Berger | Born to be mild | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Berger Born to be mild

Die stillen Anlagenbauer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-7127-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die stillen Anlagenbauer

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7562-7127-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es war ein Leben, eine Leidenschaft für industrielle Anlagen, deren Ausmaße grösser sind als der Eifelturm, schwerer als die Donaubrücke und mehr Eisen und Stahl erzeugen können, als das Österreich je können wird. Mit Technologie und Automation konnten wir gegen unsere Konkurrenten punkten. Wir, die Anlagenbauer haben alles hintangestellt, Beziehungen und Familie ignoriert, wenn es darum ging unsere Gewerke, unsere Anlagen, zum Erfolg zu führen. Anlagenbau FIRST! This book doesn't speak about the big heroes, it speaks about the little ones, which did their (silent) job in the background. The "wild songs" of the decades were always in our mind either at work or at leisure.

Karl Berger, 1952 geboren, leidenschaftlicher Mühlviertler, zog aus, um es besser machen zu wollen. Nach einer Lehre bei Voest Alpine lernte er früh sich international zu behaupten: USA, Korea, Türkei, China, Finnland und besonders Brasilien haben ihn fasziniert und für 30 Jahre auf Trab gehalten. Als Elektroingenieur konnte er sich in verwandten Gebieten, besonders in Walzwerken auszeichnen. Seine Familie hat stets zu ihm gehalten und seine Frau Karolina steht ihm seit fast 50 Jahren zur Seite.
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1967 VÖEST LINZ—MEINE ERSTE
UND LETZTE JOBSUCHE


AM 1. SEPTEMBER 1967 nahm ich zeitig in der Früh den Autobus, den Postbus, oder wie man seinerzeit sagte: den Bus der österreichischen Post, denn ein anderes öffentliches Transportmittel gab es damals noch nicht. Es war ein Freitag, und die Hoffnung, dass »es« nur einen Tag dauern würde, war groß, denn das Wochenende stand vor der Tür. Am darauffolgenden Montag war es dann Ernst mit der Sache. Abends ging es ins Lehrlingsheim, in eine Art Internat, in dem ich die ganze Woche, und auch für die nächsten drei Jahre, bleiben sollte.

Mein Verhältnis zur Voest sollte genau 45 Jahre anhalten, bis sie sich nämlich am 31. August 2012 von mir »verabschiedete«. Also doch ein Leben lang, ein Arbeitsleben lang!

In den Tagen dazwischen war allerhand passiert. Dieses »Allerhand« schreibe ich in ein paar Zeilen nieder, damit es nicht so ganz in Vergessenheit gerät.

Meine Großmutter meinte seinerzeit, ich sollte vorerst eine Lehre beginnen, als Elektriker zum Beispiel, oder auch als irgendetwas anderes, damit ich später dann in den öffentlichen Dienst eintreten könnte: Post, Bahn und Polizei waren da die Favoriten. Nun, mit den Gesetzeshütern war ich nicht so auf Du und Du. Denn mein Blatt war kein ganz unbeschriebenes mehr, hatte ich doch schon einiges an Jugendsünden aufzuweisen. So begab ich mich halt vorerst in eine Lehre, bis das nötige Eintrittsalter für den öffentlichen Dienst erreicht sein sollte.

Zähneknirschend nahm ich also an meinem Schraubstock Platz um an einem sogenannten Werkstück meine »Feilkünste« zu erlernen. Nach ein paar Tagen hatte ich solche Blasen und Schwielen an den Händen, dass ich das Wochenende herbeisehnte. Feilen, Sägen, Bohren, Schweißen, Schmieden und was es sonst noch an Bearbeitungen gab, musste erlernt werden. Das eigentliche «Elektrische” war dann ein fast angenehmer Zeitvertreib, der besonders das zweite und dritte Lehrjahr ausfüllte. Ein Berichtsheft wurde mit »höchster Vollendung der österreichischen Normschrift« geschrieben; es galt einen genauen Tagesbericht zu verfassen, weiters musste eine Zeichnung die rechte Seite verzieren. Gestochen standen sie da, die Buchstaben, heute noch erinnere ich mich mit Entzücken und Schaudern zugleich an diese Arbeit. Das Wochenende war besonders durch derartige Tätigkeit beeinträchtigt, denn Montag früh mussten die Hefte abgegeben werden, um vom Meister Frank begutachtet und benotet zu werden.

