Bergson | Denken und schöpferisches Werden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 290 Seiten

Reihe: eva taschenbuch

Bergson Denken und schöpferisches Werden

Aufsätze und Vorträge
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86393-528-3
Verlag: CEP Europäische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aufsätze und Vorträge

E-Book, Deutsch, 290 Seiten

Reihe: eva taschenbuch

ISBN: 978-3-86393-528-3
Verlag: CEP Europäische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bergson deutet die gesamte Wirklichkeit aus der metaphysischen Einheit des Lebens und entwirft auf dieser Grundlage eine neue intuitive Erkenntnistheorie, Psychologie, Naturphilosophie, Ethik und Religionsphilosophie. Bergsons Einfluss reicht über die Philosophie hinaus auf die Existenzphilosophie und die Literatur. 'Denken und schöpferisches Werden' erschien zuerst 1939 auf französisch, auf deutsch erstmals 1946. Es ist das letzte Buch Henri Bergsons, eine Bilanz seiner philosophischen Lebensarbeit, eine ausführliche Rechtfertigung seiner philosophischen Methode.

Henri Bergson, geboren 1859 in Paris und dort 1941 gestorben, war französischer Philosoph polnisch-englischer Herkunft. Er lehrte als Professor am Collège de France in Paris und wurde 1914 Mitglied der Académie française. 1928 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
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ZUR EINFÜHRUNG


Wenn wir es für angebracht halten, das letzte Werk des berühmten französischen Philosophen aus dem Jahre 1934, in dessen beiden ersten Kapiteln er eine Art Bilanz seiner philosophischen Lebensarbeit zieht, der deutschen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so geschieht dies aus der Überzeugung heraus, daß der Zeitpunkt gekommen ist, wo eine allseitig gerechte Würdigung der treibenden Denkmotive dieses originellsten Philosophen der jüngst vergangenen Epoche und seine Einordnung in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang unserer Zeitwende möglich geworden ist. Eine solche umfassende Würdigung des Lebenswerkes eines philosophischen Klassikers ist natürlich nicht möglich in dem engen Rahmen einer kurzen Einführung, wie sie hier geboten werden kann. Ich beschränke mich daher auf die Herausstellung einiger wesentlicher und zugleich neuer Gesichtspunkte, die geeignet sind, den Ertrag der Bergsonschen Denkarbeit in seiner Bedeutung für unsere Zeit in eine ganz neue Beleuchtung zu rücken.

Grundlegend für das Verständnis der Bergsonschen Philosophie ist zunächst der enge geistesgeschichtliche Zusammenhang, der zwischen der zentralen Problematik der Bergsonschen Philosophie und der revolutionären Entwicklung der exakten Naturwissenschaften seit der Jahrhundertwende bis zum Ausbau der Atomphysik unserer Tage besteht. Dieser Zusammenhang ist bisher noch nicht genügend erkannt worden und kann vielleicht auch erst richtig vom jetzigen Stadium der Entwicklung der exakten Wissenschaft aus richtig gesehen werden. Hat man ihn einmal klar erkannt, so fallen damit zahllose Mißverständnisse und Mißdeutungen der Bergsonschen Philosophie von selbst in sich zusammen. Versuchen wir, bei der Enge des hier gebotenen Rahmens, diesen Zusammenhang in stichwortartiger Kürze anzudeuten:

