Berkel | Sputnik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Berkel Sputnik

Roman | »Ein Meister der autofiktionalen Prosa.« MDR Unter Büchern
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3582-7
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Ein Meister der autofiktionalen Prosa.« MDR Unter Büchern

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3582-7
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Es gibt Menschen, die sind geborene Geschichtenerzähler. Christian Berkel ist so einer.« emotion »Ich schloss die Augen. Minutenlang schlug mein Herz bis zum Hals. Ich lebte in einem Schloss in Frankreich, es gab vorzügliche Speisen, ein Pierrot deckte den Tisch und räumte ihn wieder ab. Ich hatte zwei Brüder gewonnen, dazu sechs Hunde in einem verwilderten Park.« Mitreißend und berührend erzählt Christian Berkel den Roman seiner Kindheit und Jugend: eine Geschichte über die Zerrissenheit, den Aufbruch und das Abnabeln - und nebenbei eine Hommage an die Literatur, die Freundschaft und die Liebe.

Christian Berkel, 1957 in West-Berlin geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an zahlreichen europäischen Filmproduktionen sowie an Hollywood-Blockbustern beteiligt und wurde u.a. mit dem Bambi, der Goldenen Kamera und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.  Sein Debütroman Der Apfelbaum  sowie der Nachfolger Ada wurden von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert.
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1


Mein geheimes Leben begann im Jahr 1957, als ein Spermatozoon meines Vaters eine Eizelle meiner Mutter traf. Bis ich begriff, dass ich eine Bauchdecke über dem Kopf hatte, dass ich zu jemandem gehörte, einem Wesen, das mich aus sich selbst heraus ernährte, befand ich mich bereits im Modus Vivendi. Ich glaube, dass sich mit den Geschichten aus den neun Monaten unserer Entstehungszeit ganze Bibliotheken füllen ließen, würden wir sie nicht im Geborenwerden vergessen. Und doch sind sie uns eingeschrieben. Ungelesen tragen wir sie hinaus in die Welt, auf der Suche nach Menschen, die sie entziffern, um in ihren Augen zu erkennen, wer wir sind.

Anfangs war ich nur ein Zellhaufen. Ich schwebte in tropischer Tiefseelandschaft, wo ich Schutz und Nahrung fand, bis ich mithilfe flimmernder Härchen in die Gebärmutter gespült wurde. Dort begann meine erste eigene Arbeit. Aus meinen inneren Zellen bastelte ich mir nach einer kurzen Zwischenstufe ein Embryo. Rasend schnell teilte ich meine äußeren Zellen, um auf der Gebärmutterwand so viel Platz wie möglich einzunehmen. Ich schickte Tausende fingerartige Auswüchse auf die Suche nach Blutzufuhr. Endlich gelangte ich in den Kreislauf meiner Mutter. Ohne dass ich jetzt wirklich erklären könnte, wie es geschah, bauten wir am Ende gemeinsam eine Art Kuchen. Ich weiß nicht, ob meine Schwäche für alles Süße daher rührt, aber eines steht fest: Der Entwurf für mein eigenes Versorgungssystem stammte von mir, es war meine erste Kreation. Danach begann die Zusammenarbeit. Als Erstes mussten wir uns synchronisieren. Der Hormonstatus meiner Mutter passte, die Moleküle an unseren Oberflächen auch. Nach sechs Tagen hatten wir es geschafft, am siebenten Tag war Ruhe. Das war Gesetz.