Meister Frank saß auf seinem erhobenen Podium wo er hin und wieder einen Blick in die Runde schweifen ließ, um zu sehen, ob seine Lehrlinge auch »brav taten«, wofür sie bestimmt waren: Feilen an ihren Werkstücken, und sonst nichts. Alle zwei Stunden in etwa machte er eine Runde und kam bei jedem Lehrling vorbei, um entweder aufmunternd oder aber auch kritische Bemerkungen abzugeben. Meist führte er ein Lineal mit sich, wenn es um Ebenheit, oder einen Winkel, eben um Winkeligkeit ging, um unsere Arbeitsergebnisse zu prüfen. Die Toilette war oft mein Zufluchtsort. Dort konnte ich mich für eine Weile »verstecken« und mich ganz dem Heimweh hingeben, dass mich schrecklich plagte. Mit Sehnsucht erinnerte ich mich an die letzten Tage der Ferien, als wir mit dem Luftdruckgewehr unterwegs ein paar Tauben geschossen und diese dann am Lagerfeuer gebraten hatten. Nun aber war ich gefangen in dieser »Kaserne«, die keinen Freiraum ließ für Individualität und Abenteuer. Alles musste nach Vorschrift gehen, das Reglement musste eingehalten werden. Mein Fahrrad, das ich nach Linz mitgenommen hatte, gab mir ein Stück Heimat zurück, wenn ich damit von der Lehrwerkstätte zum Lehrlingsheim fuhr. Heimleiter Proschko war ein gestrenger Mann und ein etwas schrulliger Typ. Er kontrollierte oft selber die Zimmer seiner Zöglinge, wenn die Zeit der Nachtruhe gekommen war. Wehe dem, der noch nicht schlief, oder sich zumindest glaubhaft so stellte, wenn er um 22 Uhr seine Runden ging. So konnte es schon passieren, dass man dafür satte zwei Wochen Ausgangsverbot bekam, was besonders schmerzhaft und einschränkend empfunden wurde. Um 05:30 kam, aus dem über der Tür montierten Lautsprecher, das »Guten Morgen« und von da an gab es Radio Österreich, denn die Stationen Oe1 und Oe3 waren noch nicht auf Sendung. Erst am 1. Oktober gingen sie on-line, wie man heute sagen würde, aber das wusste ich damals noch nicht. So hatte eben Oe1 und unsere Lehre etwas gemeinsam: Jahrgang 1967. Heimleiter Aigner war schon wesentlich kollegialer und jugendlicher gesinnt und motivierte uns zum Sport in den Hüttenwerker-Sälen, die nur unweit gelegen waren. Ihm verdanke ich auch, dass ich nicht aus dem Heim und aus der Lehre geflogen war, als ich einmal zum sogenannten »Stemmen« ging. Ich und der Eder Franz. In Wirklichkeit waren wir im Wirtshaus und tranken uns einen Rausch an, der sich sehen lassen konnte. Besser, er hätte sich nicht sehen gelassen, mein Rausch, denn als ich meine Jacke auf den Garderobenhaken hängen wollte, kam ich statt vorwärts in die falsche Richtung, wobei mir der Herr Aigner zusah und meinen Zustand sofort erkannte. Bald musste meine Mutter antreten, um das Ganze wieder auszubügeln, und unter Tränen beteuerte sie, dass der Karli eh ein braver Bub sei.

