Ingmar | Laterna Magica. Mein Leben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Ingmar Laterna Magica. Mein Leben

Autobiografie
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-89581-493-8
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Autobiografie

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-89581-493-8
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'The voice of genius!' Woody Allen Ingmar Bergmans Leben in Rückblenden und assoziativ montiert: Die faszinierende Erzählung ist ein rückhaltloses Bekenntnis zu seinen großen Leidenschaften Theater, Film und Frauen. Entwaffnend ehrlich schildert er seine Kindheit im streng protestantischen Pfarrhaus und die prägenden Begegnungen mit Sexualität, Liebe und Tod, seine Krisen, Triumphe und Missererfolge und verliert dabei nie das Gefühl für Dramaturgie. 'Gespenster, Teufel und Dämonen, gut, böse oder nur verdrießlich. Sie haben mir ins Gesicht geblasen, mich geschubst, mich mit Nadeln gestochen, an meinem Pullover gezerrt. Sie haben gesprochen, gefaucht oder geflüstert. Es waren deutliche Stimmen, nicht sonderlich verständlich, aber ignorieren konnte ich sie nicht.' Ingmar Bergman, Laterna Magica

1918 in Uppsala als Sohn eines Pastors geboren, wächst Bergman in bürgerlichen Verhältnissen auf und versucht sich bereits im Alter von 17 Jahren als Autor von Theaterstücken. Mit 20 Jahren bricht er mit seinem autoritären Elternhaus - für ihn ein Ort der Gewalt und der Demütigungen, der auch seine Filmwelten nachhaltig prägen wird. Bergman studiert Literatur- und Kunstgeschichte in Stockholm. 1942 bringt er sein erstes Stück auf die Bühne, Kaspars Tod, und bekommt prompt eine feste Anstellung als Drehbuchautor bei Svensk Filmindustrie. Von da an pendelt der Autor und Regisseur zwischen Film und Bühne. Bergmans erste Stücke und Filme drehen sich um Generationenkonflikte und finden nicht gerade große Beachtung. Erst Anfang der 50er-Jahre beginnt die große Zeit des schwedischen Regisseurs. Mit Einen Sommer lang (1950) und Sehnsucht der Frauen (1952) hebt eine veritable Serie von Meisterwerken an. Mit seinem 1956 vollendeten Projekt Das Siebte Siegel gelingt Bergman auch in den USA der Durchbruch - ein Platz unter den bedeutendsten Regisseuren der Welt ist ihm von nun an sicher. Bis 1982 dreht er mehr als 40 Kinofilme, dann zieht er sich aus dem Filmgeschäft zurück und kehrt zum Theater zurück, wo auch seine Laufbahn begann. Nebenbei arbeitet er noch als Drehbuchautor und Regisseur von Fernsehproduktionen. Zusammen mit seiner Tochter Maria von Rosen gibt er 2007 Der weiße Schmerz heraus: authentische Dokumente von Ingmar Bergman und Ingrid von Rosen und ihrer gemeinsamen Tochter Maria, die sich in grundverschiedenen Tonarten mit der Krebserkrankung von Ingrid von Rosen auseinander setzen. Sein Leben hält Bergman in seiner im September 1986 beendeten Autobiographie Laterna Magica fest.
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ALS ich im Juli 1918 geboren wurde, hatte Mutter die Spanische Grippe, und da es nicht danach aussah, als wenn ich überleben würde, erhielt ich noch im Krankenhaus die Nottaufe. Eines Tages bekam die Familie Besuch von unserem alten Hausarzt, der mich anblickte und sagte: »Der Kleine stirbt uns ja an Unterernährung.« Großmutter nahm mich dann zum Sommerhaus in der Provinz Dalarna mit. Während der Bahnfahrt, die damals einen Tag dauerte, fütterte sie mich mit Sandtorte, die sie zuvor in Wasser aufgeweicht hatte. Als wir ankamen, war ich beinahe tot. Großmutter fand trotzdem eine Amme – ein liebes blondes Mädchen aus einem Nachbardorf. Mein Zustand besserte sich zwar allmählich, aber ich übergab mich oft und hatte ständig Bauchschmerzen.

