Berger | Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 785 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 785, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

Berger Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 785

Der blinde Engel vom Heydenhof
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8647-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der blinde Engel vom Heydenhof

E-Book, Deutsch, Band 785, 64 Seiten

Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler

ISBN: 978-3-7517-8647-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein entsetzlicher Unfall hat der schönen Gutstochter das Augenlicht geraubt. Schweren Herzens findet sich Sabrina mit ihrem schweren Los ab. Doch manchmal sehnt sie sich brennend danach, die Welt noch einmal sehen zu dürfen - besonders, wenn sie die warme Stimme des neuen Verwalters hört oder das kraftvolle Echo seiner Schritte vernimmt, das ihr Herz in wilde Unruhe versetzt. Die Zwanzigjährige hat bislang kaum Bekanntschaft mit jungen Männern gemacht, und so sind ihr die neu erwachenden Gefühle völlig fremd. Erst allmählich erkennt sie, dass sie zum ersten Mal im Leben wahrhaft liebt. Doch Sabrina ist realistisch genug, um nicht von einer Erfüllung ihrer Sehnsucht zu träumen. Als der Verwalter ihr schließlich seine Zuneigung gesteht, ist sie überwältigt von Glück - nur um bald darauf in bittere Enttäuschung und tiefste Verzweiflung gestürzt zu werden ...

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Der blinde Engel vom Heydenhof


Sie kannte nur seine Stimme

Ein entsetzlicher Unfall hat der schönen Gutstochter das Augenlicht geraubt. Schweren Herzens findet sich Sabrina mit ihrem harten Los ab. Doch manchmal sehnt sie sich brennend danach, die Welt noch einmal sehen zu dürfen – besonders, wenn sie die warme Stimme des neuen Verwalters hört oder das kraftvolle Echo seiner Schritte vernimmt, das ihr Herz in wilde Unruhe versetzt.

Die Zwanzigjährige hat bislang kaum Bekanntschaft mit jungen Männern gemacht, und so sind ihr die neu erwachenden Gefühle völlig fremd. Erst allmählich erkennt sie, dass sie zum ersten Mal im Leben wahrhaft liebt. Doch Sabrina ist realistisch genug, um nicht von einer Erfüllung ihrer Sehnsucht zu träumen.

Als der Verwalter ihr schließlich seine Zuneigung gesteht, ist sie überwältigt von Glück – nur um bald darauf in bittere Enttäuschung und tiefste Verzweiflung gestürzt zu werden ...

Werner von Heyden stand mit sorgenvoll gekrauster Stirn am Fenster seines Arbeitszimmers und blickte auf den großen gepflasterten Gutshof. Soeben trat Sabrina, seine Einzige, mit schlafwandlerischer Sicherheit aus dem Pferdestall.

Ein Fremder würde es nicht für möglich halten, dass sie blind war, so sicher ging sie über den Hof. Jetzt blieb sie stehen. Der Vater kannte diese angespannte, lauschende Haltung. Ihr Gehör war so gut ausgebildet, dass es ihr einen Teil ihrer Sehkraft ersetzte. Sie spürte Mensch oder Tier bereits, wenn andere sie noch nicht sahen.

Tatsächlich kam die Hofkatze angeschlichen und schmiegte sich an Sabrinas Beine.

Sie ging in die Hocke und streichelte ausgiebig das seidige Fell der Katze. Diese schnurrte genüsslich.

Der alte Herr wandte sich müde ab. Gottlob war Sabrina ein so fröhlicher und zufriedener Mensch, dass sie über ihr schreckliches Leiden nicht in Trübsal verfiel. Sie war nicht immer blind gewesen und einst ausgelassen auf dem Heydenhof herumgesprungen. Doch seit jenem entsetzlichen Unfall lebte sie in ewiger Dunkelheit.

Sabrina kam zwar ganz gut zurecht und klagte nicht, aber der Vater machte sich dennoch Sorgen um seine Tochter. Er fragte sich, was werden sollte, wenn er einmal nicht mehr sein würde. Oft quälte ihn der Gedanke so sehr, dass er nachts nicht schlafen konnte.

