E-Book, Deutsch, 294 Seiten
Bergmann / Köhler Rechtspsychologie
2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2024
ISBN: 978-3-17-042352-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 294 Seiten
ISBN: 978-3-17-042352-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Barbara Bergmann, Dipl.-Psych., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Sozial- und Rechtspsychologie an der Universität Bonn. Prof. Dr. Denis Köhler, Dipl.-Psych., lehrt u. a. Rechtspsychologie und Differentielle Psychologie an der Hochschule Düsseldorf.
Weitere Infos & Material
2 Kriminalpsychologie
Bereits in Kapitel 1 wurde aufgezeigt, dass die Rechtspsychologie in zwei Bereiche aufgegliedert werden kann. Im Folgenden wird zunächst die Kriminalpsychologie betrachtet, um in den anschließenden Kapiteln 3 bis 8 auf die Forensische Psychologie näher einzugehen.
In diesem Kapitel lernen Sie die Definition und den Gegenstandsbereich der Kriminalpsychologie kennen (? Kap. 2.1). Sie bekommen einen Überblick über die Häufigkeit und die Entwicklung von straffälligem Verhalten (? Kap. 2.2). Des Weiteren erhalten Sie eine Einführung in die wichtigsten Kriminalitätstheorien aus der Kriminologie, Soziologie, Medizin und Psychologie sowie in die Entwicklungspfade dissozialen Verhaltens. Darüber hinaus werden die Theorien zur Entstehung von Aggression, Gewalt und Sexualdelinquenz erläutert. Abschließend erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der »kriminellen Persönlichkeit« (? Kap. 2.3).
2.1 Definition und Abgrenzungen
Definition
Die Kriminalpsychologie beschäftigt sich mit Theorien und empirischen Befunden zur Entstehung und Aufrechterhaltung von dissozialem und kriminellem Verhalten.
Die Aspekte der Kriminalprävention, die auch der Kriminalpsychologie zuzuordnen ist, werden in Kapitel 11 gesondert vertieft. Bevor eine ausführliche Auseinandersetzung mit den genannten kriminalpsychologischen Feldern stattfindet, betrachtet der nächste Abschnitt die Häufigkeit und die Entwicklung von Kriminalität.
2.2 Häufigkeit und Entwicklung von straffälligem Verhalten
Verfolgt man die Medienberichterstattung, so scheint die Kriminalität in den letzten Jahren stark zugenommen zu haben. Insbesondere kann man den Eindruck gewinnen, dass Sexual- und Gewaltkriminalität deutlich häufiger vorkommt als noch im letzten Jahrtausend. Lassen Sie uns gemeinsam schauen, ob das wirklich der Fall ist. Dafür werden vor allem statistische Erhebungen und Dunkelfeldanalysen geprüft. Jedes Jahr wird die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) herausgegeben. Diese können Sie einfach im Internet recherchieren und sich herunterladen (z.?B. www.bka.de).
In der PKS finden sich Daten der letzten Jahre über das sogenannte »Hellfeld« (? Abb. 2.1). Es werden strafrechtlich relevante Taten oder Verhaltensweisen aufgenommen bzw. erfasst, die offiziell gemeldet, zur Anzeige gebracht oder ermittelt wurden. Unterschieden werden kann in der PKS zwischen der Anzahl der offiziell bei der Polizei gemeldeten Fälle, der ermittelten Tatverdächtigen und der aufgeklärten Fälle (durch die Polizei). Die Anzahl der rechtskräftig verurteilten Personen sind in der PKS nicht enthalten. Bosinski hat bereits 2002 darauf aufmerksam gemacht, dass in dieser Reihenfolge (gemeldete Fälle ? ermittelte Tatverdächtige ? verurteilte Personen) die Zahl der Fälle sehr deutlich sinkt. Das bedeutet, dass von den gemeldeten Fällen oftmals (je nach Deliktbereich unterschiedlich) nur ein Bruchteil abgeurteilt wird. Entsprechend müssen einzelne Statistiken unterschiedlich interpretiert werden und die Zahlen können erheblich variieren.
Abb. 2.1:Dunkel- und Hellfeld der Kriminalität (Darstellung in Anlehnung an die PKS)
In das relative Dunkelfeld fallen all jene Verhaltensweisen, die als Kriminalität zu bezeichnen sind (also gegen das Strafgesetzbuch verstoßen; ? Abb. 2.1), aber offiziell nicht erscheinen. Beispielsweise wenn häusliche Gewalt vorliegt (ein Mann schlägt seine Ehefrau), aber keine Anzeige erfolgt. Das relative Dunkelfeld wird wesentlich größer sein als das sich in der PKS widerspiegelnde Hellfeld. Untersuchungen (z.?B. Wetzels, 1997) haben ergeben, dass beispielsweise irgendein erlebter sexueller Missbrauch im Leben bei Frauen in der Größenordnung von ca. 18?% liegt. Eine »erschreckend« hohe Zahl, die weit über den offiziellen Zahlen der PKS (also dem Hellfeld) liegt. Ähnliche Zahlen ergeben sich für den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (vgl. u.?a. Bieneck & Stadler, 2012; Stadler et al., 2012) sowie für die Kindesmisshandlung (vgl. Stadler, 2012). Allerdings gibt es darüber hinaus auch das absolute Dunkelfeld, das man weder mit der Hell- noch mit der Dunkelfeldforschung erfassen kann (? Abb. 2.1). Daraus lässt sich schließen, dass viel über die Häufigkeit von kriminellem Verhalten und seine Veränderung über die Zeit bekannt ist; aber dennoch gibt es einen »blinden« Fleck. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Forschung und schränkt die Aussagekraft von offiziellen Statistiken deutlich ein. So weiß man beispielsweise nicht sicher, ob bei einem Absinken der Zahlen in der PKS die Kriminalität wirklich weniger geworden ist oder ob die Verringerung lediglich u.?a. durch ein verändertes Anzeigeverhalten zustande gekommen ist (bei gleichbleibendem Dunkelfeld).