Für die Betriebselektriker Lehre bedurfte es einer besonderen Aufnahmeprüfung, die ich schaffte, um dann in einen abgeschiedenen Bereich der Lehrwerkstätte versetzt zu werden. Der Ebner »Peppi«, wie wir ihn heimlich und liebevoll nannten, war eine Seele von einem Menschen und verstand es mit Liebe und Geschick uns das Elektrische beizubringen. Ein Tag Berufsschule unterbrach die Wochen-Routine, doch eigentlich waren wir so gut in unserer Ausbildung, dass die Schule und die Lehre sich ohnedies ergänzten. Oftmals hatten wir den Stoff der Schule bereits in der Lehrwerkstätte erfahren. Die Abgeschiedenheit der Elektrowerkstätte ermöglichte auch so manchen Pfusch, denn der Herr Ebner gerne für seine anderen Meisterkollegen übernahm. Reifenwechsel war ein »Sport«, der immer bei Eintritt der kühlen Jahreszeit für die Chefsekretärin Kroiss ausgeführt werden musste. Nur der Reitberger Ossi war zugelassen um diese verantwortungsvolle Arbeit durchzuführen, er war der Stärkere von uns. Die Anzugskraft der Schrauben prüfte der Peppi dann höchst persönlich. Als wir den Faltin Gerhard einmal in eine große Schachtel packten und ihn auf die Werkbank stellten, sodass er sich aus seiner Lage nicht selber befreien konnte, wurde er schon etwas böse und fragte welcher »Doim« das gewesen sei. Die Antworten ließen auf sich warten und wir befreiten den Gerhard wieder aus seiner, im wahrsten Sinne des Wortes, verzwickten Lage. Der Professor Gsellpointner , der Pionier der Kunstakademie Linz, war Tür an Tür zu unserer Werkstätte und kam oft zur selben herein, wenn er einen Rat oder etwas Elektrisches vom Peppi brauchte. Stets hatten wir seine Styropor-Schneider zu reparieren, mit denen er seine Modelle anfertigte. Freitag nachmittags war der Peppi oft schon etwas »in Laune« gekommen, und erst im dritten Lehrjahr verstanden wir den Hintergrund: ab der Mittagszeit war eine gewisse Happy Hour im Gange, die man wohl seinerzeit noch Wochenausklang nannte.

Mit einer gewissen Hochachtung beobachteten wir, was unsere Kollegen im Werkzeugbau, in der Werkzeugmacherei, leisteten. Meister Puchmayr war ein ganz besonders Scharfer, und mit Entsetzen und Bedauern betrachteten wir unsere Vorzeige-Lehrlinge als einerseits abschreckendes, andererseits bewundernswertes Beispiel. All das, was wir in der mechanischen Bearbeitung »soso lala« erlernten, mussten diese bis zur Perfektion beherrschen. Da lobten wir uns schon unsere »ruhige Kugel«, die wir eigentlich schoben. Zu allerlei Späßen waren wir in der Elektroschweißerei aufgelegt, wo Meister Redl, ein behäbiger und »gutmütiger Teddy«, uns das Schweißen beibrachte. Respekt hatten wir wohl vor ihm, denn bei kleinen Verfehlungen gab es eine »Nuss« und bei größeren ein »Ohr«, das man sich noch längere Zeit merkte. Für Schabernack waren wir aber allezeit zu haben, so war das den »Schweißstrom des Nachbarn zu verstellen« eine besondere Variante von Jux, bei der der Zellen-Nachbar mit seiner Elektrode oftmals das zarte Blech durchbrannte. Brauchte man ja nur am Handrad zu drehen, wenn der Nachbar gerade konzentriert arbeitete, und schon war das Unheil geschehen. Wenn Meister Redl das bemerkte, gab es natürlich »ein Ohr« der Extrastärke.

Versetzungen im zweiten und dritten Lehrjahr waren ein weiterer Schritt zur Selbständigkeit. Walzwerk, Stahlwerk, Schmiede, Stahlbau, Hauptwerkstätte und für ein paar auserwählte auch das Kraftwerk. Dann trafen wir uns nur noch sporadisch beim Peppi und berichteten wie »lässig« oder wie unangenehm es war, in der großen weiten Welt der Voest Alpine sich zu bewegen. Manchmal wurden wir auch für niedrige Tätigkeiten missbraucht und mussten Jause holen oder Reinigungsarbeiten verrichten. Meist aber bekamen wir eine gehörige Portion...



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