Bergman / Bleibtreu | Ich schreibe Filme | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Bergman / Bleibtreu Ich schreibe Filme

Arbeitstagebücher 1955–2001
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-949203-14-5
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Arbeitstagebücher 1955–2001

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-949203-14-5
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sein langes kreatives Leben über führte Ingmar Bergman Arbeitstagebücher: kleine Spiralhefte, in denen er erste Entwürfe seiner Geschichten niederschrieb und auch während der Arbeit an einem Film oder Buch weiter Notizen machte. Diese Auswahl aus den Heften bietet nun einen einzigartigen Einblick in seinen kreativen Arbeitsprozess, zeigt aber auch den Menschen und Künstler Bergman noch einmal ganz neu. Hier haben wir teil an einer besonderen Form des autofiktionalen Schreibens, das stets um den eigenen Schaffensprozess kreist. Und so ist es nicht zuletzt ein Bericht darüber, wie ein großer Künstler seine unvergesslichen Geschichten und Bilder zum Leben erweckt.

Ingmar Bergman, geboren 1918 in Uppsala, war einer der berühmtesten und einflussreichsten Film- und Theaterregisseure des 20.?Jahrhunderts und schrieb mehrere Romane. Er starb 2007 auf der schwedischen Insel Fårö.
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1956


Das Lächeln einer Sommernacht Dagens Nyheter, .

Das siebente Siegel. Tafelbild .

5.4.56


Wenn Der Ritter erfährt, dass er am nächsten Tag sterben muss, oder sobald Der Tod ihn schachmatt setzt, ist eines klar. Er sucht Kontakt zu den Menschen. Der Tod verlieh ihm nämlich eine mörderische Selbsteinschätzung, er tut jetzt, was er kann. Jöns, Jof und vor allem Mia geraten in seine Gesellschaft. Unterwegs sieht er immer wieder flüchtig das Gesicht des Todes, beängstigend verführerisch.

Der Tod zum Ritter: Meine Macht ist allmächtig. Siehst du, wie ich die Menschen hernehme und sie auslösche wie brennende Kerzen. Keiner kommt davon, siehst du, ich bin hier, um zu töten.

Der Ritter: Vater, darf ich beichten, ich will so aufrichtig zu dir sprechen, wie ich kann, doch mein Herz ist leer und voll Angst. Gut möglich, dass mir die Worte fehlen werden, mich diesbezüglich auszudrücken, ist für mich ja etwas ungewohnt.

Der Tod: Sprich, mein Sohn, ich höre dir zu und kann dir vielleicht einen Rat auf den Weg mitgeben.

Der Ritter: Wie du weißt, habe ich Angst vor Leere, Trostlosigkeit und Stillstand. Ich kann Einsamkeit und Schweigen nicht ertragen.

Der Tod: Die Leere ist ein Spiegel, der dir vorgehalten wird. Du siehst dich und dir graust. Das ist ganz natürlich.

Der Ritter: Früher war ich den Menschen und ihren Sorgen gegenüber ziemlich gleichgültig. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich kann aber gar nichts machen. Mein Eigennutz und meine unheimliche Gleichgültigkeit haben mich aus ihrem Kreis herausgestellt. Ich lebe in einer Eigenwelt, die nur mein fieberhaftes Denken und Fantasieren kennt. Das ist auf die Dauer ermüdend und ätzend.

Der Tod: Ich weiß. Die ganze Zeit schwebte dir der Gedanke an Selbstmord vor, du hast ihn aber nicht gewollt oder gewagt.

Der Ritter: Doch, gewagt schon. Ein Mal. Wir ritten über einen Bergpfad, plötzlich riss ich mein Pferd seitwärts an den Abgrund. Das Tier bäumte sich auf und stürzte, ich wurde abgeworfen und landete in einem Kaktus, zum feixenden Hohn meines Schildknechts.

Der Tod: Du wolltest vermutlich nicht sterben.

Der Ritter: Doch, das wollte ich. Der Tod kam mir lange vor wie ein Erlöser, wie ein Retter aus dem Jux, zu leben.

Der Tod: Du sprichst nicht wahr. Das Leben ist für dich eine ständige Quelle des Staunens, neuer Entdeckungen.

Der Ritter: Wie dieser Kreuzzug.

Der Tod: Ja, eine traurige Geschichte.

Der Ritter: Jetzt kommen wir nach zehn unleidlichen Jahren aus dem Heiligen Land. Ich dachte, Gott wollte mich für etwas Großes oder ganz Besonderes verwenden.

Der Tod: Die Menschen haben immer so viele Meinungen von dem, was Gott will und vorhat.

Der Ritter: Ja, schwierig. Was sollen wir denn machen, wenn Er uns nicht deutlich Auskunft gibt. Er bleibt ja immer unklar und diffus.

Der Tod: (räuspert sich und schweigt)

Der Ritter: Ja, da sagst du nichts und hast schon Recht.

Der Tod: Was begehrst du.