Inzwischen nennen sie mich Fötus. Mit verschlossenen Augen schwimme ich in der Dunkelheit. Niemand da draußen ahnt, dass ich fühle, was um mich herum geschieht. Sie wissen, dass ich da bin, aber sie wissen nicht, dass ich ihnen zuhöre. Ich erkenne ihren Klang. Eigentlich sind es zwei Klänge, ein höherer und ein tieferer, der von weit her zu kommen scheint. Wenn er sich nähert, verändert sich meine Umgebung, alles gerät in Bewegung, ich schwebe in meinen Wellen, fliege gegen Wände, schlage Purzelbäume im Takt eines schneller, langsamer und wieder schneller klopfenden Tons. Ich versuche, dem Rhythmus zu folgen, strecke dazu meine Arme aus. Ich spüre, dass sie wissen, dass ich da bin. Ich kann keine Töne erzeugen, dafür kommuniziere ich mit Klopfzeichen. Wenn der dunkle Klang sich summend zu mir hinunterbeugt, gibt der helle immer den gleichen Ton von sich, er ist kurz und offen. Ich erkenne ihn schnell und vergesse ihn nicht. Es ist die veränderte Stimme meiner Mutter, wenn sie den Namen meines Vaters spricht. Sind wir allein, wird es ruhiger. Ich schwebe, als wäre ich eins mit ihr. Ich fühle jede Veränderung. Immer kommt etwas Neues hinzu, drängt mit seinen Klängen, seinen Bewegungen und wechselnden Temperaturen zu mir vor. Die Wellen reißen mich aus meiner Ruhe, alles um mich herum gerät in Bewegung, Geräusche stürzen auf mich ein, als bräche etwas über mir zusammen. Ich ducke mich weg, trete um mich, schlage, wenn es aufhören soll. Dann halte ich den Atem an und höre die Stille.

Die dunkle Stimme ist weg. Besser so. Ich mag es lieber, wenn wir unter uns sind. Liegt es an den überschäumenden Lustgefühlen, die mich überfallen, wenn ich die Stimme meiner Mutter höre? Anfangs hielt ich sie für meine eigene. Wessen Stimme sollte es sonst sein? Ich nahm an, das Leben sei in mir, bis ich begriff, dass ich in einem Leben war. Da beschloss ich, erst recht zu schweigen. Einerseits kommen mir in meiner Stille die besten Ideen, andererseits bin ich nicht blöd genug, um mir selbst auf den Leim zu gehen. Ich weiß, dass ich nicht sprechen kann, also versuche ich es gar nicht erst. Dafür ist meine Mutter umso redseliger. An manchen Tagen sprudeln und hüpfen ihre Wörter zu mir herein, an anderen herrscht Funkstille. Um mich abzulenken, konzentriere ich mich auf die ineinanderstürzenden Kaskaden ihrer Verdauungsorgane. Sie erinnern mich an die Kompositionen von Richard Wagner, die sie oft in voller Laustärke mitsingt. Wenn die dunkle Stimme naht, verschwindet meine Mutter. Ich kann nichts dagegen tun. Sie beachtet mich nicht mehr. Dann genieße ich eben den barocken Garten um mich herum, mit seinen Wasserfällen und Muschelgrotten. Die dunklen Alleen habe ich von Anfang an gemieden. Keine Ahnung, wohin sie führen, vielleicht sind es auch nur Sackgassen. Ich mache es mir lieber hier auf der weiten Rasenfläche gemütlich, um meine diversen Organe zu entwerfen. Ob mich irgendjemand erkennen könnte? Körper und Gesicht habe ich schon. Meine Mutter vielleicht? Blödsinn, ihre Bauchdecke ist nicht durchsichtig. Wäre sie es, würde ich mich durchaus überreden lassen, vor der Zeit einen Blick zu riskieren, wir könnten uns aneinander gewöhnen, rein optisch, meine ich. Meiner Mutter würde es die ein oder andere schlaflose Nacht ersparen, und ich wäre vorbereitet. Andererseits wäre diese Abwechslung vielleicht auch störend. Sie könnte mich von meinen Aufgaben ablenken, die Zeit würde erbarmungslos voranschreiten, und ich wäre am Ende mit meiner Arbeit nicht fertig. Die Konsequenzen möchte ich mir gar nicht ausmalen, hier drinnen gibt es genügend andere Unwägbarkeiten. Zum Glück habe ich einen direkten Draht zu meiner Mutter, besser gesagt eine Schnur. Benötige ich etwas, brauche ich nur zu klingeln. Aber diese Schnur ist nicht zu unterschätzen, ein paar ungeschickte Bewegungen, und schon wickelt sich das Ding um meinen Hals, um mir die Sauerstoffzufuhr abzudrehen. Ich weiß, wovon ich rede, ich war mehr als einmal in dieser misslichen Lage. Ich will nicht vorgreifen, zugleich fällt es mir schwer, auf diese Fähigkeit zu verzichten. Hier drinnen gelten andere Gesetze. Dem geordneten Nacheinander der Außenwelt stemmt sich hier ein wildes Nebeneinander entgegen, eine Gleichzeitigkeit, nicht zu verwechseln mit dem Durcheinander da draußen.