Außerdem wurde ich von einer Reihe undefinierbarer Krankheiten heimgesucht und konnte mich nicht recht entschließen, ob ich leben oder sterben wollte. Aus den Tiefen meines Bewusstseins kann ich mir den Zustand ins Gedächtnis zurückrufen: den Gestank der Körperausscheidungen, die feuchten, scheuernden und kratzenden Kleider, den sanften Schein der Nachttischlampe, die Tür zum Nachbarzimmer, die einen Spaltbreit geöffnet war, die tiefen Atemzüge des Kindermädchens, tapsende Schritte, flüsternde Stimmen, die Sonnenreflexe in der Wasserkaraffe. An all dies kann ich mich erinnern, aber nicht an Angst. Die kam erst später.

Das Esszimmer führte nach hinten auf einen dunklen Hinterhof mit hoher Ziegelmauer, Plumpsklo, Mülltonnen, fetten Ratten und einem Gestell zum Teppichklopfen. Ich saß bei irgendjemandem auf dem Schoß und wurde mit Brei gefüttert. Der Teller stand auf einem grauen Wachstuch mit roter Umrandung. Das Email war weiß mit blauen Blumen, es spiegelte das spärliche Licht von den Fenstern. Ich beugte mich zu den Seiten und nach vorn und probierte so verschiedene Blickwinkel aus. Je nachdem, wie ich den Kopf bewegte, veränderten sich die Reflexe in dem Teller mit dem Brei und bildeten neue Muster. Plötzlich übergab ich mich und reiherte alles voll.

Dies ist vermutlich meine erste Erinnerung: Die Familie wohnte im ersten Stock des Eckhauses Skeppargatan-Storgatan in Stockholm.

Im Herbst 1920 bezogen wir eine Wohnung in der Villagatan 22 im Stadtteil Östermalm.

Es duftet nach frischer Farbe und gebohnerten Parkettfußböden. Im Kinderzimmer ein sonnengelber Korkteppich und helle Rollgardinen mit Ritterburg und Wiesenblumen. Mutters Hände sind weich, und sie nimmt sich Zeit, Märchen zu erzählen. Als Vater eines Morgens aufsteht, tritt er aus Versehen in den Nachttopf und ruft: »Pfui, Spinne!« In der Küche hantieren zwei Mädchen aus Dalarna, die oft und gern singen. Auf derselben Etage wohnt eine gleichaltrige Spielkameradin, die Tippan heißt. Sie ist voller Fantasie und Initiative. Wir vergleichen unseren Körperbau und finden interessante Unterschiede. Jemand ertappt uns, verrät aber nichts.

Meine Schwester wird geboren, ich bin vier Jahre alt, und die Situation ändert sich radikal: eine fette, missgestaltete Figur spielt plötzlich die Hauptrolle. Ich werde aus dem Bett meiner Mutter vertrieben, mein Vater strahlt, wenn er das brüllende Bündel ansieht. Der Dämon der Eifersucht hat mein Herz mit seinen Krallen gepackt, ich tobe, weine, scheiße auf den Fußboden und schmiere mich voll. Mein älterer Bruder und ich, normalerweise Todfeinde, schließen Frieden und brüten Methoden aus, das widerwärtige Wesen umzubringen. Aus irgendeinem Grund ist mein Bruder der Meinung, dass ich mich am besten für die unabwendbare Tat eigne. Ich fühle mich geschmeichelt, und wir warten auf eine passende Gelegenheit.