Bergsons Philosophie, die im Grunde nur die organische Entfaltung und immer neue Anwendung einer fruchtbaren und tiefen Intuition darstellt, entsteht in einer Zeit (sein erstes grundlegendes Werk ”Essai sur les données immédiates de la conscience” erschien im Jahre 1889), wo gerade ein revolutionärer Umbruch in den Grundlagen der exakten Wissenschaft sich in der elektromagnetischen Theorie von Maxwell angebahnt hatte. Diese Theorie der elektromagnetischen Kraftfelder mit deren Verselbständigung gegenüber einem substantiellen Träger (Magnetfelder ohne Magnet und elektrische Felder ohne Elektron) war die Einleitung zu einer weiteren Entwicklung der Elektrodynamik, die zu einer völligen energetischen Auflösung des in der alten Mechanik grundlegenden Begriffes einer raumerfüllenden und raumbehauptenden Masse führte. Gleichzeitig fiel der „Äther“ als atomistisch konstituiertes Medium und „Träger“ der dynamischen Spannungsfelder des Raumes, bis ihm von der Relativitätstheorie der völlige Garaus gemacht wurde. Masse wurde gleich Energie, und die Grenzen zwischen korpuskularem Zustand, Kraftfeld und „Welle“ verwischten sich schließlich völlig, bis sie in der Quantenphysik zu bloß verschiedenen Gesichtspunkten bei der Deutung experimenteller Daten wurden. Raum und Zeit verloren endgültig ihren bloß formalen Charakter und wurden dynamisiert; sie verschmolzen miteinander zu einer vierdimensionalen Funktionalität. Damit verschwindet der Begriff der materiellen Substanz aus der Physik; diese kennt nur noch relativ stationäre Spannungszustände des Raumes, stehende Wellen oder fortschreitende Wellen von rein dynamischem Charakter. Die Bewegung bedarf hier keines substantiellen Trägers mehr, die Kraft ist nicht mehr etwas, was sich der materiellen Substanz gleichsam von außen hinzufügte und anziehend oder abstoßend zwischen starren Massepunkten spielte — ja, die Vorstellung von starren, sich kontinuierlich bewegenden Massepunkten beginnt in der Quantenphysik völlig zu versagen und damit auch die kontinuierliche Raum-Zeit-Beschreibung der Newtonschen Mechanik. Im Bereich der Quantenvorgänge versagt so notwendig die punktanalytische Betrachtungsweise unserer rein abstrakten Raumanschauung. Es gibt in diesem Bereich eben keine Zeit-Punkte, sondern nur Zeit-Minima von unteilbarer dynamischer Spannweite. Damit hört zugleich die strenge Kausalität, die eindeutige Determinierbarkeit im Bereich der quantenenergetischen Vorgänge auf. Diese, können nur einer statistischen Methode unter worfen werden. Im besonderen sind die Bedingungen für Stabilität oder Labilität in diesem Bereich undurchschaubar. Damit dringt etwas von Spontaneität und Kontingenz in die Grundlagen des physikalischen Geschehens ein, etwas, das durch die Maschen mathematischer Notwendigkeit hindurchgeht.

Wenn man sich diese in Stichworten angedeutete revolutionäre Entwicklung der modernen Physik seit Maxwell vor Augen hält, wohl die folgenschwerste in der ganzen bisherigen Entwicklung der exakten Wissenschaften, so gewinnt man damit erst den richtigen Gesichtspunkt für das Verständnis einiger fundamentaler, zunächst paradox anmutender Bergsonscher Thesen, die er von seinem ersten Werk an mit unentwegter Konsequenz und Unbeirrbarkeit vertrat, und in denen er im Grunde genommen die Entwicklung der modernen Physik in ihren philosophischen Konsequenzen vorwegnahm. Schon im ersten bezeichnete er die physikalische Zeit als eine vierte Dimension des Raumes. Was aber vor allem zunächst als paradox empfunden wurde, seine radikale Ablehnung jedes statischen Substanzbegriffes als eines „Trägers“ von Spannung und Bewegung, das erhielt durch jene Entwicklung der Physik eine glänzende Rechtfertigung. Mit seinem durch und durch dynamischen Denken war Bergson in dieser Beziehung seiner Zeit vorausgeeilt. Wenn man bedenkt, daß selbst die an äußerste Abstraktionen gewöhnten modernen Physiker doch immer wieder gelegentlich in das unserer sinnlichen Vorstellung so verhaftete korpuskulare Denken unbewußt zurückverfallen, so ist es nicht verwunderlich, daß dieser radikale „Mobilismus“ Bergsons als Ausgeburt modernen Bewegungsrausches im Zeitalter der Motorisierung hingestellt wurde.

Mit diesem reinen Dynamismus aber erschöpft sich noch nicht die geniale Antizipation der Bergsonschen Intuition. Sie führt zu einer Vertiefung des Raum-Zeit-Begriffes, die als eine notwendige qualitative Ergänzung zu der revolutionären mathematisch-physikalischen Raum-Zeit-Theorie angesehen werden muß. Auch das ist bisher noch kaum erkannt und nicht richtig gewürdigt worden.