Der Ritter: Klarheit. Auskunft. Ich will Kenntnis haben. Ist es denn so grausam undenkbar, dass wir, mit unseren Augen und unseren Sinnen, Gott sehen können. Warum muss er sich in einem Dunstkreis halber Versprechen und unbezeugter Wunder verstecken. Wie sollen wir den Gläubigen glauben, wenn wir selbst nicht glauben. Was wird aus uns, die nicht glauben können, aber wollen. Was wird aus dem, der weder glauben will noch kann. Und sag mir bitte noch etwas: Warum kann ich Gott in mir nicht töten. Warum lebt er schmerzhaft weiter, obwohl ich ihn verfluche und aus meinen Gedanken verbannen will. Warum bleibt er trotzdem eine höhnisch täuschende Realität, die ich nicht loswerde. Kannst du mir das sagen. Immer dies unklare In-der-Schwebe-Halten, dieses Unwirkliche und Unerklärliche. Ich will Kenntnis haben. Nicht glauben. Nicht Annahmen, sondern klare Worte. Ich will, dass Gott mir die Hand gibt, sein Gesicht enthüllt, zu mir spricht.

Der Tod: Und er schweigt.

Der Ritter: Er schweigt nicht nur. Er hat sich von mir abgewandt. Ich rufe ihn im Dunkeln, doch anscheinend ist da keiner.

Der Tod: Vielleicht ist da keiner.

Der Ritter: Dann kann man nicht leben. Kein Mensch kann leben mit Dem Tod vor Augen, im Wissen um die absolute Nichtigkeit von allem.

Der Tod: Dann gibt es nur einen Weg.

Der Ritter: Welchen.

Der Tod: Mach dir ein Bildnis von deiner Angst, fall davor nieder und bete es an, nenn es Gott oder Auferstehung oder die unsterbliche Seele. Ich sehe keinen andren Weg.

Der Ritter: Heute Morgen kam Der Tod zu mir. Er gab mir ein paar Stunden Aufschub, wir spielen eine Partie Schach. Diese Frist gibt mir Gelegenheit, etwas Dringendes zu klären.

Der Tod: Was kannst du denn jetzt noch klären.

Der Ritter: Ich weiß nicht. Das ist ja das Grauenhafte. Mein Leben war ein einziges sinnloses Nichts, Jagen, Fahren, Palavern, ohne Sinn und Bezug. Das sehe ich jetzt. Darum möchte ich eine einzige Sache machen, die Sinn ergäbe, wie ein Zeichen Gottes, ein Lächeln oder kleines Mir-Zunicken.

Der Tod: Und darum spielst du Schach mit Dem Tod.

Der Ritter: Darum halte ich ihn hin, mit allen Finten und Kniffen, die ich gelernt habe. Er ist ein furchtbarer Gegner, noch hat er mich aber nicht dazu gebracht, eine einzige Figur aufzugeben.

Der Tod: Du bist ziemlich geschickt.

Der Ritter: Er wird wohl gewinnen, das weiß ich. Ein paar Stunden habe ich aber noch.

Der Tod: Wie willst denn du den Tod überlisten.

Der Ritter: Ich spiele eine Kombination aus Läufer und Pferd. Ihm ist entgangen, dass ich mit dem nächsten Zug seine eine Flanke aufreiße. Ich schlage drei seiner Bauern.

Der Tod: Interessant zu wissen, das merke ich mir.

Plötzlich erscheint hinter dem Beichtgitter ein Gesicht. Es ist das Gesicht Des Todes, der Totenschädelmann mit dem Grinsen in den leeren Augenhöhlen.

Der Ritter gerät in furchtbare Angst, aber auch Wut. Er rüttelt an den Stäben.

Der Ritter: Du bist ein Verräter, du betrügst mich, ich finde aber schon noch einen Weg.

Das Gesicht Des Todes verschwindet im dunklen Beichtstuhl …

So leisten sich Ritter und Tod im gesamten Film Gesellschaft und spielen miteinander Schach.

Ich denke auch, dass Die Hexe dazugehört, halte das trotz allem für ziemlich wichtig.

Das ist der Rahmen für die ganze Geschichte. Unser Schachspiel ist in einer Kirche in Südsmåland an die Wand gemalt.

Die Nacht hatte kaum Kühle gebracht, und mit einem heißen Windstoß über dem farblosen Meer kündigte die Sonne am Morgen ihre Ankunft an.

Ritter Antonius Block liegt vornüber auf Fichtenzweigen, die im feinen Sand ausgebreitet sind. Sein Blick ist geweitet von zu wenig Schlaf.

Jöns dagegen schläft bei den kleinen Steinen und Krüppelkiefern am Waldrand laut schnarchend seinen Schildknechtschlaf, er hält, eingeschlafen, wo er umgefallen war, den Mund weit aufgesperrt ins Morgengrauen. Töne dringen aus seiner Kehle, wie aus der untersten Abteilung der Hölle.

Ein plötzlicher Windstoß weckt die Pferde. Sie recken durstige Mäuler zum Meer, sind dürr und klapprig wie ihre Herren.

Der Ritter, aufgestanden und ins flache Wasser gegangen, spült sich das sonnenverbrannte Gesicht und die schrundigen Lippen.

Jöns dreht sich zum Wald und ins Dunkle, ächzt im Schlaf und rubbelt sich das geschorene Haar. Schräg vom rechten Auge bis zum Schädel leuchtet im Schmutz eine helle...


Ingmar Bergman, geboren 1918 in Uppsala, war einer der berühmtesten und einflussreichsten Film- und Theaterregisseure des 20.?Jahrhunderts und schrieb mehrere Romane. Er starb 2007 auf der schwedischen Insel Fårö.



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