Eines stillen, sonnigen Nachmittags glaube ich mich allein in der Wohnung und stehle mich ins Schlafzimmer der Eltern, in dem das Wesen in seinem rosafarbenen Korb schläft. Ich ziehe mir einen Stuhl heran und klettere hinauf, stehe da und betrachte das geschwollene Gesicht und den sabbernden Mund. Mein Bruder hatte mir klare Anweisungen gegeben, wie ich vorgehen sollte. Ich hatte seine Befehle aber missverstanden. Statt meiner Schwester den Hals zuzudrücken, versuche ich ihren Brustkorb zusammenzupressen. Sie wacht sofort mit einem durchdringenden Schrei auf, ich verschließe ihr mit der Hand den Mund, die wässrigen hellblauen Augen schielen und starren, ich mache einen Schritt nach vorn, um einen besseren Griff zu bekommen, verliere aber den Boden unter den Füßen und falle hin.

Ich erinnere mich, dass die eigentliche Tat mit starkem Wohlbehagen verbunden ist, das schnell in Entsetzen übergeht.

Ich beuge mich über Fotografien aus der Kindheit und studiere durchs Vergrößerungsglas das Gesicht meiner Mutter, versuche vermoderte Gefühle zu durchdringen. O ja, ich liebte sie, und sie sieht auf dem Bild dort sehr anziehend aus: das kräftige, in der Mitte gescheitelte Haar über der niedrigen, breiten Stirn, das weiche Gesichtsoval, der freundliche, sinnliche Mund, der warme, unverstellte Blick unter dunklen, wohlgeformten Augenbrauen, die kleinen, starken Hände.

Mein vierjähriges Herz verzehrte sich in hündischer Liebe.

Das Verhältnis war trotzdem nicht unkompliziert: Meine Ergebenheit störte und irritierte sie, meine Zärtlichkeitsbezeugungen und heftigen Ausbrüche beunruhigten sie. Sie schickte mich oft mit einer kühlen, ironischen Bemerkung weg. Ich weinte vor Wut und Enttäuschung. Ihre Beziehung zu meinem Bruder war einfacher, da sie ihn ständig gegen meinen Vater in Schutz nehmen musste, der ihn mit rigoroser Härte erzog, bei der brutale körperliche Züchtigung ein ständig wiederholtes Argument war.

Ich sah allmählich ein, dass meine mal wehleidige, mal wütende Anbetung kaum Wirkung zeigte. Ich begann also schon früh damit, ein Verhalten zu erproben, das ihr gefallen und ihr Interesse wecken würde. Wer beispielsweise krank wurde, durfte ihrer Teilnahme sicher sein. Da ich ein kränkelndes Kind mit unzähligen Gebrechen war, fand ich hier einen zwar schmerzhaften, aber unfehlbaren Weg zu ihrer Zärtlichkeit. Simulationen wurden dagegen schnell durchschaut und exemplarisch bestraft – Mutter war ausgebildete Krankenschwester.

Ein anderer Weg zu ihrer Aufmerksamkeit war gefährlicher. Ich fand heraus, dass Mutter Gleichgültigkeit und Desinteresse nicht ertragen konnte: das waren ja Waffen. Ich lernte also, meine Leidenschaft zu zügeln, und begann ein seltsames Spiel, bei dem Arroganz und kühle Freundlichkeit die wichtigsten Bestandteile waren. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich dabei anstellte, aber Liebe macht erfinderisch, und es gelang mir schnell, Interesse an meinem blutenden Selbstwertgefühl zu wecken.

Das schwierigste Problem war nur, dass ich nie die Möglichkeit bekam, mein Spiel zu verraten, die Maske abzulegen und mich von erwiderter Liebe einhüllen zu lassen.

Viele Jahre später, als Mutter mit ihrem zweiten Herzinfarkt und einem Schlauch in der Nase im Krankenhaus lag, sprachen wir endlich miteinander über unser Leben. Ich erzählte von der Leidenschaft meiner Kindheit, und sie gestand, die habe sie gequält, aber nicht so, wie ich gedacht hatte. Sie habe sich besorgt einem berühmten Kinderarzt anvertraut, der sie mit ernsten Worten ermahnt und ihr den Rat gegeben habe, meine, wie er sich ausdrückte, »krankhaften Annäherungen« mit Festigkeit zurückzuweisen. Jede Nachgiebigkeit könne mich fürs Leben schädigen. Das war Anfang der zwanziger Jahre.

