Berger / Fend | Die Erfindung der Erziehung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 205 Seiten

Berger / Fend Die Erfindung der Erziehung

Eine Einführung in die Erziehungswissenschaft
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-17-034517-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Einführung in die Erziehungswissenschaft

E-Book, Deutsch, 205 Seiten

ISBN: 978-3-17-034517-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch führt in die Grundlagen von Sozialisation, Erziehung und Bildung ein, indem es den Umgang mit heranwachsenden Menschen in verschiedenen Gesellschaften und zu verschiedenen Zeiten in systematisch vergleichender (mit dem Blick auf andere Kulturen) und historisch-kritischer (mit Blick auf unsere eigene Geschichte) Weise untersucht. Aufgezeigt wird, wie und warum in der abendländischen Kulturgeschichte aus wenig strukturierten alltäglichen Umgangsweisen immer durchdachtere Erziehungsformen entstanden, die eine umfassende Gestaltung des Menschseins im Auge haben. Kurz: Eine zunehmende Methodisierung von Erziehung wird erkennbar. Ein zweiter Entwicklungsstrang weist über die zunehmende methodische Zurichtung des Menschen hinaus und führt auf den Entwicklungspfad einer zunehmenden Humanisierung der Reaktionen der Erwachsenen auf die kindliche Entwicklung. Wer heute Erziehungswissenschaften studiert, sollte die historischen Wege der Methodisierung von Erziehung und Unterricht und die Tendenzen ihrer Humanisierung kennen. Dieses Wissen ist kein Selbstzweck, sondern schärft den Blick für heute mögliche und praktizierten Formen erzieherischen Handelns. Ausgebildet wird darüber die Fähigkeit zur systematischen Reflexion und kritischer Analyse erzieherischer Prozesse als Kernkompetenz für diejenigen, die im Bildungsbereich tätig sein werden.

Professor Dr. Helmut Fend war Ordinarius für Pädagogische Psychologie an der Universität Zürich. Professor Dr. Fred Berger lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck mit den Schwerpunkten Generationsverhältnisse und Bildungsforschung.
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2          Phänomene und ihre theoretische Erschließung: Sozialisation, Erziehung, Unterricht und Bildung


Diese Einführung in die Erziehungswissenschaft ist von der Überzeugung inspiriert, dass man in einer ersten Phase eine breite Anschauung gewinnen sollte, wie Erziehung in dieser Welt aussieht und wie sie früher ausgesehen hat, um sich in einer zweiten Phase mit den gegenwärtigen Erziehungsbedingungen zu befassen. Man sollte die Phänomene kennen lernen. Dabei ist auch die Reflexion der selbst erlebten oder selbst praktizierten Erziehung hilfreich.

Die Phänomene des Erziehens und Aufwachsens an Beispielen und Berichten kennen zu lernen, bildet eine wichtige Voraussetzung, um sie verstehen zu können. Zur Anschauung muss jedoch auch die Theorie kommen. Sie öffnet die Augen, um überhaupt etwas zu sehen, und drängt zur Frage, warum etwas so ist, wie es ist. Warum also so erzogen wird, wie wir es sehen. Begriffe sind eine Basis dafür. Sie bringen Ordnung in die Vielfalt der Phänomene erzieherischen Geschehens. Auf die Anschauung, auf die Erzählung vom Mädchen Meret folgt deshalb auch hier eine erste Orientierung, wie wir den Gegenstandsbereich der Erziehungs- und Bildungswissenschaften sowie den historisch und kulturell unterschiedlichen Umgang mit Kindern begrifflich fassen und ordnen wollen.

2.1       Der Gegenstandsbereich der Erziehungs- und Bildungswissenschaften


»Zwei Erfindungen der Menschen kann man wohl als die schwersten ansehen; die der Regierungs- und die der Erziehungskunst nämlich« (Kant, 1803, S. 12).

Wir beginnen mit einem Versuch zu definieren, welches der Gegenstandsbereich einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Erziehung und Bildung ist.

Zu den großen Tätigkeitsbereichen der menschlichen Existenzbewältigung gehören u. a.

•  Tätigkeiten der Herstellung von Gütern und Produkten,

•  Tätigkeiten des Umgangs mit Pflanzen und Tieren,

•  Tätigkeiten, die der Sicherung und Wiederherstellung der Gesundheit dienen,

•  Tätigkeiten zur Regelung eines friedlichen Zusammenlebens in Verbänden und Staaten,

•  Tätigkeiten der Sorge und Pflege für Menschen.

Zu letzteren Tätigkeiten zählen Handlungen, die auf die Einführung der jungen Generation in das Leben der bestehenden Gesellschaft gerichtet sind.

Hier kommt nun eine erste, kompliziert anmutende Umschreibung des Gegenstandsbereichs der Erziehungswissenschaft: Sie beschäftigt sich mit der kulturellen und gesellschaftlichen »Arbeit« an der Gestaltung von werdenden Menschen in deren langen Phasen des Aufwachsens. Darunter fallen alle Handlungen und Einrichtungen im sozialen Leben einer Gemeinschaft, die ihrem Sinn nach zum Aufbau jener psychischen Ausstattung der heranwachsenden Generation führen, die für ihre Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben notwendig sind und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Gemeinschaft nach dem Tod einzelner wichtiger Träger sozial, kulturell und materiell fortbestehen und sich erneuern kann. In der »Arbeit am werdenden Menschen« bündeln sich damit alle Bemühungen eines Gemeinwesens, sowohl das Überleben seiner Individuen als auch des Kollektivs sicher zu stellen. Die »psychische Verfassung« besteht dann in Kenntnissen, Fähigkeiten, Motivationen und Wertorientierungen in der heranwachsenden Generation, die einerseits der sozialen und beruflichen Integration und Partizipation des Einzelnen und andererseits der Funktionsweise des Ganzen dienen. Da diese »Arbeit« aus kulturell variablen und sich historisch wandelnden sinnhaften Bestrebungen von Menschen besteht, stellt sie ein Kulturphänomen dar. Sie ist das Ergebnis von menschlichen Anstrengungen und »Erfindungen«. Die biologische Ausstattung des Menschen enthält eine große Variationsbreite der Gestaltung des Lebens. Aus den vielen Möglichkeiten des Menschseins werden durch »Erziehung« jeweils die kulturell und historisch erwünschten verstärkt und entwickelt, wodurch in der neuen Generation immer wieder neue Formen menschlichen Daseins entstehen.