Der Gutsherr ließ sich schwerfällig in einen bequemen Ledersessel fallen. Sein Herz schmerzte wieder einmal sehr stark. Er griff in die Tasche und holte ein Schächtelchen mit Pillen hervor.

Gerade als er eine davon in den Mund stecken wollte, öffnete sich die Tür, und Sabrina trat ein.

Im ersten Moment bekam er einen Schreck. Dann atmete er beinahe erleichtert auf, weil sie die Tablettenschachtel in seinen Händen natürlich nicht sehen konnte und auch nicht, dass er sich jetzt eine Kapsel in den Mund schob. Sie sollte niemals erfahren, wie es um ihn stand.

»Hallo, Papa!«, rief Sabrina von der Tür her. »Du bist doch hier, nicht wahr? Ich spüre dich.«

Werner von Heyden räusperte sich. Er hoffte, dass seine Stimme normal klang und nicht die Schmerzen verriet, die er noch immer hatte.

»Ja, ich bin hier. Komm nur näher.«

»Hast du etwas, Vater?«, fragte Sabrina und hob lauschend den Kopf.

Er hatte sich schon oft genug darüber gewundert, welch feines Gespür Sabrina besaß. Gottlob ließen die Schmerzen jetzt nach. Die Kapseln wirkten immer sehr schnell.

»Was sollte ich wohl haben, außer ein wenig Langeweile. Seitdem dieser Norbert von Märklin bei uns ist, bin ich ja praktisch überflüssig. Er nimmt mir alle Arbeit ab.«

Werner von Heyden fiel auf, dass Sabrina ein zartes Rot in die Wangen stieg. Schon häufiger hatte er diese Feststellung gemacht, wenn der Name des Verwalters gefallen oder er persönlich zugegen gewesen war. Jetzt fragte er sich ein wenig bang, ob sich Sabrina etwa in Märklin verliebt haben könnte.

Sogleich verwarf er den Gedanken wieder. Sie kannte ihn doch gar nicht und hatte ihn niemals gesehen. Sabrina konnte nur seiner Stimme lauschen. Das allein genügte ja wohl nicht, um sich in einen Menschen zu verlieben.

Außerdem war Sabrina durch ihr schweres Leiden in ihrer Gefühlswelt noch recht kindlich, glaubte der Vater, obwohl sie inzwischen bereits zwanzig Jahre alt war.

Ihr fehlten ja die Erfahrungen, die andere junge Mädchen als Teenager machten. Sie hatte keine normale Schule besucht, sondern eine Blindenschule und war nie in der Tanzschule gewesen. So war sie nie mit Jungen ihres Alters in Berührung gekommen.

»Diese Erleichterung hättest du dir schon früher verschaffen sollen, Papa«, sagte Sabrina.

Sie ging auf ihren Vater zu, ohne an ein einziges Möbelstück zu stoßen. Ihr war der Heydenhof bestens vertraut. Ihr Vater achtete streng darauf, dass kein Möbelstück im Haus auch nur einen Zentimeter verrückt wurde. Seine Schwägerin, die er seit Sabrinas Erblindung im Haus hatte, unterstützte ihn dabei.

»Vielleicht, aber es ist nicht so einfach, einen tüchtigen Verwalter zu finden.«

»In Norbert von Märklin hast du einen erwischt, nicht wahr?«, fragte Sabrina eifrig und setzte sich zu ihm.

»Ja, das habe ich«, bestätigte der Gutsherr.

»Das freut mich. Er scheint auch sehr sympathisch zu sein«, sagte Sabrina ein wenig verlegen.

Der alte Herr horchte überrascht auf.

»Ja, das ist er.«

»Wie sieht er eigentlich aus?«, fragte Sabrina zögernd.

»Wie?« Da musste er erst einmal überlegen. »Er ist sehr groß und schlank.« Der Gutsherr stockte. Personenbeschreibungen waren nicht gerade seine Stärke. »Und er hat mittelblondes, welliges Haar.«

Sabrina gab sich damit zufrieden. Dann leuchteten ihre Züge auf.