Ich erinnere mich noch undeutlich an einen Besuch bei diesem Kinderarzt. Der Grund dafür war, dass ich mich trotz meiner sechs Jahre weigerte, in die Schule zu gehen. Tag für Tag wurde ich vor Angst brüllend ins Klassenzimmer geschleift oder getragen. Ich übergab mich auf alles, was mir unter die Augen kam, fiel in Ohnmacht und litt unter Gleichgewichtsstörungen. Am Ende siegte ich aber, und mein Schulbesuch wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Doch der Besuch bei dem bekannten Kinderarzt ließ sich nicht vermeiden.

Der Doktor hatte einen großen Bart, einen hohen Stehkragen und roch nach Zigarre. Er zog mir die Hose herunter, ergriff mit einer Hand mein unbedeutendes Organ und beschrieb mit dem Zeigefinger der anderen Hand über dem Schritt ein Dreieck. Er sagte zu meiner Mutter, die mit ihrem pelzbesetzten Mantel und ihrem dunkelgrünen Samthut mit Schleier schräg hinter mir saß: »Hier sieht der Knabe immer noch wie ein Kind aus.«

Als wir von dem Arztbesuch nach Hause kamen, zog man mir meine blassgelbe Schürze mit den roten Borten an; die Tasche war mit einer Katze bestickt. Ich bekam warme Schokolade und ein Käsebrot. Dann betrat ich das zurückeroberte Kinderzimmer; mein Bruder hatte Scharlach und wohnte woanders (ich hoffte natürlich, dass er sterben würde, das war damals ja eine gefährliche Krankheit). Aus dem Spielzeugschrank holte ich eine Holzkarre mit roten Rädern und gelben Speichen hervor und spannte ein Holzpferd davor. Die drohende Schule war zu einer angenehmen Erinnerung an einen Erfolg verblasst.

An einem stürmischen Wintertag Anfang 1965...


1918 in Uppsala als Sohn eines Pastors geboren, wächst Bergman in bürgerlichen Verhältnissen auf und versucht sich bereits im Alter von 17 Jahren als Autor von Theaterstücken. Mit 20 Jahren bricht er mit seinem autoritären Elternhaus - für ihn ein Ort der Gewalt und der Demütigungen, der auch seine Filmwelten nachhaltig prägen wird. Bergman studiert Literatur- und Kunstgeschichte in Stockholm. 1942 bringt er sein erstes Stück auf die Bühne, Kaspars Tod, und bekommt prompt eine feste Anstellung als Drehbuchautor bei Svensk Filmindustrie. Von da an pendelt der Autor und Regisseur zwischen Film und Bühne.

Bergmans erste Stücke und Filme drehen sich um Generationenkonflikte und finden nicht gerade große Beachtung. Erst Anfang der 50er-Jahre beginnt die große Zeit des schwedischen Regisseurs. Mit Einen Sommer lang (1950) und Sehnsucht der Frauen (1952) hebt eine veritable Serie von Meisterwerken an.

Mit seinem 1956 vollendeten Projekt Das Siebte Siegel gelingt Bergman auch in den USA der Durchbruch - ein Platz unter den bedeutendsten Regisseuren der Welt ist ihm von nun an sicher. Bis 1982 dreht er mehr als 40 Kinofilme, dann zieht er sich aus dem Filmgeschäft zurück und kehrt zum Theater zurück, wo auch seine Laufbahn begann.

Nebenbei arbeitet er noch als Drehbuchautor und Regisseur von Fernsehproduktionen. Zusammen mit seiner Tochter Maria von Rosen gibt er 2007 Der weiße Schmerz heraus: authentische Dokumente von Ingmar Bergman und Ingrid von Rosen und ihrer gemeinsamen Tochter Maria, die sich in grundverschiedenen Tonarten mit der Krebserkrankung von Ingrid von Rosen auseinander setzen.

Sein Leben hält Bergman in seiner im September 1986 beendeten Autobiographie Laterna Magica fest.



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