Dabei hätte die wachsende Diskrepanz, die sich in der modernen theoretischen Physik zwischen unserer durch und durch statischen Raumanschauung und der mit dieser Anschauung in keiner Weise mehr vorstellbaren Realität des physikalischen Raum-Zeit-Kontinuums ergibt, längst die Augen dafür öffnen müssen, daß diese Diskrepanz nur durch eine erkenntnistheoretische Besinnung zu überbrücken ist. In der Tatsache, daß die Darstellungsmittel der modernen theoretischen Physik immer fiktionaler und symbolischer werden, sieht Bergson den Ausdruck der Unfähigkeit des rein abstrakten Raumdenkens der Mathematik, den tiefsten dynamischen Grund der Wirklichkeit zu erfassen. Dieses rein abstrakte Raumdenken, das sich in einem völlig qualitätslosen, homogenen, beliebig teilbaren Milieu, dem Bereich der reinen Zahl, bewegt, tritt bei ihm in einen polaren Gegensatz zum eigentlich schöpferischen Grunde der Wirklichkeit. Der wirkliche Raum ist ein dynamisches Kontinuum und keine homogene Leere, die einem Nichts gleichkäme. Die Unstetigkeit der Energiequanten ist eingebettet in dieses dynamische Kontinuum, das von ihnen erzeugt wird, in dem sich alle durchdringen und in das sie sich auflösen können. Mit der Entstehung der Energiequanten entsteht der Raum und vermag mit ihnen dauernd zu wachsen (vgl. die Theorie der kosmischen Evolution bei Pascual Jordan); in ihm durchdringen sich alle zur Einheit eines kosmischen Prozesses. Selbst die physikalischen Konstanten scheinen zu einer Funktion der Zeit zu werden. Die naive Vorstellung von starren unveränderlichen Elementarteilchen, die in einem indifferenten leeren Raum von Ewigkeit her bestehend herumschwirren, ist durch die moderne Dynamik vollständig überwunden, weshalb auch die moderne Atomtheorie nichts mehr gemein hat mit der alten demokritischen Atomtheorie, die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die frühere physikalische Mechanik beherrschte. Damit tritt das rein Dynamische in eine eigentümlich polare Spannung zur abstrakten Raumanschauung der reinen Mathematik. In der Tatsache, daß die physikalische Wirklichkeit sich weitgehend ihrem abstrakten Rahmen einfügt, ohne aber je ganz damit zur Deckung zu kommen, sieht Bergson eine Degradation des Wirklichen, die ihren charakteristischen Ausdruck im Entropiegesetz findet. In den tiefsten Grundlagen der Materie, in der Quantenphysik, geht das ursprüngliche Dynamische aber durch die Maschen der abstrakten Zahlenbeziehungen hindurch. In ihren dynamischen Quellpunkten entzieht sich selbst die materielle Wirklichkeit dem statischen Raumdenken des Intellekts.

Das räumlich-quantitativ bestimmte Geschehen der mechanisierten Materie wird so Ausdruck einer metaphysischen Polarität der Wirklichkeit. Es steht in metaphysischer Spannung zur rein qualitativen Differenzierung individualisierender und ganzheitlicher Prozesse der vitalen und seelischen Evolution, auf die die Kategorien des räumlich quantitativen und diskontinuierlichen Denkens in keiner Weise mehr anwendbar sind. Hier verliert vor allem auch die Kategorie der Kausalität ihre Anwendbarkeit in ihrem ursprünglichen Sinne; hier bricht eine wahrhaft spontane und schöpferische Bewegung in die Wirklichkeit ein; hier wird jede Isolierung starrer, amorpher Elemente unmöglich, weil sich alle Momente in intimer Organisation durchdringen zu einer rein qualitativ sich differenzierenden Entwicklungsbewegung — hier...


Henri Bergson, geboren 1859 in Paris und dort 1941 gestorben, war französischer Philosoph polnisch-englischer Herkunft. Er lehrte als Professor am Collège de France in Paris und wurde 1914 Mitglied der Académie française. 1928 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.



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