Jetzt klopft es über mir laut und schnell. Ich schwimme so dicht an die Mauern, wie ich kann. Ich balle meine Hände zu Fäusten, ein ganz neues Gefühl. Ich versuche, in demselben Rhythmus zu klopfen. Das Klopfen über mir wird kurz schneller, dann etwas schwächer und wieder langsamer. Ich bewege mich nicht. Zumindest versuche ich es. Ist nicht ganz einfach im Wasser. Bei Bewegungen von außen schwappe ich von einer Gebärmutterwand zur anderen. Wenn es anfängt, erschrecke ich manchmal, aber es ist auch lustig. Ich habe vor Kurzem gemerkt, dass ich mich dabei drehen kann. Das ist noch lustiger. Und ich habe etwas ganz Neues entdeckt: In mir klopft es auch. Ich kann es hören und fühlen. Und noch etwas: Ich kann mein Klopfen mit dem Klopfen meiner Mutter synchronisieren. Mit diesen Spielen kann ich mich gut ablenken, wenn es hier drinnen zu laut wird. Manchmal ist es wie das Tosen eines Wasserfalls oder wie rollende Steine. Es kann so krachen, dass ich die Stimmen von draußen kaum noch höre. Ich versuche dann, ruhig zu bleiben. Oder wenn es zu aufregend wird, stecke ich einen Daumen in meinen Mund. Das ist auch neu. Immer den linken. Keine Ahnung, warum. Ich glaube, er passt besser.

Warum ist es auf einmal so still? Diese Stille ist anders als sonst. Ich kenne die langen stillen Zeiten, sie wechseln sich mit den lauten ab. Wenn sich alles um mich herum bewegt, werde ich müde. Erst in der Stille erwache ich zu neuem Leben. Aber diese Stille ist anders. Es ist, als würde alles aufhören. Ich höre das Klopfen nicht mehr. Auch nicht in mir. Nur sehr schwach. Ich drehe mich nicht mehr, ich stoße Wasser aus. Die Wände bewegen sich auf mich zu.

Da ist der dunkle, schwere Klang. Er klingt anders als sonst. Das Wasser um mich herum steht still. In meinem Innern klopft es jetzt laut. Mein Klopfen wird immer heftiger. Keine Antwort. Warum antwortet sie mir nicht? Jetzt trete ich gegen ihre Wand. Sie soll antworten. Nichts. Da ist nichts. Nichts.

Wieder der dunkle Ton. Wo bleibt der andere, der hellere, der, den ich sonst immer höre, der zu mir spricht, wenn ich die Arme ausstrecke?

Ich höre nur noch dunkle Töne. Die hellen sind tot. Alles dreht sich. Ich schwanke hin und her, aber das Wasser um mich herum steht still. Das Klopfen in mir stolpert. Ich bin aus dem Takt. Etwas Schlimmes geschieht da draußen. Ich kann nichts tun. Ich muss mich tot stellen, sonst trifft es mich auch. Alles in mir krampft sich zusammen. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich muss ersticken. Und wenn ich aufhöre zu atmen, wenn ich mich nicht mehr bewege, starr zusammengerollt, bis etwas geschieht?

Da. Etwas. Es streicht über mich hinweg. Ein Hauch. Das Wasser lässt mich wieder auf und ab schweben. Ein Kribbeln geht durch mich hindurch, vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Ich bewege mich vorsichtig, stoße mit meinen Fingern gegen die Wand über mir. Da. Wieder eine Bewegung. Leben. Wir müssen nicht sterben. Es kehrt zurück. Ich höre ihre Stimme. Sie ist wieder da. Sie ist nicht tot. Sie lebt. Die Stimmen kommen und gehen mit den Wellen. Sie ziehen und stoßen mich. Sie rollen über mich hinweg. Sie reißen mich aus mir heraus. Ich spüre wieder ein Streicheln über mir. Warm und weich. Um mich wird es wieder lauter. Ihr...



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