch wenn das Gesicht meiner Mutter durch die sehr helle Haut zart und feinfühlig wirkte, war sie doch mutig und abenteuerlustig, belesen und extrovertiert; wenn ihr danach war, beherrschte sie mit ihrer Präsenz einen ganzen Raum. Und sie war sportlich, eine versierte Reiterin, die in ihrer Kindheit jeden Tag zur Schule geritten war. Sie hatte etwas Wildes an sich und eine ungewöhnliche Ader für Tiere, vor allem für Pferde und ihre Verwandten. Diese beiden Eigenschaften finden sich in meiner Lieblingsgeschichte über sie zusammengefasst, worin es heißt, dass es ihr als Mädchen einmal gelungen war, einen Esel auf das Dach ihres Schulhauses zu manövrieren. Niemand konnte sich erklären, wie sie das bewerkstelligt hatte, und sie hat es angeblich auch nie erzählt.
Ihre Eltern lebten nicht mehr, als sie einen englischen Aristokraten heiratete, aber wie ihre noch lebenden Verwandten hätten sie darin einen entschiedenen Akt des Ungehorsams gesehen. Die Familie meines Vaters hingegen verurteilte lieber auf die stille Art.
Obwohl wir in den ersten Jahren meines Lebens in Bedford, England, lebten, bin ich 1944 in Islington, einem Stadtteil von London geboren worden. Meine erste Erinnerung ist, dass ich gestillt wurde. Ich erinnere mich, wie die Brustwarze meiner Mutter an meinen Gaumen stieß, ich sofort in eine Art Ekstase fiel und dann losließ und einschlief. Vielleicht habe ich mich an diesen Moment nur dieses einfachen Vergnügens und der spürbaren Zufriedenheit wegen so lange erinnert. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich ihn in Erinnerung behalten habe, weil die Zeiten echter Nähe zu meiner Mutter so selten waren.
Als ich zwei oder drei war,...