Abb. 2.2:Kriminalitätsentwicklung allgemein (PKS)
Sehen Sie sich jetzt die Kriminalitätsentwicklung (PKS) über die letzten Jahre und Jahrzehnte an. Die Abbildung 2.2 zeigt, dass sich die Kriminalität allgemein weitgehend konstant gehalten hat (unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl), mit leichter Tendenz nach unten (? Abb. 2.2). Allerdings hat sich die Anzahl der erfassten Straftaten in den Jahren 2015 und 2016 leicht erhöht. In den folgenden Jahren 2017 bis 2021 haben sich die Zahlen deutlich reduziert. Zu beachten ist, dass in diese Spanne die Corona-Pandemie gefallen ist. In den Jahren 2022 und 2023 ist hingegen eine deutliche Erhöhung der allgemeinen Kriminalitätsrate festzustellen.
Abb. 2.3:Kriminalitätsentwicklung Raub- und Körperverletzungsdelikte (PKS); »Gefährliche und schwere Körperverletzung«
Ein ähnlicher Verlauf hat sich für die Raubdelikte gezeigt. Von 2000 bis 2021 hat eine Abnahme der Straftaten stattgefunden. Erst für die Jahre 2022 und 2023 ergibt sich ein deutlicher Anstieg. Indes hat sich in den letzten 20 Jahren das Hellfeld der Köperverletzungsdelikte stärker wellenförmig entwickelt (?Abb. 2.3). Im Jahr 2007 konnte ein sehr hoher Wert festgestellt werden, der erst wieder in ähnlicher Form im Jahr 2023 erreicht wurde.
Der Blick auf die Zahlen der Tötungsdelikte (Mord und Totschlag) offenbart, dass die Zahlen von Mord und Totschlag mit leichter Tendenz zur Abnahme über die Jahre weitgehend ähnlich geblieben sind. Allerdings ist ein erheblicher Sprung für die Jahre 2022 und 2023 zu verzeichnen, welcher schließlich den höchsten Punkt seit über 20 Jahren markiert. Die Abbildung 2.4 fasst die Entwicklung (auch der versuchten Taten) zusammen (?Abb. 2.4).
Abb. 2.4:Kriminalitätsentwicklung Tötungsdelikte (PKS)
Wenn man sich mit den Sexualdelikten beschäftigt, ist zwischen den Jahren 2000 bis 2015 (mit leichten Schwankungen) eine Abnahme für die Deliktbereiche Sexueller Missbrauch von Kindern, Exhibitionistische Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses sowie für Vergewaltigung und sexuelle Nötigung zu verzeichnen. Diese positive Entwicklung hat aber ab ca. 2015 einen ungünstigen Trend erhalten. Es ist für alle Kategorien eine erhebliche Zunahme der Fallzahlen festzustellen. Den negativen Höhepunkt stellt das Jahr 2023 dar (?Abb. 2.5). In diesem Jahr wurden 16 375 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und 12 186 Fälle von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung registriert.
Abb. 2.5:Kriminalitätsentwicklung Sexualdelikte (PKS)
Es bleibt abschließend festzuhalten, dass man in Deutschland an einer Verringerung der Straftatzahlen weiter stetig arbeiten muss. Für jeden Deliktbereich muss eine spezifische Analyse vorgenommen werden und bzgl. der Diskussion über die Ursachen in die gesellschaftlichen Entwicklungen und Bedingungen eingebettet werden. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 bis 2022 sind die Zahlen während dieses Zeitraums lediglich eingeschränkt zu interpretieren. Weiter finden in regelmäßigen Abständen Veränderungen im Rechtssystem und den Straftatbeständen statt, so dass auch diese Faktoren Einfluss auf die Polizeiliche Kriminalstatistik nehmen.
Wie aufgezeigt ist die allgemeine Kriminalitätsentwicklung in den letzten 20 Jahren weitgehend stabil geblieben, auch wenn die Zahlen in den einzelnen Deliktbereichen natürlich variieren. Beim Blick auf die Belegungsraten des Straf- und Maßregelvollzuges muss neben der zuvor skizzierten Kriminalitätsentwicklung auch die...