»Ich komme gerade aus dem Stall«, erzählte sie. »In der vorigen Nacht ist ein Fohlen geboren worden. Ich habe es gestreichelt, und es hat an meinem Finger geleckt. Karl sagt, es habe auf der Stirn einen weißen Fleck, sonst sei es fuchsig rot und soll drollig aussehen.«

»Das ist schön. Ich werde nachher einmal in den Stall gehen.«

»Das tu nur. Ehrlich gesagt kann ich gar nicht verstehen, dass du nicht längst dort warst.«

»Ich hatte etwas anderes zu tun«, behauptete der Vater. Sabrina sollte nicht erfahren, dass er sich dazu heute Vormittag zu elend gefühlt hatte.

»Das verstehe ich«, sagte Sabrina verständnisvoll.

»Wo ist eigentlich Tante Guste? Ich habe sie den ganzen Vormittag noch nicht zu Gesicht bekommen.«

»Sie hat doch gestern erzählt, dass die Hausschneiderin zu uns kommt. Erinnerst du dich nicht?«

»Doch, jetzt fällt es mir wieder ein.«

»Heute kauft Tante Guste Stoffe. Sie meint, ich brauche unbedingt zwei neue Kleider. Sie mag recht haben, ich weiß es nicht«, sagte Sabrina ein wenig traurig.

Werner von Heyden kratzte sich an seinem etwas stoppeligen Kinn. In Modefragen war seine Schwägerin für Sabrina zuständig. Zuweilen zweifelte er allerdings in ihrem Geschmack. Sie hüllte Sabrina stets in schrecklich lange dunkle Gewänder. Und ihre langen Haare schlang sie immer zu einem Knoten zusammen, was vielleicht auch nicht besonders flott aussah.

???

Sabrina und ihr Vater saßen schon eine ganze Weile beisammen, da klopfte es.

»Herein!«, rief Werner von Heyden.

Norbert von Märklin trat ein. Er trug Reithosen, Reitstiefel, dazu ein sportliches Sakko.

»Guten Tag. Oh, Pardon, ich wollte nicht stören«, sagte er mit seiner sonoren Stimme, als er Sabrina bei ihrem Vater entdeckte.

»Sie stören nicht, kommen Sie nur näher«, erwiderte der Gutsherr. Ein flüchtiger Blick zu Sabrina zeigte ihm, dass ihre Wangen schon wieder zu glühen begannen.

Herr von Märklin kam mit schnellen Schritten näher. Sabrina streckte ihm lächelnd die Hand entgegen. Er ergriff sie und beugte sich über sie.

»Gnädiges Fräulein, wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte er höflich.

Dann begrüßte der Gutsherr seinen Verwalter.

»Nehmen Sie doch Platz, mein Lieber.« Er deutete auf den dritten Sessel. »Was gibt es denn? Wollen Sie einen Kognak haben?«

»Nein danke, ich trinke vormittags nie Alkohol.«

»Ein löblicher Vorsatz!« Werner von Heyden nickte. Er trank schon seit Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr und war froh, dass Sabrina es nicht bemerkt hatte.

»Ich wollte mit Ihnen über den Bebauungsplan sprechen, Herr von Heyden. Ich habe ihn jetzt fertig und hoffe, er findet Ihren Beifall.«

Norbert zog ein großes Blatt aus der Brusttasche seines Sakkos hervor und faltete es auseinander. Er hatte maßstabgerecht die Fläche des Heydenhofes aufgezeichnet und sorgfältig eingetragen, wie er die verschiedenen Flächen zu besäen und zu bepflanzen gedachte.

»Was ist ein Bebauungsplan?«, wollte Sabrina interessiert wissen. Sie hatte ja nicht gesehen, was der Verwalter vor ihrem Vater ausgebreitet hatte.

Norbert erklärte es ihr freundlich. Sie lauschte und...



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