Anschaulich zu sehen, wie unterschiedlich mit heranwachsenden Menschen an verschiedenen Orten der Welt und zu verschiedenen historischen Zeiten umgegangen wird, ist eine faszinierende Erfahrung. An ihr möchten wir die Leserin und den Leser hier teilhaben lassen. Sie zeigt dann auch in oft erschreckender Weise, was man aus dem Menschen machen kann. Der Mensch erträgt aber nicht alles gleichermaßen gut. So müssen wir auch tiefer blicken und nach den Folgen unterschiedlicher Erziehungsformen fragen. Vorab wird aber das Bedürfnis geweckt zu verstehen, warum die universelle gesellschaftliche Aufgabe, die junge Generation ins Leben einzuführen, so unterschiedlich gelöst und bewältigt wird.

Dabei werden wir eine Erfahrung machen, die typisch für eine Wissenschaft ist, die sich mit einem Kulturbereich beschäftigt. Wir sehen schnell, dass Menschen etwas nicht kopflos tun, sondern sich überlegen, warum sie etwas tun. So auch in der Erziehung. Wir finden rasch Begründungen für das realisierte und das unterlassene Handeln. Erziehung als menschliches Handeln ist sinnorientiert, von Ideen getragen.

Eine zweite Erfahrung drängt sich auf. Etwas Wichtiges überlässt eine kluge Gemeinschaft nicht dem Zufall oder wetterwendischen Neigungen und Stimmungen. Sie schafft Einrichtungen, die wichtige Handlungen auf Dauer sicherstellen, sie systematisch belohnen und in verbindliche Regelungen gießen. Wir nennen diese Einrichtungen Institutionen, in unserem Fall sind es besonders Bildungsinstitutionen.

Drei Kernbereiche der »Arbeit« am werdenden Menschen können somit unterschieden werden:

•  die pädagogische Lebenspraxis, die die alltäglichen pädagogischen Handlungen und Problemlösungen umfasst,

•  die pädagogischen Diskurse über Theorien und Ziele, wie erzogen und unterrichtet werden soll,

•  und die Objektivierungen und Institutionalisierungen pädagogischer Ideen und Vorstellungen z. B. in Form von Spielsachen, Lernmaterialien, gesetzlichen Regelungen für systematischen Unterricht, Schulgebäuden.

Die erziehungs- und bildungswissenschaftliche Forschung bewegt sich in allen diesen Bereichen des pädagogischen Handlungsfeldes. Sie untersucht und systematisiert sowohl die Formen des lebenspraktischen Umgangs mit dem Nachwuchs als auch die Vorstellungen und Diskurse über die Zielsetzungen der »Arbeit« am werdenden Menschen. Darüber hinaus befasst sie sich mit den Formen der Objektivierung und Institutionalisierung pädagogischer Ideen und Vorstellungen, die sich in jedem Gemeinwesen in unterschiedlichem Differenzierungs- und Perfektionierungsgrad finden lassen. In der Moderne sind solche pädagogischen Erfindungen vor allem in der Gestalt von Schulen zu einem der größten gesellschaftlichen Wirklichkeitsbereiche geworden.

2.2       Stufen der Planung und bewussten Gestaltung: Methodisierung von Erziehung und Bildung


Wie wir im Verlaufe dieser Einführung noch sehen werden, kann die pädagogische Arbeit mit Heranwachsenden in sehr unterschiedlichem Maße einem Plan und methodisch-rationalen Gesichtspunkten folgen. So können Kinder schlicht am Leben ihrer Umwelt teilnehmen und so in die Kultur hineinwachsen. Die gesamte Erfahrungswelt formt sie. Dieser Thematik werden wir mit dem Konzept der Sozialisation näher nachgehen. Erwachsene können aber auch planvoll in das Heranwachsen eingreifen und Lerngelegenheiten für die Kinder bewusst methodisch arrangieren. In unserer Kultur spricht man diesen Phänomenbereich mit dem Begriff der Erziehung an. Eine noch höhere Stufe der Planmäßigkeit finden wir bei der langfristigen institutionalisierten Vermittlung komplexer kultureller Gehalte, für die im deutschen Sprachraum die Begriffe von Unterricht und Bildung stehen.

Die Begriffe »Sozialisation«, »Erziehung«, »Unterricht« und »Bildung« repräsentieren damit unterschiedliche Grade der methodisch-rationalen »Arbeit« am heranwachsenden Menschen. Sie korrespondieren mit der Leitidee einer zunehmenden Intentionalität und Planung der »Arbeit« am heranwachsenden Menschen. Die im europäischen Kulturraum typischen historischen Etappen der...


Professor Dr. Helmut Fend war Ordinarius für Pädagogische Psychologie an der Universität Zürich. Professor Dr. Fred Berger lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck mit den Schwerpunkten Generationsverhältnisse und Bildungsforschung.



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